An meinem letzten Arbeitstag schob mir der Pflegedienstleiter eine Mappe zu. „Für dreiundvierzig Jahre Nachtschichten, Frau Kühn. Schauen Sie zu Hause rein.“ Mitten im Treppenhaus, zwischen zwei Etagen, hob ich den Deckel. Unter der Dankurkunde lag ein weißes Blatt – eine Übertragungsurkunde für meine Eigentumswohnung. Auf den Namen meines Sohnes. Unten klebte ein gelber Zettel: „Martin, leg das der Alten unters Abschiedspapier, sie unterschreibt ohne zu lesen.“ Stempel vom Notar, Datum von vorgestern, nur meine Unterschrift fehlte.
Der Flur in meiner Wohnung roch nach fremdem Essen und nassem Hund. Aus dem Wohnzimmer dröhnte der Subwoofer von Marcels Gaming-Rechner, die Küche beschallte ein Podcast über passives Einkommen. Ich hing meinen Mantel an den Haken, den ich mir mit Claudias Jackenbergen teilen musste.
„Oh, du bist schon da.“ Claudia saß am Küchentisch, die Füße auf dem freien Stuhl, vor sich eine aufgeschlagene Müslipackung. Sie angelte mit der Hand hinein, stopfte sich eine Handvoll in den Mund und kaute mit offenem Kiefer. Krümel fielen auf meine Stoffservietten, die ich letzten Sonntag erst gebügelt hatte. „Marcel fragt, wie viel Rente es gibt. Wir rechnen gerade den Monat durch.“
Ich stellte meine Tasche auf die Arbeitsplatte. Die Espressomaschine, mein Geschenk zum Sechzigsten, war verkrustet von eingetrocknetem Milchschaum. Daneben lag Claudias abgeleckter Löffel. Nicht im Spülbecken, einfach auf dem Holzbrett, mit klebrigem Joghurtrest.
„Zwölfhundertvierzig“, sagte ich.
„Das reicht hinten und vorn nicht für die Rate.“ Claudia klappte ihr Tablet zu und seufzte. „Marcel meint, du könntest uns das Zimmer mit dem Balkon überlassen. Ist doch Quatsch, dass du da allein drin sitzt, wo das Baby kommt. Wir stellen dir ein Bett in die Abstellkammer, das reicht für eine Person völlig.“
Ich sah zum Fenster. Vor dreißig Jahren hatte ich diese Wohnung gekauft, Quadratmeter für Quadratmeter abbezahlt mit dem Gehalt einer Intensivschwester. Nachtdienste, Doppelschichten, ein Leben gegen den eigenen Biorhythmus. Marcels Vater war gegangen, als der Junge drei war. Ich hatte nie geklagt.
Marcel kam aus dem Wohnzimmer, das Handy am Ohr. „Ja, Schatz, warte kurz.“ Er hielt die Muschel zu und wandte sich an mich. „Mama, denkst du an den Zettel von Herrn Kowalski? Der hat dir was zum Unterschreiben mitgegeben. Ist nur was Formales für die Bank, damit du von der Rente direkt profitierst. Gib mal her, ich hab den Stift schon.“ Er griff nach meiner Tasche.
Ich zog das Blatt aus der Mappe. Hielt es vor meine Brust, sodass er den Notarstempel sah, den fett gedruckten Titel: „Übertragung von Wohnungseigentum gemäß § 4 WEG“. Marcels Augen flackerten. „Du hast ja schon reingeschaut. Ist auch gut so. Macht die Sache einfacher. Wir überschreiben das einfach, ist steuerlich besser, du verstehst das nicht. Unterschreib, dann essen wir.“
Ich verstand es sehr genau.
In meiner Kammer, die sie mir als Schlafzimmer zugestanden, stand der alte Pflegedienstkoffer meiner Mutter. Margot Kühn, Gemeindeschwester von Köln-Ehrenfeld, Jahrgang dreißig, gestorben mit zweiundachtzig, als ich Nachtschicht hatte und nicht bei ihr sein konnte. Der Koffer roch immer noch nach Kampfer und Desinfektionsmittel. Auf seinem abgewetzten Deckel stapelte Claudia ihre nagellackverschmierten Zeitschriften, und Marcel hatte sein altes KFZ-Getriebe darauf abgelegt, weil „der Koffer ja sonst nur rumsteht“. Ich wischte jeden Tag das Öl ab. Jeden Tag legte er neues Werkzeug drauf.
„Mama“, Marcel setzte sich auf meine Bettkante, dass die Matratze durchhing, „wir müssen da mal realistisch rangehen. Du hast jetzt Zeit. Keine Schichten mehr. Wir richten deine Rente auf unser Gemeinschaftskonto um, davon zahlen wir das neue Auto ab. Für dich bleibt ja alles gleich – du isst mit uns, du lebst mit uns. Wozu brauchst du eigenes Geld?“
„Und wenn ich mal Blumen kaufen will?“
„Blumen? Du hast doch den Balkon. Stell dir Töpfe hin.“
Ich faltete die Hände. Meine Finger waren von den Jahren des Bettenmachens und Infusionslegens krumm. Marcels Hände, die ich als Kind eingeseift hatte, lagen flach und gepflegt auf meiner Tagesdecke.
Am Abend, als sie beide vor dem Fernseher saßen, ging ich in mein Zimmer. Mein wirkliches Zimmer. Ich schob Claudias Kosmetiktasche von der Fensterbank, räumte Marcels leere Energydrinkdosen vom Nachttisch. Dann holte ich den Vertrag hervor. Nicht die Übertragungsurkunde. Einen anderen Ordner.
Grundbuchauszug. Grundbuch von Köln, Blatt 7214, Flurstück 32. Eingetragene Eigentümerin: Ursula Margot Kühn. Belastungen: keine. Wohnrecht oder Nießbrauch Dritter: nicht eingetragen.
Ich rief am nächsten Morgen beim Einwohnermeldeamt an. Eine freundliche Sachbearbeiterin ließ mich wissen, dass die Meldebestätigungen für Marcel und Claudia genau elf Monate abgelaufen waren. Verlängert hatte ich nie.
Vier Tage lang kochte ich keinen Kaffee für sie, räumte keine Krümel weg, kaufte kein Toilettenpapier nach. Am vierten Abend platzte es aus Marcel.
„Du hast uns gar nicht zugehört, oder? Claudia ist schwanger. Wir brauchen dein Zimmer. Und die Vollmacht für die Rente. Und den unterschriebenen Wisch von Kowalski. Das ist alles längst überfällig.“ Er klatschte die flache Hand auf den Esstisch. „Wann kapierst du endlich, dass wir das nicht böse meinen, sondern praktisch?“
Claudia verschränkte die Arme über dem Bauch. „Wir sind doch deine Familie. Wer soll sich sonst um dich kümmern?“
Ich stand auf. Griff in meine Handtasche. Zog den Grundbuchauszug und den Notarvertrag hervor. Legte beides nebeneinander.
Dann nahm ich den Vertrag, der auf Marcels Namen ausgestellt war, und riss ihn in der Mitte durch. Die Ränder fransten aus, das schwere Papier gab ein langsames, reißendes Geräusch von sich, das minutenlang im Raum zu stehen schien. Ich legte die Hälften übereinander, riss noch einmal. Die vier Schnipsel fielen auf die Wachstuchdecke, zwischen Krümel vom Abendbrot und Claudias abgeleckten Löffel.
„Das hier“, ich tippte mit dem Zeigefinger auf den Grundbuchauszug, „bleibt Eigentum von Ursula Margot Kühn. Ihr habt keine gültige Meldebescheinigung. Ihr seid Gäste, die seit fast einem Jahr ohne Rechtstitel hier leben.“ Ich schob das Blatt näher zu Marcel. „Paragraph 985 BGB. Der Eigentümer kann vom unrechtmäßigen Besitzer die Herausgabe der Sache verlangen. Meine Anwältin, Frau Dr. Yildirim, riet mir, euch vierzehn Tage einzuräumen. Ich gebe euch zehn. Das ist mein Entgegenkommen als Mutter. Nicht als Eigentümerin.“
Marcels Gesicht färbte sich fleckig. Claudia japste nach Luft und brachte ein „Unfassbar“ hervor. Marcel schrie etwas von Einsamkeit im Alter, von der Schande, die eigene schwangere Schwiegertochter auf die Straße zu setzen. Er warf mit Wörtern um sich, die wie Steine klingen sollten. Ich hörte zu, ohne zu antworten, und sah an ihnen vorbei auf den Pflegedienstkoffer meiner Mutter. Auf dem niemand mehr öliges Werkzeug ablegen würde.
Zehn Tage später trug Marcel die letzte Umzugskiste die Treppe hinunter, während Claudia im Treppenhaus telefonierte und ihrer Freundin von einem Immobilienhai erzählte, der sie auf die Straße setze. Die Tür fiel ins Schloss. Ich drehte den Schlüssel zweimal um.
Am nächsten Morgen ging ich in mein Zimmer mit dem Balkon. Das Zimmer, in dem ich wieder lesen würde und abends das Kölsche Radio hören, ohne dass jemand die Tür aufreißt und Ruhe verlangt. Ich öffnete den alten Pflegedienstkoffer und legte meine frisch gewaschene Wäsche hinein. Er roch immer noch nach Kampfer. Ich erinnerte mich, wie meine Mutter nachts aus diesem Koffer eine Ampulle holte, sie in der hohlen Hand wärmte, bevor sie die Nadel ansetzte, damit der Patient den Einstich weniger spürte. Sie hatte nie etwas für sich selbst aus diesem Koffer genommen.
Dann schaltete ich die Espressomaschine ein, wartete, bis das Wasser durch den Siebträger lief, und trank einen sauberen, bitteren Schluck. Aus einer Tasse ohne Lippenstift anderer Leute.
Acht Monate später bekam ich eine Mail von einer Immobilienplattform. Marcel und Claudia hatten einen Kredit beantragt – für die Doppelhaushälfte in Pulheim, die sie schon fest im Blick gehabt hatten. Als Sicherheit hatten sie meine Wohnung angegeben, Adresse inklusive Grundbuchblatt. Die Bank lehnte ab: Die Immobilie war drei Wochen zuvor verkauft worden, notariell beglaubigt, für 267.000 Euro.
Anfang Juli überwies ich den Erlös an den Kölner Pflegedienst e.V., Abteilung ambulante Kinderhospizarbeit. Im September schickte mir eine Schwester von dort ein Foto: ein neues Therapiegerät für Mukoviszidose-Kinder. „Es hat jetzt schon zwei Kindern die Nacht erleichtert“, schrieb sie dazu. Unten auf dem Gerät klebte ein schmales Messingschild.
Gestiftet von Ursula Margot Kühn, in Erinnerung an Margot Kühn, Gemeindeschwester.
