Dorothea klopfte nicht an. Sie drehte den Schlüssel, den sie seit sieben Jahren an der Kette trug, und trat in die Werkstatt, als gehöre sie ihr noch immer.
„Mutter, ich entscheide hier jetzt", sagte Markus, ohne den Blick von der Rechnung zu lösen, die er in der Hand hielt. „Vater hat es notariell auf mich überschrieben."
Vor dem Fenster der Werkstatt an der Ruhrallee nieselte es, und aus dem Nachbarblock zog Zwiebelgeruch herüber — jemand kochte um halb zwei Mittagessen, mitten in der Woche, als liefe die Zeit für andere Menschen noch ganz normal weiter. Für Dorothea war sie vor drei Wochen stehengeblieben, am Tag von Reinhards Beerdigung.
Eine Kfz-Werkstatt in Dortmund-Dorstfeld, zwei Hebebühnen, ein Kompressor, der hustete wie ein alter Kettenraucher — das war alles, was der Ehemann hinterlassen hatte. Zweiunddreißig Jahre Ehe, davon zweiundzwanzig an derselben Adresse, mit derselben Taxifahrerin als Stammkundin, die jeden Monat zum Ölwechsel kam und immer fragte, ob Frau Dorothea wieder den Apfelkuchen gebacken habe.
„Notariell", wiederholte Dorothea. „Und weißt du, wer die Miete für dieses Lokal gezahlt hat, als dein Vater nach dem Infarkt im Klinikum lag? Ich. Von meiner Lehrerpension. Vierhundert Euro im Monat, vier Monate lang, damit der Mietvertrag nicht verfällt."
Markus legte die Rechnung ab. Er war einunddreißig und hatte dieselben Fältchen um die Augen wie sein Vater, wenn der sich ärgerte.
„Das war deine Verpflichtung als Ehefrau. Ich habe jetzt Verpflichtungen als Inhaber. Kunden, Berufsgenossenschaft, Leasingrate für die Hebebühne. Ich kann mir keine Sentimentalitäten leisten."
„Sentimentalitäten", wiederholte sie leise, mehr zu sich selbst.
Sie ging wortlos hinaus und nahm nur eine Tasse mit der Aufschrift „Bester Mechaniker im Revier" mit, ein Geschenk, das sie Reinhard selbst zum fünfzigsten Geburtstag gekauft hatte.
***
Angefangen hatte alles wirklich zwei Wochen zuvor, beim Notar am Friedensplatz. Das Testament war kurz: Werkstatt, Ausstattung, zwei Firmenwagen — alles für den Sohn. Dorothea bekam die Wohnung in Dortmund-Kirchlinde, in der sie gewohnt hatten, und ein Sparkonto mit einer Summe, die nach der Bezahlung der Beerdigung auf viertausendzweihundert Euro geschrumpft war.
Der Notar, Herr Brenner, ein Mann Ende sechzig mit grauem Schnurrbart, hatte sie damals mit so viel Mitgefühl angesehen, dass sie sich zum Fenster wenden musste.
„Frau Wagner, Sie haben Anspruch auf einen Pflichtteil", hatte er leise gesagt. „Auch wenn das Testament ihn übergeht."
„Ich werde meinen eigenen Sohn nicht verklagen", hatte sie geantwortet.
Jetzt, drei Wochen später, saß sie in der Küche in Kirchlinde bei kaltem Tee und erinnerte sich an diese Worte. Auf dem Tisch lag die Zeitung von vorgestern, aufgeschlagen bei den Kleinanzeigen. Die Nachbarin von unten, Frau Bauer, hatte morgens angeklopft und gefragt, ob Dorothea Gesellschaft brauche — sie habe durch die Wand gehört, wie vor einer Woche jemand in der Werkstatt geschrien habe, als Markus die alten Werkzeuge seines Vaters zum Schrott gebracht hatte.
„Er hat die Schleifmaschine von Reinhard weggeworfen. Die, die er zwanzig Jahre lang hatte", sagte Dorothea zu Frau Bauer, ohne selbst zu wissen, warum sie das erzählte.
„Und was machst du jetzt, Dorothea?"
Sie antwortete nicht sofort. Sie stand auf, spülte Reinhards Tasse und stellte sie neben das Hochzeitsfoto ins Regal.
***
Die Schwiegertochter, Steffi, kam allein, unangekündigt, an einem Freitagnachmittag. Sie trug noch den Kittel aus der Arztpraxis — sie arbeitete als Krankenschwester an der Klinik am Ostpark und war offenbar direkt von der Schicht gekommen.
„Markus weiß nicht, dass ich hier bin", sagte sie, setzte sich an den Küchentisch, ohne die Jacke auszuziehen. „Er hat Angst, dass Mutter ihn verklagt. Er hat mit dem Anwalt wegen des Leasings gesprochen, und der hat ihm vom Pflichtteil erzählt, jetzt hat er Panik."
„Ich habe nicht vor, irgendjemanden zu verklagen."
„Ich weiß. Aber er weiß es nicht." Steffi spielte mit dem Riemen ihrer Tasche. „Mutter, er hat all diese Werkzeuge weggeworfen, weil er Angst hat. Nicht weil sie ihm egal wären. Er denkt einfach, wenn alles beim Alten bleibt, dann ist er noch nicht wirklich der Chef."
Dorothea goss ihr Tee ein, obwohl Steffi nicht darum gebeten hatte.
„Und was willst du, Steffi?"
„Dass es nicht so endet, wie es in solchen Familien endet. Dass in fünf Jahren die Kinder ihre Oma nicht kennen."
Dieser Satz hing länger in der Luft, als er sollte.
***
Die entscheidende Szene spielte sich nicht in der Werkstatt und nicht in Kirchlinde ab, sondern im Wartezimmer der Notarkanzlei am Friedensplatz, zehn Tage später.
Dorothea kam allein, mit einem Termin um zwölf Uhr. Als Herr Brenner die Tür zum Büro öffnete, saß Markus bereits drinnen — verschwitzt, mit einer Dokumentenmappe auf den Knien, in der Arbeitsjacke, die er offenbar direkt aus der Werkstatt angezogen hatte.
„Verklagt Mutter mich?", fragte er, bevor überhaupt jemand Platz genommen hatte.
„Nein." Dorothea stellte ihre Handtasche auf den Stuhl. „Ich bin gekommen, um auf den Pflichtteil zu verzichten."
Markus verstummte. Der Notar griff nach der Dokumentenmappe, aber Dorothea hob die Hand.
„Bevor ich das tue, sollst du etwas hören. Dein Vater hat dir die Werkstatt vermacht, weil er glaubte, du würdest sie besser führen als ich. Das war seine Entscheidung, und ich respektiere sie. Aber was du eine Woche nach der Beerdigung getan hast — seine Werkzeuge zum Schrott gebracht, als bedeuteten sie nichts —, das warst du. Nicht dein Vater."
„Mutter, ich…"
„Ich bin noch nicht fertig." Ihre Stimme zitterte nicht. „Das Konto, das von deinem Vater übrig geblieben ist, viertausendzweihundert Euro, verwende ich für die Renovierung der Wohnung. Nicht für die Werkstatt. Ich gebe dir keinen Cent für das Hebebühnen-Leasing, um das du mich vor einer Woche über Steffi gebeten hast. Was mir gehört, bleibt meins. Was dir gehört, bleibt deins. Ich verzichte auf den Pflichtteil, weil ich keinen Krieg um Altmetall führen will. Aber erwarte nicht, dass ich jetzt deine Entscheidungen finanziere."
Sie unterschrieb das Dokument mit dem Füller, den der Notar ihr reichte. Die Hand zitterte nicht.
Markus saß mit gesenktem Kopf da, die Dokumentenmappe lag noch immer ungeöffnet auf seinen Knien.
„Ich wollte nur, dass es meins ist", sagte er leise. „Dass mir niemand mehr sagt, wie ich die Werkstatt führen soll."
„Jetzt ist es deins. Vollständig." Dorothea stand auf, knöpfte ihren Mantel zu. „Und deshalb zahlst du jetzt selbst für alles, was damit zusammenhängt. Einschließlich der Fehler."
***
Sie verließ die Kanzlei als Erste. Draußen hatte es aufgehört zu regnen, die Straßen am Friedensplatz glänzten vom Wasser, und über die Gleise fuhr gerade die Straßenbahnlinie 46, brummend wie ein alter Dieselmotor.
Steffi rief am Abend an.
„Markus hat im Auto geweint", sagte sie. „Zum ersten Mal seit der Beerdigung."
Dorothea saß da am Küchentisch, vor sich lag ein Formular vom Fensterbauer — Kostenvoranschlag für den Austausch der Fenster in Kirchlinde, viereinhalbtausend Euro, Ausführung in sechs Wochen.
„Sag ihm, dass ich am Sonntag Apfelkuchen backe", antwortete sie. „Wenn er kommen will, ist die Tür offen. Aber die Werkstatt ist jetzt seine Sache."
Sie legte das Telefon weg und wandte sich wieder dem Kostenvoranschlag zu. Vor dem Fenster bellte der Dackel der Nachbarn aus dem Erdgeschoss den Postboten an, wie jeden Tag um diese Zeit — genau wie immer, als hätte sich nichts verändert.
