Das fünfte Kätzchen

Die Sache war die: Minas Wurf war phänomenal. Vier Kätzchen, jedes einzelne ein Bilderbuch-Siam, mit den typischen dunklen Abzeichen und diesem hellen, cremefarbenen Fell, das im Licht der Wohnzimmerlampe schimmerte wie frisch gefallener Schnee. Petra Berger, die jeden Stammbaum ihrer Zucht so ernst nahm wie andere Leute ihr Aktiendepot, hatte die Kleinen kaum eine Stunde nach der Geburt auf dem Handy. Das Foto ging an eine geschlossene WhatsApp-Gruppe, und innerhalb von zwei Tagen war klar: Jedes dieser vier Tiere war schon verkauft, bevor es überhaupt richtig laufen konnte. Zwölfhundert Euro das Stück, und das war ein Freundschaftspreis.

Das fünfte Kätzchen war zu dem Zeitpunkt nicht auf dem Foto.

Es lag ein wenig abseits, von Minas Flanke fast verdeckt, und als Petra es schließlich entdeckte, glaubte sie zuerst, es sei ein Irrtum. Ein Fleck auf der Decke. Ein Stück Wolle. Aber da war es: ein winziges Ding, pechschwarz, auf viel zu langen, dünnen Beinen. Der Kopf wirkte viel zu groß für den knöchernen Körper, wie bei einem dieser Wackel-Elche, die man hinten ins Autofenster stellt. Es sah aus, als hätte jemand versehentlich eine Fledermaus in den Wurf gelegt.

„Na großartig“, murmelte Petra und hielt das Handy tiefer. „Ein Gollum. Was soll ich denn mit einem Gollum?“

Ihr Mann Frank, der mit einer Tasse Kaffee in der Tür lehnte, zuckte nur die Schultern. „Ist halt passiert. Vielleicht hat Mina einen Ausflug gemacht, als du nicht hingesehen hast. Die Katze vom Nachbarn, dieser schwarze Kater, der immer auf dem Carport von den Meyers rumlungert…“

„Ach, hör auf.“ Petra winkte ab. Sie wusste es besser. Ein einziger Ausrutscher, und die ganze Linie war in Frage gestellt. Dabei war Mina doch eine richtige Diva, eine echte Thailänderin mit Papieren, die man bis nach Bangkok zurückverfolgen konnte. Und jetzt das.

„Der Kleine ist kein Gollum“, sagte eine Stimme von der Tür. Matti, ihr neunjähriger Enkel, stand da, die Hände an den Türrahmen gekrallt. „Der ist cool. Der sieht aus wie ein kleiner Panther. Darf ich den haben? Ich nenn ihn Jumper.“

Petra lachte kurz auf. „Jumper? Der kann ja kaum den Kopf heben. Nein, Schatz, nicht diesen. Bei dem nächsten Wurf, wenn Mina wieder hübsche Junge kriegt, suchst du dir das allerschönste aus. Ein kleines Mädchen, ganz cremefarben. Stell dir das mal vor. Ein richtiges Prinzessinnen-Kätzchen.“ Sie log nicht einmal. Sie meinte es wirklich so. Dieser merkwürdige Winzling passte einfach nicht in ihr Bild von einer seriösen Züchterin, deren Katzen zu Anwälten und Steuerberatern nach Olsberg und ins ganze Sauerland gingen.

Matti sagte nichts mehr. Er kniete sich vor die Wurfkiste und sah zu, wie die vier beigen Kätzchen sich um die Zitzen drängelten und das schwarze immer wieder abrutschte. Minas raue Zunge fuhr dem Kleinen über den Rücken, wieder und wieder, als wollte sie einen Makel weglecken, der nicht wegging.

Die Wochen danach waren ein einziger Balanceakt. Die vier Preis-Kätzchen wuchsen zu dem heran, was Petra stolz „traumhafte Typen“ nannte. Jumper, wie Matti ihn beharrlich rief, wuchs auch. Er fraß, spielte, kletterte auf den Kratzbaum und sprang mit einer wilden, unbeholfenen Entschlossenheit, die etwas Rührendes hatte. Nur sein Kopf blieb eine Spur zu massiv, und seine Beine schienen einen eigenen Willen zu haben, als könnten sie sich nie so recht entscheiden, ob sie laufen oder staksen wollten.

Matti und Jumper wurden ein Herz und eine Seele. Der Junge fütterte ihn mit kleinen Hühnchenstückchen, die er heimlich aus der Küche schmuggelte, und abends, wenn Petra und Frank vor dem Tatort saßen, konnte man leise Stimmen aus Mattis Zimmer hören – gedämpft, als erzählte jemand einem ganz kleinen Wesen große Geheimnisse. Jumper schlief jede Nacht auf Mattis Kopfkissen, ein kleiner, schwarzer Punkt auf einem weißen Bezug.

Und dann kam der Tag, an dem Frau Hagen aus Bestwig ihr Kätzchen abholte. Eine Stunde später war Herr Dr. Schröder aus Meschede da. Danach rief die junge Frau mit dem Doppelnamen aus Brilon an und sagte, sie komme am Dienstag. Die vier Schönheiten waren bis auf eine reserviert, und auch für die Kleine gab es schon eine halbe Anfrage. Es war der logistische Triumph, auf den Petra monatelang hingearbeitet hatte.

Nur Jumper war kein Teil dieses Triumphs. Im Gegenteil. Jumper war der Sand im Getriebe.

„Was ist, wenn die Leute den Kleinen sehen?“, fragte Petra beim Abendessen. Sie stocherte in ihrem Spargel. „Dr. Schröder stellt seine Katze auf Ausstellungen. Wenn der Wind davon kriegt, dass bei mir ein ganz gewöhnlicher schwarzer Kater aus demselben Wurf stammt… der fragt sich doch, ob seine Cleopatra auch so ein Unfall in der Linie ist. Da geht es um Vertrauen, Frank. Um Reputation.“

Frank kaute bedächtig. „Was willst du denn machen? Ihn ersäufen? Vor fünfzig Jahren hätte man ihn in einen Sack gesteckt. Willst du das?“

„Ach Quatsch, red keinen Unsinn.“ Petra schob den Teller weg. „Es geht darum, ihn gut unterzubringen. Aber hier in der Gegend… jemand, der ihn nicht mit uns in Verbindung bringt. Verstehst du? Irgendwohin, wo er einfach nur irgendein Kätzchen ist. Kein Berger-Kätzchen mit einem peinlichen Gendefekt, sondern irgendein Findelkind vom Bauernhof, dem jemand ein gutes Herz schenkt.“ Sie seufzte. „Matti wird es verstehen. Irgendwann. Ich versprech ihm, dass er den ganzen nächsten Wurf aussuchen darf. Das lenkt ihn ab. Kinder vergessen schnell.“

Am nächsten Morgen fuhr Frank wie immer um kurz nach sieben mit seinem Transporter los, in Richtung Gewerbegebiet. Er führte einen kleinen Handel mit Tierbedarf, und jeden Mittwoch holte er neue Ware vom Großmarkt in Arnsberg. Heute hatte er eine alte Katzentransportbox aus Plastik neben sich auf dem Beifahrersitz stehen. Darin, auf einem Stück alter Tageszeitung, hockte Jumper. Er gab keinen Ton von sich.

„Es ist nur für ein paar Stunden, Kleiner“, murmelte Frank, als der Wagen aus Olsberg heraus war und die ersten Felder an ihm vorbeizogen. An der Ausfahrt zum Industriegebiet blinkte er und lenkte den Transporter nicht auf das vertraute Gelände des Großmarkts, sondern weiter, vorbei an den Lagerhallen, bis zu einem kleinen Parkplatz an der Ruhr. Ein asphaltierter Platz. Ein Mülleimer. Eine alte Holzbank mit Aussicht aufs Wasser. Frank stellte den Motor ab. Er fingerte an der Klappe der Transportbox, vermied es, das Kätzchen anzusehen. „Wenn einer was taugt, findet er das hier romantisch und nimmt dich mit. Schöne Aussicht. Da kommen Spaziergänger lang. Leute mit Herz.“ Seine Finger trommelten auf dem Lenkrad. Er wusste, dass das, was er tat, nicht romantisch war. Es war eine unangenehme Sache, der er einen passablen Anstrich gab.

Er stellte die Transportbox neben die Bank, öffnete die kleine Tür, stand auf und ging zum Wagen zurück, ohne sich umzudrehen. Jumper blieb einen Moment wie versteinert sitzen. Dann trat er ins Freie, Schritt für Schritt, während der Geruch von Abgasen und nassem Laub von draußen in die Box kroch. Er blieb neben der Holzbank stehen, während der graue Transporter sich entfernte, kleiner wurde und schließlich hinter einer Kurve verschwand. Das Nachglühen der Rücklichter hing noch einen Moment auf der Netzhaut des Kätzchens, dann war es weg.

Jumper saß da und horchte auf ein Geräusch, das er kannte. Das Schließen einer Haustür. Das Klappern von Fressnäpfen in der Küche. Mattis Stimme, die leise eine alberne Melodie summte. Aber da war nur das Rauschen der Ruhr und das Krächzen einer einzigen Krähe.

Der Wintermorgen war klar und beißend kalt. Unter Jumpers Pfoten fühlte sich der Asphalt an wie Eis. Das Gras war mit Reif überzogen. Eine Amsel flatterte aus einem Busch und Jumpers Instinkt erwachte – ein kurzer, ungelenker Sprung, ein Zucken in den viel zu langen Beinen, aber seine Pfoten rutschten auf der gefrorenen Erde weg, und die Amsel stob davon. Das Kätzchen setzte sich hin und zog die Pfoten eng unter seinen schwarzen Körper. Es war hungrig. Die letzte Mahlzeit, ein bisschen Nassfutter, lag fast zwölf Stunden zurück. Und es war müde. Vor allem aber war da diese leise, beunruhigende Gewissheit, dass etwas nicht stimmte, dass eine ganz grundlegende Ordnung der Dinge sich verschoben hatte, ohne dass jemand ihn gefragt hatte, ob er das wollte.

Zwei Jungen kamen den Uferweg entlang, mit Schulrucksäcken und roten Wangen von der kalten Luft. Florian und David Maier, zwölf und neun, wohnten in der Siedlung oberhalb der Ruhr. Sie hätten eigentlich längst zu Hause sein sollen, aber Florian hatte unterwegs noch schnell ein paar Körner für die Wildenten ins Wasser geworfen, die er heimlich in der Jackentasche mitgenommen hatte. David blieb als Erster stehen.

„Da. Ein Gespenst. Guck mal.“

„Das ist eine Katze, du Depp. Ein Kätzchen. Total klein.“

Florian hockte sich hin und streckte die Finger aus. Jumper drückte seine Stirn gegen die kalte Hand und begann zu schnurren. Ein leises, knatterndes Geräusch, viel zu kräftig für so einen schmalen Körper.

„Der ist komplett durchgefroren“, sagte Florian. „Und guck mal, der hat gar kein Halsband. Der ist ausgesetzt.“

„Vielleicht ist er nur ein Streuner?“

„Ein Streuner in dem Alter? Mitten im Januar? Der überlebt die Nacht nicht. Die Füchse schnappen ihn. Oder er verhungert einfach. Der weiß doch gar nicht, wie man Mäuse fängt.“ Florian nahm das Kätzchen vorsichtig auf. Es klammerte sich sofort an seine Jacke, als hätte es nie etwas anderes getan. „Wir nehmen ihn mit. Wir verstecken ihn im Schuppen von Herrn Kowalski. Der merkt das nicht.“

„Und wenn er’s doch merkt?“

„Der Kowalski ist doch selbst ein alter Kater. Der hat früher auf dem Hof seiner Eltern bestimmt hundert Katzen gehabt. Der schmeißt uns nicht raus. Und Mama… wir sagen einfach, es ist ein Schulprojekt. Biologie. Verhaltensbeobachtung an einem urbanen Jungtier. Das klingt wissenschaftlich, das kauft sie uns ab. Für drei Tage. Bis sie sich an ihn gewöhnt hat.“

David sah seinen Bruder zweifelnd an. „Papa sagt, du wirst mal Politiker.“

„Genau. Und die lernen das.“ Florian grinste und stopfte das Kätzchen vorsichtig in seine geöffnete Winterjacke. Nur Jumpers Köpfchen schaute heraus, zwei blaue Augen, die neugierig über den Reißverschluss spähten.

Herr Kowalski, der Hausmeister der Siedlung, war ein Mann mit einem Gesicht wie aus Eichenholz und Händen, die aussahen, als könnten sie einen Nagel in die Wand drücken, ohne einen Hammer zu benutzen. Er kehrte gerade den Eingang zur Tiefgarage, als die beiden Jungen mit einer verdächtig ausgebeulten Jacke an ihm vorbeihuschen wollten.

„Sieh mal einer an. Eine Jacke, die miaut.“

Florian blieb stehen. „Es ist ein Findelkind. Von der Ruhr. Wir wollten ihn nur für eine Nacht in Ihren Werkzeugraum bringen, bis unsere Mutter zurück ist. Sie hat Nachtschicht in der Klinik, heute als Springerschicht, und wir wollten sie nicht wecken, um zu fragen. Bitte, Herr Kowalski. Nur eine Nacht. Wir füttern und versorgen ihn. Wir machen keinen Dreck. Ehrenwort.“

Der alte Mann sah auf das schwarze Köpfchen mit den viel zu großen Ohren. Er seufzte und lehnte seinen Besen an die Wand. Bei ihm zu Hause, in der Souterrainwohnung am Ende der Siedlung, lebten bereits zwei ausrangierte Tiere – eine dreibeinige Schildkröte und ein alter Kater namens Gorbatschow, den ihm vor Jahren ein Mädchen aus dem dritten Stock gebracht hatte, mit den Worten: „Nur fürs Wochenende, Herr Kowalski, bis meine Mama wieder da ist.“ Aus dem Wochenende waren inzwischen sieben Jahre geworden.

„Die Heizungsrohre im Technikraum laufen an der Rückwand lang“, sagte er schließlich. „Da ist eine Ecke hinter dem Sicherungskasten, da zieht’s nicht. Aber wenn ich morgen früh reinkomme und die Sicherungen sind aus, weil euer kleiner Teufel an Kabeln genagt hat, dann gnade euch Gott.“

„Kommt nicht vor. Danke, Herr Kowalski. Wir stehen in Ihrer Schuld.“ Florian strahlte, als hätte er die Schlüssel zum Bundeskanzleramt bekommen.

Im Technikraum war es warm und es roch nach Beton, Staub und einem Hauch Maschinenöl. Die Jungen breiteten eine alte Wolldecke aus, die sie vom Sperrmüll neben den Altglascontainern gerettet hatten, stellten eine Untertasse mit Wasser hin und kippten den Inhalt von zwei Dosen Thunfisch auf einen Pappteller. Jumper fraß, als gäbe es keinen Morgen. David saß daneben und sah zu, wie die schwarze Zunge über die silbernen Fischstückchen fuhr.

„Glaubst du, er vermisst irgendwen?“, fragte David leise.

Florian zuckte die Schultern. „Keine Ahnung. Vielleicht hat er keine Ahnung, was passiert ist. Aber irgendwer hat ihn ausgesetzt. Da bin ich sicher. Guck mal, wie sauber und zutraulich der ist. Der ist kein wildes Tier. Der hatte mal ein Zuhause. Und einen Menschen.“ Er machte eine Pause. „Das ist nicht fair. Wenn du dich an jemanden gewöhnst, und dann ist der einfach nicht mehr da, und du verstehst nicht mal, warum.“

„Das ist nie fair“, sagte David.

Die Mutter der Jungen, Marion Maier, war eine kleine, drahtige Frau, die an diesem Abend nach einem elfeinhalb-Stunden-Dienst in der Notaufnahme des St.-Johannes-Hospitals nach Hause kam, so müde, dass sie den falschen Schlüssel ins Schloss steckte. Sie fand ihre Söhne in der Küche vor, die um diese Zeit eigentlich längst im Bett hätten sein sollen. Zwischen ihnen auf dem Tisch stand ein leerer Thunfisch-Teller, und in Florians Armen lag ein schwarzes, schlafendes Etwas, das aussah wie ein verbranntes Brötchen auf Stelzen.

„Ich will nicht wissen, wie lange ihr das geplant habt“, sagte sie, bevor einer der Jungen den Mund aufmachen konnte.

„Gar nicht“, sagte Florian. „Wir haben ihn gefunden. An der Ruhr. Heute Nachmittag. Einer muss ihn da rausgefahren und einfach hingestellt haben. Ich schwör’s.“

David nickte heftig. „Er hat gefroren wie verrückt. Er wäre gestorben. Er hat überhaupt nichts verstanden, der saß da und hat auf jemanden gewartet, der nie zurückkommt.“ Er holte Luft. „Wir wollen keine Weihnachtsgeschenke. Keine. Und wir übernehmen das Katzenklo und das Füttern und alles und wenn was kaputtgeht ersetzen wir es von unserem Taschengeld, ehrlich, Mama. Wir können ihn nicht wieder abgeben. Nicht diesen. Der hat schon einmal geglaubt, er hätte einen Menschen, und dann war der weg. Das können wir ihm nicht noch mal antun, Mama. Das versteht er nicht. Für ihn sind wir doch jetzt seine Leute.“

„Seine Leute…“ Marion Maier sah ihre Söhne an. Sie sah das schlafende Kätzchen an. Sie sah den Thunfisch-Teller. Dann seufzte sie und goss sich ein Glas Leitungswasser ein. „Morgen früh geht ihr mit ihm zu Dr. Freitag. Entwurmen, impfen, Chip. Und wenn er mir in die Birkenstock-Latschen pinkelt, rede ich drei Tage nicht mit euch. Ist das klar?“

Die Jungen rissen die Augen auf. Dann brach ein Jubel los, so laut, dass das Kätzchen kurz hochschreckte und verdutzt blinzelte.

In vierundzwanzig Monaten wird aus dem staksigen schwarzen Findelkind ein Kater von solch unwirklicher Eleganz, dass die Nachbarn vor dem Fenster der Maiers stehen bleiben. Ein pechschwarzes Fell mit dem Blauschimmer eines Ölflecks auf Wasser. Hohe, schlanke Beine, die nichts mehr von der kindlichen Ungelenkigkeit verraten. Und diese Augen – das Blau der Karibik, durch ein schmales, bernsteinfarbenes Band geteilt, ein genetisches Kuriosum, das er von seiner siamesischen Mutter geerbt hat. Dr. Freitag wird später sagen: „So eine Katze haben Sie kein zweites Mal.“ Und Marion Maier wird den verschlissenen Filz-Schal ihrer Mutter um den Hals des Katers krausen und erwidern: „Stimmt. Deswegen geht er auch nächste Woche noch mal zum Check. Ich will sichergehen, dass mit dem seltsamen linken Ohr alles in Ordnung ist.“ Aber das, wie gesagt, liegt vor ihnen, und im Moment schlafen zwei Jungen mit roten Backen und einem zufriedenen Kätzchen, das sich zwischen ihren Kopfkissen zu einer kleinen, schwarzen Kugel zusammengerollt hat, ohne jedes Gespür dafür, dass soeben ein ganzes, winziges Universum für ihn in Ordnung gebracht worden ist.

In Olsberg, eine knappe halbe Autostunde entfernt, ist ein anderer Junge noch wach. Matti sitzt im Schein seiner Nachttischlampe auf dem Bett, die Decke bis ans Kinn gezogen. Vor zwei Stunden ist er durch das ganze Haus gelaufen, hat unter Sofas gesehen, Schranktüren geöffnet, die Garage durchsucht. Irgendwann hat seine Großmutter ihn am Arm genommen, ihr Gesicht ganz sanft, und hat ihm gesagt, die nette Frau mit der hellen Stimme, die am Nachmittag angerufen habe, die, die sich so über den süßen kleinen schwarzen Kater gefreut habe, habe ihn mitgenommen. Ganz spontan. Sie habe Jumper sofort ins Herz geschlossen, und das sei doch wunderbar. Dafür könne er sich doch beim nächsten Wurf ein richtiges, edles Siamkätzchen aussuchen.

Matti glaubt ihr kein Wort. Er spürt es im ganzen Körper, so ein mulmiges, schlechtes Gefühl im Bauch. Er hat die Anrufliste am Festnetz-Telefon überprüft, während Oma im Bad war. Der letzte Anruf kam vorgestern, von der Versicherung. Keine Frau mit heller Stimme. Er schiebt seine Hand unter das Kopfkissen, wo Jumpers warmer Körper immer gelegen hat. Da ist nichts. Gar nichts. Nur kühler Stoff. Und ein Geruch, der schon halb verflogen ist, überlagert vom Waschmittel. Das Kissen gibt unter seinem Gewicht nach, der Bezug raschelt trocken. Er zieht die Hand zurück und betrachtet seine leeren Finger, dann faltet er sie im Schoß und bleibt so sitzen, während draußen eine Kirchturmuhr zwölfmal schlägt.

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Uniad
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