Ich bin nicht mehr eure Bank

Der Bus aus Salzburg kam mit vierzig Minuten Verspätung in Chemnitz an. Es war halb acht am Abend des dreißigsten Dezember, und am Zentralhaltestelle roch es nach Zuckerwatte und verbranntem Fett. Ich zog den Koffer die Treppe hinauf, weil der Aufzug mal wieder defekt war. Im dritten Stock brannte die Lampe nicht, und ich musste dreimal klingeln, bis sich die Tür einen Spaltbreit auftat.

Lena trug ihre Jacke. Sie sah mich, und ihr Kiefer mahlte. „Mama. Du hättest anrufen sollen.“

Ich wollte sie umarmen, aber sie trat einen Schritt zurück, in den Flur, wo die Kinder schon in Winterstiefeln standen. Der Junge, Felix, sechs, hatte einen halb gegessenen Berliner in der Hand. Das Mädchen, Mira, vier, rief: „Oma!“ und wollte zu mir, aber Lena legte ihr die Hand auf die Schulter.

„Wir fahren gleich los“, sagte Lena. „Zu Freunden. Silvester feiern wir nicht hier.“

Ich stand mit dem Koffer zwischen den Schuhen, die überall herumlagen. Die Heizung summte, der Fernseher lief leise im Wohnzimmer. Auf dem Tisch lag eine Packung Würstchen für Kartoffelsalat, aber der Salat war noch nicht gemacht.

„Und ich?“ fragte ich.

Lena zog den Reißverschluss ihrer Jacke zu. „Entweder du gehst zu Thomas, oder du bleibst allein. Hier ist niemand bis zum sechsten.“

Mir wurde kalt, obwohl die Heizung lief. Ich hatte drei Jahre lang in Österreich alte Menschen gewickelt, geduscht, gefüttert, ihnen die Medikamente gerichtet. Jeden Monat hatte ich Thomas sechshundert Euro überwiesen, Lena vierhundert, bis ich vor zwei Jahren anfing, für eine eigene Wohnung zu sparen. Ich hatte Lena die Wohnung gekauft, in der wir gerade standen, zwei Zimmer, fünfundsiebzigtausend Euro, notariell überschrieben, ohne dass ich je eine Nacht darin geschlafen hatte.

„Wenigstens die Kinder könnte ich sehen“, sagte ich.

„Am sechsten. Vielleicht.“ Lena nahm ihre Tasche. Jörg stand schon an der Tür, den Autoschlüssel in der Hand. Er vermied es, mich anzusehen. „Komm, wir sind spät dran.“

Felix fragte: „Darf Oma nicht mit?“

Lena schüttelte den Kopf. „Oma ist müde von der Fahrt.“

Dann waren sie weg. Ich hörte die Autotüren zuschlagen, den Motor anspringen, und dann nur noch das Summen des Kühlschranks.

Ich setzte mich auf die Bank in der Küche, vor mir die Würstchen. Der Nachbar unter mir bohrte. Ich zog mein Telefon heraus und rief Thomas an.

Er ging nach dem fünften Klingeln ran. Im Hintergrund klirrte Geschirr, jemand lachte.

„Mama? Ich dachte, du bist in Österreich.“

„Ich bin in Chemnitz. Gekommen, um mit euch zu feiern.“

Eine Pause. Dann ein Räuspern. „Silvester bin ich mit Silke und den Jungs bei ihren Eltern in Berlin. Da ist kein Platz für dich.“

„Ich will nur meine Enkel sehen. Ein halber Tag.“

„Ach so.“ Seine Stimme wurde scharf. „Und wenn du schon hier bist, bring mir wenigstens die Geschenke vorbei. Oder hast du für uns auch nur wieder so eine tolle Überraschung wie für Lena?“

Ich schwieg. Mein Daumen lag auf dem Display.

„Weißt du was“, sagte Thomas, „die Wohnung gehört doch deiner Prinzessin. Dann feierst du eben mit ihr. Mit mir brauchst du nicht zu rechnen.“

Er legte auf.

Ich saß da und hörte, wie der Kühlschrank wieder ansprang. Die Nudeln vom Mittag klebten in einem Topf, den niemand gespült hatte. Ich stand auf, spülte den Topf, die Pfanne, das Messer. Dann räumte ich die Würstchen in den Kühlschrank.

Um Mitternacht wollte ich wenigstens das Feuerwerk sehen. Ich stellte mich ans Fenster im Flur, von dem man zwischen den Blocks den Himmel sieht. Über der Stadt bunte Raketen. Aber mir fiel auf, dass ich gar nicht wusste, welcher Knall von wo kam. Ich kannte diese Straße nicht, diese Stadt nicht, nicht mehr.

Ich ging in Lenas Schlafzimmer, machte die Tür zu, setzte mich aufs Bett und zog den Koffer auf. Ganz unten lag ein Umschlag. Darin: der Dauerauftrag über sechshundert Euro an Thomas, den ich jeden Ersten ausgeführt hatte. Seit elf Jahren.

Am nächsten Morgen, einunddreißigster Dezember, um kurz nach halb neun, klingelte es. Ich hatte die ganze Nacht nicht geschlafen, nur die Augen offen gehalten und darüber nachgedacht, wie ich in drei Jahren Österreich kein einziges Weihnachten mit meinen Kindern verbracht hatte, weil ich stattdessen Doppelschichten in der Hauskrankenpflege übernahm, damit Lenas Badezimmerfliesen bezahlt werden konnten.

Thomas stand vor der Tür, in Daunenjacke, die Kapuze über dem Kopf. Er sah aus wie ein Fremder.

„Wo sind die Sachen?“

Ich trat beiseite. „Komm rein. Ich mach Kaffee.“

„Ich habe es eilig. Wir fahren nach Berlin.“

Ich holte die Tüte aus dem Wohnzimmer. Innen: ein Pullover für Silke, ein Spielzeugbagger für den kleinen Emil, eine Flasche Weinbrand für Thomas. Ich hatte alles letzte Woche in Salzburg gekauft, im Shoppingcenter an der Salzach, und ich hatte mir vorgestellt, wie Emil den Bagger auf dem Teppich schiebt, während ich im Sessel sitze und zuschaue.

Thomas nahm die Tüte, wog sie in der Hand. „Ist das alles?“

Ich spürte, wie mein Gesicht heiß wurde. „Ich habe deine Kinder drei Jahre nicht gesehen.“

„Selber schuld.“ Er drehte sich um.

Da nahm ich mein Handy aus der Kitteltasche. Ich öffnete die Banking-App, tippte zweimal, drehte das Display zu ihm.

„Was ist das?“, fragte er.

„Der Dauerauftrag. Ich habe ihn storniert. Sechshundert Euro monatlich. Ab heute zahle ich nicht mehr für dich.“

Er blieb stehen. Sein Kiefer bewegte sich, als kaue er an etwas.

„Die Kohle hast du doch eh für die Alten da drüben.“ Er deutete mit dem Kinn Richtung Autobahn. „Dann geh doch zurück.“

„Ich bleibe noch bis zum sechsten. Danach fahre ich nach Salzburg zurück. Aber das Geld lege ich jetzt für mich an. Für eine Zweizimmerwohnung. In Chemnitz. In der Nähe vom Markt. Damit ich nicht wieder vor deiner Tür stehen muss.“

Er lachte kurz auf. „Du hast sie doch nicht mehr alle.“

„Kann sein. Aber deine Schwester hat ihre Wohnung. Du hast dein Haus. Ich habe nur diesen Koffer.“

Er sah auf das Display. Darauf stand: Auftrag gelöscht. Nächste Zahlung: keine.

„Das kannst du nicht machen“, sagte er leiser.

„Doch. Ich hab’s gerade gemacht. Für sechshundert Euro im Monat kriege ich in Chemnitz eine gute Wohnung. Die Hälfte habe ich schon angespart. Der Rest kommt in drei Jahren zusammen.“

„Und was ist mit den Geschenken für die Kinder? Silke? Emil?“

Ich drückte ihm die Tüte in die Hand. „Nimm. Aber sag deinem Sohn, dass Oma jetzt eine eigene Wohnung sucht. Und dass er sie besuchen kann, wenn du willst.“

Thomas riss mir die Tüte aus der Hand. „Frohes Silvester“, sagte er und stapfte die Treppe hinunter. Die Wohnungstür fiel ins Schloss.

Ich setzte mich wieder an den Küchentisch. Vor mir das Handy, auf dem Display die Bestätigung: Dauerauftrag beendet. Ich legte das Handy mit dem Bild nach unten auf die Tischplatte, ging ins Bad und wusch mein Gesicht. Im Spiegel sah ich eine Frau, die in drei Jahren gelernt hatte, Betten zu machen, während die Leute darin noch lagen. Ich hatte gelernt, mich unsichtbar zu machen, wenn ich das Zimmer verließ. Aber ich hatte vergessen, wie man zu Hause ist.

Am Nachmittag des Ersten klingelte es zweimal, aber ich machte nicht auf. Meine Schwester aus dem Erzgebirge rief an, um mir ein frohes neues Jahr zu wünschen. Ich log und sagte, es gehe mir gut, die Kinder seien so lieb gewesen.

Sechs Monate später, im Juni, als ich in meine neue Zweizimmerwohnung in der Nähe vom Markt einzog, lag im alten Karton mit den Versicherungsunterlagen ein Brief von der Hausverwaltung. Er war an mich adressiert, weil ich in den ersten Jahren die Nebenkosten für Lenas Wohnung bezahlt hatte. Auf der zweiten Seite stand eine Kontoübersicht. Daraus ging hervor, dass die Wohnung, die ich meiner Tochter geschenkt hatte, seit zwei Jahren untervermietet war. Lena und Jörg hatten sie nie bewohnt. Sie kassierten siebenhundertvierzig Euro Kaltmiete im Monat und wohnten bei Jörgs Eltern.

Ich legte den Brief in den Ordner mit der Aufschrift „Wohnung“ und schloss ihn. Auf dem Tisch stand eine Schachtel mit meinen neuen Tellern. Ich packte sie aus, einen nach dem anderen, und stellte sie ins Regal.

Like this post? Please share to your friends:
Uniad
Leave a Reply

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: