Ich hörte den Regen gegen das Fenster der Hotellobby klatschen, während ich die Tischnamen noch einmal überprüfte. Punkt zwölf. Noch eine Stunde, dann würde die arabische Delegation eintreffen. Mein Name ist Markus Wagner, und mein Chef, Peter Lehmann, würde mir den Kopf abreissen, wenn heute irgendetwas schiefging. 47 Millionen Vertragsvolumen, der Scheich persönlich – das war der Deal, auf den die Firma jahrelang hingearbeitet hatte. Ich hatte das ganze Wochenende die Sitzordnung geplant, die Menükarten abgestimmt, die Technik mit dem Dolmetscher-Equipment getestet. Meine Beförderung stand auf dem Spiel.
Als die Tür vom Seiteneingang aufging und die Frau eintrat, sackte mein Magen kurz ab. Sie trug einen grauen Hosenanzug, der aussah, als wäre er im Neunziger-Jahre-Schlussverkauf erstanden worden. Eine abgewetzte Ledertasche über der Schulter. Die Brille mit dem feinen Gestell hätte an einer Bibliothekarin edel wirken können, aber bei ihr wirkte sie einfach nur altbacken.
„Herr Wagner? Ich bin die Dolmetscherin. Helene Albers.“ Sie streckte mir die Hand entgegen. Meine Finger blieben auf dem Plan des Bankettsaals.
„Frau Albers. Kommen Sie mit, aber schnell. Die Delegation ist in vierzig Minuten da.“ Ich führte sie durch den Saal mit den weißen Tischdecken und den schweren Samtvorhängen. An der Stirnseite der große Tisch mit zwölf Plätzen, die kleinen Flaggen daneben: die deutsche und die arabische. Dort würde Peter sitzen, der Scheich, sein Assistent – und unsere Dolmetscherin. Unsere, das hieß: Katrin. Die hatte ich selbst ausgesucht. 27, perfekt gestylt, Absolventin des Spracheninstituts mit Bestnoten. Sie war das, was man auf der internationalen Bühne zeigte.
Helene Albers dagegen… was sollte das? Fünftausend Euro am Tag, hatte die Agentur uns berechnet – für die Reserve. Peter bestand darauf, weil der Vertrag Klauseln mit islamischem Finanzrecht enthielt und sie die Spezialistin dafür war. Fünftausend. Für eine Frau, die locker sechzig war. Na gut.
Ich stoppte am Tisch ganz hinten, direkt neben der Schwingtür zur Küche. Hier roch es nach Bratenfett und Spülmittel. Der Fahrer von Peter, ein bulliger Kerl namens Dieter, saß schon da und stopfte ein halbes Lachsbrötchen in den Mund. Daneben die Koordinatorin mit Headset, die in ihr Mikrofon murmelte.
„Hier“, sagte ich und zeigte auf einen Klappstuhl zwischen Dieter und einer Kiste mit leeren Flaschen.
Frau Albers schob die Brille höher. „Sind Sie sicher, dass ich hier richtig bin? Ich bin für die Sprachmittlung gebucht, nicht fürs Technikteam.“
„Ganz sicher. Wir haben eine feste Übersetzerin. Sie sind nur zur Absicherung. Falls etwas ist, hole ich Sie.“ Ich drehte mich um, ohne sie noch einmal anzuschauen, und ging zu Katrin, die vor dem Spiegel ihr Kostüm zurechtzupfte. „Alles klar bei dir? Die Fachbegriffe sitzend?“
„Musharaka, Sukuk, Ijara – die liefere ich im Schlaf“, sagte sie und wischte auf ihrem Tablet herum. „Nur bei Mudaraba muss ich einen Augenblick überlegen. Worin besteht noch mal genau der Unterschied zu Musharaka?“
„Macht nichts, übersetz einfach sinngemäß“, sagte ich.
Vom Katzentisch her ein leises Rascheln. Die Alte hatte ein Buch aufgeschlagen, eine uralte Ausgabe eines arabischen Dichters, der mir nicht einmal dem Namen nach bekannt war. Sie las, als ob sie hier allein wäre.
Ich checkte die Uhr. Noch zehn Minuten. Peter kam durch den Haupteingang, frisch vom Friseur, die Manschettenknöpfe funkelten im Licht. Er tippte mir auf die Schulter. „Na, Markus, alles perfekt? Wenn das heute über die Bühne geht, sprechen wir nächste Woche über die Position als Bereichsleiter.“ Dann lehnte er sich kurz zu mir: „Und die Ersatzdolmetscherin ist da? Gut. Sicher ist sicher, auch wenn wir sie hoffentlich nicht brauchen.“ Sein Blick streifte die graue Gestalt am hinteren Tisch, und für einen Moment huschte etwas über sein Gesicht, vielleicht ein kurzes Bedauern – aber dann drehte er sich zum Buffet und rief: „Dieter, lass mir auch ein Brötchen übrig!“
Die arabischen Limousinen rollten Punkt eins vor. Drei schwarze Mercedes mit Sonderschildern. Der Scheich, Ahmad al-Mansur, ein leiser, hagerer Mann mit gestutztem Bart, betrat den Saal ohne großes Gefolge, nur sein Neffe und ein Sicherheitsmann. Kein Lärm, kein Tamtam. Er grüßte knapp, ließ seine Augen durch den Raum fahren – sie blieben einen winzigen Augenblick an der Frau mit dem Buch hängen.
Katrin stand schon am Kopfende, strahlte, sagte mit ihrer hellen Stimme: „As-salamu alaykum, Scheich al-Mansur.“ Der Scheich erwiderte knapp und nahm Platz. Peter setzte sich ihm gegenüber und gab mir ein kurzes Zeichen – die Verhandlungen begannen.
Die ersten Minuten liefen glatt. Katrin übersetzte die Begrüßung, die Worte über die lange Freundschaft zwischen Deutschland und der arabischen Welt. Dann kamen die ersten Zahlen. Peter sprach von einer „gestaffelten Beteiligungsstruktur mit Risikoverteilung nach dem Mudaraba-Prinzip“, und Katrin sagte auf Arabisch etwas mit „Musharaka“. Der Assistent des Scheichs runzelte die Stirn, beugte sich zu seinem Onkel und murmelte etwas. Der Scheich hob die Hand.
Katrin stockte. Nochmals setzte sie an, versuchte die Vertragsklauseln zu erklären, aber der Assistent schüttelte den Kopf. Es war das leise Chaos, das man nur aus der Nähe mitkriegte. Die Übersetzerin verdrehte die Begriffe, und plötzlich redeten beide Seiten aneinander vorbei.
Ich spürte, wie mir der Kragen zu eng wurde.
In das zähe Schweigen hinein drang auf einmal eine Stimme vom Ende des Saals. Kein lautes Rufen, eher ein Murmeln. Unser Fahrer Dieter hatte sich zu dem arabischen Chauffeur herübergebeugt und zeigte auf sein Brötchen – und Frau Albers warf leise ein, ohne von ihrem Buch aufzuschauen: „Nein, nicht Musharaka. Mudaraba ist das Treuhandkapital mit Gewinnbeteiligung, das war der Herr drüben am Kopf.“ Der Chauffeur reckte kurz den Hals, und der Assistent des Scheichs, der die Worte aufgeschnappt hatte, hob überrascht das Kinn.
Der Scheich drehte den Kopf. Seine Augen verengten sich. Er stand auf.
„Die Dame am hinteren Tisch – wer ist das?“
Peter tauschte einen raschen Seitenblick mit mir. Ich wollte etwas von „Reserve“ sagen, aber der Scheich winkte bereits mit einer knappen Bewegung.
„Bitte, kommen Sie her. Nehmen Sie Platz neben mir. Ich möchte hören, was Sie zu sagen haben – Sie beherrschen die Sprache meines Vaters.“ Er sprach das letzte Wort auf Arabisch: *Fusha*. Klassisches Hocharabisch, wie es in der Poesie verwendet wird.
Frau Albers klappte ihr Buch zu, stand auf und schritt den Gang zwischen den Tischen hinauf. Ihr grauer Anzug wirkte in dem Kronleuchterlicht plötzlich irgendwie zeitlos. Sie setzte sich auf den Stuhl, den Katrin sofort räumte – Katrins Gesicht war rot, fast so rot wie ihre Lippen.
Dann, mit einer Ruhe, die ich nicht fassen konnte, begann sie zu übersetzen. Kein Stocken, kein Nachschlagen. Die komplizierten Termini des islamischen Bankenrechts flossen aus ihrem Mund, als hätte sie sie selbst erfunden. Der Scheich senkte zustimmend den Kopf, und diesmal nicht knapp – es war eine Geste, die der ganzen Runde signalisierte: *Jetzt reden wir richtig.*
Ich stand am Rand, die Hände zu Fäusten geballt, und sah zu, wie diese Frau, die ich an den Katzentisch verbannt und vorhin sogar gebeten hatte, drei Flaschen stilles Wasser zu holen – einfach so, weil ich zeigen wollte, wer hier am Drücker ist –, den wichtigsten Mann im Raum für sich gewann.
Als es zur nächsten Klausel kam, zögerte sie nicht aus Unsicherheit, sondern hob ganz kurz die Mundwinkel – nicht zu mir hin, sondern zu Peter, der gerade seinen Füller ablegte.
„Herr Lehmann, der Scheich fragt, ob Sie bei dem Passus über die Gewinnausschüttung nach dem *Mudaraba*-Modell dieselbe Intention haben wie im Memorandum von November. Er erinnert sich sehr genau an Ihr damaliges Angebot. Meine Herren, dies ist eine Vertrauensfrage – und ich empfehle Ihnen, genau da weiterzumachen.“
Sie übersetzte. Peter senkte kurz den Kopf und atmete tief durch. Der Vertrag wurde unterschrieben, um 14:42.
Als die Delegation abgefahren war, stand ich noch in der leeren Halle, die Flasche Wasser ungeöffnet auf meinem Platz. Dieter rülpste leise und stopfte das letzte Brötchen ein. Die Koordinatorin packte ihre Mikrofone ein.
Frau Albers trat neben mich, nahm ihre Brille ab und wischte ein Staubflöckchen vom Glas. Dann hängte sie sich die abgewetzte Tasche über die Schulter und verließ den Saal durch die Schwingtür, ohne sich noch einmal umzublicken. Die Tür pendelte sachte hin und her.
Der Duft von Zimt und abgestandenem Fett zog aus der Küche herüber. Irgendwo klingelte ein Handy. Peter rief mir zu: „Markus, komm in mein Büro, wir müssen über die Beförderung reden.“ Es klang nicht so, wie ich es mir am Morgen vorgestellt hatte.
