Der Ein-Weg-Fahrschein

Die Fahrkarte lag auf dem kleinen Klapptisch, eine Fahrkarte ohne Rückfahrt. Freiburg im Breisgau, nur noch drei Stunden entfernt, wenn der FlixBus nicht wieder vor einem Rasthof im Stau steckte. Ich war sechsundsiebzig, mein alter Opel Corsa hatte gerade noch dreihundert Euro gebracht, und mein einziger Koffer enthielt zwei Hemden, ein Paar feste Schuhe und die Briefe, die Hannelore mir in den letzten Monaten geschrieben hatte. Fünfzig Jahre hatte ich den Tag bereut, an dem ich sie hatte gehen lassen. Nie geheiratet. Nie vergessen. Über eine Schulfreunde-Seite im Internet hatten wir uns gefunden, dann kamen die nächtlichen Anrufe, als wären wir wieder zwanzig. Ihre letzte Postkarte steckte in meiner Brusttasche: ein alter Stadtgarten vor dem Münster, und darunter, in ihrer kleinen, ordentlichen Schrift: *Vielleicht schuldet uns das Leben noch etwas.*

Der Bus fuhr an einer Windmühle vorbei, irgendwo hinter Karlsruhe. Der Fahrer legte eine Achtziger-CD ein, und ich schob den Vorhang zur Seite, als das Handy vibrierte. Unbekannte Nummer. Ich drückte auf grün.

„Sind Sie Albert Schmidt?“

Die Stimme war belegt, eine Frau um die sechzig. Sie sprach schnell, als müsse sie viel loswerden, bevor der Mut sie verließ.

„Ja. Wer spricht da?“

„Bitte, sagen Sie mir, dass Sie noch nicht bei ihrem Haus sind.“

Der Koffer, der in der Gepäckablage über mir lag, rutschte ein Stück vor, als ich mich aufrichtete. Er polterte nicht, aber ich hörte das Leder gegen die Kante schlagen. Ich presste das Telefon fester ans Ohr.

„Ich bin unterwegs. Was ist passiert?“

Die Frau atmete aus. „Hannelore hat Ihnen die Adresse nicht geschickt, damit Sie zu ihr kommen. Sie hat sie geschickt, damit Sie finden, was von ihr übrig ist. Sie ist vor drei Wochen gestorben. Ich war ihre Nachbarin, ich musste Ihnen das sagen, bevor Sie vor einer leeren Wohnung stehen.“

Alles um mich herum wurde dumpf. Das gleichmäßige Brummen des Motors, die kratzige Stimme von Chris de Burgh aus den Lautsprechern, die Mohnfelder hinter der Scheibe. Ich wollte etwas fragen, aber die Worte verklebten mir im Hals.

Der Bus bremste ab. Ich sah den kleinen Bussteig von Emmendingen, kaum mehr als ein Wartehäuschen mit Reklame für die örtliche Bäckerei. Auf dem Bahnsteig stand eine Frau in einem leuchtend roten Mantel. Sie mochte Anfang sechzig sein und trug weder eine Tasche noch einen Schirm. Beide Hände umklammerten einen kleinen Holzrahmen, den sie gegen die Brust presste. Ein Foto.

Es war nicht irgendein Foto. Selbst aus zwanzig Metern Entfernung erkannte ich das Bild sofort. Sommer 1973, im Stuttgarter Stadtgarten. Hannelore mit hochgestecktem Haar und einem Kleid mit Sonnenblumen. Ich stand steif daneben, eine Hand in der Hosentasche, die andere auf ihrer Schulter. Das war der Tag, an dem wir uns verlobt hatten, zwei Tage bevor mein Vater mich zwang, die Werkstatt zu übernehmen, und ihre Eltern sie nach Freiburg schickten.

Die Frau auf dem Bahnsteig drehte den Rahmen leicht, als wolle sie ihn dem Bus präsentieren. Ihre Augen wanderten die Fenster entlang, bis sie mich fanden. Sie hob das Foto ein letztes Mal an. Dann drückte ich den Halteknopf, raffte meinen Koffer und stieg aus.

Der Fahrtwind ließ den roten Mantel flattern. Die Frau trat einen Schritt vor. In ihrem Gesicht erkannte ich Hannelores Wangenknochen wieder, den Schwung der Brauen.

„Sie sind es also“, sagte sie. Ihre Stimme war die gleiche, die eben noch gezittert hatte, jetzt aber fest und müde. „Meine Mutter hat gesagt, Sie würden den Bus nehmen, egal was passiert. Ich wollte es Ihnen ersparen, aber mein Pflichtbewusstsein war wohl stärker als mein Wille, Sie fernzuhalten.“ Sie drückte mir das Foto in die Hand und zog aus der Manteltasche einen kleinen, verrosteten Schlüssel. „Das ist alles, was sie Ihnen hinterlassen hat. Die Adresse kennen Sie. Nehmen Sie, was Ihnen gehört. Ich möchte nichts damit zu tun haben.“ Sie drehte sich um und ging in Richtung eines rostigen Fahrradständers.

Ich blieb mit dem Schlüssel und dem Foto zurück. Der Bus setzte seine Fahrt fort, der Fahrer hatte nicht gewartet.

Eine Viertelstunde später hielt ein Taxi vor einem schmalen Altbau in der Freiburger Gerhard-Hauptmann-Straße. Der Eingang roch nach Bohnerwachs und Lindenblüten. Die Wohnung war im dritten Stock, eine schlichte Zweizimmerwohnung mit Blick auf einen kleinen Hinterhof, auf dessen Wäscheleine ein einzelner gelber Lappen hing. Ich steckte den Schlüssel ins Schloss der Wohnungstür. Es gab nach, ohne ein Geräusch.

In der Wohnung war es still. Auf dem Küchentisch stand eine leere Espressotasse mit einem winzigen Sprung. Die Möbel waren alt, aber gepflegt. Im Schlafzimmer, unter dem Fenster, stand eine kleine Holztruhe mit Messingbeschlägen, die einzige Sache, die nicht ganz in das sparsame Leben einer Rentnerin passte. Der Schlüssel passte.

Der Deckel gab nach. Obenauf lag ein Bündel meiner eigenen Briefe, sorgfältig mit einem schmalen Samtband verknotet. Daneben eine getrocknete Edelweiß, zwischen zwei Löschblättern gepresst. Und ein rotes Sparbuch der Sparkasse Freiburg.

Ich blätterte es auf. Der letzte Eintrag war keine zwei Monate alt. Kontostand: 44.760 Euro. Ein Zettel lag zwischen den Seiten, gefaltet und an den Rändern vergilbt: *Albert, ich habe jeden Monat fünfzig Mark, später zwanzig Euro zurückgelegt, für den kleinen Garten, den wir nie hatten. Nimm es. Pflanze einen Kirschbaum. Und verzeih mir, dass ich dir nie von deiner Tochter erzählt habe.*

Ich las den letzten Satz dreimal. Die Buchstaben verrutschten, wurden zu einem schwarzen Rinnsal. Ich setzte mich auf die Bettkante. Die Tochter in dem roten Mantel. Sabine. Der Name stand später unter der Geburtsurkunde im Kommodenschrank, die ich am nächsten Tag fand, zusammen mit einem vergilbten Foto von ihr als Baby im Kinderwagen vor dem Freiburger Münster.

Am dritten Tag nach meiner Ankunft fuhr ich zur Sparkasse am Bertoldsbrunnen. Die junge Frau hinter dem Schalter tippte die Kontonummer ein und legte mir ein Formular hin. „Eine Auszahlung in dieser Höhe können wir sofort veranlassen, Herr Schmidt. Oder möchten Sie das Geld überweisen?“

Ich nahm den Kugelschreiber, den sie mir hinhielt, und zog ihn zurück. „Überweisen. An das Hospiz St. Ursula in der Kartäuserstraße. Gesamten Betrag. Als Spende im Namen Hannelore Gerbers.“ Die Frau sah mich an, als wolle sie nachfragen, aber ich hielt ihrem Blick stand. Ich unterschrieb die Überweisung mit demselben Druck, mit dem ich früher die Rechnungen für meine Buchhandlung unterschrieben hatte. Zwei Unterschriften, dann drückte ich ihr das Formular über den Tresen.

„Das sind fast fünfundvierzigtausend Euro. Sind Sie sicher?“

„Ganz sicher. Es ist das Geld einer Frau, die nie einen Kirschbaum bekommen hat. Vielleicht pflanzen Sie jetzt welche im Hospizgarten.“ Ich steckte das Sparbuch in die Brusttasche und ließ die getrocknete Edelweiß zwischen die Seiten gleiten.

Sechs Monate später brachte der Postbote ein Paket. Kein Absender, aber die Briefmarke trug einen Stempel aus Emmendingen. Der Karton enthielt ein kleines Fotoalbum mit Lederumschlag und einen handgeschriebenen Zettel: *Das lag unter ihrer Matratze. Es gehört Ihnen.*

Die erste Seite zeigte Hannelore im April 1974, auf einer Bank im Stadtgarten, den Blick die Camera zugewandt. An ihrem Finger steckte ein schmaler Silberring, derselbe, den ich ihr zwei Tage vor meiner Abreise geschenkt hatte. Das dritte Bild, ein Jahr später, zeigte sie vor demselben Freiburger Wohnhaus, in dem sie dann fünfzig Jahre lebte. Wieder der Ring. Und so weiter, Seite für Seite, bis zu einem ihrer letzten Fotos, aufgenommen an ihrem fünfundsiebzigsten Geburtstag. Der Silberring saß noch immer an derselben Stelle, nur die Hand war dünner geworden. Ganz am Ende steckte ein goldener Ehering in einer kleinen Papiertasche. Niemals getragen.

Ich legte das Album auf den Tisch. Die Edelweiß nahm ich aus dem Sparbuch und schob sie zwischen die letzte Seite und den Deckel. Dann rief ich Sabine an und fragte sie nach dem Grab.

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Uniad
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