Torsten schuldet die Werkstatt in der Herforder Straße um, ohne Heike zu fragen

Es gibt Geschwister, die sich jeden Sonntag anrufen. Und es gibt Geschwister wie Heike und Torsten Brandner aus Bielefeld, die sich zwei Jahre lang nur über die Betriebskostenabrechnung der gemeinsamen Autowerkstatt geschrieben haben. Nüchtern, sachlich, drei Sätze, Grußformel. Bis zu dem Mittwoch im März, an dem Torsten den Kredit umschuldete – und dabei vergaß, seine Schwester zu fragen, ob das eigentlich in Ordnung sei.

Die Werkstatt in der Herforder Straße hatte ihr Vater aufgebaut, Werner Brandner, dreiunddreißig Jahre lang die Hände voller Bremsflüssigkeit und Motoröl. Als er starb, hinterließ er beiden Kindern je fünfzig Prozent. Auf dem Papier eine faire Sache. In Wirklichkeit hieß es: Torsten schraubte, Heike machte die Buchhaltung von zu Hause aus, abends, nach ihrer eigentlichen Arbeit als Steuerfachangestellte bei einer Kanzlei am Kesselbrink.

Sie roch die Werkstatt, bevor sie sie sah – Gummi, kaltes Metall, der süßliche Ton von Frostschutzmittel, der sich nie ganz aus der Kleidung wusch. Ihr Vater hatte immer eine Thermoskanne mit viel zu starkem Kaffee auf der Werkbank stehen gehabt; Torsten hatte die Kanne behalten, benutzte sie aber nicht mehr.

Der Anruf kam an einem Dienstagabend, während im Hintergrund bei ihr die Lokalnachrichten liefen, irgendwas über den Ostwestfalendamm, der wieder gesperrt war. Ihr Mann Frank saß am Küchentisch und sortierte Pfandflaschen in eine Kiste, als hätte er ein Gespür dafür, dass gleich etwas kaputtgeht, das man nicht mit Klebeband reparieren kann.

„Heike." Torstens Stimme klang, wie sie immer klang, wenn er etwas verschwieg – ein bisschen zu locker. „Ich hab die Bude umschulden lassen. Neue Bank, bessere Konditionen. Ist schon durch."

„Welche Bude."

„Na, die Werkstatt. Steht doch für uns beide, oder?"

Sie legte den Kugelschreiber hin, mit dem sie gerade Frau Ostermanns Steuererklärung durchgegangen war. „Und wann genau wolltest du mir sagen, dass mein Name jetzt auf einem neuen Kreditvertrag steht?"

Stille am anderen Ende – lang genug, dass sie das Rattern eines Wagenhebers im Hintergrund hörte.

„Ich dachte, das ist Formsache."

Formsache. Vierundsechzigtausend Euro Formsache, wie sich zwei Tage später herausstellte, als sie die Unterlagen von der Sparkasse anforderte, die diesmal nicht die Volksbank war, bei der ihr Vater seit 1991 Kunde gewesen war, sondern ein Institut aus Gütersloh mit höherem Zinssatz und einer Klausel, die Torsten offenbar nicht gelesen hatte: gesamtschuldnerische Haftung. Beide hafteten für alles. Nicht die Hälfte. Alles.

Sie fuhr am Samstag hin, unangekündigt, was sie sonst nie tat. Der Hof roch nach verbranntem Gummi, ein Kunde stand neben seinem Opel und wartete auf den Kostenvoranschlag. Drinnen, zwischen der Hebebühne und dem alten Kalender von 2019, den keiner abgehängt hatte, fand sie Torsten mit fettigen Händen über einem Motorblock.

„Du hast mich für einen Kredit mitunterschreiben lassen, ohne dass ich das Papier je gesehen habe."

„Die Bank hat gesagt, das geht auch so, weil du im Grundbuch stehst." Er wischte sich die Hände an einem Lappen ab, der schon lange keine saubere Farbe mehr hatte. „Sonst hätten die uns die Zinsen nicht gegeben."

„Und die zweiundzwanzigtausend, die du dir zusätzlich hast auszahlen lassen? Für was war das?"

Er schwieg zu lange. Dann kam es raus, stückweise, wie ein Reifen, der langsam Luft verliert: Sabrina, seine Freundin, wollte ein Haus in Werther kaufen, gebrauchte Doppelhaushälfte, Baujahr 1978, und die Bank hatte mehr Sicherheiten verlangt, als Torsten allein stellen konnte. Also hatte er die Werkstatt – ihre gemeinsame Werkstatt – als Hebel genutzt. Ohne zu fragen. Weil er, wie er sagte, „wusste, dass sie sowieso Ja sagen würde".

Sie sagte nichts dazu, damals. Fuhr nach Hause, machte sich einen Tee, den sie nicht trank, weil er kalt wurde, während sie am Küchentisch saß und Zahlen auf einen Notizblock schrieb. Vierundsechzigtausend Euro Haftung. Ein Bruder, der ihr Vertrauen wie eine Blanko-Unterschrift behandelt hatte. Und ein Vater, der beide Kinder gleich bedacht hatte – ohne zu ahnen, dass „gleich" nicht automatisch „gerecht" bedeutet, wenn einer der beiden die Papiere nie liest, bevor er sie herumreicht.

Am nächsten Morgen ging sie nicht zur Kanzlei. Sie rief stattdessen Herrn Dr. Wickert an, den Notar, bei dem ihr Vater das Testament hatte beurkunden lassen, und bat um einen Termin am Nachmittag. Die Rezeptionistin fragte, ob es dringend sei. „Ja", sagte Heike. „Aber ohne Hektik."

Bei Dr. Wickert legte sie die Unterlagen auf den Tisch: den Gesellschaftsvertrag der Werkstatt, den neuen Kreditvertrag der Sparkasse Gütersloh, den alten Vertrag der Volksbank, den Grundbuchauszug. Der Notar, ein Mann mit randloser Brille und der Angewohnheit, jedes Blatt zweimal umzudrehen, brauchte eine gute Stunde.

„Sie haben ein Vorkaufsrecht auf seinen Anteil", sagte er schließlich. „Und Sie können, wenn Ihr Bruder seine Pflichten als Geschäftsführer wesentlich verletzt hat – und das hier ist eine erhebliche Verletzung –, die Auflösung der Gesellschaft bürgerlichen Rechts verlangen. Das würde bedeuten: Verkauf oder Übernahme der Werkstatt. Mit Auszahlung."

„Was würde das kosten? Ihn rauszukaufen?"

Er rechnete kurz. „Bei aktuellem Wert, abzüglich der bestehenden Belastung – etwa achtunddreißigtausend."

Sie hatte nicht achtunddreißigtausend Euro. Aber sie hatte eine Eigentumswohnung in der Detmolder Straße, geerbt von ihrer Großmutter, vermietet seit sechs Jahren, unbelastet. Sie hatte auch, was wichtiger war, zwölf Jahre Buchhaltung in dieser Werkstatt gemacht, jede Rechnung, jede Mahnung, jede Steuererklärung. Sie kannte den Betrieb besser als der, der ihn führte.

Drei Wochen später saßen sie sich gegenüber, nicht in der Werkstatt, sondern im Besprechungsraum des Notariats, mit einer Neonröhre, die leise summte, und einem Wasserkrug, den keiner anrührte. Torsten kam mit Sabrina, was Heike nicht erwartet hatte und auch nicht wollte, aber der Notar ließ es zu.

„Du willst mich rausdrängen." Torstens Stimme, diesmal ohne die Lockerheit vom Telefon.

„Ich will nicht mehr für einen Kredit haften, den ich nie gesehen habe, für ein Haus, in dem ich nicht wohne." Sie schob ihm eine Mappe hin. „Ich übernehme deinen Anteil zum ermittelten Wert. Achtunddreißigtausend, ausgezahlt über die Wohnung in der Detmolder Straße, die ich dafür verkaufe. Du wirst aus der gesamtschuldnerischen Haftung entlassen, sobald der neue Kredit auf meinen Namen läuft. Das hat die Sparkasse bereits schriftlich zugesagt."

„Und die Werkstatt?"

„Gehört mir. Ich stelle einen Kfz-Meister ein, Herrn Grabowski, der seit vier Jahren bei uns aushilft. Der Name auf dem Schild bleibt Brandner. Nur eben ohne dich am Steuer."

Sabrina wollte etwas sagen, Torsten hob die Hand, ohne sie anzusehen. Er blätterte die Papiere durch, langsamer, als er es je bei der Bank getan hatte. Bei der Seite mit der Freistellungsklausel blieb er hängen.

„Papa hätte das nicht gewollt."

„Papa hat auch nicht gewollt, dass du seinen Betrieb als Sicherheit für ein Doppelhaus in Werther verpfändest, ohne mich zu fragen." Sie klappte ihre eigene Mappe zu. „Du hast bis Freitag Zeit, zu unterschreiben. Danach ziehe ich das Angebot zurück und lasse die Auflösung der Gesellschaft gerichtlich feststellen. Das dauert länger und kostet uns beide mehr."

Er unterschrieb am Donnerstag. Kam allein, ohne Sabrina, mit einem Kugelschreiber, der leer war, sodass der Notar ihm einen anderen reichen musste. Er sagte nicht viel. Nur, beim Rausgehen, an der Tür: „Die Thermoskanne von Papa – die kannst du haben."

Sie hat sie nicht abgeholt. Steht immer noch auf der Werkbank, hat Herr Grabowski ihr erzählt, der jetzt montags die Kaffeemaschine mitbringt, weil die alte Kanne ohnehin nur noch Deko ist.

Ein Jahr später erfuhr Heike durch Zufall, bei einem Handwerkerstammtisch, für den sie die Buchhaltung eines befreundeten Betriebs machte, dass Sabrina das Haus in Werther gar nicht bekommen hatte – der Verkäufer war abgesprungen, weil ein anderes Angebot schneller war. Die zweiundzwanzigtausend Euro, für die Torsten die halbe Werkstatt verpfändet hatte, waren in eine Finanzierung geflossen, die es nie gab. Torsten arbeitet inzwischen als angestellter Mechaniker bei einem Autohaus an der Detmolder Straße, drei Straßen von der Wohnung entfernt, die seine Schwester dafür verkauft hat. Sie grüßen sich, wenn sie sich sehen. Mehr nicht.

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