Die Nachbarin, die alles wusste

Ich wohne seit sieben Jahren in diesem Altbau in Leipzig. Meine Wohnungstür liegt direkt gegenüber der von Frau Brenner. Sie ist achtundsiebzig, klein, mit einem grauen Dutt, und sie riecht nach Lavendel und altem Papier. Als ich einzog, stand sie mit einem Teller Apfelkuchen vor meiner Tür und sagte: „Ich bin die Brenner. Wenn Sie mal was brauchen, klingeln Sie einfach.“ Ich dachte, das sei eine nette Geste. Inzwischen weiß ich, dass es eine Einladung war, mich zu öffnen – und zwar nicht nur meine Tür.

Die Sache begann an einem Dienstag im Oktober. Frau Brenner klopfte abends bei mir, in der Hand eine Stofftasche. „Ich fahre morgen für zwei Wochen zu meiner Schwester nach Dresden. Könnten Sie meine Orchideen gießen? Und den Briefkasten leeren?“ Sie drückte mir einen Schlüsselbund in die Hand. „Ich vertraue nur Ihnen.“ Ich sagte zu. Natürlich. Sie war eine alte Frau, alleinstehend, der Sohn lebte in Hamburg und meldete sich selten. Man hilft doch.

Am ersten Tag ging ich rüber. Die Wohnung roch wie immer: nach Mottenkugeln, kaltem Kaffee und diesem süßlichen Duft, den alte Menschen manchmal haben. Ich goss die Orchideen auf dem Fensterbrett. Auf dem Küchentisch lag ein Stapel Zeitungen, daneben eine halb volle Tasse mit eingetrocknetem Tee. Ich wollte die Gießkanne zurück in den Schrank unter der Spüle stellen. Dabei stieß ich mit dem Ellbogen an den Zeitungsstapel. Er rutschte, und darunter kam ein dunkelbraunes Notizbuch zum Vorschein. Es war nicht zugeklappt, sondern aufgeklappt, die Seiten nach oben. Ich wollte es nur zur Seite schieben, aber dann sah ich meinen Namen.

Miriam.

Ich zögerte. Das war mein Name. In ihrer Handschrift. Ich hätte es weglegen sollen. Ich weiß das. Aber ich las. Meine Finger krallten sich um die Gießkanne, bis die Knöchel weiß wurden.

Auf der Seite stand:

Miriam Berger, 34, wohnt gegenüber. Allein. Arbeitet in der Stadtverwaltung, Abteilung Bauordnung. Verdient ungefähr 3.200 Euro netto. Hat die Wohnung vor vier Jahren gekauft. Eltern tot, Bruder in Australien. Keine Kinder. Seit zwei Jahren getrennt von einem Mann namens Jonas. Hat Vertrauen zu mir. Erzählt mir viel.

Darunter, mit einem anderen Stift, als wäre es später ergänzt:

Potentiell nützlich. Vorsichtig vorgehen wegen Erbe.

Mir wurde flau im Magen. Ich blätterte weiter. Da waren Seiten über andere Nachbarn. Über Herrn Reimann aus dem dritten Stock: „Alkoholproblem, Schulden, kann man mit kleinen Beträgen gefügig machen.“ Über Frau Lorenz aus dem zweiten: „Streit mit Tochter, sucht Gesellschaft, leicht zu beeinflussen.“ Über die junge Familie nebenan: „Kind krank, hohe Arztkosten, verzweifelt, würde alles unterschreiben.“ Es war ein Archiv der Schwächen dieses Hauses. Ein Plan. Und ich war ein Teil davon.

Ich setzte mich auf den Küchenstuhl. Das Notizbuch lag auf meinen Knien. Ich blätterte weiter, bis ich eine Seite fand, die nur mich betraf. Die Überschrift: „Ziel: Wohnung Berger.“ Darunter ein Zeitstrahl.

Schritt 1: Vertrauen aufbauen (abgeschlossen).

Schritt 2: Informationen über Finanzen sammeln (läuft).

Schritt 3: Einsamkeit ausnutzen – Einladungen, kleine Geschenke, Schuldgefühle erzeugen.

Schritt 4: Testament erwähnen, beiläufig nach Vorsorgevollmacht fragen.

Schritt 5: Wenn sie krank wird oder einen Unfall hat, als erste da sein. Dokumente sichern.

Mir wurde kalt. Ich dachte an den Apfelkuchen. An ihre Fragen nach meinem Gehalt, nach meiner Versicherung, nach meinem Bruder. Sie hatte nie einfach nur gefragt. Sie hatte gesammelt.

Ich klappte das Buch zu. Ich stand auf. Ich legte es zurück unter die Zeitungen, genau so, wie ich es gefunden hatte. Dann ging ich in meine Wohnung. Ich duschte, aber das Gefühl von ihren Worten blieb auf meiner Haut.

Als Frau Brenner zurückkam, klingelte sie bei mir. Ich machte nicht auf. Sie rief durch die Tür: „Miriam? Sind Sie da? Ich habe Ihnen Pflaumenmus aus Dresden mitgebracht.“ Ich stand im Flur, meine Hand auf dem Türgriff. Ich sagte nichts. Ich hörte, wie sie noch einen Moment stehen blieb, dann ihre Wohnungstür aufschloss und wieder zuschlug.

Am nächsten Morgen traf ich sie im Treppenhaus. Sie trug einen Einkaufstrolley und musterte mich. „Sie waren ja gar nicht da gestern“, sagte sie. „Ich habe mir Sorgen gemacht.“ Ihre Stimme war weich, aber ihre Augen waren wachsam. Sie prüfte, ob ich etwas gesehen hatte. Ich log: „Ich hatte Migräne.“ Sie senkte kurz und mechanisch den Kopf. „Ach, die jungen Leute. Immer gestresst.“ Ihre Mundwinkel zogen sich hoch, die Zähne blitzten. Ich merkte, wie sich mein Magen zusammenzog. Dieses Lächeln hatte mir jahrelang bedeutet, dass ich willkommen bin. Jetzt wusste ich, dass es ein Werkzeug war.

Sie ging weiter, zog ihren Trolley die Treppe hinunter. Ich blieb auf dem Absatz stehen. Da fiel mir ein, dass ich noch ihren Schlüsselbund hatte. Ich umklammerte ihn in der Jackentasche. Das Metall war warm von meiner Hand. Ich beschloss, ihn zurückzugeben. Aber nicht sofort. Erst wollte ich etwas anderes tun.

Ich ging in meine Wohnung, holte mein Handy heraus und öffnete die Kamera-App. Ich räumte den Küchentisch frei, legte eine Klarsichthülle darauf, daneben einen Stift und einen Zettel. Dann ging ich zurück in ihre Wohnung.

Der Plan war, die Seiten mit meinem Namen zu fotografieren. Ich brauchte Beweise. Nicht um sie anzuzeigen – es war nicht strafbar, was sie tat –, sondern um mir selbst zu beweisen, dass ich nicht verrückt war. Dass ich das wirklich gesehen hatte.

In ihrer Küche tickte die Standuhr. Ich griff unter den Zeitungsstapel. Das Notizbuch lag noch da. Ich schlug die Seite mit meinem Namen auf. Ich fotografierte sie. Dann blätterte ich weiter und fotografierte auch die anderen Seiten, die mir wichtig schienen. Die mit den Nachbarn. Die mit dem „Ziel: Wohnung Berger“. Die mit den Schritten. Mein Finger zitterte, aber ich drückte ab. Zehn, zwölf Fotos.

Dann legte ich das Buch zurück. Ich stopfte die Zeitungen wieder darüber. Ich verließ die Wohnung, drehte den Schlüssel zweimal im Schloss und ging in meine eigene Wohnung. Ich setzte mich an meinen Laptop, lud die Fotos hoch, druckte sie einzeln aus. Die Seiten kamen schwarz auf weiß aus dem Drucker. Ich heftete sie in einen dünnen Ordner.

Am selben Abend schrieb ich einen Brief. Mit der Hand, auf ein liniertes Blatt:

Frau Brenner,

anbei Ihre Schlüssel. Die Kopien der Seiten, die mich betreffen, behalte ich. Bitte kontaktieren Sie mich nicht mehr.

Mit freundlichen Grüßen

Miriam Berger

Ich faltete das Blatt, steckte es in einen Umschlag, legte die Schlüssel dazu und klebte den Umschlag zu. Dann ging ich in den Hausflur. Ich hob die Klappe ihres Briefkastens an. Der Umschlag fiel hinein. Ein dumpfes Geräusch. Ich hörte, wie er auf dem Boden liegen blieb.

Zurück in meiner Wohnung blockierte ich ihre Nummer. Danach setzte ich mich auf mein Sofa. Das Handy lag neben mir, stumm geschaltet. Draußen fuhr die Straßenbahn vorbei, Linie 14 in Richtung Innenstadt. Ich hörte das Rumpeln und das kurze Klingeln an der Haltestelle.

Am nächsten Morgen um kurz nach acht klingelte es an meiner Tür. Sturm. Ich ging nicht hin. Durch den Türspion sah ich Frau Brenner. Sie hatte den Umschlag in der Hand. Ihre Finger krallten sich um das Papier. Sie drückte den Klingelknopf mehrmals hintereinander. Dann rief sie: „Miriam! Ich weiß, dass Sie da sind!“ Ihre Stimme überschlug sich fast. „Machen Sie auf! Hier stimmt etwas nicht! Das ist ein Missverständnis!“ Ich stand da, eine Hand an der Wand. Ich atmete flach. Sie hämmerte mit der Faust gegen die Tür. „Ich will nur mit Ihnen reden!“ Ich sagte nichts. Sie hämmerte weiter. Dann hörte ich, wie Nachbarstüren aufgingen. Herr Reimann rief: „Was ist denn da los?“ Frau Brenner fauchte: „Gehen Sie weg!“ Die Türen fielen wieder zu.

Ich blieb hinter meiner Tür. Mein Herz schlug schnell, aber ich fühlte keine Panik. Ich hatte ihr die Schlüssel gegeben. Ich hatte ihre Macht über mich beendet.

Nach ein paar Minuten hörte das Klopfen auf. Ich sah durch den Spion, wie sie die Treppe hinunterging. Der Umschlag war zerknüllt. Sie warf ihn in den Mülleimer am Eingang.

Ich atmete aus.

Drei Tage später erhielt ich einen Brief in meinem Briefkasten. Kein Absender. Die Handschrift kannte ich. In dem Umschlag lag ein Zettel:

Du dumme Gans. Du hättest es gemütlich haben können. Jetzt musst du sehen, wo du bleibst.

Ich lachte, ein kurzes, hartes Zischen. Sie hatte sich entschieden, mir zu drohen, statt sich zu entschuldigen.

Ich nahm den Zettel, den ich am Tag zuvor geschrieben hatte, und legte ihn zu den ausgedruckten Fotos in den Ordner. Dann rief ich die Polizei an. Ich erklärte, dass meine Nachbarin mir gedroht hatte. Die Beamten kamen am selben Nachmittag. Ich zeigte ihnen den Zettel, die Fotos, den Ordner. Sie nahmen alles auf. Einer von ihnen, ein junger Mann mit Pferdeschwanz, sagte: „Das mit dem Notizbuch ist grenzwertig, aber das hier…“ Er tippte auf den Drohbrief. „Das ist eine Straftat.“ Ich bedankte mich. Er gab mir eine Vorgangsnummer.

Am Abend klingelte es erneut. Diesmal war es nicht Frau Brenner. Es war ihr Sohn. Er stand im Hausflur, die Hände in den Manteltaschen. Er sah müde aus. „Frau Berger? Mein Name ist Brenner. Ich wollte mit Ihnen über meine Mutter sprechen.“ Ich ließ ihn nicht herein. Wir sprachen durch den Türspalt.

Er sagte: „Ich habe das Notizbuch gefunden. Auch andere. Sie hat das seit über zwanzig Jahren gemacht.“ Er senkte die Stimme. „Ich wusste nicht, dass es so schlimm ist. Sie hat schon immer gesammelt, aber nie so systematisch. Nach dem Tod meines Vaters…“ Er brach ab. „Sie hat Angst, allein zu sterben. Und sie glaubt, wenn sie alles über die Leute weiß, kann sie kontrollieren, wer bleibt.“ Er rieb sich mit der Hand über das Gesicht. „Ich habe sie in eine Klinik gebracht. Sie wird dort bleiben, bis wir eine Lösung für sie gefunden haben.“ Ich sagte nichts. Er wartete einen Moment, dann: „Ich wollte, dass Sie das wissen. Und ich werde dafür sorgen, dass sie Sie nicht mehr belästigt.“ Dann ging er.

Ich schloss die Tür. Ich lehnte mich mit dem Rücken dagegen und rutschte zu Boden. Ich weinte nicht. Ich saß nur da, die Beine ausgestreckt, den Kopf gegen das Holz gelehnt. Draußen im Treppenhaus war es still, nur die Zeitschaltuhr summte leise.

Ein paar Wochen später zog Frau Brenner aus. Der Sohn kam, um die Wohnung zu räumen. Ich half nicht. Ich beobachtete vom Fenster aus, wie Möbelpacker Kartons und Möbelstücke die Treppe hinuntertrugen. Einer der Männer trug einen Karton mit der Aufschrift „Notizbücher“. Ich zählte: sieben Kartons.

Als die Wohnung leer war, stand ich im Hausflur. Die Tür stand offen. Ich trat über die Schwelle. Die Wände waren kahl, der Boden abgenutzt. Auf dem Fensterbrett lag eine einzige vertrocknete Orchidee. Ich nahm sie mit. Ich pflanzte sie in meiner eigenen Wohnung in einen neuen Topf, schnitt die faulen Wurzeln ab, gab ihr Wasser. Sie trieb nach zwei Wochen neu aus.

Heute, ein Jahr später, lebe ich immer noch in dieser Wohnung. Die Wohnung gegenüber steht leer. Die Hausverwaltung hat sie neu vermietet, aber der neue Mieter ist noch nicht eingezogen. In meinem Schrank liegt ein Ordner. Darin: die ausgedruckten Fotos, der Brief, der Drohbrief, die Vorgangsnummer der Polizei. Ich habe ihn nie wieder geöffnet.

Manchmal, wenn ich nachts aufwache, stehe ich auf, mache mir einen Tee und stelle mich ans Fenster. Die Bahn der Linie 14 fährt vorbei, ihre Lichter gleiten über die Fassade gegenüber und verschwinden Richtung Innenstadt. Auf dem Fensterbrett, im schwachen Licht der Straßenlaterne, hat die Orchidee eine neue Blüte angesetzt. Ich berühre die Blütenblätter kurz mit dem Finger, dann stelle ich die leere Tasse in die Spüle und gehe zurück ins Bett.

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Uniad
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