Der Geruch im Tierheim war eine Mischung aus Desinfektionsmittel und warmem Futter. Ursula Lehmann stand vor dem hintersten Käfig, die Finger auf dem kalten Riegel, und schob ihn nicht zur Seite.
Sie war mit der Linie 14 bis zur Endhaltestelle gefahren und die letzten zehn Minuten zu Fuß gelaufen, weil ihr Auto seit Januar nicht mehr ansprang. In ihrer Stofftasche steckte der Flyer, den ihr Gisela aus der Nachbarwohnung vor drei Wochen in die Hand gedrückt hatte: Tierheim Leipzig-Mölkau, freundliche Aufnahme jederzeit.
„Du redest mit deinem Fernseher, Ursula. Das ist kein Leben.“ Gisela hatte recht. Abends lief bei Ursula die Glotze, nur damit eine Stimme im Raum war. Der Kühlschrank summte, draußen schrie ab und zu ein Kind. Mehr nicht.
Also hatte sie den Flyer genommen. Und jetzt stand sie hier, vor einem Käfig mit zwei getigerten Kätzchen, die aussahen, als hätte man sie mit Klebstoff aneinandergeklebt.
Frau Sommer, die Tierpflegerin, eine Frau um die sechzig mit grauem Zopf, stand daneben. „Die beiden geben wir nur zusammen ab. Bruder und Schwester. Gefunden an der B87 bei Taucha, in einer Kiste mit Löchern. Ein Autofahrer hat sie zu uns nach Mölkau gebracht. Einer ohne den anderen frisst nicht. Wir haben es einmal versucht, getrennt zu vermitteln.“ Sie machte eine Pause. „Das war ein Fehler.“
Ursula trat einen Schritt zurück. „Zwei schaffe ich nicht. Ich wollte nur eine. Eine ruhige. Vielleicht eine ältere.“
„Ich verstehe Sie.“ Frau Sommer zeigte auf die anderen Käfige. „Da hinten haben wir eine sehr ruhige graue Dame, elf Jahre alt. Die würde sich freuen.“
Ursula ging mit. Sie sah die graue Dame, die auf einem Kissen lag und sie mit halb geschlossenen Augen musterte. Sie sah ein rotes Kätzchen, das schnurrte, sobald man den Käfig berührte. Sie hörte Frau Sommers Erklärungen, nickte ab und zu.
Aber ihre Hand in der Jackentasche ballte sich zusammen. Immer wieder zog es sie zu dem hintersten Käfig. Das eine Kätzchen, das mutigere, stand auf den Hinterbeinen am Gitter, die Pfoten durch die Stäbe gestreckt, und miaute ohne Unterlass. Das andere saß dahinter, ganz still, und schaute sie an, als hätte es schon verstanden, dass Menschen oft weitergehen.
Nach einer halben Stunde blieb Ursula mitten im Gang stehen. „Zeigen Sie mir die zwei noch mal.“
Frau Sommer grinste. „Ich dachte, Sie wollten nur eine.“
„Will ich ja auch. Aber ich will die zwei sehen.“
Die Tierpflegerin öffnete den Käfig. Das mutige Kätzchen kletterte sofort an Ursulas Pullover hoch, bis es auf ihrer Schulter saß und mit der Nase gegen ihr Ohr stupste. Das andere kroch zögernd näher, blieb vor ihren Schuhen sitzen, dann legte es den Kopf an ihren Knöchel.
Ursula stand da, zwei warme Körper an sich, und spürte zwei Herzschläge.
„Was kostet das?“, fragte sie.
„120 Euro pro Tier. Also 240. Geimpft, gechipt, kastriert.“
Ursula griff nach ihrem Geldbeutel. Sie hatte genau 180 Euro eingesteckt, dazu noch eine Transportbox einzuplanen. Sie blätterte die Scheine, rechnete im Kopf, kam auf kein besseres Ergebnis.
Frau Sommer sah es. „Sie können den Rest nächste Woche bringen. Ich trage Sie ein, die Papiere machen wir jetzt.“
„Ich habe nicht mehr dabei. Und die Box kommt noch dazu.“ Ursula spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg. Am liebsten hätte sie eines der beiden Kätzchen zurück in den Käfig gesetzt und gesagt, sie nehme nur das mutige. Aber dann sah sie, wie das stille Tier seinen Kopf fester gegen ihren Knöchel drückte, als hätte es die Absicht gespürt.
„Das ist okay. Ich sehe, dass Sie nicht die Person sind, die Tiere im Stich lässt.“
Ursula unterschrieb den Vertrag über 240 Euro, notierte darunter handschriftlich: „180 Euro bar bezahlt am 14. Mai, Rest folgt.“ Sie schrieb ihre IBAN auf, ihre Adresse, ihre Telefonnummer. Dann kaufte sie im Flur des Tierheims für zwanzig Euro eine gebrauchte Transportbox, älteres Modell, aber stabil, und setzte die beiden hinein. Von den 180 Euro blieben ihr jetzt genau 160 für die Anzahlung – 80 Euro Rest waren offen, das rechnete sie sich auf dem Rückweg immer wieder aus, als würde sich die Zahl dadurch ändern.
In der Straßenbahn hielt sie die Box auf dem Schoß. Das Miauen war dünn und zweistimmig. Ein älterer Herr beugte sich vor. „Sind das Ihre Enkel?“
„Nein. Meine neuen Mitbewohner. Und meine neue Schuld“, sagte sie und lachte kurz, ohne dass es lustig gemeint war.
Zuhause in der Wohnung in Leipzig-Lindenau roch es nach Bohnerwachs und dem platten Fahrradschlauch, der im Treppenhaus schon seit Wochen lag. Ursula schloss die Tür auf, stellte die Box auf den Dielenboden und machte den Deckel auf.
Das Chaos begann sofort.
Das Männchen, das sie später Bruno nannte, schoss aus der Box auf den Vorhang zu und kletterte bis zur Gardinenstange. Das Weibchen, das auf den Namen Lotta hörte, rannte in die Küche, sprang auf den Tisch und warf den Plastikbecher mit den Stiften um. Dann saß es mitten in den verstreuten Kugelschreibern und schaute, als wäre der Becher selbst schuld.
Ursula schimpfte, lachte, holte den Handfeger. Seit Monaten war keine Zeit, an die Stille zu denken.
Am zweiten Abend fand sie Lotta unter dem Sofa, den Kopf schief gelegt, ohne zu fressen. Ursula kniete auf dem Boden, den Napf mit nassem Futter in der Hand, und lockte sie mit dem Finger. Das Tier rührte sich nicht. Sie dachte an die Restsumme, die sie noch nicht hatte, an den Tierarzt, der zusätzlich Geld kosten würde, falls etwas nicht stimmte. Ihre Finger zitterten leicht, als sie Lotta vorsichtig hervorzog und ihren Bauch abtastete. Erst als das Kätzchen sich streckte, gähnte und dann doch zum Napf trottete, ließ die Anspannung in ihren Schultern nach. Nur müde vom Umzug, weiter nichts.
Am Abend lagen beide auf ihrem Schoß, während sie auf dem Sofa saß. Der Fernseher lief, aber diesmal schaute sie nicht hin.
Am Freitag darauf klingelte es. Gisela stand vor der Tür, eine Tüte in der Hand. Sie blieb im Türrahmen stehen, sah die zerkratzte Tapete, den umgestoßenen Wäschekorb, die zwei Kätzchen, die sich durch den Flur jagten.
„Na also. Du siehst wieder aus wie ein Mensch.“ Gisela hob Lotta hoch, die sofort zu schnurren begann. „Ich hab dir gesagt, nimm eine. Aber eine hätte nicht gereicht. Das wusste ich.“
„Ich muss noch achtzig Euro ans Tierheim überweisen“, sagte Ursula. „Bis Monatsende hab ich die zusammen. Ich wollte nur nicht, dass die zwei getrennt werden, weil ich zu knapp bei Kasse war.“
Gisela sah sie einen Moment an, sagte nichts dazu, stellte die Tüte auf den Küchentisch. Darin waren zwei Dosen Katzenfutter und ein Spielzeug aus Filz. „Für den Anfang“, war alles, was sie sagte.
Ursula sah Bruno, der auf der Fensterbank saß und sich die Pfote leckte. „Ich hätte fast eins von beiden zurückgelassen, weißt du. Im Tierheim. Wegen dem Geld.“
„Hast du aber nicht.“
„Nein. Hab ich nicht.“
Sechs Monate später, an einem nasskalten Novembermorgen, fand Ursula beim Aufräumen einen alten Kontoauszug in der Küchenschublade. Er war vom 16. Mai. Unter „Überweisungen“ stand: Gisela Mertens, Tierheim Leipzig-Mölkau, 80,00 Euro. Verwendungszweck: „Restzahlung für die zweite Katze“.
Ursula rief Gisela an. „Du hast den Rest bezahlt? Die achtzig Euro?“
Am anderen Ende raschelte es. „Zwei Tage nachdem du bei mir gestanden hast und gesagt hast, du hättest fast eine zurückgegeben. Ich bin am nächsten Morgen zu Frau Sommer nach Mölkau gefahren und hab’s bar hingelegt. War doch klar, dass die zwei zusammenbleiben.“
„Warum hast du nichts gesagt?“
„Weil du dann angefangen hättest, mir das Geld zurückzugeben, in kleinen Raten, mit schlechtem Gewissen. Und das wollte ich nicht.“
Ursula legte auf, den Kontoauszug noch in der Hand. Sie strich mit dem Daumen über die Zeile mit der Zahl, faltete das Papier zusammen und legte es zurück in die Schublade, zwischen alte Garantiescheine, die sie nie wegwarf. Dann schaute sie zu Bruno und Lotta, die zusammengerollt auf dem Fensterbrett lagen, die Köpfe aneinandergelehnt. Draußen fuhr die Linie 14 vorbei. Sie ging in die Küche und kochte sich einen Tee, während die beiden weiterschliefen.
