Ehrlich gesagt, ich habe nie verstanden, warum Frauen bei sowas so einen Aufstand machen. Meine Schwester Katrin hat mir wochenlang die Ohren vollgeheult, bevor sie überhaupt mit ihm ausgegangen ist. Wir wohnen beide in Leipzig, sie in Reudnitz, ich in Lindenau, und meistens treffen wir uns sonntags bei unserer Mutter in Gohlis. Da saß sie also auf Mamas altem Balkon, zwischen den Geranienkästen, und drehte ihr Weinglas, ohne zu trinken.
„Er ist kleiner als ich“, sagte sie.
Ich wusste sofort, wen sie meint. Diesen Jungen aus ihrer Laufgruppe, der immer als Letzter an der Elsterbrücke ankommt. Sympathisch, das hatte sie schon zugegeben. Nur eben einen halben Kopf kleiner.
„Na und?“, fragte ich.
Katrin zog die Schuhe aus, diese weißen Sneaker mit der dicken Sohle, und stellte sie nebeneinander vor sich hin. So als wollte sie ausmessen, woran es liegt. Daran liegt es nämlich auch. Sie liebt Schuhe mit Plateau, trägt seit Jahren nichts anderes. Und er, der Junge, läuft in flachen Dingern rum, die schon bessere Tage gesehen haben.
Dann kam der Satz, den ich inzwischen auswendig kann: „Ich fühl mich neben ihm wie ein Kran.“
Ich hab ihr gesagt, was man in so einer Lage eben sagt. Dass es nicht auf die Größe ankommt. Dass Charakter zählt. Die üblichen Floskeln, die man aus Zeitschriften kennt und die in dem Moment ungefähr so nützlich sind wie ein Regenschirm bei Sonnenschein. Katrin hat nur geschwiegen und weiter ihr Glas gedreht.
Zwei Wochen später ruft sie mich an, spät abends, halb elf. Ich lag schon im Bett. „Ich hab ihm zugesagt“, sagt sie. „Wir gehen ins Kino am Augustusplatz, nächsten Samstag.“
Ich hab nichts dazu gesagt. Nur gefragt, ob sie ihn mag. Da war sie kurz still, so zwei, drei Sekunden, und dann: „Ja. Und genau das ist das Problem.“
An dem Abend im Kino hat sie mir hinterher alles geschildert, jede Kleinigkeit. Er hat die Karten gekauft, zwei Stück für die Spätvorstellung. Sie kennt den Kinosaal, Reihe zwölf, dort ist die Leinwand auf Augenhöhe. Und was zieht sie an? Natürlich die Sneaker mit der dicken Sohle. Sie hat eine Stunde vor dem Spiegel gestanden und sich verflucht, weil sie sich darin nur noch größer vorkam.
„Er hat Witze gemacht“, erzählte sie. „Über die Schlange am Kiosk, über die Preise für Popcorn. Und ich hab dagesessen und die ganze Zeit auf seine Schuhspitzen geschaut.“
Nach dem Film hat er noch einen Spaziergang vorgeschlagen, am Ring entlang. Da passierte nichts weiter. Er brachte sie zur Haltestelle, sie stieg in die Linie 4, er blieb am Gleis stehen. Als die Bahn losfuhr, hat er ihr hinterhergesehen. Katrin meinte hinterher, nie habe sie sich in einem Moment zugleich so gut und so unwohl gefühlt.
Und dann das, was eigentlich das eigentliche Problem war: Auf dem Bahnsteig, ganz kurz, hat ein Typ gerufen. Einfach so, aus einer Gruppe junger Männer. So eine blöde Bemerkung, die sie nicht mal richtig verstanden hat. Irgendwas mit „Gemüse“ und „lang“. Katrin sagt, er habe es auch gehört. Er hat nichts gesagt. Nur die Hände tiefer in die Jackentaschen geschoben.
Danach hat sie sich drei Tage nicht gemeldet. Und ich dachte zuerst, es liegt an diesem Idioten, an dieser einen blöden Bemerkung. Aber Katrin sagte, nein, es war etwas anderes. Sie saß wieder auf dem Balkon bei Mama, diesmal mit kalten Füßen, weil der Herbst in die Kniekehlen kroch, und erzählte, dass er sie nach dem Zwischenfall angesehen habe. Kein Ärger, keine Scham, eher so ein leises Nicken, wie jemand, der bestätigt kriegt, was er längst über sich wusste. Er habe gesagt: „Siehst du. Genau das meinte ich.“
Als ob er froh wäre, dass der Typ es ausgesprochen hat. Als ob er sich diese Bestätigung abgeholt hätte wie eine Quittung.
Katrin hat ihn wiedergesehen. Beim Laufen, im Park, zufällig. Sie haben sich an den Bänken am Teich unterhalten, über Beziehungen, über frühere Partner. Er war zweimal verlobt, einmal beinahe verheiratet. Beide Frauen hätten irgendwann dasselbe gesagt: Dass da eben immer dieses eine war, das störte, der Moment, wenn sie sich zu ihm hinunterbeugen musste. Die eine hatte in einer Silvesternacht mit flachen Schuhen neben ihm auf der Tanzfläche gestanden und hinterher, auf der Heimfahrt, geweint. Nicht aus Bosheit, einfach aus Erschöpfung. Die andere hatte ihm zum Geburtstag einen Gutschein für eine Bar geschenkt, in der man auf Barhockern saß, und den ganzen Abend auf sein Haar geschaut statt in sein Gesicht.
Und ich dachte: Der Mann trägt ein ganzes Archiv an Kränkungen mit sich rum, und meine Schwester soll jetzt die dritte Frau sein, die ihn davon erlöst. Oder die dritte, die es bestätigt.
Was mich daran so wütend machte: Er hatte beschlossen, dass er das Problem ist. Nicht die Typen, die vom Bahnsteig randröhren. Nicht die Frauen, die ihn mit der Schuhwahl bestrafen. Sondern er, 1,60 oder was auch immer, zu klein für die Welt, wie er mal sagte. Als ob Liebe eine Frage der Dorfkirchturmhöhe wäre.
Katrin fragte mich, was ich an ihrer Stelle tun würde. Und zum ersten Mal seit Wochen hatte ich das Bedürfnis, ganz unschwesterlich zu antworten: Hör auf, die Schuhe zu zählen.
Aber gut, ich schwieg.
Stattdessen haben wir telefoniert, fast jeden Abend. Immer dasselbe Lied: Er, der sich klein macht, schon bevor jemand etwas sagt. Und sie, die nicht will, dass ihr eigenes Gefühl von einer Körpergröße abhängt. Ein Kreisel, der sich die ganze Zeit um die eigene Achse dreht.
Und dann kam dieser erste Herbsttag, kalt genug für den dicken Schal aus Mamas Kiste. Katrin hatte sich entschlossen, mit ihm zu sprechen. So ein richtiges Gespräch, Auge gegen Brustbein, sagte sie. Sie scherzte, aber es klang hohl. Er war zu ihr nach Reudnitz gekommen, in ihre kleine Küche, die nach Apfeltee roch, weil der Nachbar wieder kiloweise Äpfel aus Brandenburg mitgebracht hatte. Und da saß er auf dem Hocker am Fenster und schälte eine Mandarine, ganz langsam, mit dieser Sorgfalt, mit der Männer manchmal etwas schälen, wenn sie nicht wissen, wohin mit den Händen.
Katrin trug an dem Abend dicke Wollsocken. Nicht wegen der Kälte. Sie hatte die Schuhe mit der Sohle im Flur gelassen, so als wollte sie den Boden unter seinen Füßen nicht übertreten. Und sie erzählte mir später, wie sie aufstand, das Fenster schloss, den Wasserkocher neu aufsetzte und dabei überlegte, was sie sagen sollte. So vieles, was sie in den Wochen zurechtgelegt hatte, passte auf einmal nicht mehr.
Dann passierte das, womit ich gar nicht gerechnet hatte. Er legte die Mandarine zur Seite, die Finger zitronenfarben, und holte ein Maßband aus der Jacke. Eins von diesen Dingern, die Handwerker im Baumarkt kaufen, gelb mit rotem Knopf. Er hielt es hoch, wie einen Beweis.
„Ich möchte, dass du misst“, sagte er. „Wenn du danach noch willst, musst du es nicht mal erklären.“
Ich weiß nicht, wem dieses Maßband mehr den Atem genommen hat, ihm oder Katrin. Vielleicht mir, als ich es hörte. Man kann über diesen Mann vieles sagen, aber er zieht keine Grenze einfach so. Er stellt sich selbst mit einem Zollstock vor die Wand und wartet auf das Urteil.
Katrin hat abgelehnt. Sie hat das Maßband weggeschoben, mit so einer entschiedenen Handbewegung. Und dann hat sie gefragt: „Warum soll ich dich messen, wenn ich dich jeden Sonntag neben meiner Mutter stehen sehe?“
An dem Abend hat sie ihn gehen lassen. Sie hat ihn nicht gemessen, sie hat ihm nichts versprochen. Sie hat nur gesagt, sie müsse allein sein. Und als er die Tür hinter sich zuzog, rief sie mich sofort an. Am Telefon hörte ich, wie sie den Wasserkocher nahm und sich eine Tasse machte. Der kleine Schluck, das Schaben der Keramik auf der Arbeitsplatte.
„Ich hab's nicht getan“, sagte sie. „Ich hab ihn nicht gemessen. Und ich fühle mich, als hätte ich ihm trotzdem etwas abgeschnitten.“
Drei Tage später schickte er eine Nachricht. Eine Adresse, nichts weiter. Ein Café in Gohlis, nicht weit von Mamas Wohnung, eins mit hohen Fenstern und diesen wackeligen Bistrotischen, wo man das Gefühl hat, für den Platz bezahlen zu müssen, nicht für den Kaffee. Katrin ging hin, allein. Sie trug flache Schuhe, zum ersten Mal seit Jahren. Vielleicht wollte sie ausgleichen, vielleicht auch nur, dass er nicht zurückschreckt.
Sie setzte sich ihm gegenüber, und ganz ruhig nahm sie das Maßband, das er auf den Tisch gelegt hatte, rollte es auf und maß den Abstand zwischen ihren Kaffeetassen. Dreiunddreißig Zentimeter. Dann schob sie ihm das Band hin, als habe sie etwas Endgültiges festgestellt.
„Ich bin nicht die Frau“, sagte sie, „die dich kleiner macht. Aber du, mit deinem Maßband, machst mich kleiner, als ich bin.“
Sie stand auf, legte einen Fünfeuroschein unter die Untertasse und ließ ihn dort sitzen. Als sie zur Tür ging, rief er ihren Namen. Sie drehte sich nicht um.
Was danach kam, war kein Streit, kein Vorwurf, kein Telefonat in der Nacht. Nur Stille, ungefähr zwei Wochen. Mama fragte beim Sonntagsessen, ob „der nette junge Mann vom Laufen“ noch komme. Katrin nahm sich Kartoffelsalat, ohne zu antworten. Ich sah, wie sie ihren Ring drehte, den schmalen, silbernen, den sie von Papa hat. An dem Abend ist mir aufgefallen, dass sie am rechten Schuh die Schnürsenkel anders gebunden hatte als am linken. Eine Kleinigkeit, die nichts mit ihm zu tun hatte, und trotzdem, ich musste an das Maßband denken.
Dann, Ende Oktober, kam ein Brief. Handgeschrieben, mit einer Briefmarke mit blauer Blume. Er schrieb nicht viel. Nur, dass er angefangen habe, in der Werkstatt seines Vaters zu arbeiten, als Fahrradmechaniker, und dass ihm die Hände endlich etwas nützen würden. Und dass das Maßband im Müll liege. Katrin las mir den Brief vor, am Fenster, während draußen die Laubbläser durch die Straßen heulten. Einen Satz habe ich behalten: „Dass du mich nicht gemessen hast, war das erste Mal, dass ich mich nicht verteidigen musste.“
Ich gebe zu, mir ist da kurz die Puste ausgeblieben.
Sie hat nie zurückgeantwortet. Nicht aus Härte, glaube ich, sondern weil jede Antwort ihn wieder in diese Kränkung zurückgeholt hätte. Eines Morgens, es war der erste richtige Frost, stand sie in der Küche und warf ihre alten Plateau-Sneaker in den Müll. Nicht die neuen, die guten. Die abgewetzten weißen, die sie im Regen getragen hatte, als er sie nach dem Kino zur Bahn brachte. Sie stopfte Zeitungspapier in die Schäfte, schichtete alles ordentlich in den schwarzen Sack, band einen Knoten hinein und brachte ihn zur Tonne. Als sie reinkam, sagte sie: „So. Ich kauf mir flache. Nicht für ihn. Für mich.“
Gestern kam noch eine Nachricht auf ihr Handy. Kein Text, nur ein Foto. Vom Gehweg vor dem Fahrradladen in Connewitz. Da stand ein Fahrrad, ein altes grünes, an einem Laternenpfahl. Und auf dem Gepäckträger, zusammengerollt, ein gelbes Maßband.
Katrin hat das Bild eine ganze Weile an der Kaffeemaschine offengelassen, den Finger auf dem Display, ohne zu tippen. Dann schrieb sie zurück, einen einzigen Satz: „Möge dir allzeit der Boden unter den Füßen gut tun.“
Sie steckte das Handy in die Schürzentasche, nahm den Milchschäumer und begann, mit beiden Händen die Tassen für unseren Sonntagskaffee aus dem Schrank zu holen. Eine, zwei, drei — für Mama, für sich, für mich.
Am Sonntag backt Mama Apfelkuchen, wir sitzen auf dem Balkon zwischen den Geranienkästen. Katrin trägt ihre neuen flachen Schuhe, stellt sie unter den Stuhl und gießt mir Kaffee ein, bis die Tasse fast überläuft. Ich sage nichts über das Foto, sie auch nicht. Wir schneiden den Kuchen, und sie nimmt sich das größere Stück.
