Der Sonntagsbraten duftete noch durch das ganze Esszimmer, als ich das Smartphone meines Mannes neben die Salatschüssel legte. Meine Schwiegermutter, Frau Hartmann, hatte gerade die Soßenkelle gehoben, um mir etwas nachzuschenken. Meine Schwägerin Sandra wollte den Kindern noch etwas Kartoffelbrei geben. Mein Schwiegervater saß am Kopfende und blätterte in der Zeitung, wie immer. Und ich legte das Handy hin, so, dass jede am Tisch die Nachricht lesen konnte.
Ich las sie laut vor: „Vermisst du mich auch so? Wann fährst du wieder zu deiner angeblichen Mutter?“
Tobias stand draußen auf dem Balkon, rauchte eine Zigarette und tat, als wäre alles normal. Er hatte das Handy in der Küche vergessen, weil er kurz telefonieren wollte und dann auf den Balkon gegangen war. Ich hatte es in der Hand, als es vibrierte. Die Vorschau zeigte nur den Anfang: „Vermisst du mich auch so…“ Ich hatte die letzten zwei Monate gewusst, dass da etwas war. Jetzt wusste ich es genau.
Frau Hartmann setzte die Kelle ab. Sie beugte sich vor, las mit, und ihr Gesicht wurde erst rot, dann weiß. Sandra legte den Löffel hin, so heftig, dass ein Klecks Kartoffelbrei auf das weiße Tischtuch spritzte.
„Katrin, bist du noch zu retten?“ Frau Hartmanns Stimme klang scharf, fast wie ein Zischen. „Vor den Kindern? Vor der ganzen Familie?“
Ich hatte meine Hände flach auf den Tisch gelegt, damit sie nicht zitterten. „Vor den Kindern? Ich habe die letzten elf Jahre versucht, vor den Kindern die heile Welt zu spielen. Jetzt reicht es.“
Tobias kam zurück vom Balkon, die Zigarette noch zwischen den Fingern. Er sah das Smartphone, dann meine Haltung, dann das Gesicht seiner Mutter. Er wurde blass. „Gib mir das Handy“, sagte er.
Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Erzähl du ihnen, warum du wirklich so oft ‚auf Dienstreise‘ bist. Erzähl ihnen von Nadine aus dem Innendienst.“
Ich heiße Katrin, ich bin 38, ich arbeite als medizinische Fachangestellte in einer Hausarztpraxis in Ulm. Elf Jahre war ich mit Tobias verheiratet. Wir haben zwei Kinder: Marie, zehn, und Jonas, sieben. Wir wohnten in einer Doppelhaushälfte in Ulm-Wiblingen, mit einem kleinen Garten und einem Kirschbaum, der nie richtig trug. Die Fassade war grau, aber wir hatten eine neue Haustür, die Tobias stolz eingebaut hatte. Ich dachte immer, das sei unser Zuhause.
Ich war die Frau, die alles regelt. Die Kinder zum Schwimmen bringt, die Überweisungen pünktlich macht, die bei der Schwiegermutter sonntags den Tisch abräumt. Tobias war der Mann, der charmant ist, besonders wenn andere dabei sind. Er machte Witze, legte mir den Arm um die Schulter, und alle sagten: „Katrin, du hast so einen netten Mann.“ Nur dass ein netter Mann nicht regelmäßig nach Mitternacht nach Hause kommt und seine Frau behandelt wie ein Möbelstück, das man nicht mehr sieht.
Das erste Mal, dass ich misstrauisch wurde, war vor ungefähr einem Jahr. Tobias trug sein Handy plötzlich immer bei sich, sogar im Bad. Dann kamen die Dienstreisen, die es vorher kaum gab. Dann die Vorwürfe: Die Nudeln seien zu weich, die Kinder zu laut, ich hätte „diese Leidensmiene“. Wissen Sie, wie das ist, wenn man anfängt, sich für die eigene Existenz zu entschuldigen? Ich schlich durch das eigene Haus wie eine Fremde. Wenn ich meiner Mutter davon erzählte, sagte sie nur: „Jeder Mann hat mal eine Krise. Stell dich nicht so an. Man wirft nicht wegen jeder Laune eine Ehe weg.“
Ich wollte es glauben. Ich dachte, wenn ich mich mehr anstrenge, wenn ich besser koche, wenn ich nicht mehr frage, wann er nach Hause kommt, dann wird es wieder gut. Ich nahm in drei Monaten sieben Kilo ab, weil ich kaum schlief und kaum aß. Auf der Arbeit verwechselte ich einmal zwei Patientenunterlagen, und die Ärztin fragte, ob bei mir alles in Ordnung sei. Ich sagte ja, log.
Die Wahrheit fand ich an einem Donnerstagabend. Tobias hatte sein Handy im Bad liegen lassen, weil er schnell duschen wollte. Ich hörte es vibrieren. Ich wollte nicht spionieren, wirklich nicht. Aber der Bildschirm leuchtete auf, und da stand: „Nadine Innendienst“. Und die Nachricht begann mit: „Ich kann es kaum erwarten, bis du wieder bei deiner angeblichen Mutter bist. Deine Hände fehlen mir an Stellen, wo sie nicht hingehören.“
Ich setzte mich auf den Wannenrand. Ich hörte das Wasser rauschen, aber es kam nicht bei mir an. Es war, als hätte jemand den Ton abgestellt. Dann las ich alles. Monatelange Lügen. Angemietete Zimmer „auf der Strecke“. Fotos. Versprechen. Und über mich schrieb er: „Katrin wird sowieso nicht gehen. Die ist zu anständig.“
Das tat mehr weh als der Betrug. Anständig. Wie ein Haftbefehl.
Am selben Abend fragte ich ihn geradeheraus, als er aus dem Bad kam. „Seit wann?“
Er zog sich die Socken an und seufzte. „Mach kein Drama, Katrin. Das ist nur eine Phase. Wir haben Kinder, ein Haus, die Leute reden.“
Ich sagte nichts. Er verhandelte weiter: „Meine Mutter würde das nicht verkraften. Denk an die Nachbarn. Was sollen die denken?“
Ich dachte an die Nachbarn. An die Mutter. An die Kinder. Aber nicht an mich. Das war mein Fehler.
Zwei Monate lang lebten wir nebeneinanderher. Er im Wohnzimmer, ich mit den Kindern im Schlafzimmer. Marie kaute wieder an den Fingernägeln. Jonas fragte mich einmal abends leise: „Mama, mag Papa uns nicht mehr?“
Da wusste ich: Wenn ich bleibe, verlieren meine Kinder nicht nur ihren Vater, sondern auch ihre Mutter. Die Mutter, die ich dann noch wäre, wäre eine leere Hülle.
Also beschloss ich, es öffentlich zu machen. Nicht aus Rache. Sondern weil ich es leid war, sein Image zu schützen. Ich wollte, dass seine Familie es aus seinem Mund hört. Also wartete ich auf den nächsten Sonntagsbraten bei seiner Mutter. Und als er auf den Balkon ging, legte ich sein Handy auf den Tisch, Bildschirm nach oben.
Die Reaktion war genau, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Frau Hartmann fand zuerst ihre Stimme wieder. „Solche Dinge klärt man zu Hause, nicht vor versammelter Mannschaft.“
Ich musste fast lachen. „Zu Hause? Wo ich seit einem Jahr wie eine Dienstbotin behandelt werde? Wo die Kinder jede Lüge mitbekommen? Wo dein Sohn mir sagt, ich solle kein Drama machen?“
Tobias zischte: „Hör auf.“
Ich stand auf. „Nein. Du hörst auf. Mit mir, mit ihr, mit diesem ganzen Theater. Ich bin nicht deine Anständige, die stillhält, während du dich amüsierst.“
Ich nahm meine Handtasche, rief die Kinder und ging. Es war der erste Sonntag seit Jahren, an dem ich den Braten stehen ließ.
Eine Woche später unterschrieb ich den Mietvertrag für eine kleine Wohnung in der Ulmer Innenstadt, über einem Schreibwarenladen. Es roch nach Klebstoff und alten Zeitschriften. Die Treppe knarrte, und die Deckenlampe im Flur flackerte. Aber als ich das erste Mal die Tür hinter mir zuzog, setzte ich mich auf den Boden und weinte. Vor Erleichterung. Es war vorbei.
Es war trotzdem hart. Ich zählte jeden Euro. Die Kinder fragten, warum wir nicht mehr an die Ostsee fahren. Meine Mutter sprach wochenlang nicht mit mir. Auf der Arbeit wurde getuschelt, manche waren mitfühlend, andere einfach nur neugierig. Tobias erzählte überall, ich hätte „einen Nervenzusammenbruch“ oder „eine Midlife-Crisis“. Das tat weh, aber ich hörte auf, mich zu rechtfertigen.
Der eigentliche Schlussstrich kam drei Monate später. Ich saß am Küchentisch in der neuen Wohnung, vor mir ein Stapel Unterlagen. Ich hatte beim Amtsgericht die Scheidung eingereicht. Ich hatte ein eigenes Konto eröffnet und mein Gehalt dorthin umgeleitet. Ich hatte den Antrag auf Unterhaltsvorschuss ausgefüllt – 437 Euro pro Kind und Monat, bis das Familiengericht entscheidet. Und ich hatte einen Termin beim Schlüsseldienst.
An dem Tag, als die Scheidungspapiere zugestellt wurden, klingelte mein Handy. Tobias. Ich ging ran.
„Was soll das? Du kannst mir doch nicht einfach das Schloss austauschen! Das ist auch mein Haus!“
Ich saß an dem kleinen Tisch, auf dem die Kopie des Scheidungsantrags lag. „Das Haus wird verkauft. Ich habe meinen Anteil am Freitag eingefordert, das sind 92.000 Euro. Und deine Sachen stehen vor der Tür. In Kartons.“ Ich sagte es ruhig, ohne Schadenfreude. Nur als Tatsache.
Er tobte am anderen Ende. „Du bist verrückt geworden! Wegen einer Affäre machst du alles kaputt!“
Ich unterbrach ihn. „Nein, Tobias. Ich mache nicht alles kaputt. Ich habe nur aufgehört, für dich zu bezahlen. Mit meiner Würde. Mit meinen Nerven. Mit meinem Leben. Das war zu teuer.“
Ich legte auf, bevor er antworten konnte. Draußen hupte ein Auto, und die Straßenbahn der Linie 2 rumpelte vorbei. Ich blieb sitzen, bis ich nichts mehr hörte.
Ein halbes Jahr später, beim Sortieren der letzten Umzugskartons, fand ich in einer alten Kiste den Mietvertrag der Wohnung, in der er sich mit Nadine getroffen hatte. Die Kaution von 2.800 Euro war von unserem gemeinsamen Konto abgebucht worden – eine Woche, nachdem ich ihm gesagt hatte, ich wüsste von der Affäre. Ich legte den Vertrag zu den Scheidungsunterlagen. Der Zugewinnausgleich änderte sich um genau diesen Betrag. Das Finanzamt interessierte sich plötzlich für seine „Dienstreisen“. Ich habe nie wieder mit ihm gesprochen, außer über die Kinder.
