Das letzte Geschenk des Hundes

In der Justizvollzugsanstalt Nürnberg roch es an diesem Dezembernachmittag nach Desinfektionsmittel und altem Linoleum. Durch das vergitterte Fenster der Krankenstation drang fahles Licht. Auf dem Tisch neben einem Medikamentenbecher stand eine Tasse mit dem Logo von Tucher Bräu, halb gefüllt mit kaltem Pfefferminztee. Niemand trank sie.

Matthias Schmidt saß im Rollstuhl, eine graue Wolldecke über den knochigen Knien. Die Ärzte gaben ihm noch drei, vielleicht vier Tage. Lungenkrebs, Endstadium. Seit fast zwölf Jahren saß er wegen Totschlags an seiner Frau, ein Urteil, das er nie akzeptiert hatte. Aber jetzt ging es nicht mehr um Gerechtigkeit. Es ging um eine letzte Begegnung, sein einziges Wunschgesuch vor dem Ende: Aiko.

Als der Hund hereingeführt wurde, ging ein Zittern durch die Luft. Ein alter belgischer Malinois, die Schnauze weißgrau, die Bewegungen steif. Aber die Augen waren wach. Er trug kein Halsband, nur eine dünne Leine, die ein junger Vollzugsbeamter mit Tätowierung eines Ankers am Handgelenk locker hielt. Der Hund blieb zwei Schritte von der Tür entfernt stehen, witterte, drehte den Kopf, als würde er etwas Unbegreifliches prüfen. Dann zog er plötzlich zur Seite, riss sich fast los und stolperte auf den Rollstuhl zu.

Matthias beugte sich so weit hinunter, wie es die Handschellen an der Rollstuhlverstrebung zuließen. Er vergrub das Gesicht im rauen Fell des Tieres. Seine Schultern bebten, aber es kam kein Laut. Aiko leckte ihm nicht die Hand. Er legte einfach die Pfote auf das wacklige Gelenk der Fußstütze, genau da, wo früher beim Spazierengehen die Hand seines Menschen die Leine berührte. Der Beamte mit dem Anker trat einen Schritt zurück, presste die Lippen zusammen und korrigierte den Sitz seines Gürtels, ohne Not.

„Du hast mich also doch gefunden…“, krächzte Matthias. Die Worte kamen brüchig, wie aus einem Radio mit schlechtem Empfang.

Ein zweiter Wärter, ein älterer Mann mit schütterem Haar und einem Nasenpflaster, wollte etwas ansagen — die Besuchszeit sei auf zwanzig Minuten begrenzt —, aber er ließ es bleiben. Die Krankenstation wurde ganz still. Sogar das monotone Piepen des Monitorings schien einen Takt auszusetzen.

Dann geschah es. Aiko nieste, zweimal, dreimal, heftig. Sein Kopf ruckte zur Seite, und dabei fuhr seine Pfote unter das dichte Fell hinter seinem Ohr. Er scharrte, bis ein kleines, durchsichtiges Plastiktütchen auf den Boden fiel. Es klackte leise, wie ein Knopf.

Der junge Beamte fuhr zusammen. „Was ist das?“, rief er und bückte sich reflexartig. Sein Kollege griff nach dem Funkgerät. „Keiner bewegt sich!“

In dem Tütchen steckte ein kleiner Schlüssel mit einem gelben Anhänger. Keine Drogen, kein Pulver. Nur ein Schlüssel. Und eine zusammengefaltete Papierschnipsel, auf der eine Zahlenkombination stand.

Matthias hob den Kopf, die Augen geweitet. Ihm war, als risse jemand einen Vorhang auf. „Das … das ist von mir“, keuchte er. „Vor der Festnahme. Ich hatte ihn im Halsband versteckt. Ich dachte, ich komm nochmal ran. Aber die haben mich gleich am nächsten Morgen geholt. Aiko kam ins Tierheim. Ich hab ihn nie wieder gesehen. Bis heute.“

Das Plastiktütchen war vergilbt und spröde. Elf Jahre hatte der Hund den Schlüssel mit sich getragen, ohne dass ihn jemand bemerkte. Der Anstaltsleiter, der informiert wurde, stand eine Viertelstunde später in der Krankenstation und hielt das Fundstück mit zwei Fingern gegen das Licht. Er rief bei der Deutschen Bank an, Filiale in der Königstraße. Ja, das Schließfach existierte. Ja, es war unangetastet. Eine Notarin bestätigte, was Matthias erklärte: Es handle sich um das Sparbuch seiner Großmutter, 180.000 Euro, und eine externe Festplatte mit Bildern und einem digitalen Alibi – eine Videoaufnahme vom fraglichen Tatzeitpunkt aus einem Hotel in Fürth, die sein damaliger Anwalt verschlampt hatte.

Noch am selben Abend, um 21:14 Uhr, saß Matthias aufrecht im Bett, das Kopfteil hochgekurbelt. Er hatte sich von einer Schwester einen Block und einen Kugelschreiber geben lassen. Mit zitternden Fingern schrieb er eine Verfügung. Nicht an die Justiz, nicht an die Presse. Er schrieb auf, was mit dem Geld zu geschehen habe: 60.000 Euro an das Tierheim Nürnberg, zweckgebunden für die Altersversorgung von Hunden, deren Besitzer in Haft sind. 10.000 Euro für Susanne, die Frau von der Pflegestelle, die Aiko nie aufgegeben hatte, damit sie ihm noch schöne Jahre machen könne. Der Rest für die Kosten der Wiederaufnahme des Verfahrens und, falls es nicht mehr zu seinen Lebzeiten geschähe, für seine Beerdigung neben dem Grab seiner Mutter — auf dem Johannisfriedhof.

Er schob den Block dem Anstaltsleiter hin. „Das ist rechtsgültig. Bitte geben Sie es meinem Anwalt. Ein Fax an sein Büro genügt. Er soll sofort das Schließfach öffnen.“ Dann fügte er, ohne den Blick zu heben, leiser hinzu: „Und Aiko darf hier bleiben. Nur heute Nacht. Bitte. Ich sorge dafür, dass er morgen abgeholt wird. Das verspreche ich. Ich habe 10.000 Gründe, dass man mir glaubt.“

Der Anstaltsleiter, ein Herr mit grauem Bürstenhaarschnitt, eine Lesebrille auf der Nase, schwieg einen Moment. Dann nickte er und sagte zu dem Wärter mit dem Anker: „Schließen Sie die Handschellen auf. Und besorgen Sie eine Decke für den Hund. Es zieht hier am Fensterbrett.“

Um halb elf, als die Nachtschwester nochmal nach dem Rechten sah, lag der Hund zusammengerollt auf dem Bettende, die Schnauze auf dem verbundenen Bein seines Menschen. Matthias hatte die linke Hand in das weiche Nackenfell vergraben. Seine rechte Hand ruhte auf dem Umschlag, in dem der Anwalt ihm per Boten eine Kopie des unterschriebenen Schließfach-Öffnungsprotokolls hatte zukommen lassen. Das Piepen des Monitors war gleichmäßig, fast friedlich.

Einen Atemzug später fiel die Decke ganz leise von seinen Knien. Aiko hob nicht den Kopf, aber ein Zittern lief durch seine Flanke, als ob er Antwort gäbe.

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