Eine Tomate gegen die Faust

Lena stand auf der alten Fischbrücke in Hamburg und schaute auf das schwarze Wasser der Elbe, als würde es ihr irgendwie helfen, den vergangenen Abend zu sortieren. Sie war vierunddreißig, Landschaftsarchitektin und hatte letzten Sommer die Doppelhaushälfte ihrer Oma in Barmbek übernommen. Zweihundertsechzigtausend Euro Kredit, zwanzig Jahre Zinsbindung – erwachsener wurde es nicht. Dass ihr nur noch der passende Mann fürs Wohnzimmer fehlte, war eher die These ihrer Freundinnen als ihre eigene.

Kilian wurde ihr bei einer Geburtstagsfeier an der Außenalster quasi auf dem Silbertablett serviert. „Ein Guter“, sagte Daniela und drückte Lenas Unterarm. „Hat nur Pech mit der Ex gehabt. Die wollte ihn nach der Trennung an den Haaren aus der Wohnung ziehen.“ Alle am Tisch machten wissende Mienen. Lena nippte an ihrem Aperol Spritz und dachte an ihre Kindheit in Wilhelmsburg, an die Nächte, in denen sie mit angezogenen Knien im Bett saß und die gedämpften Schreie ihrer Mutter durch die Rigipswand hörte. An das Klirren der billigen Kaffeetassen, die ihr Vater jedes Mal gegen die Wand warf, bevor er die Tür zuschlug und für Tage verschwand. Sie hatte sich geschworen: Still muss er sein. Einfach nur still.

Kilian war still. Sechs Monate lang war er pünktlich, aufmerksam und trank sein Astra nur aus der Flasche, nie zu viel. Er konnte reden, ohne den Raum zu füllen, und wenn sie sonntags die Flohmärkte in Ottensen durchstöberten, trug er die schweren Tüten mit alten Bilderrahmen, ohne je zu fragen, wozu sie neun davon brauchte. Dass er nach drei Monaten seinen Job in der IT-Firma verlor, erwähnte er zwischen Tür und Angel, als rede er vom Regen am Vortag. Lena nahm das Kündigungsschreiben aus seiner Hand, las es, legte es auf die Kommode und sagte: „Dann suchst du eben neu.“ Ein Lächeln glitt über sein Gesicht. Sie deutete es als Dankbarkeit.

Der Umzug passierte fast beiläufig. Ein Koffer wurde zu zwei, eine Zahnbürste zu einem halben Kleiderschrank, und plötzlich hing sein Sakko neben ihrer Daunenjacke im Flur. Nach vierzehn Tagen schwang die Türglocke der kleinen Konditorei, die Lenas Mutter in Eimsbüttel betrieb, ohne Unterlass. Kilian hatte sich angewöhnt, Lena abends dort abzuholen, und während sie die Kasse zählte, erkundigte er sich bei der Schwiegermutter in spe, was denn so ein gutes Stück Erdbeertorte koste und ob man davon wirklich leben könne. Lenas Ohren begannen zu klingeln, noch bevor ihr Gehirn das Wort „Beteiligung“ sortiert hatte.

An einem Samstag nahm sie ihn mit zum Wochenmarkt auf dem Isemarkt. Sie kaufte zwei Papiertüten voller Gemüse, einen ganzen Kürbis und bezahlte mit einem Fünfzigeuroschein, den sie extra vom Automaten geholt hatte. „Ich dachte, wir klären das mal“, sagte sie und stopfte das Rückgeld lose in die Jackentasche. „In diesem Haushalt bin ich der Geldhahn und du der Klempner. Jeder hat seinen Job.“ Sie lachte dabei, und Kilian lachte mit. Sie verbuchte das als Einverständnis.

Fünf Wochen später waren sie bei Freunden in Blankenese zum Raclette eingeladen. Der Gastgeber, ein alter Kommilitone von Lena, hatte zu viel Krimsekt aufgemacht und erzählte lautstark von einer gemeinsamen Zürich-Reise während des Studiums. Lena fiel ein, dass Kilian keinen Reisepass besaß, und wechselte schnell das Thema. Auf dem nächtlichen Fußweg zur S-Bahn spürte sie seine schweigende Wut wie eine dritte Person, die ungefragt mitlief. Das Quietschen der Bahn in der Kurve nach Barmbek übertönte nichts.

In der Wohnung roch es nach kaltem Ofenkäse und vergessener Wäsche. Lena streifte die Stiefel ab und ging ins Bad, um ihre Kontaktlinsen herauszunehmen. Sie hörte das dumpfe Geräusch der Kühlschranktür, dann ein Knallen – die Butterdose auf dem Boden. „Warum musstest du erwähnen, dass du das Hotel damals bezahlt hast?“, fragte Kilian durch die geschlossene Tür. Der Ton war neu, ein hohes, gepresstes Fiepen, als stünde jemand auf einem Schlauch. Sie antwortete nicht. Sie rubbelte das Wattepad fester über die Wimpern, als nötig. Schmiere.

Er redete weiter, Sätze ohne Anfang und Ende, eine Litanei über Respekt und darüber, dass sie ihn vor Fremden nackig mache. Lena warf das Wattepad in den Mülleimer und dachte an ihre Mathelehrerin, die immer gesagt hatte: Wenn du eine Gleichung nicht lösen willst, lass sie einfach stehen. Sie wollte ins Schlafzimmer, nur schlafen. Ihre Hand lag schon auf der kühlen Türklinke, als sich Kilian von hinten in ihre hochgesteckten Haare krallte. Nicht zärtlich. Die Zwinge eines Schraubstocks. Er zog sie herum wie eine Gliederpuppe, deren Mechanik man ausprobieren will, und schleifte sie Richtung Wohnzimmer. Die billige Perlenkette, die sie vergessen hatte abzulegen, riss und die kleinen weißen Kugeln rollten über das Parkett, tickten gegen die Fußleiste.

Lenas Körper erinnerte sich an etwas, das ihr Verstand längst begraben hatte. In ihrer Brust rastete ein Eisenriegel ein. Sie trat zu, blind, spürte das weiche Knie, dann einen Widerstand am Schienbein. Kilian stolperte, ihr Haar glitt aus seiner Faust, sie schlug mit dem Ellbogen seitwärts und traf ihn am Ohr. Der Kampf dauerte keine dreißig Sekunden und fühlte sich an wie eine halbe Stunde auf einem kippenden Boot. Dann stand er einfach da, schwer atmend, und sah auf die umgestürzte Monstera im Kübel.

Er ging ins Schlafzimmer, legte sich auf ihre Seite des Bettes und war zehn Minuten später eingeschlafen. Lena stand in der Küche, die bloßen Füße auf den kalten Fliesen. An der Fensterscheibe klebte eine Fruchtfliege. Sie hatte niemanden mehr, der sie mit dem Kissen über den Ohren trösten kam. Sie war allein, wach und dreißig Jahre zurückkatapultiert in ein Wohnzimmer, in dem die Wände vibrierten.

Am nächsten Morgen roch es nach seinem Deo und frischem Toast. Er saß am Küchentisch, als wäre der Kalender auf vorgestern zurückgesprungen. „Kilian, pack deine Sachen“, sagte Lena. Ihre Stimme klang wie die ihrer Chefin bei schwierigen Bauherrengesprächen – ruhig, technisch, ohne Raum für Rückfragen. Er biss in seinen Toast, kaute, schluckte. Dann grinste er und legte den Kopf schief, als amüsiere er sich wirklich. „Weißt du, was eine eheähnliche Gemeinschaft ist? Sechs Monate, gemeinsamer Haushalt, du ernährst mich… Ich könnte glatt die Hälfte dieser Bude beanspruchen.“ Das Wort „Bude“ zog er dabei, als rede er nicht über eine renovierte Doppelhaushälfte mit Garten, sondern über eine schimmlige Abstellkammer.

Lena hatte nicht gewusst, dass ihr Unterkiefer so hart werden konnte. Sie trat an den Schrank, zog den Ordner mit den Kontoauszügen heraus und legte die eingeschweißte Grundschuldbestellungsurkunde auf den Resopaltisch. Dazwischen klemmte der handgeschriebene Zettel, auf dem ihre Oma vor drei Jahren „Meiner Lena, nicht dem Erstbesten“ notiert hatte. Sie sagte nichts dazu. Sie sagte nur: „Das Haus gehört mir. Vorher. Nachher. Das steht da.“ Und dann, mit einer Leichtigkeit, die sie selbst überraschte: „Deine Mahnung von der Kreditkarte liegt übrigens auf der Fensterbank. Soll ich sie dir einpacken?“

Da lachte er nicht mehr. Er packte. Keine drei Tüten voller Klamotten, nur einen Koffer und den Laptop. Die Monstera hatte er nicht gegossen.

Die Tür fiel ins Schloss, und Lena dachte an die Tomatenpflanze auf der Terrasse, die sie seit Wochen vergessen hatte zu wässern. Die Blätter waren gelb, die ersten drei Früchte schon vertrocknet. Sie ging hinaus, pflückte die einzige halbwegs rote Tomate ab, die noch am Strauch hing, und wog sie in der Hand. Sie war fest und viel zu klein für diese späte Jahreszeit. Ohne recht zu wissen, wieso, drückte sie die Tomate gegen den Rahmen der Terrassentür, bis die Haut platzte und der Saft über die Handballen lief.

Sie ließ die matschigen Reste in den Blumentopf fallen und wischte die Hand am Hosenbein ab. Dann ging sie zurück ins Haus und bestellte bei dem Chinesen um die Ecke eine gebratene Nudelbox, mit extra viel Ingwer, so wie sie es mochte. Beim Warten auf das Klingeln des Lieferanten fiel ihr ein, dass sie seit Monaten keine scharfe Soße mehr gegessen hatte, weil Kilian die nicht vertrug. Sie trat an den Kühlschrank, nahm die fast volle Flasche Sriracha aus dem Türfach und stellte sie demonstrativ neben den leeren Platz, wo vorher sein Bier gestanden hatte.

Am Abend rief sie ihre Mutter in der Konditorei an, sagte nichts von der Nacht, nichts von der Tomate, sondern nur: „Kann ich morgen früh das Rezept für deinen Rhabarberkuchen haben?“ Ihre Mutter fragte nicht, wieso sie das alte Familienrezept, auf das sie sonst nie Lust hatte, ausgerechnet jetzt wollte. Sie sagte nur: „Ich leg’s dir hin, Kind.“ Und als Lena den Hörer auflegte, wusste sie, dass das morgen früh bedeuten würde: nach der Arbeit, mit einem Stück Kuchen und einem Kaffee, bei dem man nicht den Preis ausrechnete, den jemand dafür später von ihr fordern würde.

Lena stand noch immer auf der Fischbrücke und sah zu, wie unter ihr die Container-Schiffe ihre Bahnen durch die Nacht nach Wedel zogen, Richtung Nordsee. Die Lichter der Brücke spiegelten sich im Wasser, zitterten ein bisschen, ruhig und gleichmäßig, wie ein Atemzug, der niemanden mehr um Erlaubnis fragte.

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