Der Karton an der Haltestelle

Michael Hartwig hatte diesen Druck im Nacken, den er seit Jahren mit sich rumschleppte. Er musste nicht pünktlich sein, er war einfach nur auf Durchzug. Tür zu, Jacke zu, zur Tram. An diesem Morgen roch die Straße nach nassem Laub und kaltem Fett vom Imbiss gegenüber. Die Anzeige an der Haltestelle Waldplatz zeigte 7:14, Linie 15 in vier Minuten.

Da stand das Mädchen. Vielleicht neun, in einer Regenjacke, die an den Handgelenken zu kurz war. In den Armen ein Umzugskarton, der an den Ecken aufweichte. Sie trat vor ihn.

„Wenn Sie den nicht nehmen, schafft er die Nacht nicht."

Michael guckte in den Karton. Ein graues Bündel Fell, nass, die Rippen sichtbar. Der Satz kam raus, bevor er nachdachte.

„Tut mir leid, ich muss zur Arbeit."

Die Bahn fuhr ein, die Türen schlossen sich hinter ihm. Durch die Scheibe sah er, wie das Mädchen den Karton an den Bauch zog und kleiner wurde.

Im Büro der Liegenschaftsverwaltung roch es nach Desinfektionsmittel, das der Reinigungsdienst montags auf den Fluren verteilte. Michael setzte sich an den Schreibtisch, der Rechner summte. Die Kaffeemaschine im Gang tropfte alle paar Sekunden auf das Blech, weil wieder keiner den Tank geleert hatte.

Katrin aus der Finanzabteilung brachte ihm einen Becher. Er sagte Danke. Sie blieb einen Moment in der Tür stehen, als würde sie auf eine zweite Frage warten. Er tat so, als wäre die Teeküche interessant.

Eine Stunde später schrieb sie über das interne System: „Sie sehen heute so fahl aus. Ist etwas?"

Er tippte: Alles gut. Löschte. Schrieb: Erkältung. Löschte. Klappte den Laptop zu und schob ihn an den Rand des Schreibtischs. Der Karton ging ihm nicht aus dem Kopf. Er merkte es daran, dass seine Finger den Kugelschreiber drehten, immer in die gleiche Richtung, bis der Clip abbrach.

Um 16:40 zog er die Jacke an und fuhr zurück zum Waldplatz. Es regnete jetzt stärker, der Asphalt spiegelte die Reklame von der Kfz-Werkstatt. Am Kiosk hing ein handgemaltes Schild: „Wellpe abzugeben, sehr lieb." Das Wort hatte einen Buchstaben zu viel.

Das Mädchen hockte an der gleichen Stelle, den Karton auf den Knien. Ein Junge mit Döner in der Hand redete auf sie ein, sie solle nach Hause gehen. Sie antwortete nicht.

Michael ging in die Hocke, was ihm in den Knien zog. Der Karton tropfte von unten.

„Der ist fast tot", sagte das Mädchen, ohne ihn anzuschauen. „Meine Oma sagt, ich darf ihn nicht mit reinbringen."

„Wo ist deine Mutter?"

„Tagesklinik. Seit August."

„Dein Vater?"

Sie zog die Schultern hoch. Die Regenjacke knisterte.

Er nahm den Karton. „Ich nehme ihn. Aber nur für eine Nacht."

Da hob sie den Kopf. Die Augen waren rot von Müdigkeit und Wind.

„Versprochen?"

„Ja. Morgen bring ich ihn ins Tierheim."

In seiner Wohnung in Gohlis roch es nach leerem Kühlschrank und dem Putzmittel von vor drei Tagen. Das Kätzchen zitterte. Er wusch es mit warmem Wasser, nicht zu heiß, und wickelte es in ein altes Frotteetuch, das er seit Monaten für nichts mehr benutzt hatte. Es gab einen Laut von sich, der eher ein Piepsen war als ein Miauen. Dann, nach einer halben Stunde, begann es zu schnurren. Das Geräusch lief ihm den Arm rauf, bis in die Brust.

Sein Handy summte. Katrin: „Falls die Erkältung nicht schlimm ist – in der Cafeteria gibt es neuen Apfelkuchen."

Er tippte: „Gerade eine Katze aus dem Regen gerettet. Kein Scherz."

Antwort: „Das passt zu Ihnen."

Er legte das Handy aufs Sofa. Das Kätzchen schlief auf seinem Bauch. Er saß regungslos, während draußen die Linie 15 vorbeifuhr und ihre Lichter über die Wand strichen.

Eine Woche später, am Mittwoch, stand das Mädchen wieder am Waldplatz. Diesmal ohne Karton. Sie hatte ein abgebrochenes Stück Kreide in der Faust und malte Striche auf den Beton.

„Was ist los?"

„Meine Oma weiß es. Sie sagt, wenn ich noch mal ein Tier auflese, kommt das Jugendamt und holt mich."

„Das darf sie nicht einfach so."

„Sie ist meine Betreuerin. Meine Mutter darf das noch nicht."

Ihre Stimme war zu ruhig für eine Neunjährige.

„Wie heißt du?"

„Nele Rehberg."

„Komm, wir gehen zu deiner Oma."

Die Wohnung lag in der Georg-Schumann-Straße, vierter Stock, kein Aufzug. Im Treppenhaus hing der Geruch von Maggi und nassen Wolljacken. Die Oma machte die Tür einen Spalt breit. Dahinter ein grauer Dutt, eine Kittelschürze mit Blumenmuster, Augen, die sofort misstrauisch wurden.

„Was wollen Sie?"

„Ich bin der, der den Kater genommen hat. Ich will etwas schriftlich festhalten."

„Schriftlich? Sind Sie vom Amt?"

„Nein. Aber ich will, dass Nele keine Angst mehr haben muss."

Die alte Frau ließ die Sicherheitskette los, die Tür ging auf. In der Küche stand ein runder Tisch, wahrscheinlich aus den Neunzigern. Darauf eine Thermoskanne und zwei Tassen mit Sprung im Porzellan. Michael zog einen Stuhl heran, nahm einen leeren Briefumschlag vom Fensterbrett und drehte ihn um. Nele reichte ihm einen Kugelschreiber, der an einem ausgefransten Bindfaden vom Wandkalender hing.

Er schrieb:

„Ich, Michael Hartwig, geboren 1974, wohnhaft Leipzig-Gohlis, übernehme ab sofort jede Tierrettung, die Nele Rehberg zu mir bringt. Für die nächsten neun Jahre, bis zu Neles Volljährigkeit. Ich trage Tierarztkosten."

Dann nahm er sein Handy, öffnete die Banking-App und richtete einen Dauerauftrag ein: fünfunddreißig Euro im Monat an den Tierschutzverein Leipzig. Er drehte das Display zur Oma.

„Das läuft ab heute."

Die Oma setzte die Lesebrille auf, die an einem Band um ihren Hals hing. Sie las den Zettel, dann die Bestätigung auf dem Handy. Dann zog sie die Küchenschublade auf und legte den Zettel zwischen die alten Kassenzettel. Sie schob die Schublade zu, so dass das Holz ein dumpfes Geräusch machte.

„Das Jugendamt können Sie vergessen", sagte Michael. „Wenn Nele ein Tier findet, ruft sie mich an. Ich hole es. Fertig."

Die Oma sagte nichts. Aber sie nahm die Kanne und goss ihm einen Kaffee ein. Es war der erste Kaffee in dieser Wohnung, den er nicht selbst bezahlt hatte.

Auf dem Rückweg sprang Nele über die Pfützen, stopfte die Hände in die Jackentaschen und wirbelte mit der Kreide in der Faust.

„Dann darf ich weiter?"

„Du darfst. Und ich hab da eine Kollegin, Katrin. Vielleicht bring ich die mal mit."

„Ist die auch so?"

„So wie du und diese Tiere. Sie wartet immer, bis ich was sage."

Nele blieb kurz stehen und sah zu ihm hoch.

„Sie müssen nicht immer was sagen. Einfach hingehen reicht."

Zwei Wochen später klopfte es an seine Tür. Nele stand mit einem Weidenkorb da, darin ein Hund, braun, mit einem Ohr, das nach vorn umknickte.

„Am Kleingarten am Auensee gefunden. Der hatte eine Schnur um den Hals."

Michael nahm den Korb. Der Hund guckte ihn an und legte den Kopf schief. Motte, der Kater, kam aus dem Schlafzimmer, setzte sich in sicherem Abstand und begann, den Schwanz zu peitschen, ohne hinzugucken.

„Was ist mit Katrin?"

„Sie kommt morgen. Wir gehen in das Café auf der Karl-Liebknecht-Straße."

„Sie müssen den Hund mitnehmen."

„Ich weiß."

Am nächsten Abend saß er in dem Café, der Hund in einem Stoffbeutel zu seinen Füßen, Katrin ihm gegenüber. Sie legte ihre Hand auf seine, ohne etwas zu sagen. Auf dem Tisch lag ein Zettel, den Nele ihm in den Korb gelegt hatte: „Für alle geretteten Tiere. Ich zähle auf Sie. Nele."

Motte lag zu Hause auf seiner Tastatur. Der Dauerauftrag lief. Neun Jahre standen in der Schublade, gleich neben Neles Kreide.

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