Die Werkstatt roch nach altem Öl, kaltem Rauch und Metallspänen. Eine Mischung, die sich in die Kleidung frisst und nie mehr ganz rausgeht. Meine auch. Ich bin Kfz-Mechaniker, vierundfünfzig, und seit elf Jahren allein. Nicht, dass ich es anders wollte. Es hatte sich einfach so ergeben, wie der permanente Dreck unter den Fingernägeln. Ich redete nicht viel, und wenn, dann meistens mit einem Getriebe, das nicht wollte, wie ich wollte. Kunden mochte ich nicht sonderlich, ihre überzogenen Vorstellungen von „mal eben schnell“ noch weniger.
An dem Dienstag im November, einem dieser Hamburger Tage, an denen die Feuchtigkeit aus dem Asphalt kriecht und in die Knochen zieht, stand ich im Hinterhof vom Tierheim an der Süderstraße. Der Auftrag war ein Witz: die alte Ölheizung für die Quarantänestation instand setzen. Für 160 Euro, pauschal. Ein Witz, aber für neue Kunden hatte ich keine Energie. Also kroch ich in den Dreck.
Das Kläffen hinter den Gittern machte mich wahnsinnig. Dieses ständige hohe Bellen, das von den Fliesenwänden zurückgeworfen wurde. Dann das unvermittelte Mitleids-Miauen der Katzen, das klang, als würde man einen Wasserhahn langsam zudrehen, der noch ein letztes Mal aufquietscht. Ein Elend.
Und dann war da dieser Hund. Irgendein Praktikant musste ihn aus dem Zwinger gelassen haben. Ein kleines, drahtiges Ding, rotbraun, mit einem Ringelschwanz, der aussah wie ein zu feste aufgezogener Wecker. Er beschnüffelte meinen Blaumann und versuchte, seine Schnauze unter meine Hand zu schieben, während ich am Brenner arbeitete.
„Verpiss dich“, brummte ich und schob ihn mit dem Ellbogen weg. Er kam wieder. Wie so ein Gummiball, den man gegen die Wand wirft. Immer wieder. Am zweiten Tag hatte der kleine Köter kapiert, dass ich mit Schraubenschlüsseln hantierte. Er fing an, sie mir zu apportieren. Noch bevor ich überhaupt wusste, dass ich sie brauchte, stupste er mit der Nase einen Zehner-Maulschlüssel an meinen Stiefel. Natürlich den falschen. Immer den falschen.
„Du kapierst es einfach nicht, was?“, fluchte ich. „Das ist ein Dreizehner. DREI-ZEHN. Nicht zehn. Zwischen den beiden liegen Welten, du Nuss.“
Er legte den Kopf schief, die Zunge hing ihm aus dem Maul und er sah aus, als würde er über den besten Witz der Welt grinsen. Ich schüttelte den Kopf und fluchte weiter. Irgendwann gab er es auf, mir die Schlüssel zu bringen, und rollte sich einfach auf meinem abgelegten Parka zusammen, direkt neben der Heizung. Ich ließ ihn. Er wärmte wenigstens die Stelle.
Am Freitagmorgen, die Heizung lief endlich rund, kam die Tierärztin in den Hof. Frau Dr. Wagner, stand auf dem Schild an der Tür. Blasser Teint, als ob sie nie die Sonne sah, und diese geröteten Hände vom ständigen Desinfizieren. Sie trug immer eine Thermoskanne mit Filterkaffee bei sich und rauchte diese ekligen selbstgedrehten Dinger ohne Filter.
„Na, Bruno“, sagte sie zu dem Hund. Nicht zu mir. „Na, mein Guter. Noch einen Tag.“
„Der ist nicht gut“, sagte ich und wischte mir die Hände an einem Lappen ab. „Der ist komplett bescheuert. Bringt mir den falschen Schlüssel nach dem anderen. Null technisches Verständnis. Eine absolute Fehlbesetzung im Handwerk.“
Sie lächelte nicht. Sie zog an ihrer Selbstgedrehten und pustete den Rauch durch die Nase. „Er bringt sie dir doch. Das ist mehr, als ich von den meisten Leuten hier sagen kann.“ Sie sah auf den Hund runter. „Morgen um zehn ist der Termin. Ich mach’s dann selbst. Er mag mich, da bleibt er wenigstens ruhig am Ende.“ Sie drückte die Kippe an der Mülltonne aus und ging, ohne ein weiteres Wort.
Ich stand da, den Lappen in der Hand, und plötzlich fühlte sich der November kälter an als sonst. Meine Werkstatt in Barmbek mit dem sprungbereiten Licht über der Grube fühlte sich unendlich weit weg an. Der Köter, dieser Bruno, stupste mir einen verrosteten Engländer vor die Füße. Ein völlig nutzloses Werkzeug für eine Ölheizung. Völlig nutzlos.
Ich hab an dem Tag nicht mehr weitergearbeitet. Bin einfach in meinen alten Ford Transit gestiegen und heimgefahren. Dort saß ich dann an meinem Küchentisch, der noch voller Rechnungen vom letzten Quartal lag. Ich machte den Fernseher an. Fußball, irgendein Nachholspiel. St. Pauli gegen wen, der mir egal war. Ich starrte auf den Bildschirm, aber ich sah nichts. Ich sah nur, wie dieser dämliche Ringelschwanz sich freute, weil er mir einen falschen Schraubenschlüssel gebracht hatte. Und wofür? Für nichts. Für einen Fluch und einen Schubs. Und morgen früh würden sie ihn auf einen Edelstahltisch legen.
Mein Kopf dröhnte, aber nicht vom Bier. Ich hatte nicht mal eines aufgemacht. Es war dieses taube Gefühl, das man hat, kurz bevor eine Maschine endgültig festfrisst und man den Schaden schon kommen sieht. Ich hatte kein Tier und wollte nie eines. Was sollte ich mit einem Hund in einer Einzimmerwohnung über einer Werkstatt? Lächerlich. Völlig absurd.
Am nächsten Morgen parkte ich den Transit um Viertel vor zehn rückwärts an die Laderampe vom Tierheim. Es nieselte, dieser feine Hamburger Sprühregen, der Brillengläser in Milchglas verwandelt. Frau Dr. Wagner stand unter dem Vordach, eine dampfende Tasse Kaffee ignorierend. Als sie mein Auto sah, runzelte sie die Stirn.
Ich stieg aus, ohne ihr Hallo zu sagen. „Die Papiere“, krächzte ich. „Für den Hund. Welche brauchen Sie?“
Sie legte den Kopf schief, ähnlich wie Bruno es tat, nur weniger freundlich. „Sie wissen, dass es ein bisschen mehr ist als ‘die Papiere’, oder? Impfpass, Registrierung, Schutzvertrag, Nachkontrolle. Sie sind nicht mal als Halter gemeldet. Das ist kein Ersatzteil, das Sie so mitnehmen können, Herr…“
„Borchert. Und ich frage nicht, ob das geht. Ich will wissen, *wie* es geht.“ Meine Stimme war rauer, als ich wollte. In der Werkstatt brüllte ich selten. Meine Autos sprach ich leiser an, sie hörten besser zu.
Hinter ihr, drinnen im Gebäude, hörte ich ein vertrautes, helles Kläffen. Kurz, aufgeregt, voller Hoffnung. Er hatte meinen Motor gehört. Dieser Köter erkannte den Klang des defekten Auspuffs vom Transit. Ein technisches Wunder.
Die Ärztin sah mich lange an, dann nahm sie die Kippe aus dem Mundwinkel. „Sagen wir so“, murmelte sie und zog ein Formular aus der Tasche ihres Kittels, „an Ihrer Stelle wäre ich jetzt sehr überzeugend. Es gibt hier nämlich einen Haufen Vorschriften, die uns beiden das Leben schwer machen. Aber zufällig ist mein Brenner in der Quarantäne noch nicht abgenommen. Und Sie, Herr Borchert, sind ja der Gutachter dafür, der heute extra vorbeigekommen ist, um mir die Erlaubnis zum Betrieb zu geben. Zufällig.“
Sie schob mir das Klemmbrett hin. „Ich schreibe bei Bruno: vermittelt an den bestellten Prüfer. Das ist nicht korrekt, aber es ist auch nicht falsch. In einer Stunde kommt der Kadaver-Transport, da muss er weg sein. Sie unterschreiben hier, und dann machen Sie, dass Sie vom Hof kommen. Und wenn mich das Amt fragt, haben wir beide uns heute nicht gesehen. Ist das klar?“
Ich nickte. Mehr brachte ich nicht raus. Ich kritzelte meinen Namen auf das Blatt, und keine zwei Minuten später schoss ein rotbrauner Blitz aus der Tür, direkt auf mich zu. Bruno sprang an mir hoch, seine Krallen hinterließen rostrote Striemen auf dem Blaumann, und er zitterte am ganzen Leib vor Freude. Er roch nach Desinfektionsmittel und Hundefutter. Das beste Aroma der Welt.
„Los, rein in den Wagen“, knurrte ich und hob ihn unsanft hoch. Er wog nichts. Seine Knochen fühlten sich an wie das dünne Kupferrohr eines kleinen Kreislaufs, das gleich brechen konnte. Ich setzte ihn auf den Beifahrersitz. Er drehte sich einmal im Kreis und fing an, den Sitzbezug zu lecken.
Ich fuhr los, ohne zurückzuschauen. Im Rückspiegel sah ich, wie Frau Dr. Wagner ihre Kippe in die Pfütze schnippte und uns nachsah. Sie griff in die Tasche ihres Kittels und holte nicht ihr Handy raus, sondern einen Flachmann. Sie nahm einen großen Schluck und schloss die Augen.
Bruno schlief bereits, die Schnauze auf dem Schaltknauf. Ich schaltete vom Dritten in den Vierten und seine Nase zuckte kurz.
Sechs Wochen später hatte ich einen Auftrag draußen in Bergedorf. Eine alte Ölabscheideranlage in einem Mehrfamilienhaus. Bruno lag auf meinem Parka neben dem Werkzeugkoffer und tat so, als würde er schlafen, aber ich wusste genau, er beobachtete jede meiner Bewegungen. Seine Aufgabe war einfach: den nächsten Schlüssel anstupsen, den er sah. Manchmal traf er den richtigen.
„Dreizehn“, sagte ich, ohne ihn anzusehen, die Hand in die geöffnete Luke haltend. Ich fühlte einen kalten, nassen Stups und dann das dumpfe Gewicht eines Ringschlüssels. Vierzehn. Natürlich.
„Bruno…“, begann ich und richtete mich auf. Aber dann sah ich das Ding. Das war kein Schraubenschlüssel.
In meiner Handfläche lag ein winziges, zitterndes Fellbündel. Ein schwarzer Kater, nicht größer als eine halbe Literdose Zwei-Takt-Öl. Die Augen noch blau vom Welpenalter, aber voll mit diesem klebrigen Eiter, den Straßenkatzen immer haben. Er war so dreckig, dass sein Fell sich wie eine festsitzende Mutter anfühlte. Er maunzte einmal, hoch und dünn, und grub dann seine Krallen in den Ärmel meines Blaumanns.
„Was ist das? Was zur Hölle ist das?“, brüllte ich den Hund an. Bruno bellte einmal, kurz und triumphierend, und hob die Vorderpfote, als wollte er mir den Ball zurückgeben.
„Du… du hast sie doch nicht mehr alle! Ich soll jetzt was damit machen, oder? Soll ich ihn auch retten? Soll ich jetzt jeden streunenden, verrotzten, unterernährten Köter und jede halbtote Miezekatze aus ganz Hamburg aufsammeln? Ist es das, was du willst? Ein rollendes Tierheim in meinem Transit?“
Ich fuchtelte mit dem Kätzchen herum. Bruno zuckte nicht mal mit der Wimper. Er lief im Kreis, der Ringelschwanz knickte in einem verrückten Winkel ab, und er bellte wieder.
„Ich lass mich doch nicht von einem Hund zum Sozialarbeiter für verdammte Straßenviecher machen! Hörst du! Das ist ein Eingriff in meine Gewerbefreiheit! Das ist Körperverletzung durch Schlüsselapport!“
Ich war so in Fahrt, dass ich die junge Frau erst bemerkte, als sie direkt neben mir stand. Sie hielt einen gelben Leinenbeutel mit einem Bio-Supermarkt-Logo in der Hand und trug diese lächerlichen Segeltuch-Sneaker, die jeder in Eimsbüttel trägt, aber nicht hier draußen vor einem schlammigen Ölabscheider.
„Entschuldigung“, sagte sie und ihre Stimme war leise, aber bestimmt. „Würden Sie bitte aufhören, den Hund anzuschreien? Das arme Tier zittert ja. Und was haben Sie da in der Hand, ist das ein… Katzenbaby?“
„Das ist kein Katzenbaby“, knurrte ich und hielt das jämmerlich fauchende Ding hoch. „Das ist ein Betriebsunfall. Und der Hund zittert nicht, er freut sich. Er denkt, er hat alles richtig gemacht. Was ein fataler Irrtum ist, nebenbei bemerkt. Er hat mir eine Katze gebracht. Eine Katze. In einer Autowerkstatt! Der absolute Albtraum für jede hydrostatische Dichtung, die was auf sich hält. Die Haare allein…“
„Ich bin übrigens Nele“, unterbrach sie mich und ging einfach in die Hocke, um Bruno zu kraulen, der sich sofort auf den Rücken warf und ihre Hand mit den Pfoten zum Bauch zog. Verräter. „Und das ist definitiv ein Kätzchen und kein Betriebsunfall. Ein ziemlich krankes noch dazu. Wollen Sie es behalten?“
Die Frage traf mich wie eine verirrte Ventilfeder.
„Ich…“, stammelte ich und die Katze fing an, an meinem Daumen zu nuckeln. „Ich hab nicht mal ‘ne Katzentoilette. Ich hab Werkzeug. Und Öl. Und einen Hund, der den Unterschied zwischen einem Zwölfer-Maulschlüssel und einem Säugetier nicht kennt. Das ist nicht…“
„Dann kommen Sie mit hoch“, sagte sie und deutete mit dem Kinn auf den Hauseingang. „Ich wohne im dritten Stock, links. Heute gibt's Linseneintopf. Der ist fertig. Und ich habe noch eine Transportbox vom letzten Pflegefall. Und ich kenne eine Tierärztin in der Schanzenstraße, die macht sowas nach der Sprechstunde schwarz. Sie brauchen eine warme Decke, der Kleine ist komplett unterkühlt. Gehen wir?“
Sie wartete meine Antwort nicht ab. Sie nahm einfach meine schwere Werkzeugkiste und stemmte sie hoch. „Ich nehm die schon mal mit rein. Kommen Sie. Und bringen Sie den Betriebsunfall mit. Und Bruno. Guter Bruno, ja, feiner Bruno, wer hat denn die kleine Maus gefunden, ja, wer war das…“
Und dann war sie weg, mit meiner Werkzeugkiste. Bruno schoss hinter ihr her, als hätte er noch nie ein anderes Herrchen gesehen. Ich blieb mit dem Kätzchen im Arm und dem Ölabscheider zu meinen Füßen stehen. Der Nieselregen wurde stärker.
„Verdammt noch mal“, sagte ich in den leeren Hof. Niemand antwortete.
Heute, genau vier Jahre später, liege ich unter einem 67er Mustang und Bruno liegt auf dem Rücken neben mir, alle viere von sich gestreckt. Der Kater, mittlerweile ein fettes, arroganter schwarzes Monstrum namens Drehmoment, sitzt auf meinem Brustkorb und schnurrt so laut, dass ich mein eigenes Fluchen nicht höre. Von oben, aus der Wohnung, poltert es zweimal kurz — das Signal von Nele, dass das Abendessen fertig ist und ich mich gefälligst zu beeilen habe.
Ich hab den richtigen Schlüssel noch immer nicht. Aber ich werde so laut fluchen, bis mir jemand den richtigen bringt. Das hat bis jetzt immer geklappt.
