Die Zwillinge waren elf Monate alt, und Anna war am Ende. Seit fast einem Jahr hatte sie keine Nacht länger als zwei Stunden geschlafen. Ich war ständig auf Dienstreise, in Rotterdam oder Antwerpen, unser Logistiknetz fraß mich auf. Niemand aus der Familie konnte einspringen — Annas Eltern lebten in Portugal, und ich bin in Heimen aufgewachsen, Akte zu Akte. Kein Onkel, keine Tante, die mal für zwei Stunden die Fläschchen gibt.
Über ein Hamburger Vermittlungsbüro fanden wir schließlich Frau Grau. Sechsundsechzig, hieß es. Grauer Dutt, weicher Strickpullover, Zertifikat für Erste Hilfe. Sie roch nach einem Gemisch aus kaltem Tee und Seifenflocken. Anna war sofort verliebt. Die Jungs, Leon und Luca, die sonst bei jedem Fremden brüllten, griffen nach ihren Fingern, als wären es vertraute Spielzeuge.
Und ich? Ich war einfach nur froh.
Frau Grau bügelte unsere Wäsche, ohne dass man sie bitten musste. Sie sortierte die Strampler im Schrank so, wie ich es seit Jahren gewohnt war: links die langen, rechts die kurzen, gestapelt mit einem Fingerbreit Luft. Sie sprach die Kinder mit „meine kleinen Mäuschen“ an und summte ein altes norddeutsches Lied, das ich irgendwoher kannte.
Zwei Wochen nach ihrer Einstellung schlug ich Anna vor, über Nacht ins Wellness-Hotel an der Alster zu fahren. „Du löst dich sonst auf“, sagte ich. Anna weinte, als sie die Tasche packte. Frau Grau hielt ihre Hand. „Fahren Sie ruhig, ich kümmere mich um die Kleinen. Alles gut hier.“ Um zwanzig vor neun checkten wir ein. Anna sprühte vor Erleichterung, zog den Bademantel an und bestellte einen Ingwertee aufs Zimmer. Ich legte mich aufs Bett und scrollte durch das Kamerabild auf meinem Handy — wir hatten im Kinderzimmer eine kleine Überwachungskamera, Annas Idee, zum Beruhigen.
Leon und Luca schliefen tief und gleichmäßig. Frau Grau saß auf dem Sofa. Dann sah ich, wie sie den Kopf hob und sich umsah, mit einer Bewegung, die nichts Altes mehr hatte. Sie zog an ihrem grauen Dutt. Ich dachte, sie kratzt sich. Aber der ganze Haarknoten glitt ihr vom Schädel. Es war eine Perücke. Darunter kamen kurze, fast schwarze Haare zum Vorschein.
Ich starrte nicht — ich griff einfach nach Annas Arm und zog sie zum Display. Sie stellte den Tee ab, ohne hinzusehen, weil sie meine Hand spürte. Auf dem Bildschirm nahm Frau Grau ein Feuchttuch und fuhr sich übers Gesicht. Die Falten um den Mund verwischten sich. Die Altersflecken an den Schläfen verschwanden. Sogar das Muttermal über der Braue — es war nur aufgemalt gewesen. Die Frau, die dann ins Licht trat, war höchstens vierzig.
Anna hielt sich die Hand vor den Mund.
Frau Grau ging zum Fenster und zog eine große Sporttasche hinter den Vorhängen hervor. Ich drückte die Schuhe an die Füße, ohne die Schnürsenkel zu öffnen. Anna war schon an der Tür. Wir rannten über den Hotelflur, durch die Tiefgarage, der Wagen heulte beim Start. In der halben Stunde Fahrt nach Blankenese sagte Anna kein Wort, hielt nur ihr Handy umklammert, auf dem die Übertragung weiterlief. Ich sah, wie die falsche Grau die Tasche öffnete und etwas herausholte, das aussah wie ein Stapel Papiere und Fotos. Dann trug sie es zum Gitterbettchen.
Als wir die Wohnungstür aufrissen, fuhr sie herum. Einen Atemzug lang stand sie einfach da, die Tasche neben sich auf dem Boden. Anna schob sich an mir vorbei ins Kinderzimmer, ich dicht hinter ihr. Die Jungen atmend, unversehrt. Neben dem Bettchen: ein Ordner mit Klarsichthüllen. Anna kniete sich hin, zog ihn auf und holte die Blätter heraus. Das erste war ein Foto unserer Söhne, aufgenommen von draußen durch das Wohnzimmerfenster, Tage vor der Geburt. Dann ein Bild unseres Hauses, Annas Tagesplan, mein Dienstwagenkennzeichen. Eine komplette Akte über uns beide. Das letzte Blatt war ein Schreiben vom Landeskriminalamt Niedersachsen von vor neun Jahren, mein Name in der Betreffzeile.
Anna hob den Kopf. Ihre Stimme war ganz ruhig. „Wer bist du?“
Die Frau antwortete nicht sofort. Sie setzte sich auf die Kante des Sofas, als wäre sie müde von einem langen Arbeitstag. Dann sagte sie leise, auf Hochdeutsch: „Ich heiße Jana. Vor elf Jahren hat dein Mann meinem Vater die Firma abgenommen und das ganze Geld mitgehen lassen. Danach hat mein Vater sich das Leben genommen.“ Sie sah mich an. „Ich wollte nur wissen, ob du es deiner Frau jemals erzählt hast. Offenbar nicht.“
Ich hatte nie gedacht, dass dieser Tag kommen würde. Damals war ich dreiundzwanzig, Sievert Transporte, ein kleiner Familienbetrieb in Winsen. Ich war Buchhalter und wusste, wann die Konten voll waren. Ich haute neunzigtausend Euro ab, genug für mein eigenes Startkapital. Später hörte ich, der alte Sievert habe sich erhängt. Seine Tochter war seitdem untergetaucht. Ich hatte mir eingeredet, es sei nichts weiter als ein unglücklicher Zufall.
Anna wandte sich zu mir. Sie fragte nicht „Stimmt das?“. Sie musterte mich nur, dann fingerte sie nach ihrem Telefon und tippte eine Nummer ein. Es war der Notruf. Während die Polizei kam, packte sie mit der freien Hand zwei Taschen: eine für die Kinder, eine für sich. Sie legte die Papiere aus dem Ordner sorgfältig in eine Extramappe und steckte sie in ihre Laptoptasche.
Noch in derselben Nacht übergab ich der Polizei die neunzigtausend Euro, die ich damals genommen hatte — ein Sonderkonto bei der Haspa, das ich nie aufgelöst hatte, aus Feigheit. Ich unterschrieb eine Aussage.
Am Morgen stand Anna vor mir in der Küche und legte ein vorgefertigtes Dokument auf den Frühstückstisch: eine notarielle Vereinbarung über die sofortige Übertragung unserer Eigentumswohnung in der Elbchaussee auf ihren Namen, dazu das alleinige Sorgerecht für Leon und Luca. Ich setzte meinen Namen darunter, ohne ein Wort. Sie nahm das Papier, steckte es in ihre Handtasche und ging mit den Kindern zur Tür. Das Letzte, was ich von ihr sah, war die Mappe mit den Unterlagen unter ihrem Arm, während sie den Autositz in ihren Wagen hob.
Jana wartete die polizeiliche Aufnahme ab. Sie wurde wegen Urkundenfälschung und Hausfriedensbruch angezeigt, aber das Verfahren wurde gegen Auflage eingestellt. Drei Monate später bekam ich eine Überweisungsbestätigung von Anna: die Hälfte des Erlöses, den sie aus der bereits vermieteten Wohnung erzielt hatte. Sie brauchte das Geld nicht, sie hatte es für die Kinder angelegt. Der Betreff der Nachricht bestand nur aus einer Kontonummer und zwei Wörtern: „Elbchaussee erledigt“.
