Die Turnhalle roch nach Bohnerwachs und dem leicht säuerlichen Aroma von Kinderfüßen in Gymnastikschuhen. Zwanzig Omas saßen auf wackeligen Stühlen, die Hände auf den Handtaschen, und versuchten, nicht zu weinen. Ich war eine von ihnen. Meine Finger umklammerten die Einladungskarte, die Jonas mir vor drei Wochen in die Hand gedrückt hatte. *Omatag. Komm bitte. Ich lese was vor.*
Achtzehn Monate lang hatte ich geglaubt, ich sei eine Oma auf Abruf. Eine, die zu Weihnachten einen Umschlag mit Geld in den Briefkasten schiebt, weil sie nicht mehr sicher ist, ob sie das Geschenk persönlich überreichen soll. Eine, die beim Familienessen den Mund hält, weil jedes Wort gegen eine unsichtbare Jury antritt.
Das verdammte Zitat hatte sich eingebrannt. Sabine, meine Schwiegertochter, hatte es zum ersten Mal beim Geburtstag von Jonas fallen lassen. Er war zehn geworden, einen Tag vor der Feier hatte ich einen Kuchen gebacken — Apfelkuchen mit Zimt, seinen Lieblingskuchen, den Zimt extra aus einem kleinen Laden in der Kölner Südstadt geholt, obwohl es ihn auch bei Edeka gegeben hätte. Als ich den Kuchen auf den Tisch stellte, sagte Sabine zu ihrer Freundin: „Inga ist vom alten Schlag. Die hat ihre Zeit doch längst hinter sich. Lass sie den Kuchen machen, das ist ihr kleines Hobby.“
*Hat ihre Zeit hinter sich.* Als wäre ich ein abgelaufener Joghurt. Mein Sohn Thomas, Bauingenieur bei einem Büro in Hannover, sagte nichts. Er verlagerte sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen, strich sich über den Dreitagebart und fragte, ob jemand noch einen Kaffee wolle. Mein Sohn. Mein Einziger. Ich hatte ihn allein großgezogen, nachdem sein Vater mit einer Friseurin aus Bielefeld durchgebrannt war. Thomas war fünfzehn. Ich saß nachts am Küchentisch in unserer Wohnung in Köln-Mülheim und nähte Kostüme für Schulaufführungen, damit er mithalten konnte mit den Kindern, deren Eltern zwei Einkommen hatten. Ich paukte mit ihm Mathe, obwohl ich selbst nur Hauptschule hatte. Als er sein Abi schaffte, heulte ich in der Straßenbahn, weil ein Mann mit Dackel mich komisch ansah und es mir egal war.
Jetzt wiegt dieser Mann vierundachtzig Kilo und schweigt, wenn seine Frau mich in Rente schickt. Nicht offiziell — offiziell bin ich mit einundsechzig aus dem Marienhospital in Kalk ausgeschieden, nach sechsunddreißig Jahren als Hebamme. Über viertausend Kinder. Hände, die Leben in die Welt gezogen haben, bevor irgendein Arzt den Raum betrat. Diese Hände sind jetzt Sabines Meinung nach tauglich für Blumen gießen und gelegentliches Kuchenbacken.
Das Schlimmste war nicht der Satz selbst. Das Schlimmste war die Häufigkeit. *Oma hat das meiste hinter sich.* Beim Abendessen. *Oma ist ein Gewohnheitsmensch.* Vor den Nachbarn in Hannover-Kirchrode, wo sie seit drei Jahren in einem weißen Neubau mit Glasvordach wohnen. Ich wohne weiter in Köln, bewusst, weil mich in ihrer Gegend jeder zweite Baum an diese Sätze erinnert hätte.
Jonas rief mich trotzdem an. Er war elf, hatte ein eigenes Handy und eine Art, durchs Display zu flüstern. „Oma, ich schreibe was über dich. Für die Schule. Aber du darfst nicht sagen, dass ich's verraten hab.“ Meine Hand um den Hörer wurde feucht. „Worüber schreibst du denn?“, fragte ich. „Über einen Menschen, den ich bewundere. Und ich nehm dich. Aber Mama sagt, ich soll wen anders nehmen. Sie findet, du… also, sie meint, du hast nicht so viel Spannendes gemacht. Aber ich find schon, Oma. Ich schreib das jetzt einfach.“ Dann legte er auf.
In der Turnhalle quietschte der Lautsprecher. Die Rektorin, eine Frau mit energischem Pferdeschwanz, rief Namen auf. *Emilia Yildiz… Marlene Fuchs… Jonas Wagner.* Jonas stand auf. Er trug ein kariertes Hemd, das ich ihm zu Weihnachten geschickt hatte, und seine Hände zitterten, als er die Karteikarten zurechtrückte. Er räusperte sich in den Hall.
„Der Mensch, den ich am meisten bewundere, ist meine Oma Inga.“ Seine Stimme überschlug sich kurz, fing sich wieder. „Meine Oma ist Hebamme. Also, sie war es. Sie hat Babys auf die Welt geholt. Nicht so mit Apparat und Bildschirm, sondern richtig. Mit ihren Händen. Das hat sie sechsunddreißig Jahre gemacht. Wenn man das zusammenrechnet, hat sie mehr als viertausend Menschen das erste Mal angefasst. Kein anderer Mensch, den ich kenne, hat so was gemacht. Viertausendmal jemandem auf die Welt helfen, das ist, als würde man in ein volles Stadion gehen und jeder einzelne wäre wegen dir da. Das ist heftig, finde ich. Und sie hat meinen Vater allein großgezogen, weil sein Vater einfach abgehauen ist. Meine Oma sagt nie, dass das schwer war. Aber ich hab mal ein Foto gesehen, wo sie mit meinem Vater an der Ostsee steht, da war sie ganz jung und hatte Augen, die aussehen, als hätten sie zwei Nächte nicht geschlafen. Ich glaube, sie hat früher viel geweint, aber sie hat es einfach gemacht. Ohne Theater. Manche Leute sagen, meine Oma hat ihre Zeit hinter sich. Aber ich glaube, das stimmt nicht. Meine Oma weiß die Namen von meinen Freunden in der Klasse auswendig. Meine Oma macht den besten Apfelkuchen der Welt mit Zimt oben drauf, den sie extra aus einem kleinen Laden in der Kölner Südstadt holt, obwohl es den Zimt auch bei Edeka gibt. Sie sagt, das schmeckt man. Meine Oma hat mir beigebracht, dass man eine Sache zu Ende macht, auch wenn es weh tut. Deshalb will ich auch so sein wie sie. Meine Oma hat viertausend Babys geholt — was hast du gemacht?“
Kurz rührte sich niemand. Dann setzte der Applaus ein, zögernd erst, dann wie ein aufziehendes Gewitter. Ich weinte nicht elegant, wie manche Omas das können. Ich saß da, und mein ganzer Kopf war nass, und ich bekam einen Schluckauf. Neben mir tätschelte eine fremde Oma meinen Arm, flüsterte: „Ein feiner Junge. Ganz fein.“ Nach der Feier wartete ich in der Aula, unter einer großen Uhr, deren Zeiger auf halb drei standen. Jonas kam angelaufen, diesmal ohne Rücksicht auf Klassenkameraden. Er bremste dreißig Zentimeter vor mir, boxte mich leicht gegen den Arm und sagte: „Na, zufrieden, Oma?“
Mehr als das.
Auf dem Gang, bei den Schließfächern, lehnte Sabine. Schwarzer Mantel, Lederhandschuhe, ein Gesicht, das immer so perfekt geschminkt war, dass es wirkte, als wäre sie nicht ganz echt. Sie sah mich an, und da war etwas, das sich nicht direkt benennen ließ. Keine Herablassung. Ein Riss in der Politur. „Das war ein ungewöhnlicher Text“, sagte sie leise. „Ich wusste nicht… also, er hat mir nicht alles vorher gezeigt.“ Ich nickte. „Er ist elf. Er muss dir nicht alles zeigen.“ Ich sagte es ohne Schärfe, einfach als Feststellung, und sie zuckte leicht mit den Mundwinkeln. Es war kein Lächeln, aber fast.
Im ICE zurück nach Köln, irgendwo zwischen Bielefeld und Hamm, graue Felder und Strommasten zogen vorbei, kam eine SMS. Absender: Sabine. *Möchten Sie nächstes Wochenende kommen? Jonas will Ihnen was in seinem Zimmer zeigen. Er hat einen neuen Bausatz, ein Raumschiff. Sie könnten zusammen dran bauen. Ich mach Abendessen. Liebe Grüße.*
Ich las die Buchstaben zweimal. Das Wort *Sie* — nicht *Inga*, nicht *Oma*, sondern einfach eine Einladung mit dem förmlichen Sie, das zwischen uns nie wirklich überwunden worden war, aber jetzt klang es anders. Nach einem vorsichtigen Schritt.
Ich schrieb zurück: *Komme gern. Soll ich Kuchen mitbringen?*
Drei Minuten später kam die Antwort: *Jonas fragt, ob es Apfelkuchen mit Zimt geben kann.*
Ich schob das Telefon in die Jackentasche und sah eine Weile lang auf die Felder hinaus, ohne etwas zu sehen. Dann zog ich Jonas' Karteikarten aus der Manteltasche, die er mir mit einem breiten Grinsen in der Schultoilette zugesteckt hatte, in einem unbeobachteten Moment. Auf der letzten Karte, ganz unten, hatte er mit Kuli geschrieben: *Oma, du bist die Beste. Dein Jonas.* Die Schrift war krakelig, das letzte Wort reichte fast über den Rand der Karte, und ich strich mit dem Daumen darüber, immer wieder, bis das Papier an der Stelle ganz weich wurde.
