Der Kranz, der zu spät kam

Renate Dombrowski stand in der Kapelle des Ostfriedhofs in Rostock und zählte die Blumengestecke. Sieben. Dabei hatte ihre Schwiegermutter, Ingeborg Kessler, in den letzten drei Jahren höchstens sieben Anrufe von der Familie bekommen — und die Hälfte davon war sie selbst gewesen, die anrief.

Es war ein Dienstag im November, kurz vor drei, und der Nieselregen klopfte gegen die hohen Fenster der Trauerhalle. Draußen auf dem Parkplatz stand eine Reihe blank polierter Kombis, ein neuer Passat, ein Audi mit Kennzeichen aus Hamburg. Drinnen roch es nach Lilien und nach dem kalten Stein der Bänke, und irgendwo hinten hustete jemand in ein Taschentuch.

Ingeborg war einundachtzig geworden. Sie hatte in einer Zweizimmerwohnung in Reutershagen gelebt, im vierten Stock ohne Aufzug, und Renate war es gewesen, die zweimal die Woche mit dem Bus die Treppen hochgestiegen war, mit einer Tüte vom Netto in der Hand — Quark, Vollkornbrot, die Herztabletten aus der Apotheke am Doberaner Platz. Ingeborgs eigener Sohn, Torsten, wohnte fünfundzwanzig Minuten entfernt in Warnemünde. Er hatte, wie er es nannte, "viel um die Ohren" — die Firma, die Kinder, der Stress. In den letzten zwei Jahren war er dreimal bei seiner Mutter gewesen. Einmal zu Weihnachten, einmal weil die Heizung kaputt war und er den Handwerker koordinieren musste, und einmal, weil Renate ihn angerufen und gesagt hatte, seine Mutter liege mit Fieber im Bett.

Jetzt stand er vorne, direkt neben dem Sarg, in einem Anzug, der aussah, als sei er extra für diesen Nachmittag gekauft worden. Seine Stimme brach an der richtigen Stelle. "Meine Mutter war der wichtigste Mensch in meinem Leben", sagte er, und die Trauergäste nickten, und eine Cousine aus Schwerin, die Ingeborg vielleicht dreimal in zehn Jahren gesehen hatte, wischte sich echte Tränen von den Wangen.

Renate saß in der zweiten Reihe und hörte zu, wie ein Fremder über eine Frau sprach, die sie besser kannte als jeder im Raum. Sie dachte an die Mittwochnachmittage, an denen Ingeborg am Küchentisch saß und aus dem Fenster auf die Straße schaute, in der Hoffnung, Torstens Auto würde vorbeikommen. Sie dachte an den Kuckuck aus der alten Wanduhr, der seit Jahren nicht mehr richtig schlug, weil niemand Zeit gehabt hatte, ihn reparieren zu lassen — außer Renate, die es dann selbst versucht und aufgegeben hatte.

Nach der Trauerfeier, im Foyer bei Kaffee und trockenem Streuselkuchen, kam Torsten auf sie zu. "Du hast das alles so gut gemacht, Renate. Die Organisation, die Blumen." Er drückte ihre Hand. "Mama hat dich so gemocht, weißt du das? Sie hat immer von dir erzählt."

Renate zog ihre Hand zurück, griff nach ihrer Tasse und rührte den längst kalten Kaffee um, während sie an etwas dachte, das im Raum niemand wusste. Vor sechs Wochen, an einem Sonntagabend, hatte Ingeborg sie gebeten, den Ordner aus der obersten Schublade der Kommode zu holen. Darin lag die Vollmacht, die Ingeborg zwei Jahre zuvor beim Notar in der Steinstraße hatte aufsetzen lassen, als Torsten noch versprochen hatte, sich "bald mal wieder zu melden". Die Vollmacht gab ihm das Recht, über ihr Konto bei der Ostseesparkasse zu verfügen, sobald sie selbst es nicht mehr könnte. Zweiundvierzigtausend Euro standen darauf, das Ersparte eines ganzen Arbeitslebens als Schneiderin.

"Ich will, dass du das änderst", hatte Ingeborg gesagt, die Finger um eine Tasse kalt gewordenen Tee gelegt. "Nicht für Torsten. Für dich. Du warst da."

Renate hatte widersprochen, wie es sich gehörte. Ingeborg hatte den Kopf geschüttelt und gesagt, sie solle nicht diskutieren, sondern zuhören, denn sie habe nicht mehr viele Abende, an denen sie klar genug im Kopf sei, um solche Dinge zu regeln. Am folgenden Donnerstag waren sie gemeinsam zum Notar gefahren, in einem Taxi, weil Ingeborgs Knie die Straßenbahntreppen nicht mehr schafften. Der Notar, ein ruhiger Mann mit einer Lesebrille, die er ständig aufsetzte und wieder absetzte, hatte die neue Vollmacht und ein handschriftliches Testament beurkundet. Es widerrief die alte Regelung vollständig.

Jetzt, im Foyer der Kapelle, mit Torsten, der von Liebe sprach, stellte Renate ihre Tasse ab, öffnete ihre Handtasche und zog einen cremefarbenen Umschlag heraus. "Der Notar hat mich gebeten, das nach der Beerdigung an die Familie weiterzugeben", sagte sie. Ihre Stimme war ruhig, ohne jede Schärfe. "Es ist eine Kopie für dich. Das Original liegt in der Kanzlei."

Torsten öffnete den Umschlag noch am Stehtisch, zwischen den Streuselkuchen-Tellern. Sein Gesicht veränderte sich, während er las — erst Verwirrung, dann etwas Härteres. "Das kann nicht stimmen. Ich bin ihr einziger Sohn."

"Sie hat es selbst unterschrieben, im vollen Bewusstsein, vor einem Notar", sagte Renate. "Du kannst gerne nachfragen, wann du das letzte Mal bei ihr warst, bevor du entscheidest, ob das gerecht ist."

Er stand da, den Umschlag in der Hand, faltete ihn einmal, dann noch einmal, während um ihn herum die Trauergäste weiter Kaffee tranken und über die schönen Blumen redeten. Niemand außer Renate bemerkte, dass er drei Minuten lang kein Wort mehr sagte.

Zwei Wochen später ging Renate zur Ostseesparkasse in der Lange Straße und legte die notariell beglaubigten Papiere vor. Die Sachbearbeiterin, eine junge Frau mit einem Kaffeebecher mit Aufdruck "Montags geht's auch so", prüfte die Unterlagen und richtete das Konto auf Renates Namen um. Renate nahm einen Teil des Geldes und ließ die alte Kuckucksuhr endlich reparieren — nicht für sich, sondern weil sie sie nicht wegwerfen konnte. Den Rest legte sie für die Enkelin an, Torstens Tochter, die einzige aus der Familie, die Ingeborg noch im Krankenhaus besucht hatte, mit selbstgemalten Bildern in der Hand.

Ein Jahr später, im darauffolgenden Herbst, erzählte die Enkelin Renate beiläufig, dass ihr Vater nie gewusst habe, dass Ingeborg im letzten Sommer noch einmal versucht hatte, ihn anzurufen — an einem Sonntag, an dem er nicht ranging, weil er, wie er später sagte, "gerade beim Grillen" war. Renate hatte diesen Anruf mitbekommen, weil sie zufällig neben Ingeborg gesessen und den Wählton drei Mal gehört hatte, bevor die Mailbox ansprang. Sie erzählte der Enkelin nichts davon. Sie stand auf, ging zur reparierten Kuckucksuhr an der Wand, stellte die Zeit um eine Minute nach vorne und ließ den Kuckuck einmal schlagen.

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