Die Quittung aus der Eichen-Apotheke

Die Apotheke roch nach Salbei und diesem ganz speziellen Reiniger, mit dem sie früher die Fliesen im Krankenhaus geschrubbt haben. Ich legte die Sterbeurkunde meiner Mutter auf den Tresen, eine amtliche Kopie, die sich noch kühl anfühlte. Die Frau dahinter, das Namensschild sagte „Ines Becker“, tippte auf ihrer Tastatur herum, Sekunden, die sich zogen wie zäher Honig. Dann runzelte sie die Stirn, schob die Brille hoch und drehte den Monitor leicht in meine Richtung. „Frau Lohmann… also Ihre Mutter, ja? Ich finde hier nur einen Eintrag aus diesem Jahr. Februar. Ein Generikum für den Blutdruck, 34,80 Euro. Danach nichts mehr. Gar nichts.“ Sie blickte mich an, als müsse ich die Lücke erklären. Ich sagte nichts. Meine Mutter war Mitte Juni gestorben, einfach eingeschlafen. Viereinhalb Monate ohne Medikamente. Viereinhalb Monate, in denen mein Bruder Jens mir jeden Monat aufs Neue erzählt hatte, Mamas Rente reiche hinten und vorne nicht, die Herz- und Blutdruckmittel kosteten Unsummen und ohne meine vierhundert Euro stünde sie ohne Tabletten da. 400 Euro. Jeden Ersten zog mein Dauerauftrag das Geld von meinem Konto ab. Verwendungszweck: *Mamas Medikamente*. Ich kannte den Satz inzwischen auswendig, jedes Mal derselbe dumpfe Eintrag in der Push-Benachrichtigung der Sparkasse.

Frau Becker klickte weiter. Ich wollte nur die nicht eingelösten Rezepte abfragen, den bürokratischen Rest erledigen. Stattdessen stand ich da und spürte, wie der Rand der Theke unter meinen Fingern immer kälter wurde. „Kann es sein, dass sie woanders gekauft hat?“, fragte ich und merkte selbst, wie dünn meine Stimme klang. Frau Becker klappte ein Programmfenster auf, murmelte etwas von „bundesweites System“ und schüttelte dann den Kopf. Einmal knapp von links nach rechts. Das war’s. Meine Mutter war über zwanzig Jahre in diese Apotheke an der Ecke Osterstraße gekommen, hatte immer denselben Tee mitgebracht bekommen, wenn sie hustete, und wusste, dass Frau Beckers Vorgänger ein Aquarium mit zwei Goldfischen im Verkaufsraum stehen hatte. Sie hätte sich niemals in einer fremden Filiale erklären wollen.

Ich verließ die Apotheke, draußen stieß mich fast ein Radfahrer um, der mit einem Korb voller Brötchen an mir vorbeischoss und mit einem undefinierbaren Fluch um die Kurve entschwand. Ich setzte mich auf eine Bank unter einer Kastanie, die in voller weißer Blüte stand, und öffnete die Banking-App. Ich scrollte zurück, Monat für Monat, vier Jahre lang. 48 Überweisungen. 19.200 Euro. Ich wischte über den Bildschirm und sah die Zahlen verschwimmen, bis ich blinzelte.

Vor sechs Jahren, kurz nachdem die Probleme mit dem Herzen anfingen, war Mama zu Jens gezogen. Er hatte sich gerade von seiner Frau getrennt und wohnte in der alten Wohnung in Eimsbüttel, drei Zimmer, und es hatte so logisch geklungen: Ich schob als OP-Schwester Schichtdienst im Uni-Klinikum, Jens war offiziell arbeitssuchend, verdiente mit kurzen Sprüngen auf Baustellen ab und an was schwarz dazu. Er habe Zeit, meinte Mama, und bei ihm sei sie nicht allein. Ich war erleichtert, dass sich jemand kümmern konnte. Drei Monate später rief er das erste Mal an. „Christina, die neuen Präparate vom Kardiologen kosten ein Vermögen, Mamas Rente deckt das nicht.“ Ich fragte nicht, um welche Präparate es sich handelte, nicht nach der genauen Summe. Ich setzte den Dauerauftrag über 400 Euro auf und machte mir nicht mal die Mühe, einen Blick in Mamas Medikamentenplan zu werfen. Mama selbst sagte nie ein Wort über Geldnot. Wenn ich sie besuchte, immer seltener durch die Nachtdienste, brutzelte sie mir einen Pfannkuchen, füllte mir die Tüte mit selbstgemachter Marmelade ab und lächelte über den Küchentisch hinweg. Dass sie schwieg, hielt ich für Diskretion. Dass Jens schwieg, hielt ich für Bruderliebe.

Eine Krähe landete auf dem Ast über mir und zerrte etwas aus der Rinde, ein Stück Papierfetzen wirbelte auf den Rasen. Ich dachte daran, wie ich Jens auf der Beerdigung umarmt hatte, er war stocksteif gewesen, wie ein Brett. Damals hatte ich Mitleid. Der arme Kerl, dachte ich, vier Jahre Pflege, das laugt aus. Dass seine Starre keinen Gramm Trauer, sondern das blanke Entsetzen vor Entdeckung enthielt, hatte ich nicht gerochen.

Ich rief ihn an, während ich auf die Sandsteinkirche am Ende der Straße starrte. Er meldete sich mit einem gedehnten „Ja?“. „Jens, ich war heute in der Apotheke. In der, wo Mama immer war.“ Ich hörte etwas, das kein Wort war. Ein Knacken, als ob jemand eine Tür anlehnt und überlegt, ob er sie wieder öffnen soll. „In welcher Apotheke?“, fragte er endlich. Seine Stimme hatte nun einen falschen Boden, den ich von den Wöchnerinnen kannte, die nicht zugeben wollten, dass sie das Baby allein ließen. „In der einzigen, die sie seit zwanzig Jahren betreten hat. Mama hat zuletzt im Februar Medikamente geholt. Für vierunddreißig Euro achtzig, Jens. Viereinhalb Monate vor ihrem Tod. Sie hat nichts mehr genommen. Wofür habe ich dir vier Jahre lang 400 Euro überwiesen?“

Diesmal war es keine Pause zum Überlegen. Es war das Summen eines alten Kühlschranks, das aus dem Hörer quoll, jenes tuckernde Geräusch, das unser Kühlschrank schon den ganzen Sommer 1995 gemacht hatte, als wir am See zelteten. Ein banaler Alltagslaut, der mir mehr über die schäbige Ordnung in dieser Lüge sagte als jedes Geständnis.

„Es lief nicht nur über die Apotheke“, stieß er hervor. „Es gab so viele andere Kosten. Essen, Nachzahlungen für die Nebenkosten, neue Schuhe mit weicher Sohle, das wusstest du doch gar nicht…“ Ich lachte auf, kurz und hart. „Mama hatte 1.280 Euro Rente, Jens. Plus die Halbwaisenrente von Papa. Dazu vierhundert Euro von mir. Macht über eintausendsechshundert im Monat. Für eine alte Frau, die keine Miete zahlen musste, weil sie bei dir wohnte. Soll ich jetzt mit den Kontoauszügen zur Polizei gehen und fragen, ob das Untreue ist, oder haben wir noch etwas zu klären?“ Mit der Polizei würde ich nicht kommen, das wusste ich schon in dem Moment, aber er sollte schwitzen.

Er holte Luft, dieses feuchte Rasseln eines Menschen, der zum Gegenschlag ausholt und doch nur mit nackten Händen dasteht. „Mama hat davon gewusst.“ Meine Finger krallten sich um die Banklehne. „Was?“ „Sie hat selbst gesagt, ich soll dich bitten. Sie meinte, du verdienst gut, und wenn sie hier bei mir wohnt, muss ich ja auch ein Auskommen haben. Ich sollte nicht auf jede Baustelle kriechen, sondern für sie da sein. Also hab ich dich um Geld gebeten. Sie fand das richtig. Weil Familie zusammenhält.“ Ich schloss die Augen und sah Mama vor mir, wie sie an meinem letzten Besuchstag die Teetasse mit beiden Händen umschloss und sagte: „Schön, dass du da bist, Christina.“ Das war ihre Art. Nie ein böses Wort über irgendwen, nie ein lauter Vorwurf. Sie hatte immer leise Probleme gelöst, indem sie die Last auf jene verteilte, die sie für stark hielt. Und Jens? Jens hatte ihre Schwäche in eine monatliche Zahlungsaufforderung an mich übersetzt und das Wort „Medikamente“ als Alibi erfunden, damit ich kein einziges Mal nachfragte.

„Soll ich dir sagen, was mich wirklich fertigmacht?“, sagte ich leise in den Hörer, während die Krähe über mir mit einem trockenen Ast knackte. „Nicht das Geld. Sondern dass du dich hinter ihrer Krankheit versteckt hast. Dass du mein schlechtes Gewissen verwaltet hast, weil du genau wusstest: Solange du sagst, es geht um Mamas Tabletten, stell ich keine Fragen. Du hast aus meiner Angst eine Dauerabbuchung gemacht.“ Er sagte nichts. Dann knackte es, und der Kühlschrank war weg. Aufgelegt.

Eine Woche später nahm ich Mamas Emaille-Dose aus dem Schrank, in der sie ihre Nähsachen aufbewahrte. Ganz unten klebte ein vergilbter Zettel mit ihrer Schrift: *Jens fehlt ein Anfang*. Ich stand in meiner Küche und strich mit dem Daumen über das Papier. Sie hatte es gewusst. Nicht die Härte der Summe, vielleicht, aber das Prinzip. Sie hatte ihren Sohn geschützt, indem sie meinen blinden Fleck verwaltete. Wahrscheinlich hatte sie sogar darauf vertraut, dass der Betrug nie auffliegt, weil sie ihn mit ihrer stillen Autorität deckte, bis zum letzten Tag.

Ich packte die Dose zurück und hängte ein Foto von Mamas letztem Geburtstag an den Kühlschrank. Sie trug diese lindgrüne Bluse und hielt einen Teller mit selbstgebackenem Käsekuchen in die Kamera. Ihre Hände waren damals schon zu schwach, um den Teller zu tragen, aber sie stemmte ihn trotzdem, weil sie auf dem Bild stark aussehen wollte. Genauso hatte sie unsere Familie zusammengehalten: Indem sie schwieg und trug, was eigentlich keiner tragen wollte.

Jens schrieb mir eine SMS, ein halbes Jahr später: *Können wir reden?* Ich tippte eine Antwort, löschte sie wieder und legte das Handy mit dem Display nach unten auf den Tisch. Der Dauerauftrag existierte seit dem Tag des Anrufs nicht mehr. Und das war das Einzige, was ich für immer löschen konnte. Der Rest blieb, dieser fahle Nachgeschmack einer Liebe, die nicht wissen wollte, wie teuer sie wirklich war.

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