Die Nacht, in der Oskar fliegen lernte

Oskar war ein Kater von gewaltiger Leibesfülle. Sein Bauch hing so tief, dass er beim Gehen beinahe über die Dielen schleifte, und seine Bewegungen wirkten, als müsse er einen halben Liter Sahne vor sich herrollen. Er lag fast den ganzen Tag auf der breiten Fensterbank der Altbauwohnung in Hamburg-Eimsbüttel, ließ die Pfoten über die Heizung baumeln und starrte mit halb geschlossenen Lidern auf die Kastanienallee hinab – nicht weil ihn interessierte, was dort geschah, sondern weil ihm schlicht die Kraft fehlte, etwas anderes zu tun.

Seine Besitzerin, Frau Inge Liese, eine Frau von dreiundsechzig Jahren mit einem kleinen Lädchen für Wolle und Kurzwaren, umhegte ihn wie ein rohes Ei. Sie kaufte für ihn ausschließlich die teuren Pasteten aus dem Fressnapf, jede Dose zu drei Euro neunzig, garnierte sie mit frisch geschälten Nordseekrabben und gekochtem Seelachsfilet. Ihr Mann, Herr Wilhelm Liese, ein pensionierter Hafenarbeiter mit krummem Rücken und einem schweigsamen Wesen, schüttelte jeden Abend beim Abendbrot den Kopf. „Der Kater frisst besser als wir beide zusammen, Inge. Und schau ihn dir an – wenn er so weitermacht, platzt er eines Tages.“ Inge winkte ab und streichelte Oskars speckigen Nacken, woraufhin er mit einer unwilligen Kopfbewegung ihre Hand abschüttelte und einmal kurz fauchte.

Die beiden anderen Katzen im Haus, die flinken Geschwister Leni und Fine, mieden Oskar wie der Teufel das Weihwasser. Sie hatten gelernt, dass er mit seinen Krallen nicht spaßte: ein falscher Schritt in die Nähe seines Napfes, und man trug eine blutige Kralle auf der Nase davon. Also duckten sich die beiden unter dem Sofa, wenn Oskar seinen wackeligen Gang durchs Wohnzimmer antrat, und wagten kaum zu atmen, solange er nicht wieder auf seinem Thron lag.

Oskar selbst fühlte sich zusehends elender. Seine Backen quollen auf wie zwei Brötchenteiglinge, sein Doppelkinn floss ihm über den Kragen, und wenn er versuchte, mit Anlauf auf die Fensterbank zu springen, gelang es ihm nur unter erbärmlichem Keuchen. Manchmal blieb er einfach davor sitzen, bis Inge ihn mitleidig hochhob. Sein Gesichtsausdruck war von einer permanenten, tiefen Unzufriedenheit geprägt – die Lefzen hingen herab, die Augen schmal wie Schlitze.

In einer stürmischen Oktobernacht, als der Wind durch die Ritzen der alten Fenster pfiff und in der Ferne das Nebelhorn der Elbphilharmonie dröhnte, kratzte es plötzlich am Fliegengitter. Oskar lag im Halbschlaf auf seinem Samtkissen und zuckte nur mit einem Ohr. Das Kratzen wiederholte sich, energischer diesmal, bis das feine Netz mit einem leisen Ratsch einen Spalt weit aufsprang.

Ein fremder Kater drückte sich durch die Öffnung. Er war so pechschwarz, dass selbst das trübe Licht der Straßenlaterne an seinem Fell abzuperlen schien. Mager, sehnig, mit etwas abstehenden Ohren und einer spitz zulaufenden Schnauze, die an eine Fledermaus erinnerte. Seine Augen glommen bernsteinfarben in der Dunkelheit.

„Na, Specki“, sagte der Schwarze mit einer Stimme wie das Rascheln von trockenem Laub. „Liegst da und träumst von der nächsten Mahlzeit?“

Oskar hob träge den Kopf. Ein konkurrierender Kater in seinem Reich? Unerhört. Er wollte fauchen, doch der Schatten setzte sich einfach neben ihn und begann, sich mit einer Pfote über das Ohr zu fahren.

„Ich heiße Moritz“, stellte er sich vor und musterte Oskar mit einem Blick, der irgendwo zwischen Mitleid und Belustigung lag. „Und du bist der dickste Kater, den ich je gesehen habe. Kein Wunder – du hast dich in dieser Wohnung eingemauert und lässt dich füttern wie eine Stopfgans. Weißt du überhaupt, was da draußen los ist?“

Oskar blinzelte. „Draußen? Draußen ist es kalt, nass und voller Hunde. Ich habe alles, was ich brauche – warum sollte ich mich für den Rest interessieren?“

Moritz grinste und zeigte dabei ein Gebiss, dessen Eckzähne etwas zu lang und zu spitz wirkten. „Alles, was du brauchst. Aber hast du Freiheit? Hast du einmal in deinem Leben etwas selbst getan, ohne dass eine alte Frau dir den Hintern nachgetragen hat? Komm, ich zeig’s dir.“ Er packte Oskar mit einer überraschenden Kraft im Nackenfell, schleifte ihn auf das Fensterbrett und drückte seinen Kopf durch den Riss im Fliegengitter.

Ein Schwall kalter Luft fuhr Oskar ins Gesicht – und mit ihm eine Kakophonie aus Gerüchen, die er noch nie wahrgenommen hatte: feuchte Erde, Abfall von der Mülltonne im Hof, der Duft von gegrilltem Fisch aus einer entfernten Imbissbude, Hundehaar und Katzenurin, Benzin und Laub. Es kribbelte in seiner Nase, dass er niesen musste.

„Siehst du den Karton dort unten?“, raunte Moritz. „Da drin hat jemand gestern drei Kitten ausgesetzt. Eins hat die Nacht nicht überlebt. Und dort, unter dem silbernen Opel – da liegt die getigerte Katze, die jeden Morgen um fünf Uhr aus der Mülltonne frisst, bevor die Müllabfuhr kommt. Ihr rechtes Ohr hat sie bei einem Kampf verloren. Komm jetzt fliegen wir.“ Moritz umklammerte Oskar mit beiden Vorderpfoten und stieß sich vom Fensterbrett ab.

Oskar schrie auf, erwartete den harten Aufprall auf dem Asphalt – stattdessen trug sie ein Windstoß empor, über die Dächer von Eimsbüttel, vorbei an den schimmernden Spitzen des Michels. Die Lichter der Stadt schwankten unter ihnen, und der Nachthimmel war von einem satten, tiefen Blau, durchsetzt mit wenigen Sternen. Moritz flog ihn an Fassaden entlang, in deren kalten Nischen dünne Katzengestalten zusammengekauert lagen, über eine belebte Kreuzung, wo ein junger rotweißer Kater mit gebrochener Pfote im Rinnstein lag, über einen Parkplatz, auf dem ein schwarzer Hund einen winselnden Streuner hetzte.

Eine ganze Stunde lang zeigte Moritz ihm diese Welt: den Hunger, der den Tieren in den Augen saß, die Angst, die sie durch jede Gasse trieb, den Kampf um einen einzigen Bissen. Als sie in die Wohnung zurückkehrten und Oskar sich zitternd auf sein Kissen fallen ließ, sagte Moritz: „Morgen wieder? Wir fliegen noch einmal. Du hast noch nicht alles gesehen.“ Und ehe Oskar antworten konnte, war er durch den Spalt im Fliegengitter verschwunden.

Drei Abende hintereinander kam Moritz. Am zweiten Abend landeten sie neben einem alten, halb verhungerten Kater, der unter einem Container kauerte und kaum noch die Augen öffnen konnte, und am dritten strich Moritz so tief über eine vielbefahrene Straße, dass Oskar die Reifen eines Lastwagens dicht an seinen Ohren vorbeirauschen hörte und das erstarrte Bündel Fell am Straßenrand sah, das noch vor einer Stunde geatmet hatte.

Am Morgen nach der dritten Nacht saß Oskar auf dem Dielenboden und starrte ins Leere. Er zitterte, ohne dass ihm kalt war. Inge stellte ihm die gewohnte Schale mit Lachs und Krabben hin – Oskar wandte den Kopf ab. Er versuchte es mit einer Pastete – er schob sie mit der Pfote weg. Nur Wasser leckte er ein wenig auf. Zwei Tage lang nahm er nichts zu sich, nicht einmal das appetitlichste Leckerli. Inge weinte vor Sorge und rief den Tierarzt an, der aber nur meinte, Kater seien manchmal launisch.

Am dritten Tag zog er sich mühsam auf das Sofa, auf dem Wilhelm wie jeden Abend in der Tagesschau versank. Oskar ließ sich schwerfällig auf den Schoß des alten Mannes plumpsen, streckte eine Pfote aus und legte sie auf dessen Hand, die aufgestützt auf der Sessellehne lag. Wilhelm hielt die Luft an. In fünf Jahren hatte Oskar noch nie jemanden berührt, geschweige denn sich auf einen Schoß gelegt. Vorsichtig, mit den Fingern, die einst schwere Taue gehalten hatten, strich er dem Kater über den speckigen Rücken. Und dann – ein Geräusch, das Inge die Tränen in die Augen trieb: Oskar begann zu schnurren. Ein tiefes, rumpelndes Brummen, das sich wie ein kleiner Motor durch seinen Brustkorb fraß.

Von diesem Tag an war Oskar verwandelt. Er schlang nicht mehr. Er fraß nur so viel, wie er wirklich brauchte, und das Edelfischfilet, das Inge ihm hinstellte, stupste er mit der Nase zu Wilhelm hinüber, als wolle er sagen: „Das ist für dich, Papa.“ Wilhelm aß es, und Oskar sah ihm dabei zu, mit einem Ausdruck stiller Zufriedenheit. Innerhalb weniger Wochen schrumpfte sein Bauch, sein Gang wurde spielerisch, seine Augen klarer. Er jagte Leni und Fine durch die Wohnung – anfangs rannten sie noch aus Gewohnheit, doch bald ließen sie sich einholen und purzelten durchs Zimmer, und wenn Oskar sie danach mit seiner rauen Zunge abschleckte, hielten sie still und genossen es.

Jeden Abend sprang er nun ohne jede Mühe auf die Fensterbank und blickte hinaus in die Dunkelheit, die Ohren gespitzt, den Schwanz sanft wedelnd. Er wartete auf Moritz – nicht um zu fliegen, nicht um das Elend der Straße noch einmal zu sehen, sondern um ihm zu sagen, dass er endlich verstanden hatte. Dass Freiheit nicht da draußen war in den kalten Gassen, nicht in dem Alleinsein, das sich Heldentum nannte. Dass sie hier drin lag, zwischen den Händen eines alten Mannes, den Püppchen einer besorgten Frau, den warmen Leibern der beiden Katzen, die er so lange gequält hatte. Dass das, was er suchte, schon immer um ihn herum gewesen war, nur dass er es nicht sehen konnte vor lauter Futterneid und Trägheit.

Aber Moritz erschien nicht mehr. Nur der Wind zauste manchmal das notdürftig geflickte Fliegengitter, und in den dunkelsten Nächten glaubte Oskar einen Schatten über die Dächer huschen zu sehen. Dann maunzte er leise, und Leni und Fine drängten sich an ihn, als wollten sie sagen: „Wir sind ja hier.“

Ein knappes Dreivierteljahr später fand Inge beim Ausmisten einer alten Kommode eine verstaubte Karte, die hinter die Schublade gerutscht war. Es war eine Terminbestätigung einer Tierarztpraxis in der Schanzenstraße, datiert auf den Morgen nach der dritten Nacht, in der das Fliegengitter so seltsam zerrissen gewesen war. Behandlungsgrund: „hausbesuch, allgemeine untersuchung und beratung“. Die Unterschrift war unleserlich, aber oberhalb stand in Druckbuchstaben ein Name: Dr. M. Schwarz. Eine Rechnung lag nicht bei, nur eine handschriftliche Notiz am Rand: Kein Honorar. Der Patient ist auf gutem Weg.

Inge drehte die Karte hin und her. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals einen Tierarzt für Oskar in die Wohnung bestellt zu haben. Und eine Praxis mit dem Namen gab es in der Schanzenstraße nicht. Sie blickte zu Oskar hinüber, der gerade Leni mit der Pfote durchs Zimmer kullerte und dabei ein Geräusch machte, das an ein zufriedenes Glucksen erinnerte. Dann steckte sie die Karte in ihre Schürzentasche, lächelte und ging in die Küche, um dem Kater – nein, nicht dem Kater, ihrem Kater – eine halbe Scheibe kalten Braten kleinzuschneiden. Oskar kam angerannt und rieb seinen Kopf an ihrem Bein. Das Schnurren füllte die ganze Küche.

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