Schweigen ist auch eine Antwort

Die Möwe auf dem Schornstein

Ich war dreißig, als ich Lena Bachmann zum ersten Mal richtig wahrnahm. Nicht als die Frau, die abends in der Bäckerei am Heidelberger Bismarckplatz zwei Croissants für den nächsten Morgen kaufte – sondern als die, die morgens um vier bereits im Neonlicht ihres kleinen Fitnessstudios in der Plöck stand und eine Langhantel stemmte, als hätte der Tag für sie schon längst begonnen. Ich jogge zu der Zeit immer am Neckar entlang, und einmal, es muss Ende März gewesen sein, blieb ich vor dem Schaufenster stehen, weil der Fernseher drinnen die Nachrichten zeigte und irgendwas mit der neuen Straßenbahnlinie lief. Da sah ich sie. Neunundvierzig, durchtrainiert, ein Gesicht, das nichts beschönigte. Sie wischte sich mit dem Handtuch den Nacken, trank einen Schluck aus einer verbeulten Metallflasche und lachte über etwas, das ihr ein Kunde zurief.

Sechs Monate später saß ich an ihrem Küchentisch in der Altstadt, aß Rührei mit zu viel Pfeffer und wusste nicht, wie ich die Frage stellen sollte, die mir seit Wochen die Kehle zuschnürte.

Lenas Wohnung roch nach Kaffee und dem Leinöl, mit dem sie die Holzarbeitsplatte behandelte. An der Wand hing ein gerahmtes Plakat von einem Halbmarathon in Mannheim, Baujahr 2008. Auf dem Fensterbrett lag eine verstaubte Medaille. Neben dem Kühlschrank klemmte eine Postkarte aus Ljubljana, die jemand vor fünfzehn Jahren geschrieben hatte.

„Du“, sagte ich und drehte den Pfefferstreuer zwischen den Fingern. „Deine Freunde. Die vom Rotary-Club. Die finden das komisch, oder?“

Lena stellte die Pfanne ins Spülbecken, ohne sich umzudrehen. „Welche Freunde?“

„Die mit den Segelbooten. Und der eine, der im Gemeinderat sitzt. Wie heißt er noch – Reimann. Der hat mich neulich in der S-Bahn gesehen und weggeschaut, als hätte ich eine ansteckende Krankheit.“

Sie drehte den Wasserhahn auf. Das Rauschen füllte die Pause. Ihre Schultern hoben sich für einen Moment und senkten sich wieder, eine Bewegung, die ich nicht deuten konnte.

„Die haben mich 2011 fallen lassen“, sagte sie. „Damals, als meine Kette von Studios insolvent gegangen ist. Acht Standorte in drei Städten, und kein Einziger von denen hat auch nur den Hörer abgenommen, als ich um eine Überbrückung gebeten habe. Weißt du, wer mir den Kredit gegeben hat? Niemand. Ich hab meine Wohnung verkauft und bin in diese Zweizimmer-Küche-Bad gezogen, die du so gemütlich findest. Reimann hat kurz darauf seinen Porsche gegen einen neuen getauscht und ist in die FDP eingetreten. So viel zu den Freunden.“

Ich stand auf und stellte mich neben sie. Durch das Fenster sah man auf das rote Ziegeldach der Jesuitenkirche, nass vom Regen, der mittags eingesetzt hatte. Eine Möwe stand auf der Regenrinne und putzte sich.

„Und dann komme ich“, sagte ich. „Zehn Jahre jünger, kein abgeschlossenes Studium, arbeite als Physio in einer Praxis, die mir nicht gehört. Das muss für sie aussehen wie –“

„Wie was?“

„Als ob ich auf dein Geld aus wär. Auf das, was sie für dein Geld halten. Das Studio, deine Bekanntheit. Den Namen Bachmann in der lokalen Fitnessszene. Dass du auf dem Heidelberger Herbstlauf-Plakat drauf bist und auf dem Weinfest in Wiesloch die Moderation machst. Dass du jeden kennst und jeder dich. Und ich bin einfach nur David. David Krone, der einmal in der RNZ auf Seite sechs erwähnt wurde, weil er beim Sprint-Triathlon den dritten Platz gemacht hat in der Altersklasse bis dreißig. Mehr haben sie nicht gefunden, als sie mich gegoogelt haben – ich weiß, dass sie das getan haben, weil Reimanns Assistentin mir bei einer Veranstaltung auf die Schulter getippt und gesagt hat: ‚Na, der Sportliche.‘“

Lena drehte sich um und nahm mir den Pfefferstreuer aus der Hand. Sie stellte ihn zurück auf das Gewürzbrett neben den Oregano.

„Ich bin neunundvierzig“, sagte sie. „Ich hatte zwei Fehlgeburten, eine Ehe, die nach vier Jahren vorbei war, und einen Bandscheibenvorfall, der mich zwölf Monate Training gekostet hat. Ich weiß, wie ein Mann aussieht, der etwas will, das ich habe. Und ich weiß, wie du aussiehst, wenn du schläfst. Das ist ein Unterschied. Ein verdammt großer sogar.“

Es klopfte.

Nicht an der Wohnungstür, sondern an der Küchentür – einem seltsamen alten Ding mit Milchglas, das vom Flur in die Küche führte. Lena runzelte die Stirn. Wir waren allein, ihre Putzfrau kam donnerstags, heute war Dienstag.

Sie öffnete, und davor stand ihre Schwester.

Nadja. Groß, schmal, dieselben hohen Wangenknochen wie Lena, aber ein Zug um den Mund, der nie lächelte. Sie trug einen Trenchcoat, der mindestens sechshundert Euro gekostet haben musste, und in der Hand ein iPad mit angelassener Hülle.

„Ich dachte, du bist in Hamburg“, sagte Lena.

„War ich. Bin früher zurück. Der Termin bei Notar Dr. Schwarzkopf ist morgen um neun. Kommst du mit, oder soll ich das allein regeln?“

Lena lehnte sich gegen den Türrahmen. „Es gibt nichts zu regeln. Die Generalvollmacht liegt beim Amtsgericht Heidelberg, du hast sie unterschrieben, als Papa ins Pflegeheim kam. Was willst du noch?“

„Ich will“, sagte Nadja und trat einen Schritt in die Küche, ohne gefragt zu werden, „dass du endlich vernünftig wirst. Mama hat vor drei Monaten mit mir gesprochen. Vor ihrem Schlaganfall. Sie hat gesagt, du sollst das Studio verkaufen. Das Vermögen bündeln. Und diesen –“ ihr Blick streifte mich, haarscharf an meinem Kinn vorbei, „diesen jungen Mann endlich in den Wind schießen, bevor er auf dumme Gedanken kommt und denkt, er könnte mit dir alt werden und dabei ein schönes Erbe einfahren. So hat sie es gesagt, Lena. Wörtlich. Und du weißt, dass Mama in Geldfragen immer recht hatte. Immer. Auch damals mit der Expansion, vor der sie dich gewarnt hat, und du hast nicht gehört, und dann war alles weg. Das Haus in Rohrbach. Der Laden in der Hauptstraße. Und jetzt kommst du mit einem Typen an, der noch Windeln trug, als du deine erste eigene Klasse unterrichtet hast. Was soll das werden? Soll ich dir sagen, wie das endet? Ich sag’s dir: Er nimmt sich, was zu holen ist, und du stehst mit sechzig da und hast nichts. Nichts, Lena. Kein Geld, keinen Mann, kein Kind. Nur einen Haufen alter Wettkampfplakate mit deinem Gesicht drauf, die keinem mehr was bedeuten außer dir selbst. Und mich wirst du dann auch nicht mehr anrufen, weil ich bin jetzt schon die Böse, die dir das sagt, was du nicht hören willst, aber wenn es so weit ist, werde ich diejenige sein, die recht gehabt hat, und du wirst es nicht ertragen, mich zu sehen, weil mein Gesicht dich an deine eigene Dummheit erinnert. Also tu dir selbst einen Gefallen und mach Schluss. Heute. Vor dieser Tür. Ich warte draußen, wenn du willst, zehn Minuten, und dann kannst du mit mir essen gehen und wir besprechen den Verkauf.“

Ich hörte die Regenrinne draußen. Die Möwe war verschwunden. Meine Kaffeetasse stand auf dem Tisch, halbvoll und kalt, mit einem Riss im Henkel, den ich jetzt zum ersten Mal bemerkte. Eine Tasse mit der Aufschrift „Weltbester Freund“, die ich ihr vor zwei Monaten zum Geburtstag geschenkt hatte. Der Riss lief genau durch das „e“ von „Weltbester“.

Lena sagte nichts. Sie musterte ihre Schwester, den Trenchcoat, das iPad, die Hand, die sich um das Gerät krallte, als könnte man damit jemanden erschlagen.

Dann griff sie zum iPad.

Nicht das von Nadja. Ihr eigenes. Es lag auf dem Küchenregal neben der Kaffeemaschine, angelassen, die Bank-App noch offen, weil sie vor dem Frühstück eine Überweisung getätigt hatte. Sie tippte ein paar Mal, entsperrte es mit dem Daumen, scrollte.

„Du willst also das Vermögen bündeln“, sagte sie ruhig. „Dann schau mal her. Siehst du das? Das ist mein Depot bei der Sparkasse Heidelberg. Weißt du, wie viel drauf ist? Zweiundvierzigtausend Euro. Das ist alles. Die Expansion vor zwölf Jahren hat mich dreihunderttausend gekostet, das Haus in Rohrbach war mit einer Grundschuld belastet, die ich bis heute nicht ganz getilgt habe, das Studio in der Plöck trägt sich gerade so. Es gibt kein großes Vermögen, Nadja. Es gibt mich, meine Arbeit und die Tatsache, dass ich jeden Monat schaue, wie ich die Krankenkassenbeiträge für meine Minijobber stemme. Und dieser Mann, den du da in den Wind schießen willst, hat letzten Monat seine Steuerrückzahlung genommen und damit die neue Beschallungsanlage für den Kursraum bezahlt, ohne dass ich ihn darum gebeten hätte. Er hat am Samstagabend um elf noch mit einem Eimer und einem Wischmopp vor der Tür gestanden, weil die Bio-Smoothie-Bar nebenan eine Undichtigkeit hatte und es in meinen Eingangsbereich gelaufen ist. Er repariert meine verdammten Geräte, ohne eine Rechnung zu schreiben, und wenn ich ihn frage, was ich ihm schulde, sagt er, er wolle einfach mit mir an die Ostsee fahren und den Sonnenuntergang angucken, mehr nicht. Also sag mir, Nadja, wo genau liegt das Vermögen, das mir jemand wegnehmen könnte?“

Nadja schwieg. Ihr perfekt geschminkter Mund öffnete sich einen Spalt, schloss sich wieder.

Ich stand daneben, und meine Hand, die nicht mehr den Pfefferstreuer hielt, lag auf der Stuhllehne, und ich spürte das Holz, warm vom langen Sitzen, und ich dachte: So fühlt es sich also an, wenn jemand für einen einsteht. Nicht laut. Nicht pathetisch. Sondern mit Zahlen und Fakten und einer verdammten Bank-App an einem Dienstagnachmittag.

„Morgen um neun“, sagte Lena und reichte ihrer Schwester das iPad, das sie gar nicht hatte haben wollen, „bin ich bei Dr. Schwarzkopf. Aber nicht für den Verkauf. Sondern um die Generalvollmacht, die du für Papa hast, überprüfen zu lassen. Ich habe da in letzter Zeit so ein komisches Gefühl. Du hast nämlich vor zwei Monaten die Rechnungen des Pflegeheims nicht bezahlt, bis ich dich dreimal erinnert habe. Und das macht mir Sorgen, was deine Verantwortlichkeit angeht. Also klären wir das. Vor einem Notar. In aller Ruhe.“

Nadja wurde blass unter ihrem teuren Make-up. Sie griff nach ihrem eigenen iPad, presste es an die Brust, als wäre es ein Schild, und ging rückwärts durch die Küchentür, ohne noch ein Wort zu sagen. Ihre Absätze klackerten auf dem Fliesenboden des Treppenhauses, und dann fiel die Wohnungstür ins Schloss.

Ich stand noch immer.

Lena nahm ihre kalte Kaffeetasse, sah den Riss im Henkel, stellte sie vorsichtig zurück in die Spülmaschine.

„Du musst mir keine neue kaufen“, sagte sie. „Die war schon immer so. Ich hab sie nur nie benutzt, weil ich dachte, sie geht kaputt. Aber seit du sie mir geschenkt hast, trinke ich jeden Morgen daraus.“

Ich nahm den Wischmopp, der noch im Flur stand, vom letzten Samstag, und brachte ihn zurück in den Abstellraum unter der Treppe, wo er hingehörte.

Als ich wiederkam, stand Lena am Fenster und sah auf das Kirchendach. Der Regen hatte aufgehört. Die Möwe war zurückgekommen und saß jetzt auf dem Schornstein gegenüber, still und zufrieden.

Am nächsten Morgen um neun standen wir beide vor der Notarkanzlei in der Sofienstraße, und Nadja war nicht gekommen. Dr. Schwarzkopf, ein ruhiger Mann mit grauem Dreiteiler, nahm Lenas Unterlagen entgegen und sagte, sie solle sich keine Sorgen machen, die Generalvollmacht sei in tadellosem Zustand – aber er werde Lenas Bedenken in einem Vermerk festhalten und im Zweifelsfall den Sozialdienst des Pflegeheims informieren, dass es Unregelmäßigkeiten bei den Zahlungen gegeben habe.

Ich wartete draußen im Foyer, las die gerahmten Urkunden an der Wand und zählte die kleinen quadratischen Linoleumfliesen auf dem Boden. Zweihundertvierundachtzig.

Als Lena herauskam, hielt sie einen dicken braunen Umschlag in der Hand. Sie öffnete ihn, blätterte die Papiere durch, nickte einmal kurz, mehr für sich als für mich.

„Der Vorgang ist registriert. Schwarzkopf hat gesagt, er schickt Nadja eine Kopie des Protokolls. Sie wird nicht glücklich sein – aber sie wird zahlen müssen. Oder die Vollmacht abgeben. Eines von beiden.“

Wir gingen zur S-Bahn, und unterwegs blieb sie vor dem Schaufenster eines Reisebüros stehen. An der Scheibe klebte ein Poster: Ostsee, Sonnenuntergang, ein Strandkorb mit rot-weiß gestreiftem Stoff.

„August?“, fragte sie.

„August“, sagte ich.

Und in dem Moment, unter dem Vordach des Reisebüros, während die S-Bahn-Linie 5 in Richtung Bismarckplatz an uns vorbeirauschte und irgendwo hinter den Dächern der Altstadt eine Kirchenglocke halb zehn schlug, nahm ich den braunen Umschlag aus ihrer Hand – nicht um hineinzuschauen, sondern um ihn ihr abzunehmen, einfach so, weil meine Hände frei waren und ihre seit zwanzig Jahren zu viel getragen hatten.

Der Brief vom Sozialdienst kam im November, an einem Frühstückstag mit Nebel vor den Fenstern und kalter Butter, die sich nicht aufs Brot streichen ließ. Nadja hatte die Pflegeheimzahlungen tatsächlich über achtzehn Monate verzögert – fünfundzwanzigtausend Euro, still von Papas Konto abgebucht, das sie treuhänderisch hätte verwalten sollen. Lena las den Brief mit der gerissenen Tasse in der Hand, den Kaffee schon halb kalt, und ihr Blick blieb eine Weile auf dem Wort „Rückforderungsanspruch“ hängen. Dann faltete sie das Papier, öffnete die Schublade mit den alten Medaillen, ließ es hineingleiten, zwischen Metall und vergilbte Startnummern, und schob die Schublade zu.

„Fahren wir an Weihnachten nach Usedom?“, fragte sie, schon beim Aufstehen, schon mit der Kaffeekanne in der Hand. „Es gibt da ein Thermalbad mit Meerblick. Und eine Konditorei mit dem besten Streuselkuchen der Küste, hat die Nachbarin gesagt.“

Im Dezember fuhren wir tatsächlich los. Eine alte Dame mit einer Einwegtischdecke unterm Arm machte uns am Strand ein Foto, weil Lena sie darum bat – sie stehe schließlich sowieso schon da. Auf dem Bild steht Lena im Sand, in meinem viel zu großen Anorak, die Ärmel zweimal umgekrempelt, und lacht mit offenem Mund in die Kamera, während der Wind ihr eine Haarsträhne quer übers Gesicht weht.

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Uniad
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