Der Anruf kam, als ich den grünen Tee schon in der Kanne hatte. Dienstag, kurz nach neun. Draußen fiel der erste Schnee in Hannover, so nass, dass er auf dem Asphalt der Podbielskistraße sofort zu Matsch wurde. Ich wollte nur noch die Füße hochlegen und die Akte vom Finanzamt zuklappen, aber das Handy summte zweimal, und auf dem Display stand: **Anke Bergmann**.
Wir kannten uns seit dem Studium. Zwanzig Jahre, zwei Ehen, ein Umzug, unzählige Nächte mit Weißwein und dem Gefühl, uns nie etwas erklären zu müssen. Ich nahm ab.
„Du musst mir helfen“, sagte sie, und ihre Stimme klang wie dünnes Eis unter einem LKW. „Es geht um den Mann von Singlebörse. Er hat einen Tisch reserviert, oben in der Weinbar am Opernplatz, du weißt schon, das mit den Kristalllüstern. Und ich kann da nicht hingehen. Ich kann nicht. Ich pack das einfach nicht.“
Ich zog die Decke höher. „Dann sag ab.“
„Das geht nicht. Der hat sich so viel Mühe gegeben. Ich will ihn nicht vor den Kopf stoßen. Bitte, Martina. Geh du hin. Iss ein Steak, trink ein Glas Wasser, sag ihm, du bist die Anke. In zwei Stunden bist du wieder zu Hause.“
Ich hörte noch, wie sie irgendwas von „so ein solider Mann“ und „keine Faxen“ sagte. Mein Daumen lag auf der Teekanne. Der Tee war noch heiß, aber ich hatte plötzlich keinen Appetit mehr darauf.
„Warum ich?“, fragte ich.
„Weil du das kannst. Weil du nicht so empfindlich bist.“
Da war es wieder. Dieses *nicht so empfindlich*. Dieses Lob, das kein Lob ist, sondern eine Aufforderung, keine Arbeit zu machen.
Ich sagte zu.
Zwei Stunden später stand ich vor dem Spiegel im Flur. Der Schrank war voll mit Kleidern, die ich seit Monaten nicht mehr angefasst hatte. Ich trug stattdessen die graue Wolljacke, die nach Zimt roch, weil ich letzte Woche Plätzchen darin gebacken hatte. Die Stiefel waren geputzt, aber nicht neu. Das Gesicht zeigte müde achtundvierzig Jahre. Ich zog mir die Haare mit einem schwarzen Haargummi zurück und verließ die Wohnung.
Am Steintor hielt die U-Bahn 3, die Türen klemmten. Ein Jugendlicher mit JBL-Box spielte einen Song, den ich nicht kannte, viel zu laut. Ich dachte: Warum tue ich das?
Weinbar am Opernplatz. Draußen die hohen Schaufenster, dahinter warmes Licht. Der Mann saß bereits da, am Fenster, mit einer Flasche stilles Wasser und einem Notizblock. Er hieß **Jens Riemann**, sechsundfünfzig, selbstständig in der Baustoffbranche. Seine Jacke hing über der Stuhllehne, eine Barbour, die aussah, als hätte er sie noch nie getragen. Er stand auf, gab mir die Hand. Kein Lächeln, nur eine kurze taxierende Bewegung seiner Augen von meiner Stirn bis zu den Sohlen.
„Anke?“, fragte er.
„Ja“, log ich.
Er schenkte mir Wasser ein. Dann begann er.
„Ich bin ein Mann mit klaren Vorstellungen. Ich suche keine Spielchen. Ich suche eine Frau, die weiß, was sie will, aber auch weiß, was ich brauche. Verstehst du?“
Ich nickte nur, stocherte im Brotkorb.
„Wie ist dein Verdienst?“, fragte er nach dem Salat. „Nicht dass du denkst, ich bin berechnend, aber wenn ich mit jemandem plane, muss ich wissen, ob die Person auf eigenen Beinen steht. Ich will keine, die mir auf der Tasche liegt.“
Ich legte die Gabel ab. Das Klirren war lauter, als ich gedacht hatte.
„Ich bin Buchhalterin in einem Architekturbüro“, sagte ich. „Mein Jahreseinkommen liegt bei achtundvierzigtausend brutto. Meine Miete beträgt achthundertvierzig warm. Ich habe keine Schulden, aber eine alte Katze, die jede Woche zum Tierarzt muss. Möchtest du meine Kontonummer?“
Er runzelte die Stirn. „Das war nicht nötig.“
„Du hast gefragt.“
Dann kam der Satz, der alles veränderte.
Er beugte sich vor, den Ellbogen auf den Tisch. „Deine Freundin hat mir gesagt, du bist müde vom Alleinsein. Dass du dich nach einer stabilen Beziehung sehnst. Dass du keine hohen Ansprüche stellst. Das hat mir gefallen. Ich habe keine Zeit für jemanden, der ständig diskutiert.“
Ich griff nach dem Brotmesser. Legte es wieder hin. Meine Hand lag flach auf dem Tischtuch, als müsste ich sie festhalten.
„Was genau hat sie dir noch gesagt?“
„Dass du bereit bist, dich anzupassen. Und dass du sehr dankbar wärst, wenn ein Mann wie ich sich für dich interessieren würde. Das klang vernünftig. Ich suche eine Frau, die sich einfügt. Die nicht gleich Theater macht. Die abends mit mir zu Abend isst und sonntags die Eltern besucht, ohne zu fragen, ob es regnet.“
Ich saß da und fragte mich, ob die Kristalllüster auch nur ein Staubkorn abbekommen hatten, oder ob in diesem Raum überhaupt etwas Echtes existierte.
„Ich bin nicht deine Anke“, sagte ich.
Er blinzelte. „Wie bitte?“
„Ich heiße Martina. Anke ist meine Freundin. Sie wollte nicht kommen und hat mich geschickt. Und deine Beschreibung von mir ist ungefähr das Widerlichste, was ich seit langem gehört habe. Eine Frau, die sich einfügt. Ein Möbelstück mit Puls. Das ist kein Beziehungsmodell. Das ist ein Ausschreibungsverfahren.“
Er schwieg. Sein Gesicht blieb unbewegt, nur die Finger um das Weinglas wurden weiß.
„Du solltest dir vielleicht überlegen, ob du nicht selbst mal ein bisschen Arbeit in dein Leben stecken willst“, sagte ich. „Aber ich bin da raus.“
Ich schob den Stuhl zurück. Die Kellnerin brachte die Dessertkarte. Ich schüttelte den Kopf und ging.
Draußen war der Schnee in Graupel übergegangen. Der Asphalt glänzte. Ich lief zur U-Bahn und hörte mein Handy klingeln, noch bevor ich die Rolltreppe erreichte.
Anke.
„Was hast du getan?“, schrie sie. „Er hat bei mir angerufen und gesagt, du wärst unhöflich. Dass du eine ganz andere Frau seist. Ich hatte nur versucht, dir was Gutes zu tun! Du wärst so allein!“
Ich blieb am Geländer stehen. Der Wind zog an meiner Jacke. Unten fuhr eine Bahn ein, die Türen öffneten sich mit einem Zischen.
„Du hast einem Fremden erzählt, ich sei dankbar für sein Interesse. So wie man einen gebrauchten Volvo anpreist: zuverlässig, sparsam, kein Unfallwagen. Und jetzt nennst du mich unhöflich, weil ich keine Probefahrt machen will.“
„Du bist wirklich die größte Egoistin, die ich kenne“, zischte sie.
„Vielleicht. Aber ich werde nie wieder deine Notlösung sein.“
Ich legte auf.
Der Heimweg dauerte anderthalb Stunden, weil ich am Lister Platz ausstieg und den Rest zu Fuß ging. Durch die stillen Straßen von List, vorbei an geschlossenen Bäckereien und erleuchteten Fenstern, hinter denen andere ihre Dienstagabende verbrachten. Ich spürte die Kälte an den Ohrläppchen und dachte: *Wie viele Jahre hast du das gemacht?* Charmant lächeln, wenn dir jemand auf die Füße tritt. Ja sagen, damit Ruhe ist. Die nette Martina, die nie Probleme macht.
Zu Hause goss ich den kalten Tee weg. Dann öffnete ich die App meiner Bank.
Elf Jahre lang hatten Anke und ich ein gemeinsames Sparbuch geführt. Für den Sommerurlaub, die spontane Fahrt nach Sankt Peter-Ording, für das eine Jahr, in dem wir beide dachten, wir müssten zusammen ein Ferienhaus auf Rügen kaufen. Inzwischen lagen **4.300 Euro** darauf. Jeder von uns hatte die Hälfte eingezahlt, aber wer hatte wann, das stand in der App wie ein alter Geheimvertrag: Ich hatte über 2.100 Euro mehr eingebracht, weil sie immer im Rückstand war.
Ich tippte dreißig Minuten an dem Handy herum, las die Kündigungsfrist des Kontos, lud den letzten Kontoauszug herunter. Dann überwies ich 2.150 Euro an Anke mit dem Verwendungszweck: *Dein Anteil. Konto wird gekündigt.*
Am nächsten Morgen schickte ich ihr eine E-Mail mit dem Kontoauszug und der Kündigungsbestätigung der Sparkasse. Kein Vorwurf, kein Abschiedsbrief. Nur die Zahlen.
Am Abend kam ihre Nachricht: *Du bestrafst mich für eine Gutmütigkeit. Du wirst sehen, was du davon hast.*
Ich antwortete nicht.
Drei Tage später stand sie vor meiner Tür. Ich sah sie durch den Spion, die Daunenjacke nass vom Regen, in der Hand eine Papiertüte von der Buchhandlung Graff. Sie klingelte zweimal. Ich rührte mich nicht. Dann rief sie durch den Flur: „Martina, bitte, wir müssen reden! Das ist doch verrückt!“
Ich drehte den Schlüssel im Schloss. Einmal. Langsam. Dann ließ ich die Kette vorgelegt, öffnete die Tür einen Spalt breit.
„Was willst du, Anke?“
„Ich verstehe nicht, warum du das Konto auflöst. Das ist kindisch. Ich habe dir nur geholfen. Ich dachte, du wärst einsam. Du hattest gesagt, du willst nicht mehr allein sein. Und Jens ist ein anständiger Mann mit Haus in der Südstadt, einem Mercedes, einem ruhigen Leben –“
„Du hast es immer noch nicht verstanden.“
Ich zog die Kette auf, weil ich jetzt wusste, was ich tun wollte. In der Küche lag der große Umschlag, den ich am Morgen vorbereitet hatte. Ich drückte ihn ihr in die Hand.
„Was ist das?“, fragte sie.
„Mein Testament? Nein. Das ist die Mappe mit allen Vollmachten, die du über die Jahre für mich hattest: die Wohnungsvollmacht, die Bankvollmacht, der Notfallausweis mit deiner Telefonnummer. Ich habe sie alle widerrufen. Offiziell beim Notar. Die Kopien sind für dich. Ab jetzt entscheidest du nicht mehr, was in meinem Leben passiert. Und wenn du das als Strafe empfindest, dann tut mir das leid – aber nur ein bisschen.“
Sie stand mit offener Tür, die Papiertüte knitterte. Ich sah, wie in ihren Augen etwas zusammenklappte, das sie für Freundschaft gehalten hatte: Dass die anderen immer nur ihren Plänen folgen.
„Du wirst enden wie eine alte Katze“, sagte sie und klang dabei, als hätte sie Mitleid mit mir.
„Die Katze ist mir lieber als ein Mensch, der mich als Lückenbüßer verkauft.“
Dann schloss ich die Tür. Diesmal ganz. Von innen drehte ich den Schlüssel zweimal, so dass es im Treppenhaus klackte, und ging zurück in die Küche. Draußen hörte ich noch ihre Schritte auf der Treppe, dann wurde es still.
Ich setzte mich auf den Fensterplatz und nahm die alte Katze auf den Schoß. Sie schnurrte, als hätte sie das Rauschen der Heizung verdaut. Draußen fiel wieder Schnee, aber andere Flocken. Die Straßenlaterne warf ein weißes Rechteck auf den Tisch.
Später zog ich mich um, machte mir Tee und ging die restlichen Kontoauszüge durch. Es war vorbei. Kein Drama mehr, kein schlechtes Gewissen. Ein sauberer Schnitt.
Und das Gefühl, das ich dabei hatte, war nicht Einsamkeit. Es war Ordnung. Zum ersten Mal seit langem war ich in meiner eigenen Küche die Einzige, die entschied, was als Nächstes passiert. Ich nahm einen Stift und schrieb auf die Rückseite des Kontoauszugs, den ich noch behalten wollte:
**Martinas Abend. Eintritt frei. Keine Anmeldung nötig.**
\*\*\*
**Was später noch geschah**
Ein gutes halbes Jahr danach, als ich im September meine Sommerkleider in den Keller brachte, fiel mir ein Brief hinter die Waschmaschine. Er war von Anke, datiert auf den Tag nach meiner Kontoauflösung, also nie abgeschickt. Darin stand, sie habe ihrem vorgeblichen Traummann Jens damals am Telefon gesagt, ich sei „sehr anspruchslos und dankbar“ – und er habe geantwortet: „Dann wird die andere Dame wohl auch nicht nein sagen.“ Ich legte den Brief in den Schrank zu den restlichen Unterlagen und schloss die Tür. Ich wusste jetzt, warum sie damals so geweint hatte, als ich nicht mehr zur Verfügung stand.
