Der rote Hund, der den August nicht mochte

Ich bin ein roter Hund. Nicht schön, nicht reinrassig, eher groß und struppig. Ich lebe in einer Kleingartenkolonie am Stadtrand von Regensburg. Zwischen den Parzellen riecht es nach Holunder, Kompost und manchmal nach Grillwurst. Die Donau ist nur einen Katzensprung entfernt, und wenn der Wind von Osten kommt, höre ich die Züge nach München.

Ich mag den August nicht. Einmal hatte ich einen Menschen. Er baute mir eine Hütte aus alten Paletten, stellte einen Napf unter den Apfelbaum und kraulte mich hinter den Ohren. Den ganzen Sommer über sagte er „Na, Kumpel“. Aber er gab mir keinen Namen. Keinen Rex, keinen Bello, keinen Struppi. Und als die Blätter gelb wurden, meinte er: „Tut mir leid. In die Stadt kann ich dich nicht mitnehmen.“ Dann stieg er ins Auto und fuhr weg. Ich hatte es kommen sehen. Ein Tier ohne Namen gehört niemandem. Also ist es leichter, es zu verlassen. Seitdem ist der August für mich der Monat des Verrats.

Jetzt ist wieder August. Die Kleingärtner ernten ihre letzten Tomaten, die Kinder langweilen sich, und auf dem Weg zum Vereinshaus riecht es nach Pflaumenkuchen. Ich trotte an den Zäunen entlang, die Nase am Boden. Vor dem Grundstück von Frau Berger bleibe ich stehen. Aus der offenen Küchentür zieht der Duft von Bratkartoffeln mit Zwiebeln. Frau Berger ist eine resolute Dame mit grauen Locken und einer Schürze voller Flecken. Sie hat keinen Hund, aber sie schimpft gern mit mir, wenn ich ihren Kompost umgrabe.

„Kätzchen!“, brüllt sie plötzlich vom Küchenfenster aus. „Wie lange soll ich noch warten? Nimm das Geld und geh in den Laden!“

Ich ducke mich. Kätzchen? Seit wann hat sie eine Katze?

Unter dem Apfelbaum bewegt sich etwas. Ein Junge steht auf, vielleicht zehn Jahre alt, rundlich, mit Brille auf der Nase. In einer Hand hält er ein Handy, in der anderen einen angebissenen Apfel. Er trottet zur Pforte, sieht mich und hält inne.

„Wow, ein großer Hund. Hast du Hunger? Dich füttert wohl auch keiner, was?“ Er seufzt wie ein alter Mann. „Mich setzen sie auf Diät. Dabei bin ich nur ein bisschen kräftig gebaut.“

Er blickt sich um, drückt mir dann heimlich eine Frikadelle aus seiner Jackentasche in die Schnauze. Mit Dill. Ich verschlinge sie in einer halben Sekunde. Der Junge grinst. „Ich bin Lukas. Meine Oma nennt mich Kätzchen, weil ich so faul bin wie eine Katze. Dabei will ich einfach nur meine Ruhe.“

Ich bleibe sitzen und warte. Er sieht nicht gerade wie ein Held aus, aber er hat Wort gehalten. So jemandem schuldet man etwas.

Wenig später schiebt Frau Berger ihn mit einem Einkaufsbeutel durch die Tür. „Du sollst Brot holen, kein streunendes Vieh füttern! Und beweg dich mal, sonst wirst du noch rund wie ein Fußball!“

Lukas verdreht die Augen. „Ich heiße Lukas, nicht Kätzchen.“ Dann murmelt er leise: „Ich will da nicht hin. Vor dem Laden lungern immer die Jungs aus der Siedlung. Die nennen mich Mops.“

Ich stehe auf und schüttle mich. Eine Schuld ist eine Schuld. Ich begleite ihn. Erst sagt er nichts, tritt nur einen Kiesel vor sich her. Dann fängt er an zu reden, als hätte er lange niemanden zum Reden gehabt.

„Meine Eltern haben mich für die Ferien zur Oma geschickt. Frische Luft, Fahrrad fahren, Freunde finden. Aber wie soll das gehen, wenn alle über mich lachen? Und Oma will mich dünner machen. Keine Pfannkuchen, kein Kuchen. Nur Gemüse und Salat. Und ständig schimpft sie, wenn ich am Handy hänge.“ Er zuckt mit den Schultern. „Als ob Salat glücklich macht.“

Ich denke: Der Junge klagt einem streunenden Hund sein Leid. So einsam ist er.

Plötzlich legt er seine warme Hand auf meinen Kopf. Ich zucke zusammen – an sowas bin ich nicht mehr gewöhnt. „Sag mal, willst du mein Freund sein?“, fragt er.

Ich bin überrumpelt. Freund? Mit einem Menschen? Ich wollte nie wieder einem vertrauen. Aber bevor ich antworten kann, stehen wir vor dem kleinen Supermarkt mit der roten Leuchtreklame: „Netto“.

Davor lehnen drei Jungs auf ihren Fahrrädern. Älter, größer, jeder mit einer Tüte Chips. Einer pfeift durch die Finger. „Na, Mops? Brauchst du Hilfe beim Einkaufen? Oder willst du uns ein Eis spendieren?“

Der Größte stellt sein Rad ab und schubst Lukas gegen die Tür. Ich trete nach vorn. Ruhig, aber mit erhobener Lefze. Ein tiefes Grollen steigt aus meiner Kehle. Kein Bellen, kein Knurren wie ein Wachhund – ein Rollen, das durch den Parkplatz hallt. Eine Pfütze neben mir bekommt Wellen. Die Jungs erstarren.

„Der Mops hat ja einen Wolf dabei“, sagt einer.

„Lass uns abhauen“, murmelt ein anderer.

Sie springen auf ihre Räder und verschwinden um die Ecke, schneller als ich „Frikadelle“ sagen kann.

Lukas steht da, die Augen weit hinter der Brille. „Das war der Wahnsinn! Du hast die verjagt!“ Er fällt mir fast um den Hals. „Ich nenne dich Donner! Weil du so gedonnert hast!“

Donner. Ein Name. Für mich. Ich bin so überrascht, dass ich mich setzen muss. Ein dicker Junge mit Brille und ein streunender roter Hund – was für ein Paar. Aber er hat mir einen Namen gegeben. Jetzt kann ich nicht mehr einfach verschwinden.

Der August rennt dem Herbst hinterher. Morgens liegt Nebel über dem Weiher, und die Blätter färben sich. Donner – so nenne ich mich jetzt – wartet jeden Morgen an der Pforte von Frau Bergers Parzelle. Lukas und ich gehen zum Fluss, wir liegen im Gras, wir spielen mit einem alten Tennisball. Der Ball fliegt in die Brennnesseln und bleibt dort. Lukas übt, mit zwei Fingern zu pfeifen; am vierten Tag klappt es, und ich belle vor Schreck.

Frau Berger schimpft anfangs: „Der Streuner macht nur Dreck.“ Aber dann sieht sie, wie Lukas mit mir um die Beete rennt, und sagt: „Der Hund ist gut für dich. Du bewegst dich endlich. Wie ein Pilz bist du vorher herumgesessen.“ Und sie fügt leise hinzu: „Schade, dass er nicht früher aufgetaucht ist. Bald musst du zurück in die Stadt.“

Das Wort „bald“ bohrt sich in meine Brust. Wieder Abschied. Wieder Kälte. Nur dass es diesmal wehtun wird, weil Lukas mein Junge ist.

Dann begegne ich Lotte. Sie ist eine alte Mischlingshündin, grau um die Schnauze, die seit Jahren mit ihrem Rentner in der Kolonie lebt. Sie sitzt am Tor und wartet auf ihr Herrchen. Ich trotte vorbei, den Kopf gesenkt.

„Na, du roter Riese? Das Gesicht hängt ja bis zum Boden“, sagt sie.

„Mir geht’s nicht so gut.“

„Erzähl. Mein Alter braucht noch eine Viertelstunde vom Klo.“

Also erzähle ich ihr von Lukas, von seinem Lachen, von der Schule, die ihn erwartet. „Er fährt bald weg. Zurück in die Stadt. In eine Wohnung. Ohne mich.“

Lotte kratzt sich hinter dem Ohr. „Und? Fahr doch mit.“

„Die Eltern nehmen mich nicht. Ich bin hässlich und struppig. Keiner will mich.“

„Quatsch. Du musst nur einen guten Eindruck machen. Wenn sie kommen, setz dich an die Pforte, wedel mit dem Schwanz, lass dich streicheln. Sei lieb. Nicht die Zähne zeigen.“ Sie schnaubt. „Hunde werden nicht wegen ihres Aussehens geliebt. Sondern weil sie da sind, wenn alle anderen gehen.“

Ich überlege. Lotte hat gut reden, sie hatte nie ein Zuhause in Frage. Aber sie hat recht: Ich sollte es versuchen.

Zwei Tage später kommt der blaue VW-Bus. Lukas’ Eltern steigen aus, umarmen ihn, lachen. Ich liege an der Pforte und wage mich nicht zu rühren. Was, wenn die Mutter mich mit einem Blick verscheucht? Was, wenn ich nicht in ihr Leben passe?

Lukas kommt mit einem riesigen Rucksack aus dem Haus. „Mama, Papa, ich hab euch was zu erzählen. Ich hab hier einen Freund gefunden.“

Die Mutter runzelt die Stirn. „Einen Jungen aus der Nachbarschaft?“

„Sozusagen.“ Lukas grinst und zeigt auf mich. „Er heißt Donner. Er hat mich vor den blöden Jungs beschützt.“

Die Mutter sieht mich an. Lange. Ich spüre, wie mein Herz gegen die Rippen hämmert. Sie tritt näher, beugt sich herunter. Ihre Hand schwebt über meinem Kopf.

„Er ist aber groß. Wie soll das in der Wohnung funktionieren? Wir müssten ihn pflegen, ausführen, erziehen …“

Lukas fällt ihr ins Wort. „Mama, ich mach das alles! Ich verspreche es! Ich geh jeden Morgen mit ihm raus, auch im Winter. Und er ist ganz lieb, wirklich!“

Der Vater zuckt mit den Schultern: „Ich bin dafür, wenn ihr euch einig seid.“

Und da passiert etwas, womit ich nicht gerechnet habe. Frau Berger stellt sich neben mich, die Schürze noch voller Mehl. „Der Hund tut dem Jungen gut. Bevor ihr ihn hergebracht habt, saß er den ganzen Tag am Handy. Wie ein alter Mann. Seit der Hund da ist, rennt er durch die Gegend, hilft im Garten, lacht sogar. Nehmt ihn mit. Der Junge braucht ihn.“

Die Mutter schweigt. Dann legt sie ihre Hand auf meinen Kopf. Sie streichelt mich zwischen den Ohren, nicht hektisch, sondern ruhig. „Na gut. Wir nehmen ihn mit. Aber du hältst dein Versprechen, Lukas. Du kümmerst dich um ihn.“

Sie geht zum Bus, macht die Heckklappe auf, holt eine alte Wolldecke heraus und breitet sie auf der Rückbank aus. „Los, Donner. Steig ein.“

Ich zögere. Das ist kein Traum? Lukas klopft auf die Decke. „Komm, Donner! Du gehörst jetzt zu uns!“

Ich springe auf die Rückbank, lege den Kopf auf Lukas’ Knie. Der Motor startet. Draußen fahren die letzten Kleingärten vorbei, der Zaun, der Apfelbaum, das Hoftor. Dann die Landstraße, Felder, Windräder in der Ferne.

Es riecht nach Benzin, nach frischem Brot aus dem Netto – Lukas hat heimlich eine Brezel gekauft – und nach Sommer, der sich auflöst. Vorne sagt die Mutter leise: „Er ist eigentlich ganz hübsch, der Donner.“ Der Vater brummt zustimmend.

Ich schließe die Augen. Der August hat mich diesmal nicht verraten. Er hat mir einen Namen gegeben.

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Uniad
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