Der Mann, der zu klug sein wollte

– Deine Stiefel schon wieder mitten im Flur! – rief Petra aus der Küche, ohne den Kochlöffel aus der Hand zu legen.

Markus warf die schwere Werkstattjacke auf die Truhe und atmete geräuschvoll aus. Draußen vor dem Fenster zog Nebel vom Inn herauf, der die Hofeinfahrt in wattiges Grau tauchte. Die Pflastersteine glänzten feucht, irgendwo röhrte ein alter Traktor.

– Ich bin seit fünf Uhr früh in der Grube, Petra. Fünf Aufträge heute reingekommen, der Meier drängelt wegen seinem TÜV. Da werd ich wohl noch die Stiefel ausziehen dürfen, wo's mir passt.

– Darfst du, – sagte sie knapp und rührte im Topf.

Sie war so anstrengend pragmatisch, fand Markus. Dieses ewige Funktionieren. Er war der Mann, der die Kfz-Werkstatt aufgebaut hatte, aus einer kleinen Scheune und einem gebrauchten Bremsenprüfstand. Drei Angestellte, ein solider Kundenstamm in der ganzen Gemeinde, nächsten Monat sollte die neue Hebebühne geliefert werden. Und Petra? Die saß zu Hause, kochte, wusch, bügelte. Verstand nicht, was es hieß, jeden Tag mit dem Finanzamt zu streiten und die Jungs bei der Stange zu halten.

Vor sieben Jahren hatte er sie geheiratet. Keine wilde Romanze, eher eine Vernunftgeschichte. Petra war ruhig, aus dem Nachbardorf, wo ihr Vater eine kleine Schreinerei betrieb. Sie hatte eine angenehme Art, nicht so ein hysterisches Stadtgewächs, das gleich wegen jedem Scheiß die Koffer packt. Markus war damals dringend aus dem Elternhaus rausgewollt. Als er Petra nach Hause brachte, legte seine Mutter Roswitha die Stirn in Falten und sagte beim Abendessen: „Eine vom Bauernhof? Markus, du hast einen Meisterbrief, da wäre doch eine vom Amtsgericht drin gewesen.“ Aber Petras ruhige Art und ihr Talent, mit wenig Geld einen prächtigen Haushalt zu führen, überzeugten ihn. Sie passte zu seinem Plan.

Drei Kinder kamen, und zwar gleichzeitig. Drillinge: Felix, Simon und der kleine Jakob. Die Klinik in Landshut überbrachte die Nachricht, und Markus hatte einen Schwächeanfall. Drei Bürschlein auf einen Schlag. Als er beim Standesamt die Geburtsurkunden abholte, rechnete er im Kopf schon die Sätze für Kindergeld und Eigenheimzulage zusammen.

Jetzt waren die Jungs vier und spielten im Wohnzimmer mit einem alten Kassettenrekorder, den Markus in der Werkstatt geflickt hatte. Petra stellte einen tiefen Teller Linseneintopf vor ihn hin. Es dampfte nach geräuchertem Speck und Kümmel.

– Hol dir Brot selber, – sagte sie und verschwand zu den Kindern.

Markus löffelte schweigend. Seine Gedanken wanderten nach Dingolfing. Dorthin, wo im Gewerbegebiet an der A92 das neue Autohaus stand. Und wo in einer kleinen Wohnung über einer Pizzeria Sabine auf ihn wartete.

Sabine war Verkäuferin bei der Werkstattkette, mit der Markus einen Teilevertrag hatte. Sie trug Bleistiftröcke, roch nach teurem Parfum und konnte eine halbe Stunde lang zuhören, wie er über neue Zündkerzen und die Tücken der Abgasnorm schwadronierte. Sie lachte an den richtigen Stellen und fragte nie, ob er die Windeln mitgebracht oder den Strom abgelesen hatte. Vor drei Monaten war es passiert. Ein Seitensprung im Büro der Werkstatt, dann ein Wochenende in einem Wellnesshotel, das Markus als „Einkaufsfahrt für Spezialwerkzeug“ verbucht hatte. Er fühlte sich wie ein großer Stratege.

– Markus? – Petra stand plötzlich hinter ihm und wischte die Hände an der Schürze ab. – Jakob hustet wieder. Du musst heute noch in die Apotheke, der Kinderarzt hat was Neues aufgeschrieben.

– Mach ich, – sagte er, die Augen auf den Teller gerichtet. – Muss sowieso nach Dingolfing, den neuen Motortester abholen.

– Nach Dingolfing, – wiederholte Petra leise.

Irgendwas in ihrer Stimme ließ ihn zusammenzucken. Er hob den Kopf. Sie schaute ihn an, und für einen Wimpernschlag war da etwas in ihrem Gesicht, das er nicht benennen konnte. Kein Argwohn, keine Eifersucht. Eher die Miene eines Bauern, der eine undichte Stelle im Silo kennt, aber den Frost abwartet.

Er schob den Teller weg und stand auf.

– Wird spät heute. Inventur fürs Finanzamt.

Petra antwortete nicht. Sie spülte bereits, mit dem Rücken zu ihm.

Die Wohnung in Dingolfing roch nach kaltem Rauch und Sabines Haarlack. Markus setzte sich auf die Couch, einen Strauß Rosen vom Supermarkt auf dem Couchtisch. Sabine kuschelte sich an ihn.

– Hast du endlich mit ihr gesprochen? – fragte sie.

– Mit wem?

– Mit Petra. Dass du ausziehst.

Markus schwieg. Er dachte an Petras Eintopf, an die ordentlichen Regale im Hauswirtschaftsraum, an die Kinder, die er am Wochenende auf den Schrottplatz mitnehmen wollte. Die Vorstellung, diese stabile, warme Festung zu verlassen, kam ihm absurd vor. Sabine war ein schöner Urlaub, aber kein Zuhause.

– Bald, Schatz. Es ist nur… die Werkstatt läuft so gut gerade. Wenn wir jetzt einen Aufriss machen, leidet das Geschäft.

Sabine zog die Hand weg. Sie sagte nichts, doch ihre Finger schlossen sich um den Stiel ihres Sektglases, bis die Knöchel weiß hervortraten. Dann nahm sie einen Schluck, stellte das Glas hart auf die Tischplatte und starrte an die Wand, wo sich die Tapete an einer Ecke löste.

Zwei Tage später kam sein bester Freund Robert vorbei. Robert war Transportunternehmer, ein kantiger Kerl mit einem Gespür dafür, wann jemand Scheiße baute. Die Männer saßen auf der Werkbank, tranken Bier, während draußen der Regen aufs Wellblechdach trommelte.

– Du, ich hab Sabine letztens in der Stadt gesehen, – sagte Robert beiläufig. – Sie hat irgendwas davon gefaselt, dass du bald frei bist?

Markus winkte ab. – Ach, die redet viel, wenn der Tag lang ist.

– Und Petra? Weiß die Bescheid?

– Nee, woher denn? – schnaubte Markus. – Die merkt doch nichts. Ist froh, wenn sie abends ihre Ruhe hat.

Robert stellte das Bier ab und musterte Markus schweigend.

– Ich war gestern bei euch, weil ich den Kompressor leihen wollte. Petra war allein. Die Kinder haben geschlafen, und sie saß in der Küche und hat deine Steuererklärung gemacht. Weißt du, was sie getan hat, als dein Handy auf dem Tisch vibrierte und ‚Sabine Mobil‘ anzeigte?

Markus spürte, wie ihm kalt wurde.

– Nichts, – fuhr Robert fort. – Hat das Handy umgedreht, die Benachrichtigung weggedrückt und einfach weitergemacht. Als wär da ein lästiger Werbeanruf.

Markus schwieg betreten.

– Die weiß es, du Idiot, – sagte Robert. – Sie weiß es und sie ignoriert es. Was glaubst du, was das für eine Frau ist?

Markus konnte es nicht glauben. Er fuhr nach Hause, im Kopf ein einziges Rauschen. Er stellte sich vor, wie Petra ihn zur Rede stellen würde, mit Vorwürfen, vielleicht sogar mit Tränen. Aber als er durch die Tür kam, war sie damit beschäftigt, Felix die Fingernägel zu schneiden. Die Kinder tollten im Hintergrund, Simon schrie vor Lachen, weil Jakob ihm eine Socke über den Kopf zog.

– Da bist du ja, – sagte Petra ruhig. – Das Licht am Hoftor flackert. Schau es dir morgen an, ja?

Mehr nicht. Kein Drama. Keine Anklage. Nur diese fürchterliche, solide Ordnung.

Markus schlich am nächsten Morgen in die Werkstatt. Er hatte nicht geschlafen. Er dachte an seine Mutter, an ihre Worte beim ersten Besuch: „Die lässt alles mit sich machen, eine richtige Dulderin.“ Aber was er jetzt spürte, war keine Demut bei Petra. Es war eine unangreifbare Überlegenheit. Sie brauchte ihn nicht zu verlassen. Sie wusste: seine Werkstatt, sein Haus, sein ganzer Stolz – das stand auf einem Fundament, das sie zusammenhielt. Die Buchhaltung machte sie. Die Ersatzteillisten überprüfte sie. Die Kredite für die Hebebühne liefen auf beide Namen. Wenn sie gingen, riss der ganze Laden.

Am selben Abend fand er sie im Gewächshaus neben dem Haus, einem Anbau aus alten Fenstern, in dem sie Tomaten und Basilikum zog. Sie goss die Pflanzen mit dem grünen Blechgießer, ihre Bewegungen ruhig und präzise.

– Pet… – begann er.

Sie sah nicht auf.

– Ich hab's beendet. Mit Sabine. Ist vorbei. War ein Riesenfehler. Ich weiß nicht, was ich mir dabei gedacht hab.

Das Wasser plätscherte auf die Erde. Ein Marienkäfer krabbelte über ein Tomatenblatt. Der Geruch von feuchter Erde und reifen Früchten hing in der Luft. Durch die Scheibe fiel das letzte, rötliche Abendlicht auf Petras Hände.

– Ist sie schwanger? – fragte Petra.

– Was? Nein! Um Gottes willen.

– Dann ist ja gut.

Sie drehte sich zu ihm um, lehnte die Gießkanne gegen den Holztisch und wischte sich die Erde von den Fingern an einem alten Lappen ab.

– Weißt du, Markus, – sagte sie mit der ruhigen Stimme, mit der man einem Kind das Einmaleins erklärt. – Als die Jungs ein halbes Jahr alt waren und alle drei gleichzeitig Durchfall hatten, da kamst du eines Abends nach Hause, hast gesehen, dass ich auf dem Sofa eingeschlafen bin mit einem Fieberthermometer in der Hand. Weißt du noch, was du da gesagt hast?

Markus schüttelte stumm den Kopf, obwohl er es wusste. Er spürte die Scham wie eine heiße Welle aufsteigen.

– Du hast gesagt: ‚Sieh zu, dass du dich zusammenreißt, ich hab morgen einen wichtigen Termin bei der Bank.‘ Kein ‚Kann ich helfen?‘, kein ‚Soll ich einen Babysitter anrufen?‘. Nur dein Termin und dass ich funktionieren soll. Und ich hab funktioniert, Markus. Weil ich wusste: wenn ich jetzt zusammenbreche, dann bricht alles zusammen. Du, die Kinder, die Werkstatt, das Haus.

Markus senkte den Kopf und betrachtete die Erdspuren auf seinen Stiefeln.

– Und in dem Moment, – fuhr sie fort, – in dieser Nacht, als ich zum dritten Mal die Windeln wechselte und du geschnarcht hast, da hab ich einen Entschluss gefasst. Ich hab dich nicht verlassen, weil ich dich als Geschäftspartner behalten habe. Als Vater meiner Söhne, der pünktlich das Geld bringt und den Müll rausbringt und bei der Sparkasse den guten Eindruck macht. Aber die Romantik, das Herzklopfen – das hast du mir ausgetrieben, wie man einer Katze das Jagen abgewöhnt.

– Petra, ich schwöre dir…

– Verschwör nichts, – unterbrach sie ihn. Ihre Stimme war nicht böse. Eher sachlich. – Ich brauche keine Schwüre. Ich brauche einen Mann, der am Samstag den Ölwechsel für Roberts Lkw macht, weil Robert uns hilft, den neuen Sand für den Spielplatz zu besorgen. Ich brauche einen Vater, der den Jungs zeigt, wie man eine Fahrradkette spannt. Und ich brauche einen Geschäftsführer, der keinen Alkohol trinkt, bevor er an die Hebebühne geht. Kannst du das?

– Ja, – sagte er heiser. Er war geschlagen, ohne dass sie einen Schlag ausgeteilt hatte. Es war ihm fast lieber so.

Er stand noch einen Moment im Gewächshaus, dessen Scheiben von innen beschlagen waren, und atmete den warmen, erdigen Geruch ein. Dann sah er, wie Petra einen Strauch umtopfte, so selbstverständlich und konzentriert, als sei nichts geschehen. Er begriff, dass sie diese Entscheidung vor Jahren gefällt hatte und ihm nur heute, aus reiner Zweckmäßigkeit, die Bilanz vorlegte.

Am nächsten Morgen war ein Samstag. Markus stand um sechs auf, machte Kaffee und bereitete die Werkstatt vor. Um sieben wachte das Haus auf: Kindergebrüll, das Klappern von Petras alter Gusspfanne, in der sie Pfannkuchen machte. Er holte die Jungs zum Frühstück herein.

– Was ist mit der Sabine? – fragte Felix plötzlich, der älteste der drei. Unschuldig, einen halben Pfannkuchen in der Hand, den Mund mit Zucker bestreut.

Markus' Herz setzte einen Schlag aus. Er sah Petra an, die an der Arbeitsplatte stand und eine neue Kanne Tee aufbrühte. Sie hob kurz den Kopf, ein winziges Zucken um den Mundwinkel.

– Diese Sabine hat jetzt einen anderen Job, Felix. Die liefert uns keine Teile mehr, – sagte Petra, völlig ruhig. – Iss auf, wir wollen zu Oma fahren.

So also war das. Selbst vor den Kindern hatte sie ihn geschützt, ohne dass er es je verdient hatte. In diesem Moment war sein ganzes Gerede von Freiheit und Abenteuer nur noch eine schäbige, kleine Gier. Er sah sie an, und zum ersten Mal seit Jahren sah er nicht die Hausfrau, nicht die Mutter seiner Kinder – er sah eine Frau, die mit einem unsichtbaren Stahlgerüst durchs Leben ging, während er selbst ständig umfiel, sobald der Wind drehte.

Er trank seinen Kaffee aus, nahm den Zettel mit den Einkäufen, den sie ihm wortlos hingelegt hatte, und steckte ihn ein. Bevor er zum Auto ging, blieb er kurz neben ihr stehen, so nah, dass er den Geruch von Waschmittel und Holzfeuer in ihren Haaren wahrnehmen konnte. Dieser Geruch war kein Parfum, er war Heimat.

– Soll ich bei Oma vorbeifahren und ihr die alte Werkzeugkiste von Opa mitbringen? Sie wollte sie für den Flohmarkt, – fragte er.

– Ja, – sagte sie. Und nach einer kleinen Pause: – Und frag sie, ob sie am Sonntag zum Kaffee kommt.

– Mach ich.

Er öffnete die Tür zum Hof. Vor ihm spielten die Jungs im Sandkasten. Ein kalter, klarer Herbsttag. Das Licht der tief stehenden Sonne brach sich auf den Fensterscheiben der Garage. Dahinter, noch vor dem Mittag, wartete die Grube mit dem Getriebe von Roberts Lkw. Sein Kaffee wurde kalt, und drinnen summte die Spülmaschine.

Petra nahm den alten Blechgießer und ging damit hinaus zu den Tomaten. Das Hoftor schlug leise ins Schloss.

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