Die Werkstatt, die ihr gehörte

Ich habe diese Anzeige selbst nicht gestellt, aber ich habe sie gelesen, und ich muss zugeben: Ich habe gelacht, bevor ich verstanden habe, wie viel Wahrheit darin steckt. "Suche Lebensgefährtin, die Fisch ausnehmen kann, Würmer gräbt und ein Motorboot besitzt. Foto vom Boot erforderlich." Das war Reinhard, sechzig, pensionierter Elektromeister aus Plön, und die Anzeige stand drei Wochen lang im Schaufenster vom Angelladen an der Alten Lübecker Straße, weil er sich weigerte, sie online zu stellen. "Wer online sucht, findet online-Menschen", hat er mir mal erklärt, als ich für ihn ein Kabel verlegt habe. "Ich will jemanden, der noch was kann."

Ich bin Matthias, ich mache seit einundzwanzig Jahren Kfz- und Bootsreparaturen, kleine Werkstatt am Ortsrand, drei Hebebühnen, ein Hund, der unterm Schreibtisch schläft. Reinhard war Kunde bei mir, seit ich angefangen habe. Er kam mit seinem alten Volvo, später mit dem Boot, einer zwölf Jahre alten Pilot 800, weißblauer Lack, der schon abblätterte. Er redete viel, meistens über seine erste Frau, die vor sieben Jahren gestorben war, und darüber, dass er nicht mehr allein am Küchentisch essen wollte.

Ich erzähle das, weil ich der bin, der von außen zugesehen hat. Nicht Reinhard, nicht die Frau, die sich auf die Anzeige gemeldet hat – ich war der, der die Reifen gewechselt hat, während die beiden sich zum ersten Mal getroffen haben, direkt bei mir auf dem Hof, weil Reinhard Angst hatte, sie zu Hause zu empfangen, "falls sie doch verrückt ist".

Sie hieß Gudrun. Zweiundfünfzig, geschieden, arbeitete als Fischverkäuferin am Kutter-Stand in Grömitz, bis der Betrieb vor zwei Jahren dichtgemacht hat. Sie kam mit dem Bus, in Gummistiefeln, obwohl es trocken war, und hatte tatsächlich ein Foto dabei – ausgedruckt, nicht auf dem Handy – von einem kleinen Alu-Kahn mit Fünf-PS-Außenborder, den ihr verstorbener Vater ihr hinterlassen hatte. Sie legte das Foto auf meine Werkbank, zwischen Ölkanne und Drehmomentschlüssel, und sagte: "Das ist kein Motorboot, das ist ein Kahn mit Motor. Wenn Sie das nicht ehrlich finden, sagen Sie's gleich."

Reinhard hat sie zwei Stunden lang angeschaut, wie sie den Fisch, den er extra mitgebracht hatte, mit einem Küchenmesser aus seiner eigenen Bordkiste filetiert hat, direkt auf meiner Werkbank, während ich daneben eine Batterie geladen habe. Sie hat kein Wort zu viel geredet. Sie hat gefragt, ob ich einen Eimer habe für die Gräten, und ich hatte einen.

Was von außen aussah wie eine schrullige Geschichte für die Kaffeerunde, war für mich etwas anderes. Ich hab gesehen, wie ein Mann, der seit sieben Jahren allein Frühstück macht, zum ersten Mal wieder jemandem zugeguckt hat, der etwas mit den Händen kann, das er selbst nicht kann. Das war keine Romantik. Das war Erleichterung.

Die zwei zogen zusammen – erst probeweise, dann fest, in Reinhards Haus am Ortsrand von Plön, mit Blick auf den kleinen Anleger, wo sein Boot lag. Gudrun brachte ihren Alu-Kahn mit, den Reinhard reparieren ließ, bei mir natürlich, neue Dichtung am Außenborder, vierzig Euro Teile, ich hab ihm nichts für die Arbeit berechnet, weil er seit zwanzig Jahren Kunde ist. Sie brachte auch ihren Sohn mit ins Gespräch, Torben, sechsundzwanzig, der in Kiel als Speditionskaufmann arbeitete und, wie sich später rausstellte, seit Monaten Schulden hatte, von denen seine Mutter nichts wusste.

Ein Jahr lang lief alles gut. Ich hab die beiden regelmäßig gesehen, samstags am Kutter-Café in Grömitz, wo Gudrun wieder halbtags aushalf, weil sie den Geruch von Fisch vermisste, wie sie sagte. Reinhard hat aufgehört, über seine erste Frau zu reden. Er hat angefangen, über Gudruns Fangtechnik zu reden, darüber, dass sie Plattfisch besser filetiert als er in vierzig Jahren gelernt hat.

Der Bruch kam im November, kurz vor Reinhards einundsechzigstem Geburtstag. Torben tauchte am Wochenende auf, mit einem Aktenordner unterm Arm, und sagte, er brauche eine Unterschrift von seiner Mutter für einen Kredit – nicht viel, behauptete er, achttausend Euro, um eine Mahnung abzuwenden. Reinhard war dabei, als das Gespräch am Küchentisch lief, ich weiß das, weil er mir am Montag danach in der Werkstatt fast wortgleich erzählt hat, was passiert ist, während ich seine Zündkerzen gewechselt hab.

Gudrun hat gefragt, wofür genau die achttausend Euro sind. Torben ist ausgewichen. Sie hat gefragt zweimal. Beim dritten Mal hat er zugegeben, dass es um Online-Wetten ging, dass die Summe eigentlich bei einundzwanzigtausend lag, und dass er schon zwei Mahnbescheide vom Amtsgericht Kiel liegen hatte. Reinhard hat, laut eigener Aussage, kein Wort gesagt. Er hat nur zugeschaut, wie Gudrun aufgestanden ist, in die Speisekammer gegangen ist, eine alte Kaffeedose rausgeholt hat, in der sie, wie er später erfuhr, seit Jahren ihre Ersparnisse gebunkert hatte, weil sie den Banken nicht traute – siebzehntausend Euro in bar, zusammengespart aus dreißig Jahren Fischverkauf.

Sie hat das Geld nicht rausgerückt. Sie hat die Dose auf den Tisch gestellt, den Deckel abgenommen, und gesagt: "Das reicht nicht mal für die Hälfte. Und selbst wenn's reichen würde – ich geb's dir nicht, damit du in drei Monaten wieder hier sitzt." Dann hat sie die Dose wieder zugemacht und zurück in die Speisekammer getragen. Torben ist gegangen, ohne sich zu verabschieden.

Was Reinhard mir erzählt hat, und was mich am meisten beeindruckt hat: Gudrun hat in der Nacht danach nicht geweint, nicht geschimpft. Sie hat am nächsten Morgen, einem Dienstag, den Bus nach Eutin genommen, zur Verbraucherzentrale, und sich beraten lassen, ob und wie sie für Torbens Schulden haften könnte, falls er weiter so wirtschaftet. Die Antwort war: nicht automatisch, solange sie nichts unterschreibt und keine Bürgschaft übernimmt. Am selben Tag noch hat sie bei ihrer Sparkasse in Plön ein separates Konto eröffnet, nur auf ihren Namen, und ihre siebzehntausend Euro dort eingezahlt – nicht mehr in der Dose, sondern verzinst und für sie unantastbar.

Ich hab Reinhard zwei Wochen später gefragt, wie es Torben geht. Er hat mit den Schultern gezuckt und gesagt, Gudrun rede noch mit ihm, aber am Telefon, nicht mehr am Küchentisch, und dass sie ihm eine Liste mit Schuldnerberatungsstellen in Kiel geschickt hat, per Post, mit einem Zettel: "Ich zahl deine Spielschulden nicht. Ich helf dir, da rauszukommen, wenn du willst."

Letzten Monat war Reinhard wieder bei mir, wegen der Winterfestmachung vom Boot. Er hat erzählt, Torben macht jetzt eine Schuldnerberatung, zweimal die Woche, und hat sich bei seiner Mutter entschuldigt – nicht für die Schulden, sondern dafür, dass er gedacht hat, sie würde einfach zahlen, weil sie das immer getan hatte, als er noch klein war. Gudrun war dabei, als Reinhard mir das erzählt hat, sie hat gerade den Außenborder vom Alu-Kahn gewartet, mit ölverschmierten Händen, und hat nur gesagt: "Ich hab nichts weggenommen. Ich hab nur aufgehört, für was zu zahlen, wofür ich nicht zahlen muss."

Vor drei Wochen hab ich zufällig erfahren, warum die Dose in der Speisekammer eigentlich so wichtig war: Reinhards verstorbene erste Frau hatte, bevor sie krank wurde, genau so eine Kaffeedose gehabt, mit Bargeld für Notfälle, die ihr Sohn aus erster Ehe sich damals einfach genommen hatte, ohne zu fragen, und die Reinhard nie zurückbekommen hat. Er hat mir das erst erzählt, als er sah, wie Gudrun die Dose zumachte und wieder wegtrug. Für ihn war das der Moment, in dem er wusste, dass diese Frau anders war als das, was er verloren hatte.

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