Die Lektion vom getrennten Kühlschrank

Ab dem Ersten, das hatte Thomas an einem Dienstagabend verkündet, würde er keine Kosten mehr für die Familie übernehmen. Jedenfalls nicht für das, was er für Luxus hielt. Er saß am Küchentisch, schob den Kassenzettel vom Supermarkt glatt und drückte ihn mit der flachen Hand auf die Wachstuchdecke.

„Ich schufte den ganzen Tag im Lager, und am Ende sehe ich nichts von meinem Geld“, sagte er. „Ich will mir neue Alufelgen für den Golf gönnen. Ab jetzt getrennte Kassen: Miete halbe-halbe, Lebensmittel jeder für sich. Ich habe schon das untere Fach im Kühlschrank frei gemacht.“

Claudia schälte Kartoffeln. Sie legte das Messer ab, wischte sich die Hände an der Schürze ab. „Bist du sicher?“

„Absolut. Und deine Tochter ist deine Sache. Ich zahle nur noch das Nötigste.“

Sie nickte, als hätte er ihr einen Termin bestätigt. „Gut. Aber dann gibt es keinen Weg zurück. Wenn du das durchziehst, ziehe ich es auch durch.“

Er grinste. In seinem Kopf war das ein genialer Plan.

Die Wohnung lag in Leipzig-Lindenau, dritter Stock, Altbau mit knarrenden Dielen. Vor dem Fenster bog die Straßenbahnlinie 14 quietschend in die Karl-Heine-Straße ein. Im Treppenhaus roch es immer nach Bohnerwachs, weil die Hausverwaltung alle zwei Wochen den Putzdienst schickte. Der Wellensittich von Frau Krüger aus dem zweiten Stock pfiff jeden Morgen, wenn Thomas zur Arbeit ging.

Thomas kaufte am nächsten Tag drei Dosen Ravioli, ein Toastbrot und Margarine. Auf dem Kassenzettel standen 4,87 Euro. Er rechnete im Kopf hoch: In drei Monaten hätte er die Felgen.

Am Mittwoch kam er hungrig nach Hause. Schon im Flur traf ihn der Geruch von Rinderrouladen, Rotkohl und Salzkartoffeln. In der Küche saßen Claudia und Lena, die vierzehnjährige Tochter, vor dampfenden Tellern. Lena tunkte ein Stück Kartoffel in die Soße.

„Hallo“, sagte Thomas und blieb an der Tür stehen.

„Hallo, Papa.“ Lena drehte sich nicht um.

„Riecht gut.“

Claudia hob nicht einmal den Kopf. „Schmeckt auch gut. Rouladen vom Fleischer nebenan, Rotkohl mit Apfel, Soße mit Rotwein.“

„Könnte ich … vielleicht eine Portion abhaben?“

„Vier Euro fünfzig“, sagte Claudia. „Produkte, Strom, Gas, meine Arbeitszeit. Wir haben doch jetzt Marktwirtschaft, Thomas.“

Er stand da, die Hand an der Kühlschranktür. Sein unteres Fach enthielt eine halbe Packung Toastbrot, zwei Dosen Ravioli und ein Stück Margarine in Alufolie.

„Du bist kleinlich“, presste er hervor.

„Ich halte mich an den Vertrag. Dein Fach ist unten. Guten Appetit.“

Er kochte sich Ravioli, während die beiden über die neue Serie sprachen. Die Nudeln schmeckten nach nichts.

Nach zwei Wochen wurde es eng. Das Waschmittel war leer. Thomas griff nach der Packung im Bad, aber sie war weg. Claudia hatte ihre Sachen in einen Schrank mit Vorhängeschloss geräumt.

„Kauf dir eigenes“, sagte sie, als sie mit einem Korb Wäsche vorbeiging.

Er wusch seine Unterhosen mit Handseife im Waschbecken. Die Hemden blieben zerknittert, weil das Bügeleisen plötzlich in Claudias Zimmer stand.

Am schlimmsten war Lenas Schweigen. Früher hatte sie ihm von der Schule erzählt. Jetzt ging sie an ihm vorbei, als wäre er ein Möbelstück.

Eines Abends kam sie in die Küche, als er ein trockenes Toastbrot kaute.

„Papa, unsere Klasse fährt im Mai nach Berlin. 150 Euro. Kannst du was dazugeben?“

Er schüttelte den Kopf. „Frag deine Mutter. Ich spare auf was.“

Lena blieb einen Moment stehen. „Klar. Auf Felgen.“ Dann drehte sie sich um und ging.

Ab da sprach sie nicht mehr mit ihm.

Am Samstag rief Helga an, Thomas‘ Mutter. Sie lebte in Dresden und meldete sich sonst nur zu Geburtstagen.

„Thomas! Ich bin in einer Stunde bei euch! Ich habe solche Lust auf Claudias Rouladen! Die Straßenbahn ab Hauptbahnhof fährt direkt zu euch, ich steh schon am Gleis!“

Thomas legte auf. Sein Magen zog sich zusammen. Er hatte völlig vergessen, dass seine Mutter sich für dieses Wochenende angekündigt hatte.

Er rannte ins Wohnzimmer. Claudia saß auf dem Sofa und lackierte sich die Fingernägel.

„Claudia! Meine Mutter kommt! In einer Stunde!“

Sie pustete über den Nagellack. „Schön für sie.“

„Bitte! Du musst kochen! Wenn sie sieht, dass der Tisch leer ist, macht sie mich fertig!“

„Deine Mutter, dein Problem. Wir haben getrennte Kassen. Und wir gehen jetzt sowieso einkaufen. Komm, Lena!“

Claudia stand auf, nahm ihre Handtasche. Lena zog sich wortlos die Jacke an. Die Wohnungstür fiel ins Schloss.

Thomas lief zum Supermarkt an der Ecke. Vor der Kasse eine Schlange bis zum Kühlregal. Er kaufte Fertigsuppe, Brötchen und eine Packung Aufschnitt. Als er zurückkam, hörte er schon die Klingel.

Helga trat ein, füllte den Flur mit ihrem Parfüm und ihrer Energie. Sie war eine große Frau mit strenger Frisur und der Angewohnheit, immer zuerst in die Küche zu gehen.

„Wo sind die Mädels?“, fragte sie und riss die Kühlschranktür auf.

Oben standen Claudias Behälter mit Salat, gefüllten Paprika und einem Schälchen selbstgemachter Mayonnaise. Auf dem mittleren Fach klebte ein Zettel: „Claudias Regal – bitte nicht anfassen.“

Helga griff nach einem Behälter. Thomas packte ihr Handgelenk.

„Nicht! Das gehört Claudia!“

Helga ließ die Tür zufallen. „Was soll das? Ich bin deine Mutter! Ich bin seit sechs Uhr unterwegs, ich habe Hunger!“

„Ich … ich habe Suppe gekauft. Und Brötchen. Setz dich, ich mache dir eine Tüte auf.“

„Eine Tüte?“ Helga starrte ihn an, als hätte er sie in ein fremdes Land entführt. „Du willst mir Dosensuppe vorsetzen, während deine Frau frische Paprika im Kühlschrank hat? Thomas, was ist los mit dir?“

In diesem Moment klackte das Schloss. Claudia kam zurück, weil sie ihr Portemonnaie vergessen hatte. Sie blieb in der Küchentür stehen, den Schlüssel noch in der Hand.

„Helga“, sagte sie ruhig. „Schön, dass du da bist. Aber das Essen im Kühlschrank ist meins. Dein Sohn hat ab dem Ersten getrennte Kassen eingeführt. Er spart für neue Alufelgen. Ich bin für mich und Lena zuständig, er für sich. Und für dich ist er zuständig, weil du seine Mutter bist. Ich habe ihm angeboten, für deinen Besuch einzukaufen, aber er meinte, dafür sei kein Geld da.“

Helga setzte sich auf den Küchenstuhl. Sie sah aus, als hätte man ihr die Luft abgedreht.

„Felgen“, sagte sie. „Du lässt deine Familie hungern, um dir Felgen zu kaufen? Und deiner Mutter bietest du Dosensuppe an?“

Thomas hielt die Packung Aufschnitt in der Hand. Er hätte sie am liebsten fallen lassen.

„Es ist nicht so, wie es aussieht“, murmelte er.

Helga schüttelte den Kopf. „Ich habe dich allein großgezogen, Thomas. Ich habe Nachtschichten geschoben, damit du neue Turnschuhe bekommst. Und du sitzest hier und rechnest deiner Frau die Kartoffeln vor?“

Sie stand auf, nahm ihre Handtasche.

„Ich fahre wieder. Gib mir ein Glas Wasser, dann gehe ich. Bei dir kann ich keinen Bissen runterkriegen.“

Claudia füllte ein Glas aus dem Wasserhahn und reichte es Helga. Die trank es im Stehen, stellte das Glas ab und ging zur Tür. Thomas lief ihr hinterher.

„Mama, warte!“

Helga drehte sich nicht um. „Ruf mich an, wenn du wieder klar im Kopf bist.“ Dann war sie weg.

Die Wohnung war still. Nur der Wellensittich von Frau Krüger pfiff von unten. Thomas setzte sich an den Küchentisch. Die Fertigsuppe stand noch im Karton. Er schob sie beiseite.

Er hörte, wie Claudia im Wohnzimmer mit Lena sprach. Sie lachten leise. Er saß drei Meter entfernt und fühlte sich wie hinter Glas.

Nach einer halben Stunde stand er auf. Seine Beine waren taub. Er ging ins Wohnzimmer, wo Claudia die Wäsche zusammenlegte. Er legte sein Portemonnaie auf den Couchtisch, daneben seine EC-Karte und einen kleinen Stapel Scheine.

„Hier“, sagte er.

Claudia hob den Kopf. „Was ist das?“

„Alles. Nimm es. Überweis alles zurück aufs Gemeinschaftskonto. Ich will keine getrennten Kassen mehr.“

Claudia legte das Handtuch zusammen, das sie in der Hand hielt. „Was ist mit den Felgen?“

„Scheiß auf die Felgen. Ich war ein Idiot. Es tut mir leid.“

Sie betrachtete ihn. Er stand da in seiner ausgeleierten Jogginghose, mit fettigem Haar, und sah aus wie ein Junge, der beim Lügen erwischt wurde.

„Setz dich“, sagte Claudia. „Im Kühlschrank sind Frikadellen von gestern. Wärm sie dir auf. Und biete Lena welche an. Aber nett.“

Thomas ging in die Küche. Er nahm die Schüssel mit den Frikadellen aus dem oberen Fach und stellte sie in die Mikrowelle. Als es piepte, rief er: „Lena! Willst du auch eine?“

Lena erschien in der Tür. Sie musterte ihn, als würde sie überlegen, ob er es ernst meint.

„Mit Senf?“, fragte sie.

„Ja. Und mit Gurke, wenn du magst.“

Sie setzte sich an den Tisch. Thomas legte ihr eine Frikadelle auf den Teller. Claudia kam dazu, lehnte sich an den Türrahmen. Die drei saßen da und aßen, Lena wischte sich Senf von der Lippe, Claudia schob ihr die Gurkenschale zu, und Thomas nahm sich die zweite Frikadelle, ohne zu fragen, ob sie vier Euro fünfzig kostete.

Am Montag rief er seine Mutter an. Er entschuldigte sich nicht lange, sondern sagte nur: „Ich habe das mit den Felgen begraben. Kommst du am Wochenende? Claudia macht Rinderrouladen.“

Helga zögerte. „Mit Rotkohl?“

„Ja. Und mit Klößen. Aber nur, wenn du mir den Nachtisch mitbringst. Deinen Apfelkuchen.“

Sie lachte leise. „Abgemacht. Aber wehe, du willst mir wieder Dosensuppe andrehen.“

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