Die zehnte Frist

Clara war nie eine Frau, die gern Szenen macht. Aber an diesem Donnerstag im Juni war es so weit. Sie stand in der Küche ihres eigenen kleinen Hauses in Potsdam und starrte auf den Notizzettel, den Renate ihr an den Kühlschrank geheftet hatte.

*Bin im Garten. Bring mir einen Eiskaffee, wenn du vom Lidl zurückkommst. Und denk an die Tabletten aus der Apotheke in der Brandenburger Straße.*

Darunter, in Klammern: *Nicht die von der Marke letztes Mal.*

Clara nahm den Zettel ab und zerriss ihn in vier gleiche Teile. Dann ging sie in den Garten.

Renate saß unter dem Maulbeerbaum in Claras bestem Liegestuhl. Sie hatte sich eine von Claras Leinenjacken über die Schultern gelegt, las ein Buch aus Claras Regal und schien vollkommen mit sich und der Welt im Reinen.

„Du hast meinen Zettel nicht gesehen“, sagte Renate ohne aufzublicken.

„Doch, habe ich.“ Clara zog den zweiten Liegestuhl heran und setzte sich. „Und ich werde dir keinen Eiskaffee bringen. Auch keine Tabletten. Der Einkauf ist deine Sache. Und mir gehört dieses Haus.“

Renate klappte das Buch zu. Eine dicke Hummel brummte irgendwo über dem Lavendel, und von der Straße klang das Klingeln der Tram Linie 93 herüber.

„Clara, fang jetzt nicht wieder davon an. Ich wohne hier seit fast zwei Jahren. Das ist meine Heimat geworden.“ Sie lächelte ihr schmales Rentnerinnen-Lächeln. „Du bist doch kein Unmensch. Und Mats kommt sowieso jeden Sonntag zum Kaffee. Du bleibst doch Familie, oder nicht?“

„Ich bin die Ex-Frau deines Sohnes. Seit einem Jahr geschieden. Das Haus gehört mir allein, geerbt von meiner Großmutter, bevor ich Mats überhaupt kannte.“ Clara hörte selbst, wie ruhig ihre Stimme klang. Fast geschäftsmäßig. Als würde sie einem Mandanten die steuerliche Lage erklären.

Renate seufzte und nahm den Strohhut vom Kopf. Darunter kam graumeliertes, kurzgeschnittenes Haar zum Vorschein. Sie sah nicht aus wie eine Frau, der man gerade eröffnet hatte, dass ihr Bleiberecht abgelaufen war. Sie sah aus wie jemand, der eine lästige Verzögerung im gewohnten Ablauf registriert.

„Das Haus“, sagte Renate und betonte das Wort, als müsse sie es einem Kind erklären. „Mats hat hier sieben Jahre gewohnt. Er hat den Apfelbaum hinten geschnitten, den Zaun gestrichen. Glaubst du wirklich, das zählt nicht?“

„Das zählt für Mats. Aber Mats wohnt jetzt in Berlin-Mitte bei seiner Freundin Jana. Und du, Renate, wohnst bei mir. Ohne Mietvertrag. Ohne Anmeldung. Ohne jede rechtliche Grundlage außer meiner Gutmütigkeit. Und die ist aufgebraucht.“

Clara stand auf. Die Knie des Liegestuhls drückten sich in den Rasen, und ein paar trockene Grashalme blieben an ihrer Jeans kleben. Es war der fünfzehnte Juni. Sie hatte sich das Datum im Kalender markiert, rot unterstrichen, mit einem Punkt dahinter. *Letzte Frist.*

Wie alles angefangen hatte, wusste Clara noch genau. Es war ein verregneter Novemberabend gewesen, drei Jahre zuvor. Mats hatte angerufen, sie solle schon mal Tee aufsetzen, seine Mutter komme mit der Regionalbahn aus Wittenberg. „Nur für ein paar Tage“, hatte er gesagt. „Ihr tat das Knie so weh, sie traut sich allein kaum noch die Treppe runter. Und der Arzt in der Charité hat endlich einen OP-Termin. Danach braucht sie Schonung. Vielleicht zwei, drei Wochen.“

Damals hatte Clara sich noch für eine gute Schwiegertochter gehalten. Sie hatte das Gästezimmer frisch bezogen, Lavendelsäckchen aufs Kopfkissen gelegt und den Pflegedienst in der Nähe herausgesucht. Sie kochte Gemüsesuppe und fuhr Renate zur Krankengymnastik. Sie hörte zu, wenn Renate von ihrem Haus in Wittenberg erzählte, das so kalt sei im Winter, und von dem Garten, der ihr über den Kopf wachse.

Aus drei Wochen wurden sechs. Aus sechs ein halbes Jahr. Das Knie heilte längst gut aus, aber Renate entdeckte immer neue Gründe zu bleiben. Ihr Blutdruck sei zu hoch, der Fahrstuhl im Haus so praktisch, und das Haus in Wittenberg müsse ja ohnehin irgendwann verkauft werden. „Nur nicht überstürzen“, sagte sie.

Und Clara fügte sich. Weil sie dachte, das sei der Preis für eine intakte Familie. Sie hatte selbst kaum Verwandte, nur einen Bruder in Leipzig und eine Cousine, die sie zweimal im Jahr sah. Die Vorstellung, Teil einer großen Familie zu sein – mit Mats, seiner Mutter, den Sonntagen im Garten –, die wärmte sie.

Dass dieser Familie längst etwas Bruchstellenhaftes anhaftete, merkte sie erst, als Mats anfing, sie anders anzuschauen. Nicht böse, nicht lieblos. Nur abwesend. Wie jemanden, den man nicht mehr wirklich sieht, weil die Gewohnheit den Blick getrübt hat.

Es war ein Dienstag im April, als Clara früher von einem Fotoshooting in der Schiffbauergasse zurückkam. Sie war selbstständige Porträtfotografin und hatte den Auftrag, eine Hochzeitsgesellschaft vor dem Waschhaus zu porträtieren. Die Braut war um drei durchgedreht, der Bräutigam hatte zu viel Prosecco getrunken, und Clara war vor Erschöpfung fast im Stehen eingeschlafen. Sie wollte nur noch nach Hause, die Beine hochlegen und kein Wort reden.

An der Haustür hörte sie Stimmen durch das geöffnete Küchenfenster. Renate und Mats. Sie blieb stehen, den Schlüssel schon in der Hand.

„Du musst dich jetzt nicht gleich scheiden lassen“, sagte Renate. Ihre Stimme klang fast heiter. „Clara ist doch nicht dumm. Sie hat dich lieb. Wenn du ein bisschen Geduld zeigst, kriegt sie sich wieder ein, und dann läuft alles wie vorher. Ich bleib in der Zeit einfach hier, das gibt Stabilität. Das Haus ist gut, der Garten ist wunderbar. Wozu soll ich zurück nach Wittenberg? Da ist nichts mehr für mich. Hier ist mein Leben. Sie wird das schon verstehen. Und wenn nicht – dann muss sie sich halt dran gewöhnen. Ist schließlich nie verkehrt, wenn eine Frau weiß, wo ihr Platz ist. Und wenn sie nicht spurt, dann streich ihr das nächste Mal die Haustür in einer Farbe, die ihr nicht gefällt. Psychologie, mein Junge. Man nennt das Psychologie.“

Clara stand da, den Schlüsselbund so fest in der Faust, dass der Bart des Haustürschlüssels sich in ihre Handfläche drückte. Sie atmete flach und leise und starrte auf die roten Backsteine des Hauses. Auf die Fensterbank, die sie selbst gestrichen hatte. Auf das Klingelschild, auf dem *C. Winkler* stand, nicht *Familie Nachtweih*.

Mats antwortete etwas. Clara hörte nur Fetzen: „…wird sich schon dran gewöhnen… Habe ihr gesagt, ein Jahr zum Sortieren… Hauptsache, niemand rennt zum Anwalt, das Haus ist ja ihres…“.

Kein Widerspruch. Kein *Mama, das kannst du nicht machen*. Nur ein mildes Schulterzucken in der Stimme.

An diesem Abend kochte Clara keine Suppe. Sie setzte sich ins Wohnzimmer, holte den Ordner mit den Hausunterlagen aus dem Schrank und ging jedes Blatt durch. Grundbucheintrag, Kaufvertrag von damals – sie hatte das Haus von ihrer Oma überschrieben bekommen, lange vor der Ehe mit Mats. Die Großmutter hatte gewollt, dass Clara immer ein eigenes Zuhause hat, egal was kommt. Clara war Einzelkind, ihre Mutter früh gestorben. Die Oma war die einzige gewesen, die je gesagt hatte: *Sorg für dich selbst, mein Mädchen, kein Mensch tut das für dich.*

Die Scheidung zog sich nur zwei Monate hin. Kein Sorgerechtsstreit, keine Kinder, kein gemeinsam erwirtschaftetes Vermögen, das es zu teilen galt. Nur ein Auto, das Mats mitnahm, und ein Haus, das Clara blieb. Sauber. Klar. Endgültig.

Mats kam am Tag nach dem Gerichtstermin mit einem Karton unter dem Arm und dem Versuch eines Lächelns. „Ich hol die restlichen Sachen nächste Woche. Und Mama… gib ihr einfach ein bisschen Zeit, okay? Sie braucht Struktur. Sie hat doch nichts als uns beide. Und in ihrem Alter.“

Clara sah ihn über die Türschwelle hinweg an. Ein Mann von Ende dreißig, vollbarttragend, in einem T-Shirt von einem Berliner Start-up, das er nie zu Ende gegründet hatte. Ein großer Junge mit immer etwas zu langen Haaren und immer etwas zu kurzen Lösungen.

„Zwei Wochen“, sagte Clara. „Ich gebe ihr zwei Wochen, um ihre Sachen zu packen und zurück nach Wittenberg zu gehen. Oder wohin sie will. Aber nicht mehr hierher. Und du redest mit ihr. Ist deine Mutter, also dein Gespräch. Wenn du Hände brauchst: deine Schwester Kathrin hat auch noch ein Gästezimmer in Spandau. Fragt sich nur, warum sie sich nie von selbst meldet, hm?“

Mats kratzte sich den Bart. Brach den Blickkontakt ab. „Klar, ich red mit ihr. Ich versprech’s. Aber vielleicht ja erst mal in Ruhe ankommen lassen, und dann…“

„Mats. Zwei Wochen. Ich hab einen Kalender und einen Anwalt. Im Zweifel beide für dich da.“

Er zog die Schultern hoch und ging. Das Versprechen hatte das Gewicht von etwas, das nie eingelöst wird.

Die vierzehn Tage, die folgten, lehrte Clara mehr über passive Aggression als jedes Buch. Renate verlegte sich aufs stille Leiden. Sie seufzte beim Frühstück, so dass es in der ganzen Küche hallte. Sie hinkte stärker als je zuvor, obwohl die Orthopädin beim letzten Termin von einer „vollständigen Wiederherstellung der Gelenkfunktion“ gesprochen hatte. Sie telefonierte stundenlang mit ihrer Tochter Kathrin und mit Nachbarn – hörbar durch die angelehnte Tür – und erzählte, dass Clara sie vor die Tür setze, obwohl sie doch krank sei und niemanden habe.

Die Nachbarin von links, Frau Kowalski, fing Clara eines Morgens an der Mülltonne ab. Sie war eine kleine Frau mit wachen Augen und einem großen Interesse an fremden Leben.

„Frau Winkler, sagen Sie mal, stimmt das, was Ihre Schwiegermutter erzählt? Sie würde einfach so rausgeworfen? Ohne Geld, ohne Wohnung, mit dem kaputten Knie?“

Clara klappte die Mülltonne zu. Der Deckel knallte dumpf. „Frau Kowalski, das Haus gehört mir. Renate ist meine geschiedene Schwiegermutter. Sie hat ein eigenes Haus in Wittenberg, eine Tochter in Spandau und einen Sohn in Berlin. Sie ist hier weder gemeldet noch mittellos. Ich habe ihr Fristen gesetzt, ihre Kinder sind informiert. Das ist kein Rauswurf, das ist eine Übergabe der Verantwortung an die eigenen Angehörigen.“

Frau Kowalski blinzelte. In ihrem Kopf schoben sich offenbar neue Puzzleteile zu einem deutlich weniger sentimentalen Bild zusammen. „Ach so. Na dann. Ich dachte schon, Sie wären so eine.“ Sie zögerte und fügte dann hinzu: „Die Knoblauchpresse, die sie mir Dienstag geliehen hat, ist übrigens von Ihnen, nicht wahr?“

Clara musste fast lächeln. „Ja. Ich hätte sie gern zurück. Lässt sich einrichten. Bis zum Samstag, wenn Renate auszieht. Sie können sie mir dann einfach in den Briefkasten werfen. Samstag um sechs ist Deadline. Kommen Sie ruhig vorbei, wenn Sie was sehen wollen – wird vielleicht ein Schauspiel. Renate liebt ja Publikum. Und bringen Sie Popcorn mit, das könnte was werden.“

Sie wusste nicht genau, wann in all dem Mitleid und den Rechtfertigungen die Wut gewichen war und einer kalten, glasklaren Entschlossenheit Platz gemacht hatte. Vielleicht in der Nacht nach dem Küchengespräch. Vielleicht am Tag der Scheidung, als Mats zum Abschied gesagt hatte: „Hoffentlich bereust du das nicht.“ Vielleicht auch erst jetzt, bei der Sache mit der Knoblauchpresse. Egal. Die Entscheidung war gefallen und lag so fest wie die Maulbeerbaumwurzeln unter dem Garten.

Am Tag der gesetzten Frist – es war ein Samstag, schwül, die Luft voller Gewittergrollen – parkte gegen zehn Uhr morgens ein kleiner Transporter vor Claras Haus. Heraus stiegen Kathrin, Mats’ Schwester, und deren Mann Robert, ein wortkarger Bauingenieur, der aussah, als habe man ihn für etwas bestraft.

„Wir sind da“, rief Kathrin zur offenen Haustür hinein. „Mama, bist du fertig? Wir laden jetzt ein. Robert hat nur bis zwei Uhr den Wagen, danach muss er zurück zur Firma. Die Baustelle in Falkensee wartet nicht.“

Renate saß am Küchentisch, vor sich eine Packung Taschentücher und einen angefangenen Brief. Sie war nicht fertig. Sie hatte überhaupt nichts gepackt. Zwei prallvolle Reisetaschen standen im Flur, das meiste davon schien Kleidung zu sein, die Renate erst bei Clara angeschafft hatte. Der Kleiderschrank im Gästezimmer war noch voll. Ebenso das Bad – Tinkturen, Salben, ein ganzes Arsenal an mitgebrachten Medikamenten.

„Das ist so eine Hetze“, sagte Renate und schniefte effectvoll. „Ich kann mich nicht konzentrieren bei dem Druck. Ihr habt alle kein Herz. Clara hat euch vergiftet, ihr seid nicht mehr meine Kinder. Früher, früher hätte es so was nicht gegeben, da hat man noch gewusst, was Respekt ist. Früher hätte eine Schwiegertochter…“

Kathrin ging wortlos zum Schrank, riss die Türen auf und begann, Kleiderbügel herauszunehmen. Anzüge. Blusen. Ein langer Wollmantel, den Renate im Februar bei Karstadt gekauft hatte – mit Claras Geld, für einen Arztbesuch, zu dem sie dann nie gegangen war.

„Mama. Packen. Jetzt. Wir verschwenden hier nicht den ganzen Tag, weil du auf Zeit spielst. Weißt du, wer mich gestern Abend angerufen hat? Frau Kowalski. Hast du ihr wirklich erzählt, Clara würde dich schlagen?“

Clara, die mit verschränkten Armen im Türrahmen lehnte, zog überrascht die Augenbrauen hoch. Das war neu. Auch das noch.

Renate presste die Lippen zusammen. Unter ihrer verletzten Miene funkelte das fahle Licht des Ertapptseins. „Das hab ich so nie gesagt. Ich hab nur – sie hat mich gefragt, ob ich Angst habe. Und da hab ich gesagt, wenn jemand so kalte Augen hat wie die, dann weiß man nie, wozu die fähig ist. Das ist doch keine Unterstellung, das ist einfach ein Gefühl. Und Gefühle sind einem doch wohl erlaubt, in diesem Land.“

„Mama. Das reicht jetzt wirklich.“ Robert sprach zum ersten Mal. Seine Stimme war leise, aber trug. „Du packst. Oder wir fahren ohne Gepäck, und deine Sachen kommen nächste Woche per Paketdienst. Ich mach das nicht zu meinem Dauerzustand, dass ich hier den Möbelpacker für deine Machtspiele spiele. Du hast dein Haus in Wittenberg. Warum gehst du nicht einfach dahin zurück, wo du herkommst? Das ist eine gute Gegend, da hast du Nachbarn, die du seit dreißig Jahren kennst. Warum muss es immer das Haus von einer Frau sein, die gar nichts mehr mit dir zu tun hat?“

Es war, als hätte jemand ein Fenster in einem stickigen Raum geöffnet. Etwas, das jahrelang unausgesprochen im Raum gestanden hatte, war jetzt draußen. Renate sah ihre Tochter an, dann den Schwiegersohn, dann Clara. In ihrem Gesicht kämpften Empörung, Verletztheit und das Erwachen einer Wahrheit, die sie all die Jahre erfolgreich ignoriert hatte.

Clara ging zum Küchenschrank und holte einen großen Gefrierbeutel hervor. Darin bewahrte sie die Schlüssel zum Gartenhaus und zur Seitentür auf – Schlüssel, die sie vorsichtshalber vor zwei Tagen schon an sich genommen hatte. Sie legte den Beutel auf den Tisch, direkt neben Renates Taschentuchschachtel.

„Du musst nichts packen, was du nicht schaffst, Renate. Der Rest deiner Sachen kommt mit dem Postversand. Ich hab heute Morgen schon eine flache Box bei der Post geholt, die große. In zwanzig Minuten macht die Filiale in der Friedrich-Ebert-Straße auf, da kann Robert sie als Paket aufgeben, kostet vierzehn Euro fünfzig, das geb ich dir sogar noch aus eigener Tasche. Aber um sechs Uhr heute Abend sind alle Dinge, die dir gehören, aus diesem Haus verschwunden. Und die Schlüssel aus dem Beutel hier liegen in meiner Hand. Alle. Das hier“, sie zog den Hausschlüssel aus der Tasche, „gehört mir. Und den kriegst du jetzt, bitte schön. In meine offene Handfläche. Nicht auf den Boden, nicht gegen die Wand. In die Hand.“

Renate rührte sich nicht. Sie starrte auf den Schlüssel in Claras Fingern. Draußen grollte der erste Donner, ein tiefes, langes Rollen über den Dächern von Potsdam. Irgendwo bellte der Hund der Nachbarsfamilie, Herrn Lehmanns alter Schäferhundmischling, der immer bei Gewitter nervös wurde.

„Wenn du mir den Schlüssel nicht in die Hand gibst“, sagte Clara vollkommen ruhig, „dann rufe ich jetzt die Polizei. Wegen Hausfriedensbruchs. Ich habe alle Unterlagen parat, den Grundbuchauszug, die Scheidungsurkunde, die Meldebescheinigung, die zeigt, dass du hier nie offiziell gewohnt hast, nur geduldet warst. Wir können das gern offiziell machen, ganz groß, mit Protokoll und Zeugen. Frau Kowalski und Herr Lehmann stehen beide bereit, hab sie gefragt, sie warten nur auf ein Zeichen. Deine Entscheidung. Du hast die Wahl zwischen Würde und Polizei, ganz wie du willst. Aber entscheiden wirst du dich jetzt, nicht später und nicht irgendwann. Die Zeit ist um, Renate. Zwölf ist vorbei. Vorhang zu. Ende der Vorstellung. Applaus hält sich in Grenzen, aber du hast ohnehin nie für Applaus gespielt, oder?“

Ein langer Moment. Dann, mit einer Bewegung, die alles an unterdrückter Wut enthielt, was Renate in den letzten Wochen angestaut hatte, riss sie den Schlüssel aus dem Beutel und warf ihn in Claras ausgestreckte Hand. Nicht direkt hinein – er prallte gegen die Fingerkuppen, kullerte fast auf den Boden, aber Clara fing ihn mit der linken Hand auf.

„Danke“, sagte Clara. „Das war Schritt eins. Schritt zwei läuft über die Paketbox. Schritt drei über die Haustür. Ich helf dir sogar beim Einsteigen in den Transporter, wenn du magst. Das Wetter wird schlecht, ihr solltet vor dem Starkregen loskommen. Der Stau Richtung Westen ist ab mittags immer schlimm, und Robert muss ja noch nach Falkensee. Also los jetzt, ab die Post. Tschüss, Renate. Hat seinen Grund, dass deine Tochter nie angerufen hat, um dich abzuholen, oder? So einen Grund gibt es immer. Den findest du im Spiegel, wenn du genau hinschaust. Oder lass es bleiben. Ist dein Problem, nicht meins. Nicht mehr. Heute nicht und morgen nicht und nie mehr. Tschüss, Kathrin. Danke fürs Vorbeikommen. Du weißt, wo der Briefkasten hängt, falls es noch was zu klären gibt. Tschüss, Robert. Grüße an die Familie, und viel Erfolg bei dem Projekt in Falkensee.“

Sie sagte nicht „tschüss, Mats“. Mats war nicht da. Er hatte sich den ganzen Tag nicht blicken lassen, lag wahrscheinlich bei Jana auf dem Balkon, die Füße hochgelegt, und hoffte, dass sich alles von selbst löste, wie immer, wenn es ernst wurde. Clara vermisste seine Anwesenheit nicht. Sie hatte den einfacheren Teil des Problems schon gelöst – den männlichen. Jetzt löste sie den schwierigeren.

Bis sechs Uhr abends war das Haus leer von Renates Sachen. Zwei große Pakete, ein paar lose Tüten mit Büchern und Nippes, der unvermeidliche halbvolle Medikamentenkarton. Und dann stand Clara allein in ihrem Haus und hörte, wie Kathrins Wagen draußen vom Hof rollte. Das Grollen des Gewitters wanderte nach Osten weiter, das Licht über dem Garten wurde weich und golden.

Clara ging von Zimmer zu Zimmer. Das Gästezimmer: leere Schränke, abgezogenes Bett. Das Bad: ihre eigene Seife, ihr eigenes Shampoo, kein Geruch mehr nach Kampfer und altem Pfefferminztee. Die Küche: kein fremder Zettel, kein „Räum das mal weg, der Kuchen muss atmen“. Nur die stille Ordnung einer Frau, die wieder allein bestimmte, wann gegessen, wann gelüftet, wann gar nichts getan wurde.

Am Sonntagmorgen wachte Clara früh auf, nicht vom Radio im Bad gestört, sondern vom hellen Licht hinter den Vorhängen. Sie machte sich einen Kaffee, setzte sich im Bademantel auf die Terrasse und sah dem jungen Maulbeerbaum zu, wie er sich im Wind bewegte. Ein paar Blätter hatten schwarze Flecken, das würde sie googeln später. Später. Kein Drängen, keine Frist, kein Blick auf die Uhr.

Ihr Handy summte. Eine WhatsApp von Mats, geschrieben um 23:47 Uhr. Die Zeit zeigte, dass Jana schon geschlafen hatte und er allein auf dem Balkon gesessen und auf den nächtlichen Innenhof der Berliner Mietskaserne gestarrt hatte, das Bier warm und die Stimmung im Keller:

*Du hast es wirklich durchgezogen. Mama weint. Bist du jetzt zufrieden?*

Clara tippte eine Antwort, langsam, mit dem Zeigefinger.

*Deine Mutter wohnt bei ihrer Tochter. Das ist gut. Mein Haus ist endlich wieder mein Haus. Das ist auch gut. Alles hat seine Ordnung. Nenn mich nicht zufrieden. Nenn mich einfach die Frau, die irgendwann denselben Film nicht mehr sehen wollte.*

Einen Moment später ein weiterer Piepton von Mats: *Du bist so kalt geworden.*

Clara schrieb das letzte Mal an diesem Sonntag:

*Nein, Mats. Ich bin warm genug, um meine eigenen vier Wände zu heizen. Das reicht. Alles Gute für dich.*

Dann blockierte sie seine Nummer. Nicht für immer, aber für die nächsten drei Wochen, bis der August den Sommer in den Endspurt führte. Sie trank ihren Kaffee aus und dachte an ihre Großmutter. Daran, wie die alte Frau in genau dieser Küche gestanden und gesagt hatte: *Wenn jemand dein Zuhause nicht respektiert, Kind, dann hat er darin nichts verloren. Nicht für eine Nacht, nicht für zwei Jahre. Zuhause ist heilig. Lass dir das nie ausreden. Von niemandem. Heute nicht und morgen nicht. Verstanden?*

Clara hatte es verstanden. Es hatte nur dreißig Jahre und eine gescheiterte Ehe gebraucht, bis die Worte wirklich in ihr angekommen waren. Aber jetzt waren sie da.

Eine Woche später streifte sie die oberste Erdschicht unter dem Maulbeerbaum und legte ein Beet mit spätblühenden Rosen an. Während sie grub, hörte sie Frau Kowalski von nebenan rufen: „Na, Frau Winkler, Gärtnern? Soll ich Ihnen was vom Baumarkt mitbringen nächste Woche? Die haben Angebote für Stauden, sechs Stück für neun Euro neunzig. Hab den Prospekt im Briefkasten gehabt. Soll ich Ihnen den rüberwerfen?“

„Gern“, rief Clara zurück. „Und sagen Sie Herrn Lehmann, sein Hund darf ruhig wieder durch den Zaun zu mir rübergucken. Ich hab nichts gegen Besucher. Ich hab nur was gegen Besucher, die den Müll nicht rausbringen.“ Sie klopfte die Erde von den Handschuhen. Die Sonne stand hoch, warm, aber nicht mehr so drückend wie im Juni. Es würde ein langer, schöner restlicher Sommer werden.

Clara stand auf, klopfte sich die Erde von den Handschuhen und betrachtete die frisch gesetzten Rosen. Ihre Wurzeln waren noch jung, kaum mehr als ein Bündel empfindlicher Fäden, aber sie würden wachsen. Sie mussten nur die richtige Erde unter sich haben und genug Licht. So wie alles, was von innen heraus stark werden will.

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Uniad
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