Der Regen lief die Scheibe der Linie 15 hinunter, als ich die Adresse zum vierten Mal in mein Handy tippte. Leipzig-Plagwitz, Karl-Heine-Straße 24, dritter Stock. Meine Hände lagen auf dem Bauch, und unter der Haut trat das Baby, als wollte es mich an etwas erinnern, das ich längst wusste: Ich hätte nicht hinfahren sollen. Aber meine Mutter hatte am Telefon geweint, und Thomas hatte wieder nicht abgehoben. Ich wollte endlich Klarheit. Für mich. Für das Kind, das in sechs Wochen kommen sollte.
Thomas hatte mir die Adresse irgendwann beiläufig genannt. Er nannte sie „unsere Wohnung“, als wäre es nur eine Frage der Zeit, bis ich dort einziehe. Ich habe ihm geglaubt. Er war siebzehn Jahre älter, charmant, hatte immer ein Lächeln und einen Blumenstrauß. Dass er noch verheiratet war, wusste ich. Er sagte, die Ehe sei seit zehn Jahren tot, die Frau wisse es, sie warte nur auf einen günstigen Moment, um sich zu trennen. Ich war im achten Monat schwanger mit seinem Kind. Da hört man so etwas gern.
Die Straßenbahn hielt an der Haltestelle „Karl-Heine-Straße“. Der Regen prasselte auf das Pflaster, als ich ausstieg. Vor der Haustür blieb ich stehen. Mein Mantel spannte über dem Bauch, die Träger der Handtasche schnitten in die Schulter. Ich atmete tief durch. Die Klingel war alt, das Messing abgegriffen. Daneben klebte ein kleines Schild: „K. Vogel“. Thomas hatte mir den Namen nie genannt. Als er von ihr sprach, sagte er immer nur „die Alte“. Ich drückte den Knopf und wartete.
Die Tür summte. Ich stieg die Treppe hinauf, jede Stufe ein kleiner Kampf gegen mein Gewicht. Der Flur im dritten Stock roch nach Bohnerwachs und kaltem Zigarettenrauch aus einer Nachbarwohnung. Vor der Tür Nummer 24 blieb ich wieder stehen. Meine Hände zitterten. Ich strich mir die nassen Haare aus dem Gesicht, richtete den Gürtel meines Mantels. Ich wollte nicht wie eine Bittstellerin aussehen. Ich kam, um zu fordern, was mir versprochen war.
Eine Frau öffnete, bevor ich klingeln konnte. Sie musste mich durch den Spion gesehen haben. Katharina Vogel war kleiner als ich, trug eine dunkelgrüne Strickjacke und hatte Erde an den Fingern. Auf ihrer linken Wange klebte ein Abklatsch von Blumenerde. Sie sah mich an, ohne Überraschung, als hätte sie auf mich gewartet. Ich wusste nicht, wo ich anfangen sollte.
„Ich bin Mia“, sagte ich. „Mia Berger. Ich glaube, Sie wissen, wer ich bin.“
Katharina trat einen Schritt zur Seite, die Tür weiter offen. „Dann komm rein. Im Treppenhaus muss das keiner hören.“
Ihre Stimme war ruhig, zu ruhig für das, was zwischen uns stand. Ich zog meine nassen Stiefel aus, stellte sie auf die Schuhmatte. Meine Socken waren feucht vom Regen, die Zehen kalt. Die Wohnung war hell, obwohl draußen der Novemberhimmel hing. Im Flur stand ein alter Schrank aus hellem Holz, darauf eine Schale mit getrockneten Orangen. Es roch nach frisch gebackenem Lebkuchen, obwohl erst Oktober war. Ich folgte ihr in die Küche.
Dort war es warm. Ein alter Herd, eine Blumenbank am Fenster, eine geflochtene Obstschale auf dem Tisch. Katharina wusch sich die Hände am Spülbecken, trocknete sie an einem karierten Handtuch ab. Sie bot mir keinen Platz an. Ich setzte mich trotzdem. Meine Beine trugen mich kaum noch.
„Ich will nicht lange drum herumreden“, begann ich. Meine Stimme klang höher, als ich wollte. „Thomas und ich bekommen ein Kind. Ein Junge. Er braucht Platz. Diese Wohnung ist groß genug für euch beide, und …“
Katharina unterbrach mich nicht. Sie lehnte am Türrahmen, die Arme vor der Brust verschränkt, und hörte zu, als würde ich vom Wetter erzählen. Ich redete weiter, schneller als gedacht, als würde ich ein Textbuch aufsagen, das ich im Bus auswendig gelernt hatte.
„Sie haben doch das Landhaus, oder? Thomas sagt, es ist warm und gemütlich. Für Sie wäre das besser. Sie hätten Ihre Ruhe, den Garten. Und wir bräuchten die Wohnung für das Baby. Die Klinik ist gleich um die Ecke, der Park auch. Das wäre doch für alle logisch.“
Ich hörte selbst, wie dumm das klang. Aber ich konnte nicht aufhören. Ich griff nach einem der Kekse, die in der Schale lagen, biss hinein. Der Keks war sandig, hart. Ein Stück Nussschale stach in mein Zahnfleisch. Ich kaute, spürte den Splitter, nahm ihn zwischen die Finger und legte ihn auf die Serviette neben dem Teller. Ich wischte mir die Finger ab, ohne nachzudenken, als wäre ich zu Hause.
Katharina beobachtete jede Bewegung. Dann sagte sie: „Hat dir Thomas auch erzählt, wem diese Wohnung gehört?“
Ich hielt inne. „Natürlich. Er hat sie gekauft. Vor zwanzig Jahren. Er hat sie renoviert, er hat die Küche ausgebaut. Er hat mir die Rechnungen gezeigt.“
„Die Rechnungen hat er bezahlt“, sagte Katharina. „Mit Geld, das er sich von meinem Bruder geliehen hat. Aber die Wohnung selbst hat er nie besessen. Sie gehört mir. Allein. Vor der Ehe überschrieben. Er hat hier keinen einzigen Quadratmeter.“
Mein Magen zog sich zusammen. Das Baby trat heftig gegen meine Rippen. Ich wollte etwas sagen, aber mein Mund war trocken. Katharina setzte sich mir gegenüber, zog eine blaue Mappe aus der Schublade und legte sie zwischen uns.
„Dein Thomas, Mia, ist seit anderthalb Jahren arbeitslos. Seine Firma ist pleite. Er hat Schulden bei drei Inkassobüros. Das letzte Mal hat er vor sechs Monaten eine Rate bezahlt. Die neuen Mahnungen kommen an meine Adresse, weil er sich hier gemeldet hat, um sie nicht zu Hause zu bekommen. Weißt du, was das für eine Summe ist?“
Ich schüttelte den Kopf. Meine Finger krallten sich in den Rand des Tisches.
„Achtundvierzigtausend Euro“, sagte sie. „Und das ist nur der Teil, den ich kenne. Er hat außerdem Kreditkarten auf meinen Namen benutzt, ohne dass ich es wusste, bis die Abrechnungen kamen. Die Karten, mit denen er dich zum Essen ausgeführt hat, waren meine. Die Blumen, die er dir gebracht hat, hat er mit meiner Karte bezahlt. Ich habe die Abrechnungen gestern ausgedruckt. Willst du sie sehen?“
Sie öffnete die Mappe und drehte sie zu mir. Da lagen Kontoauszüge, Mahnungen, ein Schreiben vom Amtsgericht. Die Zahlen tanzten vor meinen Augen. Ich erkannte das Datum von unserem ersten Urlaub in Dresden. Daneben stand: „Zahlung Restaurant, 214 Euro, Kreditkarte K. Vogel“. Der Tag, an dem er mir den Ring geschenkt hatte. Auch bezahlt von ihr.
Ich griff nach einem Blatt, hielt es fest, als wäre es ein Urteil. Meine Hände zitterten so stark, dass das Papier knisterte. „Das ist nicht wahr“, sagte ich leise. „Er hat nie … er hat gesagt …“
„Er hat gelogen“, sagte Katharina. „Wie er uns allen gelogen hat.“
Ich sah auf meinen Bauch. Der Junge lag quer, sein Kopf drückte gegen meine Lunge. Ich bekam kaum noch Luft. Alles, was ich mir ausgemalt hatte – die Wohnung, die Sicherheit, der Mann, der nachts neben mir lag und von einem Leben zu dritt sprach – alles fiel auseinander wie nasser Karton.
Katharina stand auf, trat ans Fenster und schloss es. Der Regen prasselte jetzt nur noch dumpf gegen die Scheibe. „Heute Morgen habe ich zwei große Reisetaschen mit seinen Sachen vor die Tür gestellt. Draußen im Treppenhaus. Seine Schlüssel habe ich eingesammelt, seine Nummer blockiert. Der Schlüsseldienst kommt morgen früh und wechselt das Schloss. Er kann hier nicht mehr rein.“
Sie drehte sich zu mir um. Ihre Stimme war immer noch ruhig, als hätte sie das alles schon hundertmal geübt. „Er wird heute Abend bei dir auftauchen. Er wird dir sagen, dass ich lüge. Dass alles ein Missverständnis ist. Aber du hast die Mappe. Schau sie dir an. Und dann entscheide, was du mit deinem Leben anfangen willst – und mit dem Kind.“
Sie zog die Mappe zu mir herüber, legte sie direkt neben meine Hand. Ich konnte nicht aufhören zu weinen. Die Tränen liefen über meine Wangen, vermischten sich mit dem Regenwasser, das noch in meinen Haaren hing. Ich schluchzte, tief, hässlich, ohne Kontrolle. Katharina reichte mir ein Taschentuch. Ich nahm es, wischte mir die Augen, hinterließ schwarze Wimperntusche auf dem weißen Stoff.
„Ich wollte das nicht“, sagte ich, die Stimme brüchig. „Ich dachte, er liebt mich. Er hat gesagt, Sie seien nur noch auf dem Papier da. Er hat mir die Wohnung versprochen. Für das Kind.“
„Ich weiß“, sagte Katharina. „Ich habe ihm auch einmal geglaubt.“
Ich stand auf. Meine Beine fühlten sich an wie Blei. Die Mappe nahm ich unter den Arm, meine Handtasche in die andere Hand. Ich zog die Stiefel an, ohne die Schnürsenkel zu binden. Katharina folgte mir zur Tür. Als ich die Klinke herunterdrückte, sagte sie noch etwas, aber ich hörte nur den Regen auf dem Dach des Hinterhofs.
Draußen vor der Wohnungstür, im Treppenhaus, standen zwei Reisetaschen. Sie waren verschlossen, ein Kofferanhänger mit Thomas' Handschrift baumelte dran. Der Anblick traf mich wie ein Schlag in den Magen. Es war wahr. Alles.
Ich lief die Treppe hinunter, stützte mich am Geländer ab, die Mappe fest an die Brust gedrückt. Auf der Straße blieb ich im Regen stehen, bis mein Mantel durchnässt war. Die Leute gingen an mir vorbei, einer rempelte mich fast an. Eine ältere Frau mit Einkaufstrolley sah mich misstrauisch an. Ich hörte das Klingeln der Straßenbahn um die Ecke.
Ich setzte mich auf eine nasse Bank an der Haltestelle und öffnete die Mappe. Die Papiere waren echt. Die Unterschriften, die Stempel, die Forderungen. Ich las jede Seite, während der Regen auf meine Hände tropfte und die Tinte verschmierte. Achtundvierzigtausend Euro. Das war mehr, als ich in fünf Jahren verdiente. Mehr, als ich je für dieses Kind würde ansparen können.
Ich rief meine Mutter an. Sie ging sofort ran.
„Mama?“
„Mia, wo bist du? Es regnet doch.“
„Ich komme nach Hause. Kann ich bei dir schlafen?“
„Natürlich. Was ist passiert?“
„Ich erzähl es dir später. Ich muss hier weg.“
Ich legte auf, steckte die Mappe in meine Handtasche und stand auf. Der Regen lief jetzt in meinen Kragen. Ich strich über meinen Bauch. Der Kleine strampelte, er war wach, er kämpfte. Ich spürte seine Fersen gegen meine Handfläche – ein winziger, wütender Tritt.
Ich fuhr zu meiner Wohnung. Eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung in Reudnitz, die ich mir mit meiner Stelle als Physiotherapeutin leisten konnte. Die Miete ging mir fast die Hälfte vom Lohn ab, aber sie war hell, und vom Balkon konnte man den Kirchturm sehen. Thomas hatte nie dort übernachtet. Er sagte, das Bett sei zu weich, er könne dort nicht schlafen. Jetzt wusste ich, warum: Er hatte immer ein anderes Zuhause, das er nicht verlassen wollte.
Ich zog die nassen Sachen aus, stellte mich unter die Dusche, ließ das heiße Wasser über meinen Rücken laufen. Danach setzte ich mich im Bademantel auf das Sofa, die Mappe auf dem Couchtisch. Ich rief niemanden an. Ich wartete.
Gegen halb neun klingelte mein Handy. Thomas. Ich drückte ihn weg. Zehn Minuten später klingelte es an der Tür. Ich stand auf, spähte durch den Spion. Da stand er, tropfnass, ohne Jacke, den Kragen hochgeschlagen. Er sah müde aus, die Augen rot gerändert. Er klingelte wieder. Einmal, zweimal, dreimal.
Ich öffnete nicht. Stattdessen holte ich einen großen Pappkarton aus dem Abstellraum, stellte ihn mitten ins Wohnzimmer und packte hinein, was mir in die Hände fiel: sein T-Shirt aus dem Badezimmer, seine Zahnbürste, seine Rasiercreme, die Socken, die er unter dem Bett gelassen hatte, das Buch, das er beim letzten Mal beiseitegelegt hatte. Ich legte alles hinein, klappte die Laschen zu, griff nach einem Edding und schrieb seinen Namen quer über den Deckel.
Dann öffnete ich die Wohnungstür. Thomas stand noch da, die Hand noch am Klingelknopf. Er sah den Karton, er sah mich, er sah die Mappe auf dem Couchtisch.
„Mia, lass mich erklären …“
„Nein“, sagte ich. Ich stellte den Karton vor seine Füße. „Nimm das. Und geh. Ich will dich nicht mehr sehen.“
„Das ist ein Missverständnis. Katharina lügt. Die Wohnung gehört mir, das habe ich dir doch gesagt. Sie ist eifersüchtig, weil …“
„Sie hat mir die Kontoauszüge gezeigt“, sagte ich. Meine Stimme zitterte, aber ich blieb stehen. „Achtundvierzigtausend Euro Schulden. Keine Arbeit. Meine Kreditkarte hat deine Frau bezahlt. Sogar der Ring an meinem Finger – alles von ihrem Konto. Hör auf zu lügen. Es ist vorbei.“
Er trat einen Schritt vor, streckte die Hand aus. Ich zog den Bauch ein, wich zurück. „Wenn du jetzt nicht gehst, rufe ich die Polizei.“ Ich hielt mein Handy hoch. „Ich habe schon einmal gewählt. Die Nummer liegt auf der Schnellwahl.“
Er blieb stehen, die Hand in der Luft, als hätte er nicht verstanden. Dann ließ er sie sinken. Er bückte sich, hob den Karton hoch, drehte sich um und ging die Treppe hinunter, ohne ein weiteres Wort. Ich hörte seine Schritte im Flur, das schwere Fallen der Haustür. Dann war Ruhe.
Ich schloss die Tür ab. Nicht nur einmal, sondern zweimal. Ich ließ den Schlüssel stecken, als könnte er sonst wieder hereinkommen. Dann kauerte ich mich auf den Boden neben die Tür, den Rücken gegen das kalte Holz, und weinte. Nicht um ihn. Um das, was ich mir ausgemalt hatte, und um das Kind, das ohne Vater aufwachsen würde.
Zwei Tage später rief ich eine Anwältin an. Ich brauchte jemanden, der mir half, die Konsequenzen zu tragen: die Vaterschaftsanerkennung, den Unterhalt, die Frage, was mit den Geschenken passierte, die er mir gemacht hatte. Ich wollte nichts von ihm. Nur mein Kind und mein Leben zurück.
Drei Monate später, als ich die kleine Wohnung für den Umzug zu meiner Mutter ausräumte, fand ich in der Innentasche von Thomas' alter Jacke einen zerknitterten Überweisungsbeleg – von einem Kreditinstitut, das ich nicht kannte, ausgestellt auf meinen Namen, über zwanzigtausend Euro. Die Unterschrift unter dem Vertrag war meine, aus einer Nacht, in der er mich gebeten hatte, „nur schnell hier zu unterschreiben, für die Erstausstattung des Babys“. Ich hatte es vergessen, bis ich das Papier jetzt in der Hand hielt.
Ich setzte mich auf den nackten Boden zwischen den halb gefüllten Kisten und legte den Beleg zu den anderen Papieren in die blaue Mappe. Ich klappte den Deckel zu, und das Klicken des Gummibands hallte kurz im leeren Zimmer nach. Draußen vor dem Fenster fuhr die Straßenbahn vorbei, ihre Bremsen quietschten kurz an der Haltestelle. Der Kleine trat gegen meine Rippen, einmal, fest, als wollte er mir sagen, dass er noch da war. Ich legte die Hand auf die Stelle und blieb so sitzen, bis das Zimmer ganz dunkel geworden war.
