# Der Hund an der Gartenpforte

Jeden Abend, kurz nach halb elf, stand Rieke reglos am Gartentor. Marlene Brenner war sich sicher: die Hündin wartete auf ihren Sohn, der seit Wochen nicht mehr kam. Erst in der sechsten Nacht sah sie, wohin Riekes Blick tatsächlich ging.

Marlene trat in ihren Pantoffeln auf die nackte Kälte der Terrassenfliesen. Der August in Brandenburg hatte tagsüber noch geflirtet mit Sommer, aber nachts kroch die Feuchtigkeit vom Rasen schon wie im Oktober unter den Morgenmantel. Aus dem Nachbargarten roch es nach reifen Mirabellen, irgendwo bellte kurz ein fremder Hund, und aus dem Wohnzimmerfenster der Familie Kowalski gegenüber flackerte blau der Fernseher – die Tagesschau um zweiundzwanzig Uhr fünfzehn, wie jeden Abend.

Rieke saß am Tor. Kopf leicht erhoben, Ohren nach vorn, Schwanz still wie ein Seil auf dem Kies. Nicht Anspannung, nicht Jagd. Warten. So, wie Menschen auf einem Bahnsteig stehen bleiben, obwohl der Zug längst hätte kommen müssen.

Zum ersten Mal war es Marlene am Montag aufgefallen, als sie noch schnell das Gewächshaus zumachen wollte. Sie hatte gerufen: „Rieke, komm rein!" Keine Reaktion. Das kannte sie so nicht von der Hündin, die seit acht Jahren jede ihrer Bewegungen, jeden Seufzer im Haus kannte. Sie war hingegangen, hatte sie am Halsband genommen, sie ins Haus geführt. Eine halbe Stunde später stand Rieke wieder am selben Fleck.

Dienstag dasselbe. Mittwoch. Donnerstag. Als hätte die Hündin einen inneren Wecker, der sie jeden Abend nach halb elf von der Decke hochholte.

Marlene wusste – glaubte zu wissen – auf wen Rieke wartete. Ihr Sohn Tobias war seit fünf Wochen nicht vorbeigekommen. Früher war er jedes Wochenende da gewesen, hatte Brötchen mitgebracht, manchmal einen Kasten Mineralwasser, den sie eigentlich gar nicht brauchte, weil sie doch selbst zum Edeka in Werder fahren konnte. Rieke hatte sich dann immer wie ein Verrückter im Flur gedreht, war auf den Rücken gefallen, Bauch nach oben, und Tobias hatte gelacht, dass es durchs ganze Haus schallte.

Dann hatte er Nadine geheiratet. Höflich, gepflegt, immer mit einem dezenten Lächeln, das man schwer deuten konnte. Sie nannte Marlene „Mama" – vorsichtig, wie jemand, der einen fremden Mantel anprobiert. Erst blieb alles beim Alten, dann kamen die Ausreden: Renovierung, Nadines Eltern, ein Betriebsausflug, ein anstrengender Monat im Büro. Die Besuche wurden seltener. Alle zwei Wochen. Dann noch seltener.

Am Donnerstag hatte Marlene angerufen, den Tee vor sich kalt werdend, einen halben Keks unangetastet auf dem Unterteller.

„Mama, ich hab nur ne Minute", hatte Tobias gesagt, im Hintergrund Stimmen, eine Tür.

„Könntest du mal vorbeikommen? Nur kurz."

„Ich hab den Bericht bis Freitag fertig machen müssen. Und Nadine wollte, dass ich beim Bad helfe, da tropft schon wieder was."

Marlene hatte durchs Fenster geschaut. Riekes weißes Ohr leuchtete im Dunkeln. „Rieke sitzt jede Nacht am Tor", sagte sie.

Eine kurze Pause. Klein, aber sie hatte sie gehört.

„Mama, das ist ein Hund", hatte Tobias schließlich gesagt. „Vielleicht jagt sie Mäuse."

„Sie jagt nichts. Sie wartet."

Er hatte geseufzt. Müde, unbehaglich. Und in diesem Seufzer hatte Marlene das Unangenehmste gehört: Ihm war es ein bisschen peinlich. Aber nicht peinlich genug, um alles stehen und liegen zu lassen und ins Auto zu steigen.

„Nächste Woche, versprochen", hatte er gesagt.

Am Freitag hatte Marlene beschlossen, niemanden mehr anzurufen. Sie setzte sich gegen neun auf die Gartenbank, eine Handvoll Kürbiskerne in der Manteltasche, und wartete. Auf wen, wusste sie selbst nicht genau.

Um zehn Uhr vierzehn – sie hatte extra auf die Uhr geschaut, als wäre die Zeit plötzlich ein wichtiger Beweis – stand Rieke auf. Streckte sich, schüttelte die Ohren, ging zum Tor. Ohne Hast, ohne Zögern.

Marlene sah ihr nach und dachte an den Tag vor acht Jahren, als sie das klatschnasse Fellbündel unter dem Kartoffelstand auf dem Wochenmarkt in Werder gefunden hatte. Tobias, damals noch zu Hause wohnend, hatte das erste Futter gekauft, hatte die Pfötchen in der Plastikwanne gewaschen, während der Welpe vor Angst nieste.

Und dann bemerkte sie es: Rieke schaute nicht zur Straße. Sie schaute nach rechts, zum Zaun der Nachbarin.

Dort, hinter dem Lattenzaun, stand das Haus von Ingrid Voss. Seit sechs Tagen dunkel. Man hatte Ingrid am Montag zuvor mit dem Rettungswagen abgeholt. Marlene erinnerte sich genau: das blaue Blinklicht auf der nassen Straße, zwei Sanitäter, die Trage, von der ständig die Decke rutschte.

Ingrid lebte allein. Leise, kaum wahrnehmbar. Man kannte sie eigentlich nur daran, wann bei ihr das Licht anging und in welchem Monat sie die Apfelbäume weißelte. Manchmal reichte man sich über den Zaun ein Glas Gurken, ein paar Zucchini. Ingrid gab dann Kirschmarmelade zurück, zu süß, als hätte sie nie an Zucker sparen müssen.

Marlene stand von der Bank auf, ging zu Rieke. Folgte ihrem Blick. Die dunklen Fenster. Der leere Hof. Das Bänkchen am Zaun, auf dem Ingrid abends immer in ihrer Steppjacke und den alten Gummistiefeln gesessen hatte.

Und dann sah sie es: am Zaunfuß, bei der untersten Latte, etwas Helles. Sie bückte sich. Brotkrümel. Manche schon vom Regen aufgeweicht, manche frischer. Sie hatte sie schon mal gesehen, am Mittwoch beim Fegen, hatte sie einfach ins Gras gekehrt, ohne nachzudenken.

Jetzt kniete sie und tastete den Boden ab. Die Krümel lagen hier schon seit Tagen, seit Wochen. Zwischen den Latten war ein Spalt, breit wie eine Handfläche.

Und Marlene sah alles auf einmal, so klar, als geschähe es direkt vor ihr: Jeden Abend nach zweiundzwanzig Uhr, während Marlene schon vor dem Fernseher saß, war Ingrid in ihren Garten gegangen. In der Steppjacke, mit einer halben Scheibe Brot in einem Küchentuch. Hatte sich aufs Bänkchen gesetzt, Stücke abgebrochen, durch den Spalt geschoben. Und Rieke war gekommen, hatte behutsam gefressen, war dann sitzen geblieben, Nase an den Brettern, Ohren auf die Stimme gerichtet. Und Ingrid hatte geredet. Über den Tag, über den Blutdruck, übers Wetter, über die gestiegenen Preise beim Netto. Zwei einsame Wesen auf verschiedenen Seiten eines Zauns. Keine hatte gefragt, ob das erlaubt sei.

Marlene setzte sich einfach ins nasse Gras neben die Hündin. Die Knie wurden sofort feucht. Sie bemerkte es kaum. Ihr war seltsam unbehaglich zumute – vor wem, wusste sie nicht. Vor Rieke? Vor Ingrid? Vor sich selbst? Die ganze Zeit war sie überzeugt gewesen, zu wissen, auf wen der Hund wartete. Hatte sich sogar ein bisschen selbst bemitleidet dabei. Und keine zwei Schritte entfernt war ein anderes Leben gewesen – leise, unauffällig, ohne Worte. Und sie hatte es nicht gesehen.

Vor einem Jahr hatte Ingrid mal gefragt, welches Futter Rieke am liebsten mag. „Das Übliche aus dem Supermarkt", hatte Marlene damals nur beiläufig gesagt. Ingrid hatte genickt, nichts weiter gesagt. Und offenbar für sich entschieden: wenn nicht Futter, dann Brot.

Marlene strich der Hündin über den Nacken. „Also sie", sagte sie leise. „Sie ist es, auf die du wartest."

Am nächsten Morgen wachte sie früher auf als sonst. Sie rief im Krankenhaus Werder an, wurde von einem Flur zum nächsten durchgestellt, notierte schließlich die Zimmernummer auf der Rückseite eines alten Gartenkalenders. Dann packte sie Äpfel und ein paar Orangen in eine Tüte. Rieke stand an der Tür und sah das Paket mit schräg gelegtem Kopf an.

„Wir fahren hin", sagte Marlene.

Die Fahrt nach Werder dauerte keine dreißig Minuten, kam Marlene aber vor wie eine Ewigkeit. Rieke saß hinten, ungewöhnlich still, hob nur bei jeder Kurve kurz den Kopf.

Vor der Klinik roch es nach nassem Asphalt, Desinfektionsmittel und Mittagessen aus der Kantine. Marlene band Rieke im Schatten neben dem Eingang an. „Ich bin gleich zurück. Bleib hier." Erst dann legte sich die Hündin hin, den Blick auf die Tür gerichtet.

Ingrid Voss lag am Fenster. Ohne Steppjacke, ohne die vertraute Unauffälligkeit des Gartens wirkte sie plötzlich klein. Fast durchscheinend.

„Marlene?", fragte sie erstaunt. „Was ist passiert?"

„Nichts ist passiert", sagte Marlene schnell und hörte selbst, wie unpassend das im Krankenzimmer klang. „Ich wollte einfach vorbeischauen." Sie hob die Tüte. „Ich hab Obst mitgebracht."

„Wie geht's Rieke?", fragte Ingrid leise.

„Sitzt jede Nacht am Zaun."

Ingrid schloss die Augen und atmete langsam aus, als hätte sie diese Luft tagelang angehalten. „Ich dachte, sie vergisst mich."

„Hat sie nicht."

„Klug ist sie, deine Hündin." Ingrid lächelte kaum merklich. „Kam jeden Abend an meinen Zaun, ich hab mit ihr gesessen. War gut. Einfach gut."

Als hätte es nicht sechs Abende des Wartens bedeutet, nicht zwei einsame Leben, die sich durch einen Spalt im Zaun gefunden hatten. Nur: „War gut."

Marlene spürte, wie ihr die Augen brannten. „Sie wartet auf dich", wiederholte sie leiser.

Eine Woche später wurde Ingrid entlassen. Marlene sah, wie das Taxi vorfuhr, wie man ihr aus dem Wagen half, wie sie mager, noch schwach, aber unbeugsam am Tor stand, in ihrer alten Steppjacke, als könnte nichts auf der Welt sie von diesem gewohnten Abend im Garten abhalten. Rieke riss sich beinahe los, rannte zum Zaun, winselte, der Schwanz ging wie wild.

Ingrid lachte. Heiser, aber sie lachte. „Na, mein Mädchen, hast du auf mich gewartet?"

Seit diesem Tag begannen nach zweiundzwanzig Uhr wieder ihre stillen Treffen am Zaun. Nur setzte sich jetzt manchmal auch Marlene dazu, ein Stück entfernt auf ihrem eigenen Hocker, hörte zu, wie Ingrid der Hündin vom Garten erzählte, von den Tabletten „gegen den Blutdruck, verflixt nochmal", brachte manchmal Tee in einer Tasse mit hinaus.

Tobias kam erst zwei Wochen später vorbei. Brachte eine Packung Pralinen mit, redete lange über die Arbeit, über Staus auf der A10, über Nadines Mutter. Rieke wedelte kurz mit dem Schwanz, wie erwartet. Dann, kurz vor zweiundzwanzig Uhr, stand sie ruhig auf und ging zum Zaun.

„Was macht sie denn da?", fragte Tobias verwundert.

Marlene sah ihren Sohn an. Sie hätte ihm von den Krümeln erzählen können, vom Spalt im Zaun, vom Krankenhaus, von sechs Nächten des Wartens. Sie sagte nur: „Sie geht zu Besuch."

Am nächsten Tag ging Marlene zum Notar in der Kleinen Fischerstraße und ließ den Namen der Nachbarin als Betreuungsperson für Rieke im Notfallausweis eintragen, den sie am Halsband befestigte – falls ihr selbst einmal etwas zustieße, sollte niemand fragen müssen, wer sich um die Hündin kümmert. Für den Fall, dass es einmal wichtig würde. Sie zahlte die achtzig Euro Gebühr bar, faltete das Papier zusammen und steckte es in eine kleine Klarsichthülle. Kein Drama, kein großes Wort darüber zu Tobias. Nur eine kleine Änderung, die zeigte, wem sie inzwischen vertraute, mit demselben Vertrauen, mit dem eine alte Frau Brot durch einen Zaunspalt reicht, ohne jemanden um Erlaubnis zu fragen.

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