Ein Parkplatz in Leipzig, Regen auf dem Kies, ein Rentner mit Diktiergerät

Ich bin Hausmeister im Bürogebäude an der Prager Straße, seit elf Jahren schon, und ich sage Ihnen: Man sieht viel, wenn man dreimal am Tag über den Hof geht, um die Mülltonnen zu kontrollieren. An diesem Dienstag im Oktober war es kalt, die Blätter der Kastanie klebten nass auf dem Asphalt, und ich wollte eigentlich nur die Schranke zum Kundenparkplatz reparieren, die seit Tagen klemmte.

Da stand sie schon. Eine Frau in einem beigen Mantel, die Haare streng zurückgebunden, in den Händen eine kleine blaue Box – so eine, wie man sie für Kinderthermoskannen kauft, mit abgesplittertem Deckel. Neben ihr ein Mann in einer Lederjacke, unruhig, die Hände in den Taschen vergraben. Ich kannte die beiden nicht, aber ich kannte den Wagen, neben dem sie standen: einen dunkelblauen VW Passat, der Herrn Brenner gehörte, dem Steuerberater aus dem dritten Stock.

Er kam aus dem Gebäude, eine Mappe unter dem Arm – Unterlagen für ein Erbe, hatte er mir mal erzählt, das Ferienhaus seiner Mutter am Bodensee, das endlich verkauft werden sollte. Er blieb stehen, als er die Frau sah. Ich stand mit meinem Schraubenschlüssel an der Schranke, zehn Meter entfernt, und tat, als würde ich arbeiten. Man hört mehr, wenn man nicht hinschaut.

„Öffne nicht den Kofferraum", sagte die Frau, noch bevor er überhaupt fragen konnte, was sie hier wollte.

Der Mann in der Lederjacke trat vor. „Tobias, mach hier keine Szene. Es sind Leute da."

Ich hörte Herrn Brenner fast lachen. „Ihr macht die dreckigste Sache, und dann habt ihr Angst vor einer Szene", sagte er.

Er zeigte auf die Box in ihren Händen. Sie drückte sie fester an sich.

„Woher hast du das?", fragte er.

„Ich bringe dir etwas zurück."

„Nach einem Jahr?"

„Nachdem ich erfahren habe, was du getan hast."

Ich sah, wie der Mann in der Lederjacke den Kopf senkte, und dabei fiel mein Blick auf seine Schuhe. Lehmverkrustet, dieser rötliche Ton, den man nur von den Feldwegen am Bodensee kennt. Zwei Angestellte aus der Buchhaltung im zweiten Stock blieben am Eingang stehen, weil eine Werbetafel umgekippt war – reiner Zufall, aber plötzlich gab es Publikum.

„Wo wart ihr?", fragte Herr Brenner.

Der Mann sagte leise: „Mach einfach den Kofferraum auf. Beenden wir das."

Der Kofferraum sprang mit einem Klicken auf. Eine alte Wolldecke, eine Plastiktüte mit Bauschutt – und ein brauner Umschlag, mit rotem Klebeband versiegelt, den Herr Brenner erkennbar noch nie gesehen hatte.

Die Frau fing an, laut zu sprechen, viel lauter als nötig für ein Gespräch unter zwei Leuten. „Ich kann nicht glauben, dass du Dokumente vor deiner eigenen Mutter versteckst."

Der Wachmann vom Empfang trat aus der Tür, die Hand noch am Funkgerät.

„Das gehört nicht mir", sagte Herr Brenner.

„Wirst du weiter lügen?", fragte der Mann in der Lederjacke.

Die Frau öffnete die blaue Box. Ein verrosteter Schlüssel, ein gefaltetes Blatt Papier. Die Handschrift, sagte sie, sei die seiner Mutter. Nur – seine Mutter, das wusste ich, weil er es mir selbst mal erzählt hatte, konnte seit dem Frühjahr kaum noch einen Stift halten.

„Deine Mutter hat mir das gegeben", sagte die Frau. „Sie sagte, du dürfest das Haus nicht verkaufen. Es gebe ein Geheimnis."

„Wann habt ihr mit ihr gesprochen?"

„Geht dich nichts an."

„Sie ist meine Mutter."

Der Mann trat näher. „Genau deswegen solltest du dich schämen."

Das Wort blieb hängen zwischen den geparkten Autos. Die zwei Frauen von der Buchhaltung sahen abwechselnd auf ihn und auf den offenen Kofferraum. Für einen Moment, das muss ich zugeben, dachte ich selbst: Was hat der Mann getan.

Dann machte die Frau im beigen Mantel einen Fehler. Sie sagte: „Das Haus war mir versprochen, schon bevor wir uns getrennt haben."

Niemand hatte ihr je etwas versprochen, das spürte man an der Stille, die danach kam.

„Wer hat dir das gesagt?", fragte Herr Brenner.

Sie schwieg. Der Mann antwortete für sie: „Sein Großvater hatte das vor."

„Mein Großvater ist seit sechs Jahren tot", sagte Herr Brenner. „Du kanntest ihn nur von Fotos."

Der Mann wurde blass. Der Wachmann kam näher. „Gibt es ein Problem, meine Herren?"

„Ja", sagte Herr Brenner. „Jemand hat mir einen Umschlag in den Kofferraum gelegt."

Der Mann in der Lederjacke hob sofort die Hände. „Das ist eine Familienangelegenheit."

„Nein", sagte Herr Brenner. „Das ist ein Versuch, mich schuldig aussehen zu lassen."

Die Frau drehte sich zu ihm, die Augen schmal vor Wut. „Du kommst immer davon. Sogar damals, als du mich verlassen hast."

Das stimmte so nicht, das wusste ich später, weil es Herr Brenner selbst noch am selben Abend seinem Kollegen aus dem dritten Stock erzählte, während ich die Mülltonnen zurückschob: Sie hatte ihn verlassen, nachdem er von ihr und dem Mann in der Lederjacke erfahren hatte. Den gemeinsamen Freunden hatte sie erzählt, er sei kalt, geizig, besessen vom Erbe.

Da öffnete sich die Eingangstür. Seine Mutter kam heraus, nicht allein – am Arm hielt sie Herr Wollny, der Nachbar aus dem Erdgeschoss ihres Hauses, ein pensionierter Postbeamter, der sie zu ihren Arztterminen fuhr, wenn ihr Sohn arbeiten musste. Ihr Gesicht war blass, aber die Augen wach.

„Ich habe diesen Zettel nicht geschrieben", sagte sie.

Die Frau im beigen Mantel fuhr herum. „Frau Brenner, wir hatten doch besprochen …"

„Mit mir gesprochen habt ihr, ja", unterbrach die alte Dame. „Während ihr mir erzählt habt, mein Sohn bestehle mich. Dann habt ihr mich dazu gebracht, nach den Schlüsseln vom Ferienhaus zu suchen. Deshalb habe ich Herrn Wollny gerufen."

Der Mann in der Lederjacke presste die Kiefer zusammen. Die alte Dame zog aus ihrer Manteltasche ein kleines schwarzes Diktiergerät, verkratzt, mit abgenutztem Knopf. Herr Wollny hatte es ihr gegeben, weil ihm die Sache nicht geheuer gewesen war.

Die Aufnahme begann mit der Stimme der Frau: „Wenn Sie unterschreiben, sagen wir, Tobias habe die Papiere selbst versteckt. Alle werden es glauben, weil man ihn ohnehin für gierig hält."

Dann die Stimme des Mannes: „Und wenn das Grundstück durch uns läuft, teilen wir das Geld. Er kann uns nichts beweisen."

Auf dem Parkplatz wurde es still, bis auf das Tropfen von der Regenrinne über der Schranke, die ich immer noch nicht repariert hatte. Die blaue Box fiel der Frau aus der Hand. Der rostige Schlüssel klirrte so laut auf dem nassen Asphalt, dass ich zusammenzuckte.

Der Mann versuchte noch zu sagen, die Aufnahme sei aus dem Zusammenhang gerissen. Aber es gab keinen Zusammenhang mehr, der ihn hätte retten können. Der Wachmann hatte alles gehört. Die zwei Frauen von der Buchhaltung auch. Und Herr Wollny, das erfuhr ich erst Tage später, hatte mit seinem Handy sogar gefilmt, wie die beiden vor dem geöffneten Kofferraum standen, bevor Herr Brenner überhaupt aus dem Haus getreten war.

Ich habe mit der ganzen Sache nichts zu tun gehabt, wollte auch nichts damit zu tun haben – ich hatte Feierabend in zwanzig Minuten und einen kaputten Fensterrahmen zu Hause, um den ich mich noch kümmern musste. Aber ich blieb an der Schranke stehen und sah zu, wie die Frau im beigen Mantel zum Ausgang ging, ohne die Box, ohne den Schlüssel, und wie der Mann ihr mit gesenktem Kopf folgte.

Was danach kam, weiß ich, weil Herr Brenner es mir Wochen später beim Vorbeigehen erzählte, während ich das Herbstlaub vor dem Eingang zusammenfegte. Sein Anwalt hatte den Versuch, seine Mutter unter Druck zu setzen, zur Anzeige gebracht. Der Verkauf des Ferienhauses am Bodensee wurde ausgesetzt, bis die Vollmachten der alten Dame notariell neu geprüft waren. Der Mann in der Lederjacke verlor seine Stelle, weil seine Firma herausfand, dass er dienstliche Kontakte für die private Sache genutzt hatte. Die Frau im beigen Mantel schrieb ihm noch am selben Abend eine Nachricht, er habe sie vor allen gedemütigt. Er hat sie gelesen und gelöscht, sagte er mir, ohne zu antworten.

Den rostigen Schlüssel hat er zurück in die blaue Box gelegt und beides in seine Schreibtischschublade gelegt, nicht weil er ihn braucht, sondern – so hat er es mir erklärt, als ich ihm half, einen Karton in sein Auto zu tragen – weil er ihn daran erinnert, dass manche Leute nicht zurückkommen, um zu bitten. Sie kommen, wenn sie gemerkt haben, dass noch etwas zu holen ist.

Erst im Frühjahr darauf, als ich half, den Keller des Nachbarhauses auszuräumen, erzählte mir Herr Wollny beiläufig, dass die alte Frau Brenner ihm schon zwei Monate vor jenem Dienstag von den nächtlichen Anrufen der Frau im beigen Mantel berichtet hatte – nur hatte sie sich zu schämen geglaubt, ihrem eigenen Sohn davon zu erzählen. Das Diktiergerät hatte Herr Wollny ihr also nicht spontan gegeben, sondern längst vorbereitet in der Manteltasche liegen gehabt, für genau diesen Moment.

Like this post? Please share to your friends:
Uniad
Leave a Reply

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: