An einem Donnerstag im November, so gegen sieben, kam Jörg in ihr Nähzimmer und sagte: „Am Sonntag zieht mein Bruder mit Frau ein. Auf Dauer. Räum dein Arbeitszimmer, ich hab es schon zugesagt.“
Lisa hörte ihn, ohne von der Maschine aufzusehen. Vor ihr lag das Brautkleid einer Kundin aus Halle-Neustadt. Drei Wochen Arbeit steckten darin: die Spitze am Mieder war von Hand angesetzt, jede Perle saß einzeln. Sie hatte für den nächsten Morgen einen Anprobe-Termin vereinbart. Jörg lehnte im Türrahmen, scrollte auf dem Handy und sprach in dem Ton, in dem man einer Kollegin sagt, der Drucker sei leer.
„Ich hab gefragt, wer einzieht.“
„Dirk und Franziska. Der Mietvertrag wurde ihnen gekündigt, so ein Sanierungsding. Wo sollen sie hin? Wir haben drei Zimmer. Eins blockierst du mit deiner Näherei.“
Er sagte „Näherei“, wie andere „Bastelecke“ sagen. Lisa hob den Fuß vom Pedal. Etwas in ihrem Brustkorb zog sich zusammen, aber ihre Hände blieben ruhig auf dem Stoff.
„Und wie lange?“
„Keine Ahnung. Bis sie was Eigenes haben. Halbes Jahr, vielleicht ein Jahr. Ist doch wurscht. Familie.“
Lisa stand auf. Sie nahm die Stecknadeln vom magnetischen Halter, eine nach der anderen, und legte sie zurück in die Dose. Das Klappern füllte den Raum.
„Das ist mein Arbeitsplatz, Jörg. Hier entstehen Aufträge, mit denen ich seit zwei Jahren mehr als die Hälfte der Miete bezahle.“
„Na ja. Deine Änderungsschneiderei eben.“ Er grinste. „Dirk bringt dann richtig Geld rein, wenn er die Stelle bei VW hat. Und du nähst halt am Küchentisch. Passt schon.“
Lisa schob die Stuhllehne an den Tisch. Der Mann, der da in ihrem Zimmer stand, war ihr seit vierzehn Jahren vertraut. Vierzehn Jahre, in denen sie nachgegeben hatte. Beim Urlaub. Bei der Wohnungswahl. Bei der Frage, ob sie Weihnachten bei seinen Eltern oder bei ihrer Schwester feiern. Und jetzt das.
„Du hast mich nicht gefragt.“
„Muss ich das?“ Er sah wirklich erstaunt aus. „Du bist doch nicht so. Du hilfst doch gern.“
Lisa strich mit dem Finger über den gerafften Tüll. Dann drückte sie die Maschinenabdeckung darüber, so sorgfältig wie jeden Abend.
„Helfen ja. Mein Zimmer abgeben nein.“
Er hörte den Unterschied nicht. Er zuckte mit den Schultern, drehte sich um und ging ins Wohnzimmer, wo die Sportschau lief. Die Sache war für ihn erledigt. Lisa blieb am Tisch stehen. Durch die Fensterscheibe sah sie die Lichter der Straßenbahn, die an der Haltestelle „Am Steintor“ vorbeirumpelte. Sie konnte den Wagen fast spüren, das leise Vibrieren im Boden der Altbauwohnung.
Sie setzte sich an den Laptop. Nicht wütend. Eher so, wie man einen losen Faden in einem Saum entdeckt und anfängt, daran zu ziehen, bis man weiß, ob sich alles auftrennt oder hält.
Die Wohnung in der Großen Ulrichstraße hatten sie vor acht Jahren gekauft. Lisa erinnerte sich an die Bank, an den Notar, an den Stapel Überweisungsbelege. Den größten Teil der Eigenkapitalquote hatte sie eingebracht: 41.000 Euro aus dem Verkauf des Häuschens ihrer Großmutter in Wittenberg, das ihr allein überschrieben war. Jörg hatte 19.000 beigesteuert und einen Kredit mitunterschrieben. Getilgt hatten sie gemeinsam.
Sie holte den Ordner aus dem Küchenschrank. Kaufvertrag, Grundbucheintrag, Kontoauszüge. Sie hatte nie etwas weggeworfen. Nicht aus Misstrauen, sondern weil eine Selbstständige Belege eben aufhebt. Sie fotografierte jede Seite, lud sie in eine Cloud und schrieb ihrer Steuerberaterin eine Nachricht mit einer Bitte um einen Termin.
Das war keine Rache. Das war Vorbereitung. Der Unterschied liegt in der Temperatur.
Am Sonntag klingelte es um kurz nach zwei. Dirk und Franziska standen mit sieben Umzugskartons im Flur. Franziska roch nach dem Parfüm aus dem Drogeriemarkt am Markt und sah sich um wie eine Maklerin. Sie blieb an der Tür des Nähzimmers stehen.
„Das helle Zimmer nehmen wir. Jörg meinte, hier steht eh nur so Zeug rum.“ Sie wandte sich an Lisa. „Du bringst deine Sachen doch bestimmt in den Keller, oder? Bis wir was Eigenes haben.“
Lisa stellte sich in die Tür, die Hand auf dem Rahmen.
„Nein. Das ist mein Arbeitsraum. Ihr bekommt das Gästezimmer nach hinten raus. Hell, ruhig, mit dem alten Kleiderschrank. Da passen eure Sachen rein.“
Franziska sah zu Jörg. Der kam herüber, fasste Lisa am Ellenbogen und senkte die Stimme.
„Lisa. Jetzt mach kein Theater. Die sind seit sechs Uhr unterwegs. Stell dich nicht so an.“
„Tu ich nicht. Das Gästezimmer ist frei. Das Nähzimmer bleibt meins.“
Dirk lachte auf, so ein kurzes, bellendes Geräusch. Franziska presste die Lippen zusammen. Am Abend roch die Küche nach Franziskas Auflauf, und auf der Fensterbank standen drei Fremde Dosen mit Tee.
Die erste Woche war ein einziger Test. Franziskas Schuhe verstopften den Flur. Ihr Handtuch lag über der Badewanne, morgens um halb sieben, wenn Lisa duschen wollte. Beim Frühstück fragte sie, ob es auch frische Brötchen gebe, und probierte dann Lisas selbstgemachte Marmelade mit einem Gesicht, als habe jemand Zahnpasta hineingemischt.
Am fünften Tag deckte Lisa den Tisch für zwei. Für sich und Jörg.
„Und wir?“ Franziska blieb an der Kante stehen, den Teller in der Hand.
„Ihr kocht selbst. Kühlschrankfach unten ist frei. Ich habe euch für die ersten Tage Grundnahrungsmittel hingelegt. Ab jetzt macht jeder seins.“
Franziska rief nach Jörg. Der kam, die Fernbedienung noch in der Hand, und begann von Familie zu reden, von Gastfreundschaft, von Zusammenhalt. Lisa hörte zu. Als er fertig war, sagte sie:
„Zusammenhalt bedeutet nicht, dass eine kocht und alle anderen essen. Ich bin nicht eure Versorgungseinheit.“
„Du entscheidest nicht allein!“
„Doch. Über meine Arbeitszeit, meine Küche und mein Zimmer entscheide ich allein. Genau wie du über deine Sportschau und deinen Bruder entscheidest. Aber das hier ist meine Hälfte dieses Lebens. Und die lasse ich nicht mehr wegräumen.“
Sie ging ins Nähzimmer und schloss ab. Der Schlüssel steckte innen. Am nächsten Morgen holte sie beim Schlüsseldienst in der Leipziger Straße einen neuen Zylinder und baute ihn ein, während Jörg bei der Arbeit war. Das alte Schließblech fiel zu Boden und hinterließ eine helle Stelle im Lack. Lisa ließ sie so. Manche Spuren soll man nicht überstreichen.
Dann kam der Dienstag. Lisa war auf dem Wochenmarkt am Hallmarkt gewesen, wegen Äpfeln und einem Bund Winterkohl. Als sie zurückkam, stand die Tür zum Nähzimmer offen. Nicht nur offen. Der neue Schlüssel steckte außen. Jörg musste ihn gesucht, das ganze Zimmer durchwühlt, die Ersatzteile von der Fensterbank genommen haben.
Lisa trat ein. Auf ihrem Zuschneidetisch lagen zwei von Franziskas Koffern. Das Brautkleid hing nicht mehr an der Schneiderpuppe, sondern war über den Bügelstuhl geworfen, die Schleppe berührte den Boden. Eine glitzernde Perle hatte sich gelöst und lag neben dem Nähgarn wie ein winziger Tropfen. Auf dem Regal stand ein Trockenblumenstrauß, der nicht ihr gehörte.
„Ich hab nur kurz Platz gebraucht“, rief Franziska aus dem Flur. „Du nähst doch gerade nicht.“
Lisas Hand lag auf dem Kleid. Sie spürte den feinen Seidencharmeuse, die Stelle, an der sie gestern noch gebügelt hatte. Drei Wochen Arbeit. Und dieser eine Moment, in dem jemand einfach sagt: Du nähst doch gerade nicht. Als wäre Arbeit nur dann Arbeit, wenn jemand zusieht.
Sie zahlte nicht mit Worten. Sie nahm den Koffer vom Tisch, trug ihn ins Gästezimmer und legte ihn aufs Bett. Dann hob sie das Brautkleid auf, Strich für Strich, suchte die lose Perle und legte sie in die kleine Blechdose, in der sie Knöpfe aufbewahrte.
„Spinnst du?“ Franziska stellte sich in den Weg. „Pack meine Sachen nicht an!“
Jörg kam aus dem Wohnzimmer. Er sah den Koffer auf dem Bett, das Kleid in Lisas Arm, die offene Tür. Er seufzte.
„Lisa, jetzt reicht’s. Wegen ein paar Klamotten so ein Aufstand.“
„Es geht nicht um Klamotten. Es geht darum, dass dein Bruder und seine Frau mein Arbeitszimmer besetzen, obwohl ich nein gesagt habe. Und dass du mir den Schlüssel nachmachst, obwohl ich das Zimmer abgeschlossen habe. Das ist Einbruch, Jörg. In der eigenen Ehe.“
„Einbruch!“ Er lachte. Sie kannte dieses Lachen. Es kam immer dann, wenn ihm die Argumente ausgingen.
„Du hast meinen Schrank durchsucht“, sagte Lisa. „Du hast den Zylinder ausgebaut und ersetzt. Das ist kein Versehen. Das ist eine Entscheidung. Und jetzt hörst du mir einmal zu.“
Sie stellte die Schneiderpuppe gerade, zog das Kleid über den Bügel und hängte es an die Garderobenstange. Ihre Finger zitterten kein bisschen.
„Ich habe die Unterlagen vom Kauf deinem Anwalt geschickt. 41.000 Euro von mir, 19.000 von dir. Das steht im Kaufvertrag und in den Kontoauszügen. Bei einer Trennung wird die Wohnung verkauft oder einer zahlt den anderen aus. Dein Bruder und seine Frau wohnen dann hier zur Untermiete, und du kannst ihnen erklären, warum der Gerichtsvollzieher die Wohnungstür öffnet, wenn du den Kredit nicht bedienst.“
Jörg wurde blass. Seine Hand, die noch den Schlüsselbund hielt, verharrte in der Luft.
„Du würdest uns wirklich verkaufen? Die Wohnung?“
„Uns verkaufen? Uns gibt es gar nicht mehr, Jörg. Nicht, wenn ich für dich so wenig zähle, dass du meine Arbeit auf den Boden wirfst und mein Schloss austauschst. Ich ziehe in die Wohnung meiner Großmutter. Sie ist frei, seit die Mieter ausgezogen sind. Du bleibst hier. Und dann sehen wir weiter.“
Sie griff nach dem Korb mit den Nähgarnen. Dann nach der Kiste mit den Schnittmustern. Dann nach dem Karton, in dem sie die Borten und Bänder aufbewahrte. Es war alles sehr ruhig. Das Einpacken klang wie Regen.
Jörg stand noch immer im Flur, als sie den Reißverschluss des Koffers zuzog. Franziska und Dirk hockten im Wohnzimmer und taten so, als sähen sie fern. Niemand sagte etwas. Man hörte nur die Straßenbahn, die draußen quietschend in die Kurve bog.
Die Wohnung in der Kleinen Marktstraße war klein. Zwei Zimmer, hohe Decken, Fenster zu einem kopfsteingepflasterten Hof. Es roch nach kaltem Holz und nach dem Zitronenkuchen, den Oma immer sonntags gebacken hatte. Lisa stellte die Nähmaschine auf den Tisch am Fenster und rückte die Schneiderpuppe in die Ecke. Dann kochte sie Wasser für Tee.
Zum ersten Mal seit Monaten musste sie niemandem erklären, warum um halb sechs der Staubsauger lief oder warum im Nähzimmer das Licht brannte, bis der letzte Auftrag fertig war. Sie saß am Küchentisch und hielt die Tasse mit beiden Händen. Die Wärme ging durch das Porzellan in die Handflächen. Am anderen Morgen würde sie um acht die Kundin aus Halle-Neustadt anrufen und ihr sagen, dass das Kleid rechtzeitig fertig werde.
Zehn Tage später rief Jörg an. Seine Stimme klang, als habe er zwei Nächte nicht geschlafen.
„Dirk und Franziska sind ausgezogen. Zurück nach Merseburg, zu ihren alten Vermietern. Sie mussten einsehen, dass es so nicht geht.“
„Gut für sie.“
„Lisa. Komm zurück. Wir schaffen das.“
„Was genau schaffen wir, Jörg?“
„Na ja. Das mit uns. Ich hab verstanden, dass ich falsch lag.“
„Was hast du verstanden?“
„Dass ich dich nicht einfach übergehen darf. Dass deine Arbeit wichtig ist.“
„Und wie viel hat der Anwalt dafür berechnet?“
Am anderen Ende räusperte er sich. Lisa hörte das Geräusch, mit dem jemand ein Bier öffnet.
„Du musstest erst Angst kriegen, bevor du mir zugehört hast. Das ist keine Erkenntnis. Das ist ein Preisschild.“
Sie legte auf. Der Hörer klickte. Draußen fuhr ein Bus vom Markt Richtung Bahnhof. Lisa blieb am Fenster sitzen, die Stirn an die kühle Scheibe gelehnt.
Sie nahm sich eine Notiz der Steuerberaterin vom Stapel. 140.000 Euro. So hoch war die Summe, die Jörg ihr bei einem Verkauf schuldete. 41.000 plus die gemeinsame Tilgung plus der Wertzuwachs der Wohnung in der Großen Ulrichstraße, abzüglich seiner 19.000. Die Zahl stand da, schwarz auf weiß.
Später am Abend rief sie den Makler an, den ihr eine frühere Kundin empfohlen hatte. Das Telefon klingelte dreimal. Der Mann hob ab, und Lisa hörte im Hintergrund das Klappern einer Tastatur, die Ansage einer Fußballübertragung.
„Hier Thomsen.“
„Lisa Hartung. Ich möchte eine Wohnung in der Großen Ulrichstraße bewerten lassen. 92 Quadratmeter, Altbau, drei Zimmer, Kauf vor acht Jahren. Es geht um den Verkauf.“
„Geht es um eine Trennung?“
„Ja. Und um 41.000 Euro, die ich vor acht Jahren eingebracht habe. Und um die Frage, ob mein Mann das seiner Familie erklärt, bevor oder nachdem ich ihn verlasse.“
Sie hörte, wie der Makler etwas notierte. Dann sagte er: „Frau Hartung, ich schicke Ihnen morgen früh die Unterlagen. Bringen Sie den Grundbuchauszug und die Kaufvertragsunterlagen mit. Dann rechnen wir das durch. Sie haben einen Terminvorschlag?“
„Freitag, neun Uhr.“
Als sie auflegte, war das Zimmer still. Der Lichtkegel der Straßenlaterne fiel auf den Stapel Schnittmuster. Lisa sah ihn eine Weile an. Dann holte sie das Brautkleid aus dem Kleidersack, hängte es über die Puppe und steckte die lose Perle wieder an. Sie setzte die Nadel an der Stelle an, wo der Tüll am Mieder saß. Der Faden lief durch den Stoff, Stich für Stich.
Vier Monate später war der Termin beim Notar. Jörg hatte zuerst gebremst, dann einen eigenen Anwalt genommen, dann klein beigegeben, als ihm sein Anwalt die Rechnung erklärt hatte. Die Wohnung wurde bewertet. Lisa bekam 140.000 Euro. Jörg behielt die Wohnung und die Raten.
Er stand auf dem Flur des Notarbüros, das Jackett offen, den Kragen schief. Er sah aus, als hätte er gerade erst verstanden, dass ein gemeinsames Leben nicht nur aus gemeinsamem Wohnen besteht.
„Ich wollte dich nie wegdrücken“, sagte er leise.
„Doch. Ein kleines Stück. Mit jedem ‚Stell dich nicht so an‘. Mit jedem Mal, wenn du meintest, meine Arbeit sei nicht wichtig. Du hast mich nicht gebeten zu gehen. Aber du hast den Raum, in dem ich war, immer kleiner gemacht. Bis kein Platz mehr war.“
„Und jetzt?“
„Jetzt setze ich den Schlüssel auf den Tisch. Und dann unterschreibe ich.“
Sie legte den Schlüsselbund vor ihn auf den Empfangstresen. Zwei Schlüssel. Einer für die Wohnungstür, einer für den Keller. Das Metall schlug leicht auf, ein helles Klingen in dem stillen Raum. Der Notar sah auf. Jörg starrte auf den Bund, als läge dort etwas, das ihm gerade erst gehörte.
Lisa unterschrieb mit dem Kugelschreiber, den ihr die Assistentin reichte. Der Klang der Feder war das Einzige, was sie hörte. Dann stand sie auf und ging zur Tür. Der Regen lief an der Scheibe herab, das graue Licht der Straße lag auf dem Parkett.
Draußen atmete sie die kalte Luft ein. Die Straßenbahn fuhr vorbei, voll besetzt, warm erleuchtet. Eine junge Frau mit Kinderwagen stieg aus, hob den Wagen über die Bordsteinkante. Lisa musste nicht mehr in diese Bahn. Sie ging zu Fuß. Die Absätze klapperten auf dem Trottoir, es roch nach nassen Blättern und dem Rauch aus einem Imbiss an der Ecke. Ihre Nähmaschine stand in der Wohnung ihrer Großmutter. Das Brautkleid war abgegeben, der nächste Auftrag wartete. In ihrem Rucksack steckte der Zettel mit der Überweisung, die an diesem Morgen eingegangen war. 140.000 Euro. Ihre eigene Hausnummer.
Am Markt blieb sie vor der Eisdiele stehen. Sie hatte nicht vorgehabt, etwas zu kaufen. Der Mann hinter der Theke musste sie erst ansehen, dann zur Seite treten, dann auf ein Foto deuten, das an der Wand hing: ein Hof an der Saale, Pferde, ein kleines Boot. Sie kannte die Stelle nicht.
„Das ist in Naumburg“, sagte er. „Da können Sie im Sommer schwimmen. Waren Sie schon mal da?“
„Nein.“
„Dann sollten Sie hinfahren. Gerade im Juni.“
„Vielleicht“, sagte Lisa. „Im Juni habe ich nach der Abgabe Zeit.“
Sie kaufte zwei Kugeln Zitrone. Der Zucker schmolz auf der Zunge, die Kälte zog durch den Gaumen. Sie drehte sich um und ging Richtung Turm. Der Himmel riss auf, ein Streifen Licht fiel auf das nasse Kopfsteinpflaster. Irgendwo in der Kleinen Marktstraße warteten die Schnittmuster und der Tee. Und niemand, der fragte, wann sie endlich aufhöre zu arbeiten.
Tags darauf rief Jörg noch einmal an. Sie hatte gerade den Reißverschluss an einer Winterjacke ersetzt und saß im Erker, die Beine auf dem alten Hocker.
„Der Notar hat die Unterlagen geschickt. Der Schlüssel liegt noch hier. Du hast ihn wirklich nicht mitgenommen.“
„Nein. Hab ich nicht.“
„Ich weiß nicht, was ich jetzt machen soll.“
„Die Heizung aufdrehen. Der Keller ist feucht, du musst lüften. Und bei der Bank anrufen, wegen der Raten. Der Rest ist deine Sache.“
Er schwieg. Sie hörte im Hintergrund die Sportschau. Wieder dieses Geräusch von Glas auf Tisch.
„Und wenn ich dir die 140.000 zurückzahle?“
„Die hast du schon gezahlt, Jörg. Über den Kredit. Du zahlst nur noch an die Bank.“
„Ich meinte es nicht als Geschäft.“
„Doch. Genau das ist es geworden. Ein Geschäft. Deine Familie hat die Möbel verteilt, und ich habe die Rechnung bekommen. Jetzt ist sie bezahlt.“
Sie sagte es ohne Schärfe. Nur mit der Ruhe einer Frau, die ein Kleid näht, wenn sie auf die letzte Perle wartet. Dann legte sie auf. Der Handy-Bildschirm wurde dunkel. Sie schob den Hocker an die Wand und ging zum Bügelbrett. Das Hemd einer Kundin lag darauf, Knopfleiste aufgetrennt, Ärmel glatt. Lisa griff nach der Nadel und stach ein. Draußen klingelte die Straßenbahn. Sie fuhr in Richtung Steintor, an der Wohnung vorbei, in der die Maschine nicht mehr stand.
