Der Abend, an dem sie den Schlüssel hinlegte

Ich heiße Katrin. Ich arbeite seit sieben Jahren in einem kleinen Café in Bremen, direkt gegenüber vom Schnoorviertel. Es heißt „Kaffeeklatsch", die Tische sind aus altem Holz, und die Türglocke bimmelt so hoch, dass man sie selbst beim stärksten Regen hört. An jenem Dienstag hatte ich eigentlich frei, aber meine Kollegin rief um siebzehn Uhr an, ihr Sohn hätte Fieber, ob ich einspringen könnte. Ich sagte zu, weil ich das Geld für die Klassenfahrt meiner Tochter noch zusammenbekommen musste. Es regnete in Strömen, die Straßenlaternen spiegelten sich auf dem nassen Kopfsteinpflaster, und in meiner Jackentasche steckte noch das zerknitterte Kaugummipapier, das mir mein Sohn am Morgen geschenkt hatte.

Gegen zwanzig nach sieben kamen sie herein. Er zuerst, dann sie. Er bestellte zwei Latte Macchiato und ein Stück Apfelkuchen. Sie trug einen beigen Trenchcoat, obwohl es viel zu warm war, und ihre Handtasche klemmte sie sich unter den Arm, als hätte sie Angst, sie zu verlieren. Sie setzten sich an den Tisch neben der Tür, direkt unter die kaputte Neonlampe, die seit Wochen flackerte und dem ganzen Bereich ein nervöses Zittern gab.

Ich stand hinter der Theke und polierte Gläser. Meine Schicht endete um neun, aber ich konnte nicht anders, als zu ihrer Ecke hinüberzuhören. Zuerst sprachen sie leise, ich verstand nur Wortfetzen. Dann wurde ihre Stimme lauter, schärfer. Sie legte ihr Telefon auf den Tisch, Display nach unten, und beugte sich vor. Er rührte in seinem Kaffee, ohne zu trinken.

„Jetzt sag es mir, Christian", hörte ich sie sagen. „Ich kann nicht mehr raten. Du hast eine Woche lang so getan, als wäre alles in Ordnung, aber ich weiß, dass es das nicht ist. Ich habe den Kontoauszug gesehen. Also rede."

Er antwortete nicht sofort. Er nahm den Löffel, legte ihn beiseite, verschränkte die Arme. Ich sah, wie sich seine Schultern hoben, als wollte er etwas sagen, aber dann schüttelte er den Kopf. „Nicht hier", murmelte er.

„Doch, hier." Ihre Finger umklammerten den Rand der Kuchenplatte. „Ich habe es satt, mir jede Nacht tausend Szenarien auszumalen. Gestern dachte ich, du hättest eine Affäre. Vorgestern dachte ich, du wärst krank und wolltest es mir nicht sagen. Heute fand ich die Buchung über achttausend Euro. Achttausend. Für ein Grundstück in Brandenburg, von dem ich nichts weiß. Sag mir, wem das gehört."

Ich blieb stehen, das Glas in meiner Hand vergessen. So eine Summe in einem Café am Abend, zwischen Apfelkuchen und Regen – das passte nicht zusammen. Ich wollte nicht lauschen, wirklich nicht, aber meine Füße bewegten sich nicht. Ich zog den Lappen über die Theke, immer wieder dieselbe Stelle, während sie fortfuhr.

„Ich habe alles durchgerechnet", sagte sie, und ihre Stimme war jetzt so ruhig, dass es mich fröstelte. „Unsere Hochzeit, die Wohnung, die Renovierung, das Auto. Ich habe dir immer vertraut. Und jetzt diese Überweisung. Ich will die ganze Geschichte. Mit Namen, Daten, mit allem. Keine Zusammenfassung. Ich halte die Ungewissheit nicht mehr aus. Weißt du, wie es ist, wenn man nachts um drei aufwacht und sich fragt, ob der Mensch nebenan einen nur benutzt?"

Er hob den Kopf, und ich sah, dass seine Lippen trocken waren. „Es ist nicht, was du denkst", sagte er.

„Dann sag mir, was es ist." Sie schob ihren Stuhl zurück, stand auf. Ich sah, wie sie in ihre Tasche griff und eine schmale Mappe herauszog, die sie auf den Tisch legte. Der Umschlag war weinrot, abgegriffen an den Ecken. Sie klappte ihn auf, blätterte durch einige Blätter, zog einen Kugelschreiber aus dem Ständer auf dem Tisch – einen von unserem Café, mit dem kleinen Anker-Logo. Sie strich eine Seite glatt, setzte den Stift an.

„Ich habe gestern mit der Bank telefoniert", sagte sie, ohne aufzusehen. „Ich habe das Gemeinschaftskonto gekündigt. Das hier ist die Bestätigung. Ab morgen läuft nichts mehr über meinen Namen. Nicht die Raten, nicht die Versicherung. Und das hier" – sie zog einen einzelnen Schlüssel aus der Tasche und legte ihn neben die Mappe – „ist der Wohnungsschlüssel. Den du mir gegeben hast. Ich ziehe heute Abend aus. Zu meiner Schwester nach Oldenburg."

Er sah auf den Schlüssel hinunter. Seine Hand lag flach auf dem Tisch, die Finger unbeweglich. Die Neonlampe flackerte zweimal, dann wurde es für einen Moment heller, als wollte sie etwas Wichtiges beleuchten.

„Du kannst die Wahrheit behalten", sagte sie, ihre Stimme jetzt völlig ohne Beben. „Ich bin fertig mit dem Warten. Ich habe dir dreimal die Chance gegeben. Jetzt ist es mir egal, wem das Grundstück gehört. Ich zahle nichts mehr für ein Leben, in dem ich nur die Ahnungslose bin."

Sie unterschrieb das Papier, schob es über den Tisch zu ihm herüber. Er rührte sich nicht. Sie nahm ihre Handtasche, ging an mir vorbei, so nah, dass ich ihr Parfüm riechen konnte – schwer, nach Vanille und etwas, das ich nicht benennen kann. Sie blieb nicht stehen, sagte kein Wort, drückte nur die Tür auf, und die Glocke bimmelte, als wollte sie mit ihr weinen.

Ich hörte, wie ihre Absätze auf dem Kopfsteinpflaster klackten, leiser wurden, schließlich im Regen verschwanden. Dann wurde es im Café so ruhig, dass ich das Ticken der alten Bahnhofsuhr über der Kasse hören konnte, die unser Chef von einem Flohmarkt mitgebracht hatte.

Er saß noch eine halbe Stunde da. Ich schenkte ihm nichts nach, ich tat so, als würde ich die Auslage mit den Keksen neu ordnen. Er nahm irgendwann die Mappe, faltete das Papier zusammen, steckte es in die Innentasche seiner Jacke. Den Schlüssel ließ er liegen. Dann stand er auf, legte einen Zwanzigeuroschein auf den Tisch und ging, ohne sich umzusehen. Die Türglocke läutete ein letztes Mal.

Ich räumte die Tassen ab. Der Apfelkuchen war unberührt. Der Kaffee kalt. Der Schlüssel lag noch da, klein und silbern, auf dem Holz. Ich legte ihn zur Seite, weil ich dachte, er würde zurückkommen. Er kam nicht. Ich schloss um zehn ab, steckte den Schlüssel in ein Kuvert und legte es ins Fundkorb hinter der Theke.

Drei Monate später kam eine Frau herein, die mir bekannt vorkam. Sie bestellte einen schwarzen Tee und ein Croissant. Als sie zahlte, sagte sie, sie sei die Schwester von dem Mann, der damals mit der Frau hier saß. Sie hätte meine Nachricht auf dem Anrufbeantworter bekommen, wegen des Schlüssels. Ich holte das Kuvert hervor. Sie steckte es ein, ohne es zu öffnen.

„Er wohnt jetzt bei mir in der Gartenlaube", sagte sie beiläufig, als sie den Zucker in ihren Tee rührte. „Hat alles verloren. Die Wohnung gehörte ihr, er hat es nur verwaltet. Das Konto lief auf ihren Namen. Er hat jahrelang für das Grundstück in Brandenburg gespart, um ihr zum zehnten Hochzeitstag ein Ferienhaus zu schenken. Er wollte es ihr im August zeigen. Er hat die achttausend Euro angezahlt, ohne ihr Wissen, weil es eine Überraschung sein sollte."

Ich spülte gerade eine Tasse und hörte auf. Sie trank einen Schluck und sah aus dem Fenster, wo der Sommerregen gegen die Scheibe schlug. „Sie hat die Kündigung am nächsten Morgen bestätigt. Das Geld wurde zurückgebucht. Das Grundstück ging an einen anderen Käufer. Er hat dann versucht, sie anzurufen, aber sie hatte die Nummer gewechselt. Vor zwei Wochen hat er erfahren, dass sie nach Portugal gezogen ist. Mit einem alten Schulfreund."

Sie legte das Geld für den Tee auf die Theke, nahm ihre Handtasche und ging. Die Türglocke bimmelte. Ich blieb an der Spüle stehen, das warme Wasser lief über meine Hände, und durch das Fenster sah ich das leere weinrote Kuvert-Regal in meinem Kopf noch einmal vor mir – den Umschlag, den sie eingesteckt hatte, ohne ihn zu öffnen, verschwunden in ihrer Manteltasche, während draußen der Regen die Scheibe entlanglief.

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