Ich stand vor dem Zwinger und wusste nicht, was ich falsch machte. Der Hund, den ich mir ausgesucht hatte, ein kräftiger Mischling mit ruhigen Augen, drückte sich an die hintere Betonwand. Er kam nicht. Kein Schwanzwedeln, kein Anlauf, kein „da bist du ja“. Nur dieser Hund, der an mir vorbeischaute, als wäre ich gar nicht da.
Ich hatte ihn drei Tage zuvor auf der Seite des Tierheims Erfurt gefunden. Das Foto zeigte einen Hund mit grauem Fang, er saß aufrecht und schaute direkt in die Kamera. Ich nannte ihn in Gedanken Oskar und malte mir schon aus, wie wir morgens an der Gera entlanglaufen würden. Ich hatte sogar schon ein Hundebett bestellt. 79 Euro, anthrazit, mit abnehmbarem Bezug.
Jetzt stand ich hier, im Oktoberregen, der auf das Wellblechdach tropfte, und Oskar rührte sich nicht.
„Ist er immer so?“ fragte ich die Tierpflegerin, die neben mir den Riegel des Zwingers zugeschoben hatte.
„Nein“, sagte die Frau. Ihr Name stand auf einem Schild an der Tür: Angelika. „Mit uns ist er völlig normal.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Vielleicht braucht er einen Moment.“
Ich machte einen kleinen Schritt in den Zwinger. Oskar senkte den Kopf, aber nicht aus Angst. Er schaute nach rechts, in die Ecke. Ich schaute in dieselbe Richtung.
Dort, halb hinter einem umgekippten Fressnapf, kauerte ein Welpe. Vielleicht zehn Wochen alt, so dünn, dass man die Rippen zählen konnte. Der Kleine zitterte am ganzen Körper und hatte die Augen fest auf Oskar gerichtet, als hinge sein Leben an ihm.
Ich blinzelte. Ich hatte das Foto nur von Oskar gesehen. Kein Wort von einem zweiten Hund.
„Moment mal“, sagte ich. „Der ist ja noch im Zwinger.“
Angelika lehnte sich an die Tür. „Ja. Lotta. Die beiden gehören zusammen.“
„Warum stand das nicht auf der Homepage?“
„Weil wir dann gar keine Anfragen bekommen hätten“, sagte sie trocken. „Die Leute lesen: ein Hund, ein Foto, ein Vertrag. Wenn da zwei sind, rufen sie nicht mal an.“
Ich schaute zurück zu Oskar. Er hatte sich nicht bewegt, nur sein Kopf war jetzt tiefer, fast auf Höhe von Lottas Ohren. Der Welpe kroch ein Stück vor, blieb aber im Schatten.
„Ich wollte eigentlich nur einen“, sagte ich. Und dann, ohne groß nachzudenken: „Kann ich beide nehmen?“
Angelika drehte sich um. Aus dem Brustbeutel ihrer Arbeitsjacke zog sie einen Kugelschreiber und klopfte damit auf einen Stapel Papier, der auf einem Holzklotz lag. „Zwei Verträge“, sagte sie. „Für Sie schon vorbereitet.“
Ich musste lachen. „Sie haben gehofft, dass ich das frage.“
„Nicht gehofft“, sagte sie. „Gewusst. Oskar wurde schon einmal vermittelt. Nach zwei Tagen kam er zurück. Er hat ohne Lotta keinen Bissen angerührt. Da haben wir beschlossen: nur noch zusammen.“
Ich setzte mich auf die Bank neben dem Futtercontainer. Neben mir auf der Bank lag ein einzelner Kinderhandschuh, rot, mit einem Loch am Daumen. Ich schob ihn beiseite, bevor ich die Formulare ausfüllte.
Der Regen hatte nachgelassen, aber vom Boden stieg Kälte hoch. Ich füllte zwei Formulare aus. Name, Adresse, Beruf, Garten vorhanden? Ich schrieb „nein“, dann „Balkon vorhanden, 6 Quadratmeter“. Angelika las mit.
Als ich ans Bezahlen kam, zog ich mein Portemonnaie heraus. 120 Euro Schutzgebühr pro Hund. Ich legte 240 Euro in bar auf den mobilen Tisch, den Angelika aus dem Büro geholt hatte. Zwei Zwanziger, zwei Fünfziger, zwei Zehner, den Rest in Fünfern. Angelika zählte nach, klemmte die Scheine in eine Geldkassette.
Dann holte sie zwei Leinen aus dem Schrank. Eine blaue für Oskar, eine rote für Lotta. Sie legte sie mir über den Arm, als wären es zwei Zügel.
„Der Chip ist schon drin“, sagte sie. „Beide geimpft. Impfpässe liegen in der Mappe.“
Ich schüttelte den Kopf, weil ich nicht wusste, ob ich lachen oder seufzen sollte. Ich nahm die rote Leine zuerst und ging in den Zwinger. Lotta drückte sich noch tiefer in die Ecke, aber Oskar stand jetzt auf. Er schaute mich an, dann ging er zu Lotta und stupste sie mit der Nase an. Lotta erhob sich. Oskar drehte sich um und nahm die blaue Leine ins Maul. Dann ging er neben mir her, als wären wir schon hundertmal gelaufen, und Lotta trottete hinter ihm.
Am Tor blieb ich stehen. „Wird sie im Auto weinen?“
„Wahrscheinlich“, sagte Angelika. „Aber Oskar bleibt bei ihr. Dann wird sie ruhig.“
Ich machte die Heckklappe meines VW Golf auf. Oskar sprang zuerst hinein, drehte sich um und winselte einmal kurz. Lotta blieb draußen, die Pfoten auf der Kante. Oskar beugte sich vor und leckte ihr über die Schnauze. Mit einem Satz war sie drin. Ich schloss die Klappe und stieg ein.
Der Motor sprang an. Im Rückspiegel sah ich, wie Oskar und Lotta sich auf der Decke zusammenrollten. Zwei Hunde. Zwei Leinen. Ein Vertrag mehr, als ich geplant hatte. Die Heizung pustete warme Luft gegen die Windschutzscheibe, und draußen fuhr der Bus der Linie 3 vorbei.
Ich legte den Gang ein und dachte: 240 Euro und ein gebrochener Plan. Dafür hatte ich jetzt zwei Hunde, die ich nicht gewollt hatte. Und einer von ihnen trug die Leine des anderen im Maul, als ob er mir etwas beweisen wollte.
Zu Hause angekommen, führte ich beide durch den Hausflur. Der Nachbar aus dem zweiten Stock, Herr Kessler, kam gerade die Treppe herunter und blieb stehen, als er uns sah. „Zwei auf einmal?“, fragte er.
„Ja“, sagte ich. „Sie gehörten zusammen.“
Er brummte etwas und ließ die Tür zufallen. In der Wohnung roch es nach frisch gestrichener Farbe, weil ich am Wochenende das Schlafzimmer geweißelt hatte. Ich stellte die Transportbox ab, die ich vorsichtshalber gekauft hatte, und holte die Wasserschüssel. Oskar lief sofort zum Balkon und kratzte an der Scheibe. Ich ließ beide hinaus. Der Regen hatte ganz aufgehört, und die Lichter vom Supermarkt gegenüber spiegelten sich auf dem nassen Asphalt.
Ich blieb im Wohnzimmer stehen und sah zu, wie Oskar sich neben Lotta legte und sie mit der Pfote an sich zog. Lotta seufzte, ein kleines Geräusch, das wie ein Knarren klang.
Später, als ich die Papiere in die Küchenschublade legen wollte, fiel mir ein Zettel aus dem Impfpass von Oskar heraus. Handschriftlich, mit blauer Tinte: „Oskar wurde am 14.03. zurückgegeben. Grund: frisst nicht ohne Lotta. Nur zusammen vermitteln. A. Meier.“ Ich faltete ihn einmal und steckte ihn in die Innentasche meiner Jacke.
Dann setzte ich mich auf den Boden neben die Balkontür. Oskar hob den Kopf, schaute zu mir herüber und ließ ihn wieder sinken. Lotta schlief schon. Draußen rauschte die Bahn.
Ein Jahr später, beim Umzug nach Jena, fiel mir der Zettel wieder in die Hand. Ich hatte die Jacke lange nicht getragen. Auf der Rückseite stand noch ein Satz, den ich damals nicht gesehen hatte: „Wenn jemand fragt: Foto nur von Oskar, sonst kommt keiner.“ Da saß ich auf dem Umzugskarton und wusste, dass ich nie wirklich eine Wahl gehabt hatte. Und Oskar auch nicht.
