Die Frau, die sie über Bord stießen, besaß ihre Schulden

Ich bin Kai, 38, und arbeite im Hamburger Hafen. Bootsmotoren, alte Kutter, ab und zu eine Segelyacht, die nach der Regatta repariert werden muss – das ist meine Welt. An jenem Samstag roch es nach Diesel und Tang, die Möwen kreischten über der Elbe, und ich hatte gerade den Ölfilter an einem alten Charterboot gewechselt, als mir die Motorjacht auf der anderen Seite des Beckens auffiel. Eine imposante Princess, weißer Rumpf, auf dem Heck stand *„Seeteufel“*. An Bord eine Familie, die aussah, als wäre sie direkt aus einem Werbefilm für Private Banking gestiegen: der Vater im Poloshirt, die Mutter mit Perlenkette und breitrandigem Hut, der Sohn eine makellose Gestalt mit Pilotenbrille und Champagnerglas in der Hand. Und eine junge Frau im schlichten blauen Leinenkleid, die nicht dazugehörte. Sie trug keine Uhr, keinen Schmuck, und sie balancierte ein Tablett mit Gläsern – nicht als Gast, sondern als Bedienung. Zumindest dachten das die drei anderen.

Ich wollte eigentlich nur meine Hände am Lappen saubermachen, aber irgendetwas hielt mich am Fernglas. Die Mutter redete auf die junge Frau ein, sie deutete auf einen Fleck auf dem Teakdeck – ich konnte das rote Mal vom Spätburgunder erkennen. Die junge Frau schüttelte den Kopf. Daraufhin schlug die Mutter ihr das Glas aus der Hand. Nicht versehentlich – es war eine einzige schnelle Bewegung, gefolgt von einem Schubser mit dem Ellbogen. Die junge Frau verlor das Gleichgewicht, ruderte mit den Armen, ein kurzer Aufschrei, und dann schlug sie auf dem Wasser auf. Die Mutter trat an die Reling, beugte sich vor – und lachte. Der Vater ebenfalls. Der Sohn nahm seine Sonnenbrille ab, setzte sie wieder auf und drehte sich einfach um.

Ich habe selten so schnell den Schlüssel meines alten Seehund-Kutters umgedreht. Der Diesel bollerte, ich löste die Leinen und pflügte aus dem Hafenbecken heraus. Sie trieb da draußen, die Wellen schwappten ihr ins Gesicht, sie hustete und versuchte den Kopf über Wasser zu halten. Ich kam längsseits, griff nach ihrer Hand, die eiskalt war und zitterte, und zog sie an Bord. Sie saß eine Weile nur da, die tropfnassen Haare klebten ihr an den Wangen, ihre Finger krallten sich in den rauen Stoff meiner alten Decke, und die Zähne schlugen ihr im Mund aufeinander. Kein Weinen, kein Fluchen. Nur das Wasser tropfte im Rhythmus eines blinkenden Navigationslichts auf die Dielenplanken.

„Haben Sie ein Handy?“, fragte sie, und ihre Stimme brach beim letzten Wort.

Ich wühlte in meiner Öljacke und gab ihr mein altes Nokia, das einzige, das den Hafenalltag überlebt. Sie tippte eine Nummer, verhaspelte sich beim ersten Versuch, weil ihre Hand noch immer zitterte, dann sagte sie in einem Ton, der mit jedem Wort fester wurde: „Leiten Sie das Verfahren ein. Stellen Sie sämtliche Sicherheiten zur Verwertung. Ja, auch die in Blankenese. Und die Yacht, die derzeit vor Hamburg liegt, gehört ebenfalls zur Kreditmasse. Lassen Sie sie festsetzen, bevor sie den Anleger erreicht.“ Dann legte sie auf und reichte mir das Telefon zurück. „Vielen Dank. Darf ich Sie bitten, mich zum Anleger der Hafenmeisterei zu bringen?“

Als wir in den kleinen Sportboothafen einfuhren, lag die weiße Princess bereits vertäut. Die drei standen an Land und gestikulierten. Der Sohn zog die Brauen zusammen, als er mich und das zitternde Mädchen auf meinem schmutzigen Kutter sah. Sie stieg aus, ohne Hilfe, immer noch tropfend, und ging zielstrebig auf die Familie zu. Ich machte die Leinen fest und hörte jedes Wort, obwohl ich nur so tat, als würde ich den Fender justieren.

„Das war ein Unfall“, begann die Mutter hastig. „Niemand wollte, dass du ins Wasser fällst. Wir haben uns nur einen Scherz erlaubt, du bist doch sonst nicht so empfindlich.“

Die junge Frau antwortete nicht sofort. Sie nestelte an der nassen Gürtelschlaufe ihres Kleides und zog eine schmale Karte heraus, die sie dem Vater hinhielt. Er nahm sie zögernd und las, während seine Finger an der Ecke knitterten.

„Das ist … das ist die Vorstandskarte der Hanseatischen Bodencreditbank“, stammelte er.

„Stimmt“, sagte sie. „Die Bank, bei der Sie mit zwei Komma drei Millionen Euro in der Kreide stehen, gehört mehrheitlich der Stiftung meines Großvaters. Und ich bin seit drei Jahren die Bevollmächtigte. Ich prüfe Ihre Bahamas-Konten schon seit Wochen, Herr Veith – die Rückflüsse passen seit Monaten nicht zu Ihren Umsatzsteuervoranmeldungen. Heute Morgen dachten Sie noch, Ihre Kreditverlängerung sei Formsache. Vor einer halben Stunde habe ich die notleidende Verwertung eingeleitet. Ihr Haus in Blankenese und diese Princess kommen innerhalb der nächsten vier Wochen unter den Hammer. Die Unterlagen zu den Konten gehen an Ihren Steuerberater und an die Betriebsprüfung. Sie können einen Anwalt nehmen, aber die Grundschuld ist unanfechtbar.“

Der Vater öffnete den Mund, brachte aber keinen Ton heraus. Die Mutter war aschfahl im Gesicht und hielt sich am Arm ihres Mannes fest.

Der Sohn machte endlich einen Schritt auf sie zu. „Mira, das ist doch Wahnsinn. Lass uns reden. Ich … ich hätte springen sollen, okay? Aber da waren Leute, die dich schon rausholten, und ich war nur…“

Sie hob die Hand. „Du warst nur still. Du warst nur bequem. Du warst nur der Mann, der seine Verlobte ertrinken lässt, weil Mutti das so will. Genau das wirst du jetzt bleiben. Deine Bürgschaft für den Oldtimer ist Teil der Verwertung – dein W124 wird nächste Woche abgeholt. Für den Rest der Schuld reicht das nicht, aber das ist jetzt nicht mehr mein Problem, Jan. Auf dem Wasser warst du nicht bereit, zu handeln. Also übernehme ich das jetzt für dich.“

Sie drehte sich nicht mehr um. Sie ging den Steg entlang, vorbei an den kreischenden Möwen und den Fahrradkurieren, die am Fischmarkt vorbeirasten, und verschwand in einem Taxi.

Ich blieb noch eine Weile auf meinem Kutter sitzen, den Lappen zwischen den Händen, ohne ihn zu benutzen, und schaute zur Princess hinüber, an deren Heck jetzt ein schwarzer Liegeplatzaufkleber mit einem gerichtlichen Siegel prangte. Die Mutter zitterte am Kai neben dem Abschleppwagen, der Jans Oldtimer bereits auf die Ladefläche hob, der Vater knetete sein Polohemd in den Fäusten. Jans Sonnenbrille lag zerbrochen auf den Planken, genau dort, wo er gestanden hatte. Ich nahm einen Schluck aus der lauwarmen Astra-Dose in der Kühlbox, klappte das Fernglas zusammen und startete den Motor. Der Ölstand musste noch geprüft, der Tang aus dem Einlass gekratzt werden. Der Tag war noch lang.

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