Marlene Vogts Kampf um die Vogt Fahrzeugtechnik

Ich fahre seit elf Jahren den Linienbus 62 zwischen Rosenheim und dem Gewerbegebiet an der Kufsteiner Straße, und man sieht auf dieser Strecke so ziemlich jedes Gesicht, das dort arbeitet. Ich kannte Marlene Vogt, bevor ich wusste, dass sie Marlene Vogt heißt — einfach als die Frau mit dem Blaumann und der Thermoskanne, die immer an der Haltestelle Gewerbepark stand, kurz nach sechs, Kaffeegeruch im ganzen vorderen Teil des Busses.

Die Werkstatt gehörte ihrem Mann Ralf, genauer: ihnen beiden, auch wenn nur sein Name auf dem Schild über der Einfahrt stand. Vogt Fahrzeugtechnik, seit 1998. Marlene hatte die Buchhaltung gemacht, seit sie zwanzig war, hatte mit ihm zusammen die zweite Hebebühne abbezahlt, hatte in schlechten Jahren ihren Schmuck versetzt, damit die Löhne pünktlich rausgingen. Das erzählte sie mir nicht selbst — das erzählte mir Frau Öztürk vom Kiosk gegenüber, die die halbe Straße kennt.

Vor sechzehn Monaten ist Ralf an einem Herzinfarkt gestorben, mitten im Winter, auf dem Werkstatthof, zwischen einem aufgebockten Passat und einer Palette Bremsflüssigkeit. Ich habe ihn an dem Tag noch am Vormittag gesehen, wie er mir zugewinkt hat, als der Bus vorbeifuhr.

Was ich danach beobachtet habe, kam stückweise. Der Sohn, Jonas, tauchte auf — Mitte zwanzig, hatte vorher in Rosenheim eine kleine Rolle in der Firma gespielt, mehr Frühstückspause als Arbeit, wenn man den Mechanikern glauben darf, die morgens bei mir einsteigen. Nach der Beerdigung war er plötzlich jeden Tag da, mit einem Aktenordner unterm Arm.

Ich fahre den Bus, ich höre die Leute reden, mehr nicht. Aber im Frühjahr saß eines Morgens ein junger Mechaniker namens Timo neben mir vorne — er nimmt manchmal den 62er, wenn sein Auto in der Werkstatt steht, ironischerweise — und erzählte seinem Kumpel, dass Jonas die Firma auf sich hatte umschreiben lassen. Ein Testament, das kurz vor Ralfs Tod aufgesetzt worden sei, Notar in München, alles sauber, alles legal. Marlene stand plötzlich als Angestellte da, nicht als Mitinhaberin. Er zahlte ihr am Monatsende zweitausendeinhundert Euro netto aus für eine Arbeit, für die sie vierunddreißig Jahre lang nie einen Gehaltszettel gebraucht hatte, weil es ihr eigener Betrieb war.

Ich weiß nicht, was in dem Testament wirklich stand, ich hab's nie gesehen. Ich weiß nur, was ich an der Haltestelle mitbekommen habe: dass Marlene im März anfing, dünner auszusehen, dass sie ihre Thermoskanne irgendwann nicht mehr dabei hatte, weil Jonas gesagt hatte, in der Werkstatt gäbe es jetzt eine Kaffeemaschine, die käme aus der Kasse, da müsse man nicht extra was mitschleppen — als wäre die Thermoskanne ein Kostenfaktor, über den er zu entscheiden hätte.

Im Mai hörte ich zum ersten Mal den Namen der neuen Freundin: Selin. Jonas hatte sie beim Fußball kennengelernt, sie war Ende zwanzig, arbeitete in einem Autohaus in Bad Aibling und hatte, wie Timo erzählte, "richtig gute Ideen fürs Geschäft". Diese Ideen betrafen offenbar vor allem, wo Marlenes Büro künftig sein sollte — nämlich nicht mehr im Verwaltungstrakt, sondern in einem umgebauten Lagerraum hinten, ohne Heizkörper, weil das vordere Büro jetzt Selin bekam, für die Kundenberatung.

Ich hab das alles zusammengesetzt wie ein Puzzle, aus Bruchstücken, die Leute im Bus fallen lassen, wenn sie glauben, der Busfahrer hört sowieso nicht zu. Man hört aber zu. Man hört sogar sehr viel.

Der Tag, an dem es kippte, war ein Donnerstag Ende Juli, ich weiß es noch, weil an dem Nachmittag das Thermometer an der Sparkasse siebenunddreißig Grad zeigte und ich die Klimaanlage im Bus auf volle Stärke hatte. Marlene stieg an ihrer üblichen Haltestelle zu, aber nicht Richtung Werkstatt — Richtung Stadtmitte, Richtung Ludwigsplatz, wo die Anwaltskanzleien sitzen. Sie hatte eine Aktentasche dabei, die ich noch nie bei ihr gesehen hatte, dunkelbraunes Leder, nicht neu, wahrscheinlich Ralfs alte.

Ich hab sie nach ein paar Wochen wieder auf dieser Strecke gesehen, öfter, immer mit derselben Tasche. Und dann, Anfang September, kam die Geschichte, die inzwischen die ganze Straße kennt, weil Frau Öztürk sie jedem erzählt, der ihr eine Zeitung abkauft.

Es stellte sich heraus: Der Werkstatthof, das Grundstück selbst mit den zwei Hallen, war nie Teil der Firma gewesen. Ralf hatte es 2004 gekauft, aber im Grundbuch stand — das hatte Marlene selbst durchgesetzt, damals, aus einer Vorsicht, über die niemand mehr gesprochen hatte — hälftiges Miteigentum, ihr Name direkt neben seinem. Das Testament konnte die Firma übertragen, die Maschinen, den Kundenstamm. Es konnte nicht den Boden übertragen, auf dem alles stand, weil der Boden nie allein Ralfs gewesen war.

Marlene hatte das monatelang mit sich herumgetragen, bevor sie zur Anwältin ging — eine junge Frau namens Frau Brandner, deren Kanzleischild ich seitdem jeden Tag von der Haltestelle aus sehe. Und als sie ging, ging sie nicht, um Jonas etwas wegzunehmen. Sie ging, um das Grundstück förmlich aus der gemeinsamen Nutzung herauszulösen und Vogt Fahrzeugtechnik eine ordentliche Pacht in Rechnung zu stellen — dreitausendzweihundert Euro im Monat, marktüblich für die Lage, mit sechs Monaten Frist zur Umstellung.

Die Szene, die Timo mir später beschrieb, weil er selbst dabei war, spielte sich Mitte September auf dem Werkstatthof ab, an einem Samstagvormittag, als die halbe Belegschaft noch da war. Marlene kam nicht allein — Frau Brandner war bei ihr, mit einer Mappe, aus der ein Papier ragte, das aussah wie ein amtliches Schreiben mit Stempel. Jonas kam aus der Halle raus, die Hände noch schwarz von Motoröl, und Selin stand in der Tür des vorderen Büros, das jetzt ihres war.

Marlene sagte nicht viel. Timo erinnerte sich vor allem an einen Satz: "Das Grundstück gehört zur Hälfte mir, das steht im Grundbuch, das hat dein Vater vor zwanzig Jahren so eingetragen. Ab Januar zahlt ihr Pacht, oder ihr sucht euch einen anderen Standort." Dann reichte sie Jonas das Schreiben, und der stand da, mit öligen Fingern, die das Papier gleich dunkel machten, und sagte eine ganze Weile gar nichts.

Was danach kam, hab ich nicht gesehen, das war nicht mehr auf meiner Strecke. Aber Frau Öztürk erzählt es so: Jonas hat drei Tage später bei Marlene angerufen und wollte verhandeln, die Pacht drücken, ihr im Gegenzug einen Sitz im Büro anbieten, das alte. Marlene hat abgelehnt. Sie hat auch das Angebot abgelehnt, wieder als "Mitinhaberin ehrenhalber" geführt zu werden, ohne Eintrag, ohne Vertrag — nur ein Wort, kein Recht.

Was sie stattdessen gemacht hat, weiß ich, weil sie es Frau Brandner erzählt hat und Frau Brandner es beim Bäcker weitergegeben hat, wo halb Rosenheim einkauft: Marlene hat sich mit dem Geld aus der ersten Pachtzahlung — den dreitausendzweihundert Euro — einen eigenen kleinen Betrieb gemietet, eine ehemalige Reifenwerkstatt am Stadtrand, zwei Straßen von meiner Endhaltestelle entfernt. Kein großes Ding, zwei Hebebühnen, aber ihr eigenes. Timo ist im November zu ihr gewechselt, zwei weitere Mechaniker aus Ralfs alter Belegschaft auch, Leute, die noch wussten, wie sie tickt.

Ich fahre immer noch den 62er. Und jetzt, im August, steht Marlene wieder morgens an einer Haltestelle — nur an einer anderen, zwei weiter Richtung Stadtrand, mit einer neuen Thermoskanne, silbern diesmal. Letzte Woche stieg sie ein und lächelte kurz einer älteren Dame zu, die nach dem Weg zum Finanzamt fragte, half ihr, den richtigen Ausstieg zu finden. Ganz normale Sache. Ich hab nichts gesagt, ich hab nur den Bus weitergefahren, wie ich das seit elf Jahren mache. Aber ich hab's mir gemerkt, weil man auf dieser Strecke ja doch mitbekommt, wer am Ende wo aussteigt.

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