Die Wohnung, die niemand sehen durfte

Ich heiße Klaus, ich bin achtundfünfzig, und ich fahre seit dreiundzwanzig Jahren Taxi in Regensburg. Man sieht in diesem Beruf viel, mehr, als die Leute glauben, wenn sie hinten einsteigen und das Handy zücken.

An dem Abend im Juni hatte ich Spätschicht. Kurz vor zehn holte ich eine Frau ab, Ecke Watmarkt, vor einem dieser sanierten Altbauten mit den frisch verputzten Fassaden. Sie hieß, wie ich später aus dem Gespräch erfuhr, Bettina. Vielleicht fünfzig, Kostümjacke, aber die Knöpfe falsch zugeknöpft, als hätte sie sich in Eile angezogen. Zwei Koffer, kein Blick zurück zum Haus.

„Zum Hauptbahnhof, bitte. Aber nehmen Sie den Umweg über die Ostenstraße."

Ungewöhnlich, so ein Wunsch. Ich fragte nicht nach, das gehört sich nicht. Aber im Rückspiegel sah ich, wie sie die Koffer neben sich auf die Rückbank drückte, so fest, als könnte ihr jemand die wegnehmen.

Sie telefonierte. Nicht laut, aber ich habe ein gutes Gehör nach so vielen Jahren hinterm Steuer.

„Nein, Mama, ich fahre jetzt. — Nein, ich warte nicht, bis er zurückkommt. — Doch, ich hab alles mitgenommen, was mir gehört. Die Nähmaschine, die Bücher, die Unterlagen von der Werkstatt."

Werkstatt. Das Wort blieb hängen. Ich dachte an die kleine Fahrradwerkstatt in der Ostenstraße, an der wir gerade vorbeikamen, mit dem handgemalten Schild „Zweirad Hoffmann". Ich hatte da mal einen Platten flicken lassen, vor Jahren.

Sie bat mich, kurz anzuhalten. Nicht direkt vor der Tür, ein Stück weiter, bei der Bäckerei, die um die Zeit schon zu hatte, nur noch der Duft von Zimtschnecken hing in der Luft aus der Lüftung. Sie stieg aus, stand da, die Arme um sich geschlungen, und schaute zu dem dunklen Schaufenster der Werkstatt hinüber. Kein Licht. Ein Fahrrad stand noch draußen angekettet, mit einem platten Vorderreifen.

Ich ließ den Motor laufen und wartete. Nach vielleicht zwei Minuten kam sie zurück, die Augen rot, aber trocken. Setzte sich, sagte: „Fahren Sie weiter."

Auf der restlichen Strecke erzählte sie es mir, einfach so, wahrscheinlich weil ein Taxifahrer der einzige Mensch weit und breit war, der ihr in diesem Moment zuhörte, ohne etwas von ihr zu wollen.

Die Werkstatt hatte ihrem Mann Werner gehört, elf Jahre lang. Bettina hatte die Buchhaltung gemacht, die Kunden betreut, jeden Cent zusammengehalten, während Werner an den Rädern schraubte. Vor drei Jahren hatte sie ihm, auf sein Drängen, eine notarielle Vollmacht gegeben — für die Bank, wegen eines Kredits, den sie gemeinsam für neues Werkzeug aufnehmen wollten. Sie hatte unterschrieben, ohne alles im Detail zu lesen. Vertrauen, sagte sie, das war ihr Fehler, Vertrauen ohne Kontrolle.

Vor sechs Wochen hatte Werner die Werkstatt komplett auf sich allein umgeschrieben lassen. Zweiunddreißigtausend Euro hatte das Geschäft laut Steuerberater wert, dazu der Kundenstamm, den sie über Jahre aufgebaut hatte. Alles nur noch sein Name auf dem Papier. Und als sie ihn darauf ansprach, sagte er nur: „Das war schon immer meins. Du hast bloß mitgeholfen."

Sie war zwei Wochen geblieben, weil sie nicht wusste, wohin. Bis heute Abend, als er ihr sagte, sie solle sich für morgen „etwas Bescheideneres" suchen, weil er die Wohnung über der Werkstatt jetzt an seinen Neffen vermieten wolle.

Ich sagte nichts dazu. Was hätte ich sagen sollen. Ich fuhr sie zum Bahnhof, sie zahlte, gab mir ein Trinkgeld, das sie sich in der Situation eigentlich nicht hätte leisten dürfen, und ich sah ihr nach, wie sie mit den zwei Koffern Richtung Gleis 4 ging, wo der Nachtzug nach Nürnberg stand. Ihre Mutter wohnte da, hatte ich verstanden.

Ich dachte, das wäre die Geschichte gewesen. So läuft das oft in meinem Job — man hört einen Ausschnitt, nie das Ende.

Aber Regensburg ist klein. Vier Monate später, im Oktober, hatte ich einen Fahrgast, einen jüngeren Mann, der zur IHK wollte, und der erzählte am Telefon, halb zu mir, halb zu seinem Gesprächspartner, von einem Bekannten, der eine Fahrradwerkstatt in der Ostenstraße betreibe und gerade „mächtig Ärger mit dem Finanzamt" habe.

Ich hörte zu, ohne zu fragen. Aber als er auflegte, sagte ich beiläufig: „Zweirad Hoffmann?"

Er war überrascht, dass ich den Laden kannte. Ja, genau der. Der Werner. Der habe wohl seine Frau rausgeworfen, und die habe sich dann einen Anwalt genommen — nicht wegen Rache, einfach wegen der Zahlen. Denn es stellte sich heraus: Der Kredit, für den sie damals die Vollmacht unterschrieben hatte, lief noch acht Jahre. Bettina stand als Mitschuldnerin im Vertrag, aber nicht mehr als Miteigentümerin des Betriebs. Ihr Anwalt hatte das geprüft und einen Weg gefunden, den viele übersehen: Sie musste die Werkstatt nicht zurückfordern. Sie musste nur den Kredit kündigen lassen — als Mitschuldnerin hatte sie das Recht, ihren Anteil der Bürgschaft zu widerrufen, sobald sie nachweisen konnte, dass sie an dem Betrieb, für den der Kredit lief, keinerlei wirtschaftliche Beteiligung mehr hatte. Ohne ihre Bürgschaft platzte die Finanzierung für das neue Werkzeug, das Werner noch nicht abbezahlt hatte. Die Bank forderte die Restsumme sofort, knapp achtzehntausend Euro.

Werner konnte nicht zahlen. Er musste die Werkstatt an einen Investor verkaufen, der schon länger ein Auge auf die Immobilie geworfen hatte, wegen der Lage.

Ich erfuhr das alles in Fragmenten, über Monate, aus Taxigesprächen, wie man das in dieser Stadt eben so mitbekommt. Aber ein Bild ist mir geblieben, das mir eine Kollegin von der Bäckerei nebenan später erzählte, weil sie es selbst gesehen hatte: Bettina, an einem Novembervormittag, in einem grauen Wollmantel, wie sie mit einer braunen Mappe unterm Arm die Ostenstraße entlangging. Sie blieb vor der Werkstatt nicht stehen. Sie ging weiter, zur Post, gab dort einen Brief eingeschrieben auf — die Kündigung der Bürgschaft, formal an die Bank gerichtet, mit Kopie an den Notar. Kein Wort mit Werner gewechselt. Der Zettel mit der Sendungsnummer, den sie am Schalter bekam, steckte sie in ihre Handtasche, faltete ihn einmal, sauber, und ging weiter Richtung Neupfarrplatz, ohne sich umzudrehen.

Ich habe Werner selbst nie kennengelernt. Aber der Investor, der die Werkstatt dann übernahm, saß ein paar Wochen später zufällig bei mir im Wagen, auf dem Weg zum Handwerkskammer-Termin. Er erwähnte, dass der vorherige Besitzer bei der Übergabe kaum ein Wort gesagt habe, nur immer wieder die Unterschriftsmappe angestarrt habe, als könne er es nicht fassen, dass am Ende ausgerechnet der Kredit, den er allein wollte, ihn den Laden gekostet hatte.

Im Frühjahr darauf fuhr ich zufällig wieder die Ostenstraße entlang. Über der alten Werkstatt hing jetzt ein neues Schild, ein E-Bike-Verleih. Und in der Bäckerei, wo Bettina damals gestanden hatte, roch es wie immer nach Zimtschnecken. Von ihr habe ich seither nichts mehr gehört. Nur einmal, im Radio-Lokalsender, lief eine kurze Meldung über eine neue Buchhaltungskanzlei, die in Nürnberg eröffnet hatte — Inhaberin: eine gewisse B. Hoffmann. Ob sie das war, weiß ich nicht sicher. Aber ich hoffe es.

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