Die Cremesuppe schwappte über den Rand der Emaille-Kanne, ein gelber Fleck breitete sich auf der weißen Tischdecke aus, und Elfriede saß mit einem viel zu großen Löffel in der Hand da, ohne an die enge Öffnung heranzukommen.
„Schmeckt's nicht?", fragte Karin, ohne aufzublicken, und rührte in ihrer eigenen Kanne.
Elfriede stellte die Kanne ab. „Ich krieg da einfach nichts raus."
Dabei war es ihre Idee gewesen, sich zu revanchieren, nachdem Elfriede sie zwei Wochen zuvor, am Sonntag der Karwoche, zu ihrem Linsen-Eintopf eingeladen hatte, dem Familienrezept ihrer Großmutter aus Stettin, serviert auf flachen Steinguttellern. Karin war damals mit ihrer frisch eingesetzten Zahnspange kaum vorangekommen, hatte die Linsen kalt werden lassen, während Elfriede in vier Bissen fertig war und fragte, warum Karin denn nichts esse, es sei doch das Familienrezept. Karin hatte höflich genickt und war hungrig nach oben gegangen, eine Treppe höher, ins vierte Stockwerk desselben Hinterhauses in der Reuterstraße, in dem sie seit elf Jahren wohnten, Karin die Steuerberaterin mit der Emaille-Kanne-Sammlung vom Flohmarkt, Elfriede die Physiotherapeutin, die jeden Streit am liebsten mit Kuchen beendete.
Jetzt, an Ostermontag, war es umgekehrt: die Topinambur-Suppe mit geröstetem Kürbiskernöl war Karins Idee gewesen, serviert in zwei ihrer schmalen Kannen mit engem Ausguss, eigentlich für Kaffee gedacht. Sie selbst trank in kleinen, geübten Schlucken direkt daraus. Elfriede aber, mit ihrer im Winter angepassten Vollprothese, kam mit dem schmalen Rand nicht zurecht.
„Genau wie ich neulich bei dir am flachen Teller", sagte Karin. „Mit der Spange."
Nur das Ticken der Küchenuhr war zu hören, ein altes DDR-Modell, das Elfriede von ihrer Mutter geerbt hatte. Elfriede blickte auf die Kanne, dann auf Karin, ihre Finger trommelten kurz auf den Tisch.
„Das war doch keine Absicht damals", sagte sie schließlich. „Ich hab einfach gekocht, wie ich es immer mache."
„Ich auch."
Elfriede schob die Kanne ein Stück von sich weg, holte tief Luft, und für einen Moment sah es aus, als würde sie aufstehen und gehen. Stattdessen fragte sie leise: „Und was jetzt? Isst jeder für sich?"
Karin stand auf, holte aus dem Schrank eine flache Schale, goss die restliche Suppe um und stellte sie vor Elfriede hin. „Jetzt isst du aus dem, was für dich passt. Und ich trink weiter aus der Kanne."
Elfriede probierte einen Löffel, dann noch einen, diesmal ohne zu kämpfen. „Ich hab wohl gedacht, weil es bei mir funktioniert, muss es bei dir auch funktionieren."
Karin zuckte mit den Schultern und goss sich aus der Kanne nach.
Die Uhr schlug halb vier. Von unten, aus der Wohnung der Familie Yılmaz im Erdgeschoss, zog Geruch von frischem Fladenbrot durch die Fugen des alten Hauses. Sie redeten noch eine Weile über den Sommerurlaub, den Elfriede in Rerik an der Ostsee plante, und über Karins Zahnspange, die in vier Monaten abgenommen werden sollte.
Erst beim Aufräumen, als sie die leere Kanne spülte, fiel Karin ein Zettel auf, den Elfriede zwischen die Küchenrolle geklemmt hatte: „Für nächstes Mal: erst fragen, welcher Teller." Sie steckte ihn in die Schürzentasche, trocknete die Kanne ab und stellte sie zurück ins Regal, zu den anderen.
