»Ich will die Scheidung, Inga, und ich kriege meinen Anteil vom Seehaus!«, fauchte Leonie und ließ ihre Handtasche so heftig auf den Küchentisch knallen, dass die Espressomaschine wackelte.
Ich, Inga Vollmer, saß auf der anderen Seite, die Finger um eine henkellose Keramiktasse gelegt. Im Treppenhaus scharrte Herr Kowalski mit seinem Dackel über die alten Steinfliesen, irgendwo aus der Tiefe des Altbaus roch es nach gebratenem Speck und dem Putzmittel der Hausreinigung. Ein ganz gewöhnlicher Donnerstagnachmittag in Eimsbüttel, nur dass meine Schwiegertochter dabei war, einen Krieg zu erklären.
Leonie stemmte die Fäuste in die Hüften, die künstlichen Nägel schillerten wie Perlmuttsplitter unter der Hängelampe. Eine blonde Strähne hatte sich aus ihrem straffen Pferdeschwanz gelöst und klebte an ihrer Wange. »Acht Jahre habe ich in diese Ehe gesteckt, acht Jahre in diesen muffigen Hochparterre-Palast, während Tim in seiner Tischlerwerkstatt Holzstaub gefressen hat. Ein Leben am Abgrund. Alle meine Freundinnen fahren nach Bali, und ich sitze hier und reibe mich mit eurem WG-Schrank aus Kiefernholz auf.«
»Die Wohnung gehört mir, Leonie, schon seit zwanzig Jahren. Tim und du habt das große Zimmer bekommen, ich bin ins Gästezimmer gezogen. Das war nie ein Geheimnis.«
»Eben!« Sie lachte scharf und trat mit der Ferse gegen den Kühlschrank, dass die Magnete – Miniatur-Bierflaschen von St. Pauli – schepperten. »Jetzt geht es um das Häuschen am Plöner See. Das ist in unserer Ehe angeschafft worden, da kannst du dich auf den Kopf stellen. Ich habe mit einer Anwältin gesprochen, die Kostenerstattung vom Jobcenter deckt die Erstberatung. Nach §1374 BGB habe ich Anspruch auf Wertausgleich. Also entweder zahlt mir Tim meine Hälfte, oder ihr müsst das Grundstück verkaufen. Macht euch schon mal auf einiges gefasst.«
Ein Linienbus fuhr draußen mit einem Zischen über die feuchte Straße, und ich verfolgte den Wassertropfen, der sich am Fenster seinen Weg bahnte. Tim war mein Einziger. Ein stiller, begabter Bursche, der schon als Kind lieber geschnitzte Eichenblätter fabrizierte, als auf dem Schulhof zu toben. Leonie hatte er acht Jahre zuvor in einem Bioladen kennengelernt, sie hatte ihm einen Matcha-Tee empfohlen, und er war sofort verloren. Ich hatte gehofft, ihr Temperament würde ihn aus seinem Schneckenhaus holen. Eine fatale Fehlkalkulation.
Vor sechs Jahren begann das Gejammer. Tim verdiente damals kaum mehr als den Mindestlohn in einer zugigen Lohnwerkstatt in Billbrook, und Leonie verbrachte die Abende damit, auf ihrem Handy die Instagram-Profile von Innenarchitektinnen zu durchforsten. »Warum haben alle einen Rückzugsort und wir nicht?«, stichelte sie beim Abendbrot, während sie eine überteuerte Avocado zerdrückte. »Ich brauche Natur, einen Steg zum Wasser, Rosenbüsche. Hier ersticke ich zwischen vier Wänden und zwei Fahrradschläuchen im Flur.«
Tim, der nie gelernt hatte, eine miese Stimmung einfach auszusitzen, machte Überstunden und verdingte sich als Möbelpacker für Umzugsfirmen. Es reichte trotzdem nicht. Also griff ich ein. Ich hatte noch ein Sparbuch von meinem verstorbenen Mann, ein kleines Erbe und die mageren Zinserträge aus dreißig Jahren Teilzeitarbeit in einer Buchbinderei. Ich entdeckte eine Anzeige im »Schwarzen Brett« der Supermarkt-Pinnwand: Verwildertes Freizeitgrundstück bei Malente, kleine baufällige Blockhütte, kein Stromanschluss, dafür Seeblick durch eine Lücke im Schilf. Die Besitzer, ein älteres Paar aus Schleswig, wollten es zum symbolischen Preis abgeben, nur um die laufenden Kosten nicht mehr tragen zu müssen.
Ich unterschrieb den notariellen Kaufvertrag an einem regnerischen Dienstag im November. In der Spalte »Eigentümerin« stand: Inga Vollmer, geboren 1952, alleiniges Eigentum. Der Grundbuchauszug, den ich zehn Wochen später im Briefkasten fand, bestätigte es fein säuberlich. Ich steckte ihn in meine Mappe mit den Versicherungsscheinen und sagte Tim und Leonie, das Grundstück sei ein Geschenk für sie – ein Ort, an dem sie zur Ruhe kommen könnten. Ob ich etwas von der rechtlichen Konstruktion erwähnte? Nein. Es war ein Familiengeschenk, keine juristische Klausurtagung.
Leonie blühte sofort zur Großgrundbesitzerin auf. Jedes Wochenende scheuchte sie uns gen Norden. Tim riss die alten Dielen aus dem Schuppen, isolierte das Dach, baute eine Terrasse an den Hang, alles mit bloßen Händen und einem ausrangierten VW-Transporter voller Werkzeug. Er schuftete bei jedem Wetter, in einer löchrigen Seglerjacke, die Hände voller Sägemehl und Bootslack. Und Leonie? Sie hievte einen Liegestuhl aus dem Discounter-Sonderposten ans Ufer, öffnete eine Flasche Prosecco und rief Anweisungen durch die Gegend. »Tim, die Zaunlatten sind schief! Dieser Grünton ist ja wie Knäckebrot mit Schimmel – ich wollte Salbeigrau!« Von mir verlangte sie, den Kompost umzusetzen und die Thymianpflanzen zu gießen. Ich grub mit der Handschaufel, während sie Selfies vor dem Steingarten postete, den Tim aus Feldsteinen des nahen Moränenhügels errichtet hatte.
Die erste Bresche schlug sich im Februar auf. Leonie hatte eine Stelle als Office-Managerin in einem hochpreisigen Zahnlabor an der Alster angenommen. Plötzlich roch sie nach einem Parfum, das drei Monatsmieten unserer Wohngegend kostete, und kam immer später, die Wangen gerötet, als hätte sie nicht nur Kariesfilme sortiert. Tim stellte ihr am Freitag eine selbstgekochte Kartoffelsuppe hin, sie stocherte darin herum und meinte: »Ich esse fermentiertes, das kennst du nicht. Außerdem haben wir Teamcoaching-Wochenenden. Du kannst ja mit deiner Mutter ans Wasser fahren, ihr versteht euch ja so gut.«
Anfang Mai, an einem Sonntag, wollten Tim und ich eigentlich gar nicht aus Malente zurückkommen, weil der neue Ofen eingebaut werden musste, aber an unserem alten Opel Astra platzte ein Kühlerschlauch und zwang uns, den Zug zu nehmen. So standen wir um halb acht im Korridor der Wohnung und hörten Leonie aus der Küche telefonieren. Die Tür war nur angelehnt, ihre Stimme triefte vor Honig. »Ja, Sascha, Schatz, alles unter Kontrolle. Ich reiche die Scheidung ein, das Grundstück wird bewertet, die Hälfte kriege ich raus. Reicht für die Anzahlung einer Eigentumswohnung in Winterhude. Dann können wir endlich zusammenziehen. Nein, der Pantoffel merkt nichts. Der und seine Mutter haben doch keine Ahnung von Geld.«
Tim stand wie versteinert. Die Reisetasche glitt ihm von der Schulter, der Reißverschluss kratzte über den Dielenboden. Er griff nach dem Schlüsselbund, drehte sich um, öffnete die Wohnungstür und trat wieder ins Treppenhaus hinaus. Ich hörte, wie er eine Zigarette beim Portier schnorrte – er hatte seit dem Abitur nicht mehr geraucht. Leonie bemerkte uns nicht, sie kicherte noch eine Weile. An diesem Abend aßen wir schweigend Brot mit Leberwurst.
Eine knappe Woche später folgte der heutige Showdown. Leonie hatte sich offenbar entschieden, die Initiative zu übernehmen.
»Jetzt hör mal gut zu, Inga,« zischte sie und tippte mit dem Zeigefinger auf die Kunststofftischdecke. »Entweder ihr überweist mir fünfundzwanzigtausend Euro – das ist die Hälfte des Verkehrswerts, laut Marktanalyse einer Maklerin – oder ich hole einen Fachanwalt. Dann wird es richtig teuer, und der Gerichtsvollzieher kommt vorbei. Dein Sohn kriegt schon Panik, wenn er nur den Brief vom Finanzamt sieht, also überleg dir das gut.«
Ich stand auf. Meine Knie knirschten wie üblich, aber ich fühlte mich ruhig. Ich ging zu dem kleinen Sekretär im Flur, der noch nach Bohnerwachs von Großmutters Zeiten roch, und zog die unterste Schublade auf. Sie klemmte immer, man musste mit dem Daumen an einer bestimmten Stelle drücken – ein kleiner Trick, den nur ich kannte. Ich entnahm die schwarze Kladde mit den Familienurkunden, darin lag eine transparente Plastikhülle mit einem gestempelten Dokument. Ich kehrte an den Tisch zurück und legte das Papier zwischen den Brotkorb und die leeren Tassen.
»Setz dich bitte, Leonie. Nur für einen Moment.«
»Ich will mich nicht setzen!«
»Dann steh. Aber lies.«
Sie griff nach dem Blatt, die langen Wimpern flatterten, während sie die Zeilen überflog. Draußen kläffte Herr Kowalskis Dackel ein einziges Mal und verstummte. Im Kühlschrank summte der Kompressor. Ich sah, wie sich Leonies Lippen bewegten, als würden sie die Buchstaben widerwillig ertasten. Das Blut wich aus ihrem Gesicht, danach schossen rote Flecken von ihrem Ausschnitt bis zur Stirn.
»Alleineigentümerin: Inga Vollmer…«, murmelte sie. »Das ist… das kann nicht sein. Ihr habt doch gesagt, das Haus gehört Tim! Ihr habt es uns überlassen.«
»Ich habe gesagt, ihr könnt es als euer Rückzugsnest nutzen. Und das habt ihr. Gekauft habe ich es. Mit meinem Geld, vor einem Notar, auf meinen Namen. Tim stand nicht eine Minute lang als Miteigentümer im Grundbuch. Du auch nicht.«
Tim war inzwischen aus der Stadt zurück, er hatte die Einfahrt gefegt und war durch die Hintertür hereingekommen. Er lehnte im Türrahmen, die Wangen eingefallen, ein schmutziger Pullover über den Unterarmen. Aber als er das Papier auf dem Tisch sah und Leonies fassungslose Miene, da huschte ein winziges Zucken um seine Mundwinkel.
»Das ist Betrug!«, kreischte Leonie, die Hysterie zerbrach ihre Contenance. »Du elende Alte! Du hast das von Anfang an geplant, damit ich nichts abbekomme!«
»Geplant habe ich, dass ich mit fünfundsechzig nicht unter der Brücke schlafen muss, weil meine Schwiegertochter ein Verhältnis mit irgendeinem Sascha anfängt. Dafür kann man mich gern schlau nennen.« Ich faltete die Hände auf der Tischkante. »Deine Rosen, Leonie, die du im Beet hinter der Terrasse gesetzt hast, darfst du ausgraben. Tim leiht dir sogar den Spaten. Und die Steine vom Alpinum kannst du Sascha schenken, vielleicht baut er dir ja eine neue Höhle.«
Tim löste sich vom Rahmen, trat näher und legte mir eine Hand auf die Schulter. Seine Finger zitterten leicht, aber seine Stimme klang so fest wie seit Jahren nicht mehr. »Mama hat recht. Fahr hin und grab. Nimm, was du gepflanzt hast. Aber von der Hütte und vom Grund bekommst du keinen Quadratmillimeter. Nicht einen einzigen.«
Leonie holte noch dreimal Luft, als würde sie einen weiteren Salto vorbereiten, aber der Schwung war raus. Sie stopfte das Dokument zurück über den Tisch, raffte ihre Tasche an sich und stolperte ins Schlafzimmer. Wir hörten, wie sie Schubladen herauszerrte, Klamotten in Koffer warf und ein letztes Mal wütend den Schrank zuschlug, dessen Furnier Tim vor Jahren mühsam repariert hatte. Um kurz nach acht fiel die Wohnungstür ins Schloss, danach nur noch das ferne Gurgeln der Wasserleitungen.
Die Scheidung ging über die Bühne, relativ geräuschlos. Der alte Opel Astra blieb bei Tim, den Fernseher mit dem Kratzer im Panel nahm Leonie mit, den zugehörigen Ratenkredit mussten wir allerdings bis zum Ende bedienen. Aber das war es uns wert.
Innerhalb eines Jahres verwandelte sich unsere Wohnung. Tim strich die Wände in einem warmen Lehmton, den er vorher nie hätte durchsetzen können, und ich zog in das große Zimmer, stellte meine alten Buchbinderwerkzeuge ans Licht und zog einen Zitronenbaum aus einem Steckling. Kein Klagen über verpassten Luxus, kein Schimpfen auf einen niedrigen Kontostand. Tim kündigte seine Stelle in der Lohnwerkstatt und mietete eine kleine, sonnige Gewerbeeinheit in einer ehemaligen Bonbonfabrik in Altona. Zusammen mit einem alten Kollegen gründete er eine Manufaktur für Massivholzmöbel. Die Auftragsbücher waren anfangs dünn, aber er war so glücklich, dass er morgens freiwillig um sechs aufstand und summend den Gasbrenner für die Leimpresse anwarf. Die ersten Kunden fanden ihn über eine lokale Radioreportage, in der ein Journalist fragte: »Warum riecht dieser Tisch nach Hoffnung?«
Und das Seehaus? Das Seehaus atmete auf.
Wir saßen an einem lauen Augustabend auf der von Tim erneuerten Terrasse, direkt über dem Schilfgürtel. Der Plöner See lag spiegelglatt, nur eine Blessralle zog eine unsichtbare Linie durch das Wasser. Auf dem Tisch stand ein Pott friesischer Tee, daneben ein Teller mit selbstgebackenem Rhabarberkuchen, den unsere Nachbarin, die alte Frau Johanssen, vorbeigebracht hatte, weil Tim ihr den kaputten Fensterladen gerichtet und keinen Cent dafür genommen hatte. Der Duft von gemähtem Gras und nasser Erde stieg vom Ufer herauf, und irgendwo hinter den Birken klapperte eine lose Dachpfanne des Bootshauses im Seewind.
Tim betrachtete den weiß-rosa Hortensienbusch, den Leonie nie ausgegraben hatte und der jetzt prächtiger blühte als zuvor. »Weißt du, was das Verrückteste ist?«, sagte er und drehte die Teetasse in seinen rauen Händen. »Ich habe jahrelang gedacht, irgendetwas mit mir stimmt nicht. Dass ich zu wenig verdiene, zu ruhig bin, zu wenig rausgehe. Dabei war es nur die falsche Person, die mich so gesehen hat. Jetzt mache ich Tische, die kein Mensch braucht, weil sie aus einem einzigen Stück Ulme gefertigt sind, und trotzdem klingt mein Portemonnaie nicht mehr so hohl.«
Er verstummte und ließ den Blick über das Wasser gleiten. Ich strich ihm eine Haarsträhne aus der Stirn, ohne etwas zu sagen.
Die Sonne tauchte das Schilf in ein tiefes Orange. Ein letzter übermütiger Sprung vom Steg, und der Schwarm Blässhühner stob auseinander. In der Ferne heulte das Martinshorn eines Einsatzwagens durch die schmalen Gassen von Malente, doch hier war alles ruhig. Nur die Brombeerranken wuchsen an der Grundstücksgrenze hemmungslos weiter, und im ungestrichenen Gewächshaus reiften die ersten Tomaten – schief, aromatisch, unerhört eigenständig.
