Freitags um zehn

An dem Morgen, als ich den Zettel zum ersten Mal sah, roch die Wohnung nach dem teuren Waschmittel, das meine Tochter immer online bestellt. Ich stand in ihrer Küche in Hamburg-Eimsbüttel, die Kühlschranktür schwang noch ein bisschen nach, und an der Magnettafel neben der Einkaufsliste hing jetzt ein neuer Plan. Mit meinem Namen. Unter „Freitag, 10–16 Uhr“ stand in der geschwungenen Handschrift meiner Tochter: „Wäsche zusammenlegen, bügeln, Mittagessen kochen – nach Anweisungen der Tagesmutter“.

Darunter, in einer ganz anderen Farbe, hatte jemand anders weitergeschrieben. Die Tagesmutter, nehme ich an. „Gemüsebrei ohne Salz, nur nach Rezept. Keine Kekse. Bitte Spielprotokoll ausfüllen und auf den Tisch legen.“ Spielprotokoll. In meiner Küche habe ich nie Protokolle geführt. Da lagen nur die Finger der kleinen Hände auf dem Tisch und klebten vom Apfelsaft.

Ich heiße Renate, bin vierundsechzig und lebe seit mein Mann vor sechs Jahren gestorben ist allein in einer Zweizimmerwohnung an der Osterstraße. Vor einem Jahr kam Emil zur Welt, mein erster Enkel, der Sohn meiner einzigen Tochter Silvia und ihres Mannes Markus. Und wenn ich heute zurückschaue, war Emil für mich so etwas wie das Licht im Treppenhaus, wenn unten die Birne durchgebrannt ist – man tastet sich weiter, weil man weiß, oben wartet was.

In den ersten Monaten war ich fast jeden Tag drüben. Silvia stillte, ich kochte. Silvia legte sich hin, ich schob den Kinderwagen durch den Weidenstieg-Park und sammelte Kastanien, die Emil noch nicht mal anschauen konnte. Ich bügelte die winzigen Strampler, die auf dem Wäscheständer aussahen wie bunte Segel von einem Spielzeugboot. Ich machte Möhrensuppe für Dienstag und Pfannkuchen für Donnerstag. Ich spürte, dass ich gebraucht wurde.

Dann ging Silvia wieder arbeiten. Sie ist Zahntechnikerin in Altona, Vollzeit. Markus ist Bauleiter und oft auf Montage, manchmal bis abends zehn in Lübeck oder weiter. Es brauchte also jemanden für die Betreuung. Ich dachte, es wäre klar, dass ich das mache. Rente, Gesundheit einigermaßen in Ordnung, ich wohne zwölf Minuten mit dem Bus 4 – was sollte dagegensprechen?

Eines Freitags im Oktober, als Markus mich nach Hause fuhr, sagte er beiläufig: „Renate, Silvia hat eine Tagesmutter gefunden. Montag bis Donnerstag deckt die alles ab. Du kommst dann freitags, wie bisher.“ Wie bisher. Als hätte man mir den Rand vom Kuchen übrig gelassen, den keiner mehr wollte.

Ich sagte nichts. Schaute aus dem Fenster. Auf dem Kanal draußen lag ein Boot mit einer Plane so grau wie der Himmel. Ich hab damals nicht geweint. Erst zu Hause, mit einem Becher Pfefferminztee und dem letzten angebrannten Stück von dem Kuchen, den ich eigentlich für Emils Taufe gebacken hatte, der aber nie abgeholt wurde.

Die Tagesmutter heißt Claudia, eine Frau um die vierzig, herzlich, mit einer ganzen Kitteltasche voller Qualifikationen. Beim ersten Treffen gab sie mir die Hand und sagte: „Frau Renate, ich hab schon viel von Ihnen gehört. Emil redet immer von seiner Oma.“ Professionell. Freundlich. Die Art, mit der man jemandem Platz macht, ohne dass der es sofort merkt.

Und dann tauchte dieser Zettel auf. Silvia hatte ihn laminiert und mit zwei Magneten an der Kühlschranktür befestigt – einem mit dem Hamburger Hafen und einem mit dem Michel. An meinem Namen: „Wäsche, bügeln, Essen – nach Anweisungen von Claudia“. Nicht „Oma“. Nicht „Emil bespaßen“. Bügeln.

Ich stand da, eine halb ausgetrunkene Tasse kalter Milch in der Hand, und fragte: „Sag mal, Schatz, wer hat denn diese … Anweisungen geschrieben?“

Silvia war mit dem Handy beschäftigt. Sie hob nicht mal den Kopf. „Claudia hat eine pädagogische Ausbildung, Mama. Die weiß, welche Tagesstruktur für Emil am besten ist. Feste Essenszeiten, kein Zucker, kein Salz vor dem ersten Jahr. Das ist kein Schikane, das ist ein System.“

„Und ich hab kein System?“, fragte ich leise.

„Mama, darum geht’s nicht.“ Jetzt sah sie mich an. „Emil braucht Konsequenz. Claudia führt ein Tagesprotokoll – was er gegessen hat, wie lange er geschlafen hat, wann die letzte Windel voll war. Du gibst ihm Kekse, wenn er schreit.“

„Er hat doch geschrien“, sagte ich, und es klang sofort dumm.

Silvia seufzte. Nicht boshaft. Eher mit dieser Müdigkeit, die ich nur zu gut kenne – ich hab sie selbst getragen, damals, als meine eigene Mutter, die selig sei, mir erklärte, dass Säuglinge ab dem dritten Monat Zwiebackbrei brauchen. Ich weiß noch, wie ich dachte: Warum versteht sie nicht, dass die Zeiten sich geändert haben?

Und da ist die Seite der Geschichte, die ich nicht sehen will. Denn ich verstehe Silvia. Irgendwo tief unter den Schichten aus Kränkung und verletztem Stolz verstehe ich sie vollkommen. Ich war genauso. Ich hab meine Mutter weggedrängt, als sie meinen Frank mit abgekochtem Fencheltee füttern wollte. Ich hab zu Markus, der damals noch mein Schwiegersohn in spe war, gesagt: „Sag deiner Mutter, sie soll den Brei nicht salzen.“ Er hat es gesagt. Seine Mutter hat geweint. Und ich fühlte mich im Recht.

Jetzt sitze ich auf der anderen Seite dieses Tischs.

Freitage, zehn Uhr. Ich schließe mit meinem Schlüssel auf, den sie mir noch nicht weggenommen haben. Der Flur riecht nach Emils Badezusatz – so ein Apfel-Shampoo für 4,95 von dm. Auf dem Küchentisch liegt der laminierte Speiseplan: Pastinaken-Kartoffel-Stampf, Hähnchen mit Reis, ungesüßtes Apfelmus. Ich koche. Ich bügle die Hemden von Markus, obwohl das nicht auf dem Zettel steht, aber ich mach’s halt. Und Emil sitzt im Hochstuhl und streckt die Ärmchen. Sagt „da-dada“, was bestimmt nicht Oma heißt, aber jedes Mal zieht’s mir den Hals zu.

Letzten Freitag hab ich ihm ein Dessert gemacht. Ganz einfachen Grießpudding mit einem Hauch Vanille, so wie früher für Silvia. Milch, ein Löffelchen Zucker, ein bisschen Liebe, die in kein Protokoll passt. Emil hat die ganze Schüssel leer gelöffelt. Hat mit dem Löffel auf die Tischplatte gehauen und „da-dada“ gerufen und noch irgendwas, das wie „mehr“ klang.

Am Montag rief Silvia an. In diesem sachlichen Ton, den sie bestimmt vor dem Badezimmerspiegel übt.

„Mama, Grießpudding steht nicht auf dem Ernährungsplan. Claudia sagt, Zucker in dem Alter stört den Schlafrhythmus. Bleib bitte bei den Absprachen.“

Ich hab nicht geantwortet. Ich hab aufgelegt und aus dem Fenster gesehen. Drüben auf dem Balkon vom Nachbarn flatterte so eine alte Fahne vom HSV im Wind, halb eingerissen, und ich hab an meinen Mann gedacht, der immer sagte: „Wenn der Wind dreht, hilft kein Gegenhalten – man muss die Segel anders setzen.“

Markus hält sich raus. Einmal, als er den Müll runterbrachte und ich ihm die Tüte hinhielt, sagte er leise: „Renate, Silvia will dir nicht wehtun. Sie will nur … die Kontrolle haben. Auf ihre Art. Wie du früher auch.“ Wie ich früher auch. Mein Schwiegersohn sieht das, was ich nicht sehen will.

Nächsten Freitag, heute, bin ich wieder hingefahren. Bus 4 bis zur Haltestelle Eimsbüttler Marktplatz, dann zu Fuß an dem Dönerladen vorbei, wo es immer nach verbranntem Hähnchen riecht, und in der Tasche die verbotenen Butterkekse. Nicht, weil ich Emil schaden will. Sondern weil ich ihm was mitgeben will, was nicht in einem laminierten Plan steht.

Ich schloss die Tür auf, hörte Emil im Wohnzimmer plappern. Claudia war nicht da, nur Silvia, die heute früher Schluss hatte. Sie saß auf dem Boden und baute mit Emil einen Turm aus bunten Bechern. Als sie mich sah, stand sie auf und wischte sich die Haare aus dem Gesicht.

„Mama, ich muss mit dir reden.“ Ihre Stimme war belegt, kein bisschen sachlich.

Ich dachte, jetzt kommt die nächste Vorschrift. Aber Silvia drückte mir den Becherturm in die Hand und sagte: „Ich hab den Plan von der Kühlschranktür genommen. Es tut mir leid. Claudia ist toll, aber ich hab begriffen, dass du nicht die Putzhilfe bist. Ich hab solche Angst, irgendwas falsch zu machen bei Emil, dass ich vergessen hab, dass du das alles schon durch hast. Dass du mich durchgebracht hast, ohne ein einziges Protokoll.“

Ich stand mit dem Becherturm, Emil riss ihn mir aus der Hand und lachte. Ich lachte auch, obwohl mir die Nase kitzelte. „Silvia“, sagte ich, „ich hab deiner Großmutter damals gesagt, sie soll in der Küche nicht rauchen. Sie hat draußen auf dem Balkon gestanden, im November, und ich hab nicht ein einziges Mal gefragt, ob sie friert. Ich hab auch nur an deine Gesundheit gedacht. Und sie an den Enkel, dem sie heimlich Zucker gegeben hat. Es macht sich keiner zum Helden damit, aber es geht immer weiter.“

Silvia setzte sich auf den Hocker und zog die Knie an. „Was machen wir jetzt?“

„Vielleicht“, sagte ich und hob Emil auf meinen Schoß, „heben wir die laminierten Pläne für die Werktage auf und lassen freitags die Oma ran. Ich kauf das Bio-Gemüse von Claudia, aber den Pudding mach ich trotzdem. Ohne Zucker. Mit einer Banane, die hab ich heute auf dem Markt geholt, die sind so reif, dass sie ganz von allein süß sind. Emil kann dann zweimal „mehr“ sagen, und ich tu so, als ob ich’s nicht verstehe, und du tust so, als ob du’s nicht siehst. Abgemacht?“

Silvia rieb sich mit dem Ärmel über die Augen. „Abgemacht. Und Mama? Die Kekse in deiner Tasche – die gibst du jetzt bitte ab. Aber nur heute. Morgen backst du mit Emil welche, salzfrei und mit Haferflocken, okay?“

Ich zog die Packung aus der Tasche und legte sie auf den Tisch. Neben den einzigen Magneten, der noch an der Kühlschranktür hing – ein kleines Holzboot, das ich mal aus Norwegen mitgebracht hatte. Emil patschte danach und sagte zum ersten Mal etwas, das wirklich wie „Oma“ klang. Es ging nicht um die Kekse. Es ging darum, dass auf meinem Platz in der Küche kein Name mehr nötig ist.

Like this post? Please share to your friends:
Uniad
Leave a Reply

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: