Meine Schwester Anna und ich – wir hatten noch nie denselben Geschmack. Sie kauft Möbel, die schief stehen, aber eine Seele haben sollen. Ich kaufe Möbel, die man aufbauen kann, ohne den Nachbarn um Hilfe zu bitten. Sie nennt mich pedantisch, ich nenne sie eine Träumerin, die nach der Scheidung dringend einen Plan gebraucht hätte.
Einmal im Monat fahre ich zu ihr. Dreiviertelstunde mit der Linie 13, Einzelticket 3,20 Euro. Ich hatte Apfelkuchen dabei, vom Bäcker Hesse, weil ihr Ofen seit Februar kaputt ist und sie ihn nicht reparieren lässt. Klingeln, Tür geht auf, Anna steht da mit diesem Gesicht, das ich kenne: Sie hat etwas getan, von dem sie weiß, dass ich es nicht gutheißen werde.
Und dann sah ich das Tier.
Mitten im Wohnzimmer, auf dem ausgeblichenen Perserteppich, saß ein Kater. Schwarz-weiß, dürr, das linke Ohr wie eine zerknüllte Serviette, die Schnauze leicht verzogen, als hätte ihn jemand beim Zuklappen einer Schublade übersehen. Die Zunge hing heraus. Um den Hals hatte er eine viel zu kleine Fliege – rot, krumm gebunden, wahrscheinlich aus dem Fundus des Tierheims.
„Das ist Herr Schröder“, sagte Anna.
Ich starrte. Nicht auf das Tier, sondern auf die Rechnung, die ich im Geist bereits schrieb. Spezialfutter. Zahnstein. Nierenuntersuchung. Das Ding war zwölf, sie hatte es mir stolz erzählt, und es sah aus, als wäre jeder Monat davon mit Zinsen berechnet worden.
„Anna. Du wolltest doch ein Kätzchen für die Enkel. Was soll das denn?“
„Er ist zweimal zurückgebracht worden“, flüsterte sie, als wäre das ein Argument.
Da platzte es aus mir heraus, bitterer als ich es beabsichtigt hatte: „Du hast wirklich eine Katze aus der Rabattecke genommen?“
Wie sie mich ansah. Ich kenne diesen Blick seit vierzig Jahren. Er bedeutet: Du verstehst nichts. Aber ich verstand etwas. Ich verstand Rechnungen. Ich verstand, dass Anna sich kaum die neue Heizung leisten konnte, und ich verstand, dass dieser Kater mit seinem kaputten Gebiss und seiner halben Niere in den nächsten zwölf Monaten so viel kosten würde wie eine kleine Reise nach Mallorca.
Ich stellte den Kuchen auf den Tisch, genau neben den Stapel Unterlagen. Ganz oben: „Scheidungsurteil – Amtsgericht Dresden“. Anna hatte nicht einmal eine Mappe dafür gekauft. Das Papier war schon fleckig vom Kaffee.
Herr Schröder beäugte mich. Dann stand er auf, ging mit seinen steifen Beinen quer über den Teppich und setzte sich mitten auf die oberste Seite. Genau auf das Wort „rechtskräftig“. Kein Zögern, kein Suchen. Einfach so, als gehörte die Stelle ihm.
„Der war im Tierheim der einzige mit Fliege“, sagte Anna. „Sie haben ihm das umgebunden, bevor die Leute kommen, damit er vielleicht doch noch jemandem auffällt. Jemandem, der nicht sofort auf die Zähne schaut.“
Ich rührte in meinem Kaffee. Draußen heulte die Straßenbahn.
Später, als ich die Wohnung verließ, hörte ich Anna sagen: „Oksana, Verstand und Liebe müssen nicht dieselbe Sprache sprechen.“ Oksana – so nannte sie mich, wenn sie meine Härte meinte. Mein zweiter Name, den nur Mutter benutzen durfte und den Anna immer dann ausgrub, wenn sie beweisen wollte, dass ich ein Herz habe, aber nicht zugeben kann, wo es sitzt.
Ich fuhr heim und rechnete. Echt jetzt: Ich nahm den Zettel vom Kühlschrank, den alten Kuli, mit dem ich sonst Einkaufslisten schreibe, und addierte. Seniorfutter, Nierendiät, wahrscheinlich ein Zahn-OP, vielleicht sogar ein Herzultraschall. Allein die erste Untersuchung lag bei etwa hundertachtzig Euro. Die hatte Anna schon bezahlt, das wusste ich, denn sie hatte erwähnt, dass sie ihr Sparbuch für die Enkel angebrochen hatte.
Die Rabattkatze. Ich wusste in diesem Moment noch nicht, dass der Kater längst mehr wusste als ich.
Vier Tage später fuhr ich wieder zu ihr. Diesmal ohne Kuchen, aber mit einer dünnen Mappe unter dem Arm. Anna öffnete im Morgenmantel, und Herr Schröder saß auf der Fensterbank und sah mir entgegen, als erwarte er eine Lieferung. Ich ging an ihm vorbei, legte die Mappe auf den Esstisch und klappte sie auf.
„Das hier ist eine Krankenversicherung für Haustiere. Deckt Zahnbehandlung, Nierenwerte, Medikamente. Ich habe die Jahresprämie überwiesen – neunhundertsechzig Euro. Dazu ein Gutschein für das Futter, das er braucht, für die nächsten sechs Monate. Die Lieferung kommt morgen, musst du nur noch aufmachen, der Nachbar kann die Pakete annehmen, falls du in der Schule bist.“
Anna schwieg.
„Und bevor du fragst: Nein, das ist kein Almosen. Ich will einfach nicht, dass du eines Morgens vor der Entscheidung stehst, ob du den Kater einschläfern lässt, weil dir das Geld ausgegangen ist. Dann hätte ich nämlich recht gehabt. Und das will ich nicht. Ich hab das Recht lieber in deiner Wohnung sitzen, da wo es hingehört – auf einem Scheidungsurteil, das niemand mehr liest.“
Herr Schröder gähnte. Sein letzter Zahn stand wie ein Denkmal in der vergangenen Zeit.
Anna setzte sich langsam hin, aber ich sah, dass sie nicht auf die Mappe blickte, sondern auf den Kater. Die rote Fliege war immer noch schief. Sie rückte sie zurecht, was überhaupt nichts half. Dann sagte sie: „Ich habe ihn übrigens in Gedenken an unseren Großvater Schröder genannt. An den mit dem krummen Rücken und der ewigen Thermoskanne. Der auch nie ausgesucht wurde fürs Betriebsfest, aber immer den besten Witz kannte.“
Ich bin Buchhalterin. Worte sind nicht meine stärkste Seite, Zahlen schon. Also ging ich in die Küche, nahm mir ein Messer und schnitt den Rest Apfelkuchen an, den ich beim letzten Mal dagewesen war. Zwei Stücke legte ich auf Teller, das dritte, winzige Brösel, schob ich zur Seite. Kater können kein Apfelkuchen fressen, dachte ich. Aber dann sah ich, wie Anna einen winzigen Krümel nahm und vor seine Nase legte, und er leckte doch tatsächlich daran.
Ich zog meine Jacke aus. Die nächste Straßenbahn kam sowieso erst in einer halben Stunde.
