Der Aufruf am Gartenzaun

„Rita, bist du zu Hause?" Die Stimme von Bettina hallte über den Zaun, so hell und aufgeregt, dass ich fast das Gießkanne fallen ließ. Ich stellte sie neben dem Tomatenbeet ab und ging zur Pforte.

Bettina stand da mit einer vollen Einkaufstasche vom Netto, die Wangen gerötet, als wäre sie die letzten hundert Meter gerannt.

„Komm rein, was stehst du auf der Straße", sagte ich und wischte mir die Erde von den Händen an der Schürze ab.

„Nur kurz. Ich wollte fragen, wie es dir geht. Ist Jürgen wieder unterwegs?"

Ich seufzte und lehnte mich an den Türrahmen. „Irgendwo bei den Nachbarn, Karten spielen wahrscheinlich. Den Rasenmäher hat er mitten im Garten stehen lassen, die Dachrinne sollte er auch schon letzte Woche reparieren. Ich sag längst nichts mehr."

Bettina kam näher, senkte die Stimme, obwohl niemand sonst in der Siedlung zu sehen war, außer dem alten Herrn Kowalski, der wie immer seinen Dackel Gassi führte.

„Ich hab eine Neuigkeit für dich. Reg dich nicht auf. Konstantin ist bei mir. Er hatte in der Stadt einen Termin bei seinem Steuerberater und ist danach kurz bei uns vorbeigekommen."

Etwas in meiner Brust zog sich zusammen, so fest, dass mir für einen Moment die Luft wegblieb. Ich griff nach dem Türrahmen.

„Konstantin? Er ist hier?"

„Er sitzt bei uns im Garten, erzählt von seinem Leben. Hat eine eigene Autowerkstatt drüben in Braunschweig, ist verheiratet, hat schon Enkel. Aber er hat nach dir gefragt. Gleich zu Beginn, wie es dir geht, ob alles in Ordnung ist bei dir."

„Und was hast du ihm gesagt?" Meine Stimme zitterte, und ich spürte, wie mir die Hitze ins Gesicht stieg.

„Was sollte ich schon sagen? Dass du in der Grundschule unterrichtest, dass die Töchter erwachsen sind und weggezogen. Rita, er will dich sehen. Nur kurz, guten Tag sagen. Komm mit zu uns, wir decken gerade den Tisch fürs Abendessen."

„Wie soll ich denn so gehen, Bettina? Schau mich an. Ich bin nicht mal ordentlich angezogen, und nachher muss ich noch die Hühner füttern. Und Jürgen kann jeden Moment zurückkommen."

„Lass die Hühner für eine Stunde Hühner sein! Konstantin fährt heute Abend schon wieder zurück. Wann seht ihr euch sonst noch?"

Ich stand da mit der Gießkanne im Kopf, die ich draußen vergessen hatte, und mit einem Namen, den ich seit siebenundzwanzig Jahren nicht laut ausgesprochen hatte. Konstantin. Der Junge, der mit neunzehn auf dem Moped vor unserem Haus in Wolfenbüttel gewartet hatte, während sein Vater noch am Küchentisch saß und mit meinem stritt, weil er meinte, ein Lehrlingsgehalt reiche nicht für eine Familie. Der Junge, der zwei Wochen später mit seinen Eltern nach Braunschweig gezogen war, und ich hatte ihm nicht einmal hinterhergewinkt, weil mein Vater mich am Arm gehalten hatte, bis das Auto um die Ecke verschwunden war.

Ich zog die Schürze aus, band mir hastig ein anderes Halstuch um und ging mit Bettina die Straße hinunter, vorbei am Kiosk, wo der Fernseher drinnen wie immer eine Quizsendung zeigte, vorbei am Geruch von gebratenen Zwiebeln aus irgendeiner offenen Küche. Mein Herz schlug so laut, dass ich es in den Ohren hörte.

Konstantin saß auf der Terrasse bei Bettinas Mann und stand auf, als er mich sah. Er war grauer geworden, breiter in den Schultern, aber die Art, wie er den Kopf leicht schräg hielt, wenn er jemanden ansah, war dieselbe geblieben.

„Rita." Er sagte nur das eine Wort, und mir fiel auf, dass er meinen Namen genauso aussprach wie damals, mit einer winzigen Betonung auf der ersten Silbe, die sonst niemand hatte.

Wir setzten uns an den Gartentisch, Bettina brachte Kaffee und verschwand dann mit einer Ausrede über vergessene Servietten in die Küche, ihr Mann folgte ihr wortlos. Wir waren allein, das Radio aus der Nachbarwohnung spielte leise einen alten Schlager, und irgendwo bellte Herrn Kowalskis Dackel.

„Wie geht es dir wirklich?" fragte er, und diesmal war die Frage nicht für Bettina bestimmt, sondern für mich.

Ich erzählte ihm von der Schule, von den zwei Töchtern, eine in Hannover, eine in Köln, von den Enkelkindern, die ich nur zu Weihnachten sah. Ich erzählte ihm nicht von den Nächten, in denen Jürgen erst um zwei mit Bierfahne nach Hause kam, nicht davon, dass ich seit Jahren die Rechnungen allein bezahlte, nicht davon, dass die gemeinsame Werkstatt, die eigentlich uns beiden gehören sollte, seit dem letzten Streit nur noch auf seinen Namen lief. Das musste ich ihm nicht sagen. Er sah es mir wahrscheinlich ohnehin an.

„Meine Frau ist vor drei Jahren gestorben", sagte er plötzlich, ohne Umschweife. „Herzinfarkt, ganz plötzlich. Ich hab seitdem viel nachgedacht. Über Dinge, die man nicht getan hat, weil man neunzehn war und Angst hatte."

Ich sagte nichts. Meine Finger umschlossen die warme Kaffeetasse, als wäre sie das Einzige, was mich noch hielt.

„Ich wollte dich nur einmal sehen, Rita. Wissen, dass es dir gut geht. Falls es dir nicht gut geht -" er hielt inne, suchte nach den richtigen Worten, „- falls du jemals etwas brauchst, du hast meine Nummer über Bettina."

Ich ging nach Hause, als es schon dämmerte, mit einem Zettel in der Tasche, auf dem eine Telefonnummer stand. Jürgen saß auf der Bank vor dem Haus, eine Bierflasche neben sich, und fragte gar nicht, wo ich gewesen war. Er fragte nie.

In dieser Nacht schlief ich nicht. Ich lag wach und dachte nicht an Konstantin, sondern an mich selbst, an die Frau, die vor zwei Stunden am Gartentisch gesessen und über die Schule geredet hatte, als wäre das ihr ganzes Leben. Ich dachte an die Werkstatt in der Poststraße, die ursprünglich mit meinem Erbe von meiner Mutter mitfinanziert worden war, an die stillschweigende Vereinbarung, dass sie uns beiden gehörte, an den Tag vor vier Jahren, als Jürgen mit einem Notar in Braunschweig verschwunden war und danach nur sagte, es sei „steuerlich sinnvoller" gewesen, alles auf seinen Namen einzutragen.

Am nächsten Morgen fuhr ich in die Stadt, nicht zu Konstantin, sondern zu Frau Bauer, unserer Familienanwältin, die schon meine Mutter beraten hatte. Ich brachte die Unterlagen mit, die ich all die Jahre in einer alten Keksdose im Kleiderschrank aufbewahrt hatte: den Kaufvertrag der Werkstatt von 2003, die Kontoauszüge, die zeigten, wer die Kredite wirklich abbezahlt hatte, die Erbschaftsurkunde meiner Mutter.

„Das reicht für eine Ausgleichsforderung", sagte Frau Bauer, nachdem sie die Papiere durchgesehen hatte. „Sie haben Anspruch auf einen erheblichen Anteil, unabhängig davon, auf wessen Namen die Werkstatt eingetragen ist. Wenn Sie sich scheiden lassen, steht Ihnen ein Zugewinnausgleich zu. Wir reden hier über eine Summe im mittleren fünfstelligen Bereich, mindestens."

Ich unterschrieb die Vollmacht noch am selben Tag.

Als Jürgen abends nach Hause kam, saß ich am Küchentisch mit der Kopie des Schreibens, das am nächsten Morgen an ihn und seinen Anwalt gehen sollte. Er blieb in der Tür stehen, die Bierflasche in der Hand, und sah mich an, als würde er mich zum ersten Mal richtig wahrnehmen.

„Was ist das?"

„Der Scheidungsantrag", sagte ich, „und die Forderung wegen der Werkstatt. Frau Bauer sagt, mir stehen mindestens sechzigtausend Euro Ausgleich zu, weil das Geld meiner Mutter dort drinsteckt und ich zwölf Jahre lang die Buchhaltung gemacht habe, ohne dafür einen Cent zu bekommen."

„Rita, das ist doch Wahnsinn, wir können das doch regeln, ohne -"

„Wir haben zwölf Jahre lang nichts geregelt, Jürgen. Ich hab die Rasenmäher liegen lassen, die Dachrinnen und die Rechnungen mitgetragen. Jetzt trägt das jemand anderes."

Er stellte die Flasche ab und setzte sich mir gegenüber, aber ich schob ihm nur den Umschlag über den Tisch und stand auf, um Wasser für den Tee aufzusetzen. Draußen bellte wieder Herr Kowalskis Dackel, und irgendwo weiter unten in der Straße lief ein Rasenmäher, den jemand offenbar rechtzeitig repariert hatte.

Ein Jahr später, im Frühling, rief mich Bettina an. Es stellte sich heraus, dass Jürgen die sechzigtausend Euro tatsächlich gezahlt hatte, in Raten, über das Gericht abgesichert, und dass er die Werkstatt inzwischen an einen jüngeren Mechaniker aus Salzgitter verkauft hatte, weil er das Geld allein nicht mehr aufbringen konnte. Konstantin hatte ich seither zweimal wiedergesehen, nicht als Liebesgeschichte, sondern als das, was zwischen zwei Menschen bleibt, die sich mit neunzehn und mit sechsundvierzig noch etwas zu sagen haben. Und die Keksdose mit den alten Papieren steht heute leer im Regal, weil ich sie nicht mehr brauche.

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