Es sollte ein einfaches Picknick werden. Jeder aus der Nachbarschaft in der Fuchsbergstraße in Erfurt sollte etwas mitbringen, das mit dem Anfangsbuchstaben seines Namens beginnt – ein kleines Spiel, das Rosa Vogt sich für das Straßenfest im September ausgedacht hatte. Herr Baumann sollte Brot bringen, Frau Winter Wein, die kleine Lotta Limonade. Ein Scherz, mehr nicht. Aber für Greta Ahlgrimm, dreiundfünfzig Jahre alt, Buchhalterin bei einer Speditionsfirma am Erfurter Güterbahnhof, wurde aus diesem Scherz eine Entscheidung, die sie seit elf Jahren vor sich hergeschoben hatte.
Denn Greta hätte eigentlich Apfelkuchen mitbringen sollen. A wie Apfelkuchen, A wie Ahlgrimm. Stattdessen packte sie an jenem Samstagnachmittag einen kleinen Aktenordner in ihre Handtasche, dazu einen Schlüsselbund mit drei Schlüsseln, die seit elf Jahren in einer Schublade ihres Schreibtischs lagen, unter Kontoauszügen und einem vertrockneten Kugelschreiber.
Man muss verstehen, wie es dazu kam. Gretas Vater, Erich Ahlgrimm, hatte eine kleine Kfz-Werkstatt an der Gothaer Straße betrieben, dreiunddreißig Jahre lang, bis er starb. Auf dem Papier gehörte die Werkstatt zur Hälfte Greta, zur Hälfte ihrem jüngeren Bruder Klaus. So stand es im Erbschein, ausgestellt vom Amtsgericht Erfurt im Frühjahr 2015. Doch Klaus, der die Werkstatt weiterführte, hatte Greta damals mit sanfter Stimme erklärt, es sei doch praktischer, wenn er allein im Handelsregister als Inhaber eingetragen würde – wegen der Kredite, wegen der Versicherung, wegen der Bürokratie. Sie könne ja trotzdem ihren Anteil behalten, das sei reine Formsache.
Greta unterschrieb. Sie hatte gerade ihren Mann verloren, hatte zwei Kinder großzuziehen, und Klaus klang so vernünftig, so beruhigend – er sei schließlich ihr Bruder. Sie erinnert sich noch, wie es an jenem Tag im Notariat nach kaltem Kaffee roch und wie die Heizung tickte, während sie den Stift ansetzte.
Seitdem hatte Klaus die Werkstatt zu einem Betrieb mit sechs Angestellten ausgebaut, einen Neuwagen fuhr er, ein Reihenhaus in Erfurt-Bindersleben hatte er sich gekauft. Greta bekam anfangs noch hin und wieder dreihundert Euro zugesteckt, "für die Familie", wie er es nannte. Nach drei Jahren blieb das aus. Wenn sie fragte, sagte Klaus, es liefe gerade schlecht, die Ersatzteile seien teurer geworden, der Steuerberater habe alles aufgefressen. Sie glaubte ihm, weil sie ihm glauben wollte. Weil er ihr Bruder war und weil ihre Mutter, solange sie noch lebte, immer gesagt hatte: Streitet euch nicht wegen Geld, ihr habt doch sonst niemanden.
Die Mutter starb vor zwei Jahren. Seitdem hatte Greta nichts mehr von Klaus gehört, außer zu Weihnachten, kurze Nachrichten, immer mit einem Smiley am Ende.
Das Picknick im Fuchsbergpark war für Sonntagmittag angesetzt. Die Sonne stand schräg über den Kastanien, irgendwo grillte jemand Bratwürste, ein Hund lief bellend zwischen den Decken hindurch, und aus einem Radio kam gedämpft ein Fußballkommentar zum Spiel des FC Rot-Weiß Erfurt. Klaus war auch da – er wohnte nur zwei Straßen weiter und war eingeladen, weil er zufällig mit Rosa Vogts Mann befreundet war. Er brachte, wie es sich für seinen Namen gehörte, Kartoffelsalat.
Greta setzte sich neben ihn, auf die karierte Decke, stellte den Aktenordner zwischen sich und ihn und sagte nichts weiter als: "Ich habe heute etwas mitgebracht, das auf A anfängt. Anwalt."
Klaus lachte kurz, als hätte sie einen Witz gemacht, griff nach der Salatschüssel. Dann sah er den Ordner genauer an, sah den Aufkleber der Kanzlei Reinke & Partner aus der Bahnhofstraße, und sein Griff nach der Gabel wurde langsamer.
"Was soll das jetzt", sagte er, den Mund noch halb voll.
"Ich habe mir die Werkstatt angeschaut. Die Bücher. Rechtsanwalt Reinke auch." Sie öffnete den Ordner nicht einmal, sie musste es nicht. "Die Werkstatt hat letztes Jahr einen Umsatz von vierhundertzwanzigtausend Euro gemacht. Du fährst einen Audi. Du hast das Haus in Bindersleben bar angezahlt. Und ich habe seit acht Jahren keinen Cent von meinem Anteil gesehen."
"Greta, das ist doch nicht der Ort—"
"Es gibt keinen anderen Ort mehr, Klaus. Ich habe drei Jahre auf einen Termin bei dir gewartet. Du hast ihn immer abgesagt."
Um sie herum wurde es leiser. Frau Winter, die gerade den Wein einschenken wollte, hielt inne. Lotta lief mit ihrer Limonadenflasche weiter, ahnungslos, während die Erwachsenen auf einmal alle in dieselbe Richtung schauten. Ein Kind rief nach seinem Ball, der ins Gebüsch gerollt war, und niemand reagierte.
Klaus stellte die Schüssel ab. "Ich habe die Firma aufgebaut. Ich. Nicht du."
"Du hast sie weitergeführt. Mit meinem Anteil als Startkapital, den Papa uns beiden hinterlassen hat. Steht alles im Erbschein von 2015, Aktenzeichen liegt hier drin." Sie tippte auf den Ordner. "Rechtsanwalt Reinke hat schon eine Auskunftsklage vorbereitet. Wegen der Gesellschafterstellung, die mir laut Erbschein zusteht, auch wenn du allein im Handelsregister stehst. Es gibt eine mündliche GbR zwischen uns, das lässt sich beweisen – über die Kontoauszüge der ersten drei Jahre, als du mir noch etwas überwiesen hast. Das war deine Anerkennung meines Anteils, schwarz auf weiß."
Klaus' Gesicht wurde grau, dann rot. "Du willst mich vor Gericht bringen? Wegen der Werkstatt von Papa?"
"Ich will meine Hälfte. Zweihundertzehntausend Euro, das ist die Hälfte des letzten Jahresumsatzes, plus die Nachzahlungen der letzten acht Jahre, die der Anwalt gerade errechnet. Oder ich lasse mich stattdessen als stille Gesellschafterin mit fünfzig Prozent eintragen, und du zahlst mir monatlich meinen Anteil aus. Deine Wahl. Du hast zwei Wochen, dann geht die Klage raus."
Herr Baumann, der zwei Decken weiter saß und eigentlich nur sein Brot hatte bringen wollen, stand auf und ging mit seinem Enkel Richtung Spielplatz – nicht aus Feigheit, sondern weil er spürte, dass hier gerade etwas zu Ende ging, das ihn nichts anging.
Klaus versuchte es noch einmal, leiser jetzt. "Wir sind Geschwister."
"Das waren wir, solange ich mich habe abspeisen lassen." Greta stand auf, klemmte den Ordner unter den Arm, ließ die drei alten Schlüssel aber auf der Decke liegen, direkt vor ihm. "Die kannst du behalten. Ich lasse mir neue für den Fall machen, dass ich als Gesellschafterin wieder Zutritt zur Werkstatt brauche. Rechtsanwalt Reinke meldet sich Montag bei dir."
Sie ging, ohne sich noch einmal umzudrehen, vorbei an Rosa Vogt, die ihr kurz die Hand auf den Arm legte, ohne etwas zu sagen. Der Fußballkommentar aus dem Radio lief weiter, irgendwer hatte gerade ein Tor geschossen, jemand jubelte zwei Decken weiter, ohne zu wissen, was gerade zwischen Geschwistern zerbrochen war.
Zwei Wochen später ging die Klage tatsächlich bei Gericht ein. Klaus rief nicht an. Stattdessen kam nach vier Wochen ein Schreiben von seinem eigenen Anwalt, mit einem Vergleichsangebot: monatliche Zahlungen von eintausendachthundert Euro, rückwirkend auf sechs Jahre begrenzt, sowie eine Eintragung Gretas als stille Gesellschafterin. Greta nahm an. Kein Sieg mit Fanfaren, aber ein Anfang.
Ein halbes Jahr später erfuhr Greta durch Zufall, bei einem Steuerbescheid, den ihr Rechtsanwalt Reinke im Rahmen der Gesellschafterauskunft anforderte, dass Klaus schon 2019 einen Kredit über achtzigtausend Euro aufgenommen hatte – abgesichert mit der Werkstatt als Ganzes, also auch mit ihrem Anteil, ohne dass sie je davon wusste oder gefragt worden wäre. Sie rief ihren Anwalt an, sagte nur einen Satz: "Dann schauen wir uns das jetzt auch noch an." Zum Weihnachtsfest kam in jenem Jahr keine Nachricht von Klaus, nicht einmal mit Smiley.
