Markus brachte das Thema am Donnerstagabend zur Sprache, direkt nach dem Essen, während Sabine den Tisch abräumte. Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, drehte ein Zahnstocher zwischen den Fingern und redete in diesem Ton, als würde er ihr etwas völlig Vernünftiges mitteilen – etwas, das ohnehin längst überfällig war.
„Ich will mich nicht scheiden lassen. Ich will nur, dass wir beide mehr Freiraum haben."
Sabine trug die Teller zur Spüle, drehte den Wasserhahn auf und drehte sich nicht einmal um.
„Was genau meinst du mit Freiraum?"
„Na was schon. Wir sind erwachsene Menschen. Siebzehn Jahre zusammen. Man kann sich doch irgendwann von diesem ständigen Kontrollieren lösen. Jeder trifft sich mit wem er will, lebt entspannt, keiner hängt dem anderen im Nacken."
Er sagte das beiläufig, fast so, als würde er vorschlagen, statt nach Mallorca lieber an die Ostsee zu fahren. In seiner Stimme lag diese ruhige Sicherheit eines Mannes, der die Entscheidung längst getroffen hat und jetzt nur noch auf die formelle Zustimmung wartet.
Sabine drehte den Hahn zu, trocknete sich die Hände am Geschirrtuch ab und lehnte sich mit der Hüfte gegen die Spüle.
„Du meinst also eine offene Beziehung."
„Ich meine, dass es für uns beide angenehmer wird."
„Und zu Hause? Was ist mit zu Hause?"
„Zu Hause bleibt alles wie es ist. Warum sollte man was ändern, was gut läuft?"
Er lächelte sogar zufrieden dabei. Sabine hatte in siebzehn Jahren Ehe ihren Mann noch nie so mit sich selbst zufrieden gesehen. Als hätte er gerade einen genialen Plan ausgeheckt, der ihm alles auf einmal bringt – und würde jetzt innerlich auf Applaus warten.
„In Ordnung", sagte sie ruhig.
Markus blinzelte überrascht. „In Ordnung?"
„Ja. Du hast recht. Wir sind erwachsene Menschen."
Sie nahm die Schürze ab, hängte sie ordentlich neben den Herd und verließ die Küche. Markus blieb noch eine Weile sitzen und begriff langsam, dass er gerade einen unerwartet leichten Sieg errungen hatte. Dann goss er sich Tee ein und setzte sich vor den Fernseher, mit dem Gesicht eines Mannes, der gerade ein hervorragendes Geschäft abgeschlossen hat.
Am nächsten Morgen war nichts Ungewöhnliches zu bemerken. Sabine stand wie immer vor ihm auf, kochte Kaffee, briet Spiegeleier und legte das gebügelte Hemd über die Stuhllehne. Markus frühstückte, scrollte durch sein Handy und fühlte sich weise, modern und unfassbar großzügig zugleich.
Auf der Arbeit erzählte er es beiläufig seinem Kollegen Timo aus der Nachbarabteilung: „Sabine und ich haben beschlossen, uns beide mehr Freiraum zu geben."
Timo warf ihm diesen speziellen Blick zu, den man normalerweise bekommt, bevor jemand etwas sehr Unangenehmes sagt. Aber er sagte nichts. Fragte nur: „Und sie hat einfach so zugestimmt?"
„Sofort. Kein Drama, keine Diskussion. Ganz sachlich besprochen, wie unter Erwachsenen."
„Na dann", meinte Timo skeptisch und wandte sich wieder seinem Monitor zu.
Markus dachte, sein Kollege sei einfach neidisch. Dessen Frau rief ständig an, fragte, wann er heimkommt, was er noch einkaufen soll, ob er Magenprobleme hat. Bei ihm und Sabine würde jetzt alles zivilisiert ablaufen: keine Szenen, keine Eifersucht, keine übertriebene Kontrolle. Echte Freiheit.
Am Samstag, gegen neun Uhr morgens, weckte Sabine ihren Mann.
„Ich fahre zu Claudia in den Schrebergarten."
Markus stützte sich auf einen Ellbogen. „Und wann kommst du wieder?"
„Morgen Abend. Vielleicht auch erst Montag."
Jetzt war er wach. „Und das Abendessen?"
„Im Kühlschrank liegen Käse und Tomaten. Mach dir Brote, oder koch was."
„Warte. Und meine Hemden? Ich hab Montag dieses wichtige Meeting."
„Die sind in der Reinigung. Der Zettel liegt auf der Kommode im Flur. Hol sie selbst ab, die haben glaub ich bis achtzehn Uhr auf."
Sie sprach völlig beiläufig. War schon angezogen, die Tasche über der Schulter. Und genau in diesem Moment spürte Markus zum ersten Mal ein leichtes Unbehagen. Als hätte die von ihm selbst vorgeschlagene Vereinbarung plötzlich Kleingedrucktes bekommen.
„Warte mal. Wir hatten doch gesagt, zu Hause bleibt alles beim Alten!"
Sabine blieb an der Tür stehen, richtete den Riemen ihrer Tasche und sah ihn ruhig an. Fast freundlich – so, wie man jemanden ansieht, der etwas Lustiges gesagt hat, es selbst aber noch nicht bemerkt hat.
„Wir haben gesagt, dass wir jetzt beide frei sind. Und freie erwachsene Menschen entscheiden selbst, wo sie ihr Wochenende verbringen. Und holen ihre Hemden auch selbst ab, Schatz."
Sie ging, zog die Tür ohne einen Knall zu. In der Wohnung wurde es merkwürdig still. So still, dass Markus das gleichmäßige Tropfen des Küchenhahns hören konnte.
Bis zum Mittag hatte er den Käse aufgegessen und drei Tomaten vertilgt. Die Brote wurden unförmig – er schnitt das Brot zu dick, die Butter ließ sich nicht ordentlich verstreichen. Später versuchte er Nudeln zu kochen, vergaß, das Wasser zu salzen, das Ergebnis schmeckte fad und gummiartig. Er schaltete das Fußballspiel ein, konnte sich aber nicht konzentrieren. In seinem Kopf kreiste nur ein Gedanke: Am Montag brauchte er unbedingt das blaue Hemd, die Reinigung hatte nur begrenzt geöffnet, und er hatte keine Ahnung, wo sie überhaupt war.
Siebzehn Jahre lang waren die Hemden wie durch ein kleines Wunder immer sauber, frisch und gebügelt im Schrank gelandet. Und kein einziges Mal in all den Jahren hatte Markus sich gefragt, wie viel Waschen, Bügeln, Fahrerei und fremde Zeit in diesem „Wunder" steckten.
Er fand den Zettel, den Sabine hinterlassen hatte, und rief an. „Guten Tag, wo finde ich Sie?"
„Hauptstraße 22. Heute bis sechzehn Uhr, morgen geschlossen."
Es blieb noch etwa eine Stunde. Markus zog sich schnell Jeans an, schnappte die Schlüssel und rannte los. In der Reinigung kam er etwa zwanzig Minuten vor Ladenschluss an.
Zu Hause hängte er die Hemden in den Schrank und ging in die Küche. Die Spüle war voller schmutziges Geschirr. Er starrte es an wie ein Schüler eine komplizierte Matheaufgabe, ohne zu wissen, mit welcher Formel er anfangen sollte. Fast zwanzig Minuten kämpfte er mit dem Abwasch. Ein Teller fiel ihm herunter und zerbrach. Er sammelte die Scherben mit bloßen Händen auf, schnitt sich in den Finger, suchte danach ewig nach dem Verbandskasten. Fand ein Pflaster, klebte es notdürftig drauf. Es schien, als hätte sich der gesamte Haushalt gegen ihn verschworen.
Abends gab er auf und bestellte Pizza. Während er auf die Lieferung wartete, schrieb er Sabine eine kurze Nachricht, ohne besonderen Anlass: „Wie geht's dir?"
Die Antwort kam erst drei Stunden später: „Gut."
Markus las das Wort einmal. Dann noch einmal. Dann noch zweimal. Und mit jedem Mal wirkte das harmlose „Gut" auf ihn immer weniger harmlos.
Am Sonntagmorgen wachte er hungrig auf. Normalerweise backte Sabine an Wochenenden manchmal Pfannkuchen. Nicht immer, aber oft genug, dass der Duft von gebratenem Teig zu einem festen Bestandteil des Sonntagmorgens geworden war. Jetzt fehlte dieser Geruch, und das fühlte sich fast körperlich an. Als wäre etwas Wichtiges aus der Wohnung verschwunden.
Er öffnete den Kühlschrank. Keine Tomaten mehr, kein Käse. Nur ein Glas saure Gurken, ein Stück Butter und ein verschlossener Behälter mit unbekanntem Inhalt, den er aus irgendeinem Grund lieber nicht anrührte. Er musste einkaufen gehen. Kaufte Brot, Aufschnitt, Tiefkühllasagne und Orangensaft.
Die Lasagne versuchte er genau nach Packungsanleitung zuzubereiten. Trotzdem wurde das Ergebnis seltsam: oben verbrannt, in der Mitte kaum warm. Er aß sie trotzdem direkt aus der Form und trank den Saft aus der Packung, ohne sich die Mühe zu machen, ein Glas zu holen.
Dann schrieb er wieder: „Wann kommst du heim?"
„Wahrscheinlich abends."
„Ungefähr wann?"
„Weiß ich nicht. Ich bin ja ein freier Mensch. Hast du vergessen?"
Markus legte das Handy weg. In der Küche stapelte sich wieder Geschirr. Neben dem Herd war ein Soßenfleck angetrocknet. Das feuchte Geschirrtuch lag zusammengeknüllt auf einem Stuhl und begann bereits unangenehm zu riechen.
Er saß eine Weile da, dann rief er seine Mutter an.
„Mama, weißt du, wie man den Backofen anmacht?"
„Welchen Backofen?"
„Unseren. In der Küche."
„Wo ist denn Sabine?"
„Bei Claudia im Garten."
„Und du kannst dir nicht selbst das Essen aufwärmen?"
In der Stimme seiner Mutter lag weniger Überraschung als vielmehr ein alter, angesammelter Ärger. Als hätte sie irgendwann geahnt, dass so ein Anruf früher oder später kommen würde, aber trotzdem gehofft, sich zu irren.
„Such das Symbol mit dem Ventilator auf dem Bedienfeld. Drück drauf. Stell hundertachtzig Grad ein und warte, bis das Lämpchen angeht."
„Was für ein Lämpchen?"
„Die rote Anzeige neben dem Display."
Markus runzelte die Stirn. „Unser Backofen hat ein Display?"
Am anderen Ende blieb es still. Nach ein paar Sekunden fragte seine Mutter vorsichtig: „Markus, ist bei dir wirklich alles in Ordnung?"
Er beruhigte sie, beendete das Gespräch und rutschte einfach auf den Boden neben dem Herd.
Sabine kam am Sonntagabend gegen einundzwanzig Uhr zurück. Sie stellte die Tasche neben die Wand, zog den Mantel aus und blieb kurz im Türrahmen zur Küche stehen. Das Bild vor ihr sprach für sich. Auf dem Tisch stapelten sich zwei leere Pizzakartons, eine zerknüllte Safttüte und ein Teller mit angetrockneten Lasagnereste. In der Spüle türmte sich der Abwasch. Auf dem Herd ein dunkler, verbrannter Fleck. Das Geschirrtuch lag auf dem Boden. Auf einem Stuhl ein Haufen aus Jeans, T-Shirt und Socken.
Markus saß im Wohnzimmer vor dem Fernseher und sah seine Frau an, als wäre sie gerade von einer monatelangen Expedition zurückgekehrt, nicht von zwei Tagen bei der Freundin.
„Hallo", sagte er und stand vom Sofa auf.
„Hallo."
„Hast du schon gegessen?"
„Ja, bei Claudia."
Er folgte ihr in die Küche und lehnte sich mit der Schulter gegen die Wand neben dem Kühlschrank. Sabine musterte den Raum in Ruhe. Ihr Blick war aufmerksam, fast sachlich – als würde sie nach einem Unfall den Schaden begutachten.
„Sabine, wir müssen reden."
„Reden wir."
„Ich hab nachgedacht… wir brauchen keine offene Beziehung."
„Wieso auf einmal?"
„Weil das eine ziemliche Dummheit ist."
„Was genau nennst du eine Dummheit?"
Markus verzog das Gesicht, suchte nach Worten. „Diese ganze Geschichte mit der Freiheit. Wozu überhaupt, wenn wir auch ohne sie gut gelebt haben?"
Sabine zog sich den einzigen freien Stuhl heran, schob die Socken vorher an den Rand, setzte sich und legte die Hände ruhig in den Schoß.
„Markus, du hast zwei Tage gebraucht, um zu lernen, wie man sich Essen aufwärmt, wo das Spülmittel steht und wie man seine eigenen Hemden abholt. Und jetzt willst du mir erzählen, wir hätten gut gelebt?"
„Ich war das eben nicht gewohnt. Das heißt doch nicht, dass…"
„Warte. Hör mir jetzt bitte zu Ende zu. Du hast am Donnerstagabend die offene Beziehung vorgeschlagen. Nach dem Essen, das ich gekocht habe. Am Tisch, den ich gedeckt habe. Du saßt in einem sauberen Hemd, das ich gebügelt hatte. Und dabei hast du gesagt, zu Hause soll sich nichts ändern. Hab ich da was falsch verstanden?"
„Ich hab eigentlich was anderes gemeint…"
„Ich verstehe genau, was du gemeint hast! Du wolltest treffen mit wem du willst, Zeit verbringen mit wem du willst, und zu Hause trotzdem saubere Wäsche, warmes Essen und eine aufgeräumte Wohnung bekommen. Und am besten soll ich noch lächeln und so tun, als wäre alles wunderbar. Weil das für dich heißt: zu Hause funktioniert alles. Für mich heißt das: ich mache das alles."
Markus löste sich von der Wand, kam näher und setzte sich ihr gegenüber.
„Sabine, ich hab einfach nicht nachgedacht…"
„Genau. Du hast nicht nachgedacht. Nicht zwei Tage lang, nicht eine Woche – siebzehn Jahre lang. Und dann hast du beschlossen, dem noch persönliche Freiheit obendrauf zu setzen."
Sabine sprach ruhig. Keine Tränen, kein Geschrei, keine abrupten Bewegungen. Das machte es für Markus noch schwerer. Einen Streit kann man aussitzen. Man kann sich ins Arbeitszimmer zurückziehen, den anderen sich beruhigen lassen, hinterher sagen, man hätte im Eifer des Gefechts übertrieben. Aber vor dieser ruhigen Rede seiner Frau gab es kein Verstecken. Sie legte ihre gemeinsame Ehe Stück für Stück auseinander und zeigte ihm jedes Detail, das er all die Jahre lieber nicht bemerkt hatte.
„Ich will keine offene Beziehung", sagte er leise.
„Das hab ich schon verstanden. Und was willst du jetzt?"
„Dass alles wieder wird wie vorher."
Sabine stand auf, ging zur Spüle und betrachtete den Abwasch. Dann drehte sie sich um.
„Wie vorher wird es nicht mehr, Markus. Weil ich nicht mehr so leben will wie vorher. Und weißt du, das ist mir bei Claudia im Garten besonders klar geworden."
„Und was jetzt?"
„Jetzt spülst du morgen dieses ganze Geschirr. Übermorgen kochst du das Abendessen. Deine Hemden bügelst du wenigstens jedes zweite Mal selbst. Oder bringst und holst sie selbst von der Reinigung. Den Müll trägst du raus, wenn du siehst, dass der Eimer voll ist – nicht erst, wenn ich dich dran erinnere."
„Ich kann überhaupt nicht bügeln!"
„Lernst du. Ich hab's schließlich auch gelernt."
„Dir fällt das leicht, du kannst das seit deiner Kindheit."
Sabine hob leicht die Augenbrauen. „Nein, Markus. Seit meiner Kindheit kann ich Zähne putzen und Schnürsenkel binden. Bügeln, kochen, Fenster putzen und den Spülkasten reparieren hab ich erst in dieser Wohnung gelernt. Weil das irgendjemand machen musste. Und aus irgendeinem Grund war dieser Jemand immer ich."
Er antwortete nicht. Aber in seinem Schweigen lag zum ersten Mal etwas Ungewohntes. Markus widersprach nicht, versuchte nicht, es ins Lächerliche zu ziehen, sagte nicht, sie würde übertreiben, suchte keinen Grund, die Küche zu verlassen. Er hörte einfach zu. Und an seinem Gesichtsausdruck erkannte Sabine, dass jedes Wort genau so bei ihm ankam, wie sie es gemeint hatte.
Am Montag wachte Sabine von einem merkwürdigen Geräusch auf. Zuerst wusste sie nicht, was sie geweckt hatte. Aus der Küche drang ein Zischen, dazwischen ein Knistern. Sie ging in den Flur und sah Markus am Herd stehen, im Unterhemd und Jogginghose, mit einem Pfannenwender in der Hand, kämpfend mit Spiegeleiern, deren Ränder schon deutlich dunkel geworden waren.
„Morgen", sagte er, ohne sich umzudrehen.
Auf dem Tisch standen bereits zwei Teller und zwei Gläser. Das Brot war ungleichmäßig geschnitten, zu dicke Scheiben. Die Butter hatte er schon vorher aus dem Kühlschrank geholt, sie war weich geworden und zerlief auf dem Teller. Daneben stand seine Kaffeetasse und noch eine – Sabines, noch leer.
„Ich weiß nicht, wie viel Zucker du magst", gab er zu.
Sabine trat näher, warf einen Blick in die Pfanne. „Dreh erst die Hitze runter, sonst brennt alles an."
Markus drehte gehorsam am Regler.
„Und drück die Eier nicht mit dem Wender an. Die werden von selbst fertig."
„Ich dachte, wenn ich drücke, geht's schneller."
„Nein. Nur zerreißt es."
Er verteilte die Eier vorsichtig auf die Teller. Eine Portion wurde deutlich größer. Die stellte er vor seine Frau.
„Zwei Löffel Zucker oder anderthalb?"
„Anderthalb."
Er runzelte die Stirn. „Wie geht das denn?"
„Ein voller Löffel und dann ein halber."
Markus nickte ernst, als hätte er eine wichtige technische Anweisung erhalten. Sabine probierte, sagte nichts und nickte nur leicht.
Sie aßen fast schweigend. Die Eier waren zu trocken, das Brot zu dick, der Kaffee zu heiß. Aber Markus aß dasselbe und schaute sie immer wieder an, ungewohnt aufmerksam. Wahrscheinlich hatte er sie seit zehn Jahren nicht mehr so angesehen. In diesem Blick lag etwas Unbeholfenes, fast Verlegenes – so, wie jemand plötzlich einen Gegenstand bemerkt, der jahrelang direkt vor seinen Augen stand, aber irgendwie unsichtbar geblieben war.
Am Mittwoch kam Markus früher als sonst nach Hause. Sabine hörte Geraschel im Flur und ging nachsehen. Er stand mit einer großen Einkaufstüte in der einen und einer kleinen in der anderen Hand. Aus der kleinen ragte der Rand einer Schachtel.
„Ich hab eingekauft. Und noch das hier."
Er holte ein kleines, zusammenklappbares Ärmelbrett heraus – so eins, wie man sie im Haushaltswarenladen kauft. Sabine sah verblüfft hin.
„Wofür ist das denn?"
„Für die Ärmel. Die Verkäuferin hat's mir erklärt. Sie meinte, ohne so ein Ding kriegt man das nicht ordentlich hin."
Sabine blickte vom Brett zu ihrem Mann, dann wieder zum Brett – und musste plötzlich lachen. Markus stand mit dem Ding in der Hand da, mit einem so ernsten Gesicht, als hätte ein Schulkind ein selbstgebasteltes Projekt zur Ausstellung gebracht und würde jetzt auf die Bewertung warten.
„Was? Hab ich schon wieder was Falsches gekauft?"
„Nein. Genau das Richtige. Du solltest dich nur gerade selbst sehen."
Er räumte die Tüte weg und packte die Lebensmittel aus. Auf dem Tisch landeten Hähnchen, Kartoffeln, Zwiebeln, Öl. Markus wandte sich seiner Frau zu.
„Ich will das Hähnchen mit Knoblauch versuchen, das du normalerweise machst."
„Du weißt nicht mal, welchen Knoblauch ich nehme."
„Normalen. Weißen."
„Ich nehme den violetten. Die Knollen sind kleiner, aber der Geschmack ist intensiver."
„Gut. Nächstes Mal nehm ich den. Kann ich den hier trotzdem verwenden?"
Sabine zuckte mit den Schultern und ging zurück ins Wohnzimmer. Ein paar Minuten später hörte sie das rhythmische Klopfen eines Messers auf dem Schneidebrett. Dann rauschte Wasser. Dann roch es nach erhitztem Öl. Danach folgte eine verdächtige Stille, dann ein leiser Fluch. Und wieder das Klopfen des Messers.
Sabine saß mit einem Buch auf dem Sofa, las aber kaum. Sie lauschte, wie zum ersten Mal seit sehr vielen Jahren jemand anderes als sie in der Küche wirtschaftete. Es fühlte sich ungewohnt an. Fremd. Fast beunruhigend. Als hätte jemand die Möbel in einem vertrauten Raum umgestellt und das Sonnenlicht fiele jetzt aus einem ganz anderen Winkel.
Nach einer Stunde rief Markus sie zu Tisch. Das Hähnchen war leicht versalzen. Die Kartoffeln blieben stellenweise fest. Den Knoblauch hatte er, statt ihn zu zerdrücken, in ordentliche Scheibchen geschnitten.
„Na, wie ist es?", fragte er sichtlich nervös.
Sabine kaute, trank einen Schluck Wasser. „Geht."
„Wirklich?"
„Wirklich. Nächstes Mal drückst du den Knoblauch erst mit der flachen Klinge platt. Und die Kartoffeln schneidest du dünner, dann garen sie gleichmäßiger."
Markus griff sofort zum Handy und tippte etwas. Sabine erhaschte einen Blick auf die geöffnete Notiz. Dort standen schon ein paar Zeilen: über die Bügeltemperatur für Hemden, dass man den Kragen besser von der Innenseite anfängt, dass Eier bei mittlerer Hitze gebraten werden sollten. Sie wandte sich ab und sagte nichts. In ihrer Kehle wurde es plötzlich eng und warm. Sabine trank hastig ein paar Schluck Wasser. Wegen ein paar Zeilen im Handy zu weinen, wäre lächerlich gewesen. Aber wenn man an siebzehn Jahre dachte, in denen diese Zeilen nie existiert hatten, war es gar nicht mehr komisch.
Am Freitagabend, genau eine Woche nach jenem Gespräch über die Freiheit, saßen sie in der Küche und aßen Pasta. Markus hatte sie gekocht, ein Rezept im Internet gefunden. Diesmal war das Essen tatsächlich ganz gut geworden. Nur von der Soße hatte er ungefähr doppelt so viel gemacht wie nötig.
„Ich hab heute über was nachgedacht", begann Markus und tupfte mit der Serviette einen Soßentropfen weg.
Sabine sah ihn an. „Schon wieder?"
„Nein. Nicht über die offene Beziehung. Ich hab gemerkt, dass ich überhaupt nicht weiß, wie dein Alltag eigentlich aussieht. Also, was du jeden Tag machst. Neben der Arbeit, natürlich. Hier zu Hause."
„Und in den letzten siebzehn Jahren hat dich das nie interessiert?"
Er senkte den Blick. „Ich dachte irgendwie immer, das meiste passiert von selbst."
Sabine legte die Gabel neben den Teller. „Nichts passiert von selbst, Markus. Kein sauberer Boden, kein frisches Hemd im Schrank, kein Abendessen, keine bezahlten Rechnungen, kein Arzttermin, kein Geschenk für deine Mutter zum Geburtstag. Hinter all dem steckt jemand. Und dieser Jemand war die ganzen Jahre ich. Jeden Tag. Nach meinem eigentlichen Job."
„Jetzt versteh ich das."
„Vor einer Woche hast du beschlossen, dass du dir alles Bequeme aus unserer Ehe behalten kannst, und den Rest quasi outsourcen lässt. Stimmt's?"
Markus hob beide Hände, gab sich geschlagen. „Gut. Ich geb's zu. Ich hab mich wie ein Idiot verhalten. Tut mir leid."
„Verhalten hast du dich so."
„Und ich brauche keine Freiheit mehr."
„Das hast du schon gesagt."
Sabine sah ihn eine Weile an. „Es gibt da nur noch eine Sache, die du nicht verstehst. Du willst, dass ich bleibe. Aber ich bin mir immer noch nicht sicher, ob das ist, weil du mich liebst. Vielleicht hast du nur gesehen, dass dein gewohntes Leben ohne mich innerhalb von zwei Tagen im Chaos versinkt. Und das ist eigentlich ziemlich traurig."
Markus schwieg lange. Diesmal lag in der Stille kein Groll, kein Widerspruchsdrang mehr. Eher das Eingeständnis, dass es sinnlos war, gegen das Offensichtliche anzukämpfen.
„Du hast recht", sagte er schließlich. „Aber ich will das wirklich ändern. Anders leben, es versuchen."
„Was bedeutet für dich anders?"
„Ehrlicher. Zum Beispiel koche ich zweimal die Woche das Abendessen. Am Wochenende mach ich sauber. Meine Hemden bügle ich selbst. Und wenn ich was vergesse – schreib ich's mir aufs Handy. Ich weiß, dass ich nicht sofort alles behalte. Aber ich geb mir Mühe."
Sabine betrachtete ihren Mann. Vor siebzehn Jahren hatte sie sich in einen Mann verliebt, der ihr schöne Blumen brachte und die richtigen Worte fand. Jetzt saß ihr Markus mit einem Soßenfleck auf dem T-Shirt gegenüber und einer Handynotiz über Bügeltemperaturen. Und ausgerechnet jetzt wirkte er echter auf sie als in all den Jahren zuvor.
„Gut", sagte sie.
Markus hob vorsichtig den Blick. „Gut?"
„Wir versuchen es."
Er atmete hörbar aus, als hätte ihm gerade ein Arzt mitgeteilt, dass eine schwierige Operation erfolgreich verlaufen war. Dann griff er nach ihrem Teller. „Noch was drauf?"
„Nein. Aber heute spülst du."
„Weiß ich doch", antwortete Markus. Und lächelte zum ersten Mal in dieser Woche ohne diese selbstzufriedene Miene. Als hätte er begriffen: Das war weder ein Sieg noch eine Vergebung, sondern nur die erste kleine Rate einer großen Schuld, die er noch abzuzahlen hatte.
Sabine stand vom Tisch auf, machte ein paar Schritte zur Tür und blieb stehen.
„Markus."
„Ja?"
Sie drehte sich um. „Falls du mir jemals wieder eine offene Beziehung vorschlägst – dann sag ich beim nächsten Mal wirklich zu."
Neun Monate später, im Mai, packte Sabine für einen Wochenendausflug nach Freiburg ihre Tasche – diesmal zu zweit, mit Markus. Beim Aufräumen des Küchenschranks fand sie zufällig ein altes Schulheft, in dem er all die Notizen von damals nachträglich sauber abgeschrieben hatte: Bügeltemperaturen, Knoblauchsorten, wie viel Salz ins Nudelwasser gehört. Auf der letzten Seite stand, mit Datum vom Sonntag nach jenem Wochenende bei Claudia, ein einziger Satz, den er nie erwähnt hatte: „Ich hab heute zum ersten Mal begriffen, dass ich sie hätte verlieren können." Sabine hat das Heft nicht zurückgelegt. Es liegt jetzt in der Küchenschublade, zwischen den Kochlöffeln, griffbereit für den Tag, an dem Markus wieder vergisst, wie viel anderthalb Löffel Zucker eigentlich sind.
