Das Kind mit seinen Augen

Mark saß am Fenster seiner Penthouse-Suite und sah auf den Zürichsee hinunter. In zwölf Stunden würde er heiraten. Nicht irgendwen – Sophia von Tannenberg, die Tochter eines der reichsten Immobilienmogule der Schweiz.

Er ließ den Eiswürfel im Whiskyglas kreisen. Vor fünf Jahren hatte er noch in einer Einzimmerwohnung in Oerlikon gelebt, hatte Nudeln mit Butter gegessen und davon geträumt, dass irgendjemand seine App-Idee ernst nahm.

Und jetzt das. Die Hochzeit des Jahres im Baur au Lac. Zweihundert Gäste, Menü von einem Zwei-Sterne-Koch, Champagner aus der Kellerei von Sophias Familie.

Mark lächelte vor sich hin.

Er dachte an Jana. Seine Ex-Frau. Die Frau, die ihn durch jede einzelne Nacht getragen hatte, als er nicht wusste, wovon er am nächsten Tag Lebensmittel kaufen sollte. Die nach ihren Zwölf-Stunden-Schichten im Triemli-Spital auf dem Sofa einschlief, während er am Küchentisch Codezeilen schrieb.

Er hatte sie geliebt. Wahrscheinlich war das das Problem gewesen.

Als der Erfolg kam, kam er schnell. Drei Monate nach dem Verkauf seiner Firma an eine Investorengruppe unterschrieb er die Scheidungspapiere. Nicht weil Jana etwas falsch gemacht hatte. Sondern weil sie nicht in diese neue Welt passte. Zu einfach, zu direkt, zu sehr Erinnerung an die Zeit, die er hinter sich lassen wollte.

Er hatte ihr die Papiere wortlos auf den Tisch gelegt.

Sie hatte ihn nur angesehen. Kein Weinen, kein Vorwurf. Nur dieser Blick, der ihn noch Wochen später nachts wach hielt.

Jetzt, in seiner Suite, griff Mark zum Telefon.

„Hast du die Einladung an Jana geschickt?“, fragte er seinen Trauzeugen.

„Ja, vor zwei Wochen. Aber wieso willst du –“

„Sie soll sehen, wo ich jetzt stehe. Dass ich gewonnen habe.“

Am nächsten Morgen stand Mark im elfenbeinfarbenen Massanzug vor dem Altar in der Banquethalle des Hotels. Kronleuchter aus Murano-Glas, Blumenarrangements aus weißen Orchideen, ein Streichquartett das Vivaldi spielte.

Sophia trat ein, in einem Kleid das mehr gekostet hatte als seine erste Wohnung, und Mark lächelte. Alles war perfekt.

Bis zur Cocktailstunde danach.

Mark stand mit einem Glas Krug-Clos-du-Mesnil an der Brüstung der Terrasse, als das Raunen durch die Menge lief. Ein Wagen war vorgefahren. Keiner der erwarteten Gästewagen, sondern ein dunkelblauer Volvo.

Jana stieg aus.

Mark setzte das Glas ab.

Sie trug ein Kleid aus fließendem silbrigem Stoff, das im Nachmittagslicht schimmerte. Ihre Haare waren kürzer als früher, präzise geschnitten, und sie bewegte sich vollkommen ruhig. Keine Spur von Nervosität.

Neben ihr ein Mann. Groß, kantiges Gesicht, gut geschnittenes Jackett. Und an ihrer Hand –

Ein Junge. Vielleicht fünf Jahre alt. Dunkle Locken, ein hellblaues Hemd, das aus irgendeinem Grund nach nassem Hund roch, als wäre es vorhin im Garten nass geworden und nur halb getrocknet.

Mark spürte, wie sich etwas in seinem Magen zusammenzog.

Der Junge sah auf. Und Mark sah in Augen, die er kannte. Die gleichen bernsteinbraunen Augen, die ihn jeden Morgen im Spiegel ansahen. Nur größer. Kindlicher, fragender.

Er stellte das Glas hin, ohne hinzusehen. Es kippte um, rollte über die Marmorbrüstung und zersprang auf dem Boden, aber er hörte es nicht. Er schmeckte Blut, weil er sich auf die Unterlippe gebissen hatte.

Seine Füße trugen ihn durch die Menge.

„Jana.“

Sie drehte sich zu ihm um. Ruhig. Als hätte sie diesen Moment tausendmal durchgespielt.

„Danke für die Einladung, Mark. Das ist Adrian, mein Verlobter.“ Sie deutete auf den Mann. Dann legte sie die Hand auf die Schulter des Jungen. „Und das ist Emil. Er wird nächsten Monat fünf.“

Fünf. Vor fünf Jahren.

Marks Kehle war trocken.

„Ist er –“

„Ich glaube, das weißt du schon.“ Jana strich Emil über den Kopf. „Schatz, das ist ein alter Freund von Mama. Sag Hallo.“

Emil sah zu ihm auf. Marks Augen. Marks Kinn, nur weicher. An seinem Handgelenk ein ausgefranstes rotes Armband, so eins, das Kinder in der Bastelstunde knüpfen. „Hallo“, sagte der Junge.

Mark konnte nicht antworten.

Vor fünf Jahren hatte er die Scheidung eingereicht. Jana hatte nichts gesagt. Kein Wort von einem Kind. Er hatte sie vor vollendete Tatsachen gestellt und sie hatte einfach nur dagestanden, in ihrer abgetragenen Jacke, und das Papier in der Hand gehalten.

Sie war schwanger gewesen. Und er hatte nichts gewusst, weil er nie gefragt hatte.

„Warum –“ Seine Stimme brach. „Warum hast du mir nie gesagt, dass du schwanger warst?“

Jana sah ihn lange an.

„Du hattest dich entschieden, Mark. Du hast gesagt, du gehörst nicht mehr in meine Welt.“ Sie stockte. Suchte nach Worten. „Ich wollte nicht, dass du nur wegen eines Kindes bei mir bleibst, das nicht mal du–“ Sie brach ab, atmete durch. „Das macht man nicht. Nicht als Grundlage. Nicht so.“

Daneben unterhielten sich Gäste, klirrten Gläser, spielte das Quartett einen Satz von Haydn. Niemand nahm Notiz von dem Mann im elfenbeinfarbenen Anzug, der Mühe hatte, nicht zu fallen.

Adrian legte Jana die Hand auf den Rücken. Eine Geste, die Mark beinahe körperlich traf.

„Wir wollen nicht stören“, sagte Jana. Sie atmete aus, als würde sie etwas abstreifen, das jahrelang gesessen hatte. „Wenn du ihn kennenlernen willst, können wir reden. Nicht heute. Aber vielleicht.“ Sie sah Adrian an, dann wieder Mark. Ihr Blick war nicht hart. Eher müde. Als wäre sie eine lange Strecke gelaufen und jetzt endlich am Ziel.

Mark wollte etwas sagen, erklären, dass er es nicht gewusst hatte – doch was hieß das schon.

„Ich will –“ begann er.

„Du musst gar nichts.“ Jana lächelte, und es war echt. Kein Triumph. „Ich bin nicht gekommen, um dir die Hochzeit zu verderben. Ich bin gekommen, weil du eingeladen hast. Weil ich wollte, dass du ihn siehst. Einmal.“ Sie zuckte die Schultern. „Der Rest… irgendwann.“

Sophia kam auf die Terrasse. Ihr Blick wanderte von Mark zu Jana, dann zu dem Jungen. Sie blieb stehen.

„Mark? Ist alles in Ordnung?“

Mark antwortete nicht.

Jana nahm Emil bei der Hand. „Komm, Schatz. Wir wollen Onkel Mark nicht länger stören. Er hat einen großen Tag.“ Und dann, leise, zu ihm gewandt: „Leb wohl, Mark. Wirklich.“

Sie ging. Adrian ging neben ihr, warf einen letzten Blick auf Mark, der nichts Verächtliches hatte, sondern nur ernstes, ruhiges Verständnis.

Emil drehte sich noch einmal um und winkte. Eine kleine, unsichere Bewegung. Das rote Armband rutschte ihm fast vom Gelenk, er zog es hoch, dann verschwanden die drei um die Ecke des Gebäudes.

Mark spürte, wie ihm jemand das umgekippte Glas aufhob, hörte Sophias Stimme von weit weg – irgendetwas mit „Gäste“ und „gleich Essen“ – und starrte auf die Stelle, wo gerade noch ein Junge mit seinen Augen gestanden hatte.

In der Suite lag noch die Einladungskarte. Die goldene Prägung, die geschwungenen Buchstaben, das Datum.

Er stand da, bis es dunkel war. Irgendwann kam ein Kellner, sammelte die restlichen Scherben auf und fragte, ob er etwas bringen könne.

Mark schüttelte den Kopf.

Er nahm sein Telefon. Wählte Janas Nummer. Es klingelte dreimal, dann viermal. Dann die Mailbox.

Nur Janas Stimme. Die gleiche wie früher. Ruhig. Erdig. Jemand, der um halb drei in der Nacht noch wach war, wenn alle anderen längst schliefen.

Er legte auf, ohne eine Nachricht zu hinterlassen.

Durch die Fensterfront sah er, wie der dunkelblaue Volvo vom Parkplatz fuhr und in den Abendverkehr einbog. Die Rücklichter wurden kleiner, verschwammen kurz im leichten Regen, der eingesetzt hatte, dann waren sie weg.

Mark zog die Krawatte etwas lockerer. Sein Kragen war durchgeschwitzt. Von unten, aus dem Saal, klang noch immer das Quartett herauf, Gläserklirren, Gelächter.

Er drehte sich um, ging zurück, nahm Sophias Hand und tanzte weiter.

Später, als die Gäste längst gegangen waren, saß er noch einmal an der Brüstung. Der Fleck vom Champagner war nicht ganz rausgegangen. Ein matter Schatten auf dem Marmor. Der Kellner hatte ihn weggewischt, aber die Verfärbung würde bleiben.

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