Leonie fuhr allein ans Meer – doch zurück kam sie zu zweit

Der kleine Ort Zinnowitz auf Usedom lag um diese Jahreszeit noch ruhig. Die meisten Urlauber kamen erst im Juli, und Leonie hatte bewusst ein Zimmer in einer Pension drei Straßen vom Strand gebucht, wo man abends nur die Wellen und die Möwen hörte. Sie war vierunddreißig, seit zwei Monaten geschieden, und der Klang ihrer eigenen Schritte in der leeren Wohnung in Leipzig war ihr so vertraut geworden, dass sie fast vergessen hatte, wie sich das Gefühl anfühlte, nach Hause zu kommen und nicht allein zu sein.

Ihre Mutter rief jeden zweiten Abend an. Immer die gleiche Wellenbewegung aus Fragen, anders verpackt, aber mit derselben Sorge im Ton. Leonie gab kurze Antworten, sagte, es gehe ihr gut, und legte auf, bevor das Schweigen zwischen den Sätzen zu schwer wurde.

Das erste, was ihr in Zinnowitz auffiel, war das Licht. Die Sonne schien jeden Tag, aber der Wind vom Meer war kühl, und man saß in Jacke auf der Strandbank. Am zweiten Abend ging sie in ein kleines Fischrestaurant nahe der Seebrücke, bestellte Backfisch mit Kartoffelsalat und setzte sich an einen Holztisch vor der Tür. Es war halb acht, die Sonne hing noch über dem Wasser, und ein paar Kinder warfen Brot an die Möwen.

Die Hündin tauchte hinter den Mülltonnen auf. Ein schmales, rötlich-braunes Tier mit einer Vorderpfote, die sie beim Gehen kaum belastete, das Fell verfilzt und an einer Stelle kahl. Sie schnüffelte, wich zurück, als eine größere Mischlingshündin knurrte, und wartete in sicherer Entfernung. Leonie sah, wie sich die Rippen unter der Haut abzeichneten.

»Die ist schon lange hier«, sagte die Kellnerin, ein Mädchen mit blonder Hochsteckfrisur, das Tablett in der Hand. »Die Touristen füttern sie, dann fahren sie weg, und die Hunde bleiben hungrig zurück.«

Leonie bestellte eine extra Portion Backfisch, ließ sie in eine Schale legen und stellte sie am Rand der kleinen Terrasse ab. Die Hündin beäugte sie regungslos, die Pupillen weit, und rührte sich nicht vom Fleck. Fünf Schritte, mehr nicht. Leonie setzte sich wieder an ihren Tisch, trank einen Schluck von ihrem Alsterwasser und schaute demonstrativ aufs Meer hinaus. Erst als sie den Kopf wegdrehte, kam das Tier zögernd heran und schlang den Fisch hinunter, so hastig, dass es sich beinahe verschluckte.

Am nächsten Abend das Gleiche. Und am übernächsten. Leonie nannte sie Krümel. Kein besonderer Name, aber er passte. Sie begann, ihre Nachmittage danach auszurichten, wann Krümel hinter dem Restaurant auftauchte. Einen Ausflug nach Peenemünde sagte sie ab, eine geführte Radtour ließ sie ausfallen, weil sie fürchtete, den Zeitpunkt zu verpassen, zu dem die Hündin sich aus ihrem Versteck wagte.

Die Pension, in der sie wohnte, war ein altes Backsteinhaus mit knarrenden Dielen und einer schwarzen Katze, die immer auf dem Fensterbrett im Treppenhaus lag. Die Besitzerin, Frau Reimers, eine Frau um die sechzig mit kurzen grauen Haaren, kam eines Morgens mit frischen Brötchen vorbei, als Leonie gerade eine Dose Hundefutter aus dem Supermarkt auspackte.

»Wollen Sie die streunende Hündin vom Strand füttern?«, fragte sie ohne Umschweife. »Das habe ich schon oft erlebt. Die Gäste gewöhnen das Tier an sich, und wenn sie abreisen, steht der Hund tagelang am Zaun und wartet. Wissen Sie, wie das für so ein Wesen ist?«

Leonie spürte, wie sich ihr Kiefer verhärtete. Sie dachte an die vielen Abende in ihrer Wohnung, an das Warten auf einen Anruf, der nie kam, an das Gefühl, wenn jemand einfach geht und man zurückbleibt, ohne zu verstehen, warum. Sie wollte etwas Scharfes erwidern, aber stattdessen hörte sie sich selbst fragen: »Was braucht man eigentlich, um einen Hund mit dem Zug mitzunehmen?«

Frau Reimers runzelte die Stirn, dann huschte etwas über ihr Gesicht, das fast wie Anerkennung aussah. »Einen Tierarztbesuch, Impfpass, eine Transportbox. Den Veterinär in Bansin kann ich empfehlen, der kennt sich mit solchen Fällen aus. Und die Bahn verlangt eine Fahrkarte für den Hund, wenn er nicht in die Tasche passt.«

An diesem Abend saß Leonie länger als sonst auf der Bank vor dem Restaurant. Krümel hatte sich ihr diesmal bis auf zwei Schritte genähert. Die Sonne sank hinter der Seebrücke und tauchte das Wasser in ein tiefes Orange, und Leonie spürte, wie etwas in ihr aufbrach, das sie seit der Trennung nicht mehr gefühlt hatte: eine Gewissheit, dass da ein Lebewesen war, das auf sie angewiesen war – und das sie nicht enttäuschen würde.

Sie tippte die Suchmaschine auf dem Handy an: *Hund aus dem Urlaub mitnehmen Deutschland Bahn*.

Die letzten beiden Tage vergingen im Eiltempo. Sie fuhr mit dem Bus nach Bansin, ließ Krümel untersuchen, bekam eine Wurmkur, die Tollwutimpfung und den EU-Heimtierausweis. Kosten: 92 Euro. Die Transportbox in einem kleinen Tierladen am Ortseingang von Zinnowitz schlug mit 39,99 Euro zu Buche. Krümel ließ alles mit sich machen, ohne zu knurren, ohne zu zittern, nur einmal leckte sie dem Tierarzt über die Hand, als wolle sie sich bedanken.

Am Abreisetag regnete es in Strömen. Leonie trug die Box zum Bahnhof, den Regenschirm halb über sich, halb über das Gepäck gespannt. Krümel drinnen winselte leise, stieß mit der Nase gegen das Gitter, und Leonie redete die ganze Zeit auf sie ein, erzählte von der Wohnung in Leipzig, von dem großen Park in der Nähe, von den Leckerlis, die sie kaufen würde.

Der Zug nach Berlin war voll, aber Leonie fand einen Sitzplatz in der hinteren Ecke, die Box zwischen ihren Füßen. Ein älterer Herr mit Aktentasche schaute irritiert auf den Käfig, sagte aber nichts. Als der Schaffner kam, reichte Leonie ihm ihr Ticket und den kleinen Zusatzfahrschein für Krümel – neunzehn Euro für die Strecke. Der Mann nickte und ging weiter.

In Berlin Hauptbahnhof Umsteigezeit vierzig Minuten. Sie kaufte einen Kaffee, stellte die Box auf den Nebensitz und sah den Menschen beim Eilen zu. Erst jetzt fühlte sie sich in der Menge nicht mehr verloren – sie war beschäftigt, sie hatte Verantwortung.

Als sie in Leipzig ankam, war es bereits dunkel. Die Wohnung roch nach Abwesenheit, ein bisschen nach Staub und dem Lavendelduftspray, das sie vor der Abreise versprüht hatte. Sie stellte die Box ab, machte die Klappe auf und ließ Krümel heraus. Die Hündin tapste vorsichtig über das Parkett, schnupperte an der Couch, an der Heizung, an der Balkontür. Dann fand sie das alte Strandhandtuch, das Leonie ausgebreitet hatte, rollte sich zusammen und seufzte tief. Ein Geräusch, das die bedrückende Ruhe der Wohnung endlich durchbrach.

Am nächsten Morgen klingelte es. Ihre Mutter stand vor der Tür, in der einen Hand eine Tasche von Fressnapf, in der anderen eine Packung Hundekekse. Sie umarmte Leonie fester als sonst und hielt sie einen Moment länger, als nötig gewesen wäre.

»Na, wo ist denn der berühmte Krümel?«, fragte sie, und in ihrer Stimme schwang etwas mit, das Leonie schon lange nicht mehr gehört hatte: Leichtigkeit.

Krümel kam aus dem Wohnzimmer geschlichen, die Rute vorsichtig wedelnd. Die Mutter ging in die Hocke, ließ sich an der Hand beschnuppern und kraulte den Hund hinter den Ohren. Dann sah sie zu Leonie hoch und sagte nichts. Sie brauchte es auch nicht. Die Wohnung, die noch vor einer Woche eine bloße Bleibe gewesen war, erwachte zum Leben. Auf der Fensterbank lag bereits ein quietschendes Quietsche-Entchen, und neben der Tür stand nun ein Wassernapf, blau, mit kleinen Pfotenabdrücken.

Leonie setzte sich auf den Boden, lehnte den Rücken an das Sofa und zog Krümel sachte an sich heran. Die Hündin schmiegte ihre Schnauze in Leonies Armbeuge, und in diesem Augenblick spürte Leonie, wie sich die Wärme eines anderen Lebewesens mit ihrem eigenen Herzschlag verband. Das Schweigen, das sie so lange begleitet hatte, war jetzt keine Leere mehr, sondern ein Raum voller Atemzüge, leiser Tapsgeräusche und dem Gefühl, dass da jemand war, der auf sie wartete.

Am Abend saß sie mit ihrer Mutter auf dem Balkon und trank einen Tee. Krümel lag zu ihren Füßen, eine Pfote im Schlaf zuckend. Irgendwo in der Nachbarschaft bellte ein Hund, und Leonie spürte, wie etwas in ihr leichter wurde – nicht wegen der Trennung, nicht wegen des vergangenen Jahres, sondern wegen dieses Hundes, der einen einfachen Urlaub am Meer so gründlich durcheinandergebracht hatte und der nun hier neben ihr schnarchte, als hätte er nie etwas anderes getan.

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