Zehn Sätze, die alles änderten

Es war mein dritter Prozesstag in dieser Woche, und ich hatte schon vergessen, wann die Heizung das letzte Mal richtig funktioniert hatte. Das Amtsgericht Köln, Saal 17, stickig und grau. Die Angeklagte hieß Leyla Yılmaz, das wusste ich aus der Akte. Sie trug eine abgewetzte Lederjacke und sah aus, als hätte sie seit Wochen nicht richtig geschlafen.

Richter Dr. Meinhardt war gereizt. Er hatte an diesem Tag schon zwei Routinesachen hinter sich, und nun dieser Betrugsfall mit einem angeklagten Schaden von 250.000 Euro – so stand es im manipulierten Vertrag, der Grundlage der Anklage war. Die Firma, ein Import-Export-Unternehmen aus dem Gewerbegebiet in Eschweiler, wollte Blut sehen. Als Meinhardt die Angeklagte nach ihrer Qualifikation fragte, kippelte er auf seinem Stuhl. „Übersetzerin also. Wie viele Sprachen sprechen Sie? Drei? Vier? Oder doch nur Küchentürkisch und Schulenglisch?“

Ein Raunen ging durch den Zuhörerraum. Leyla schwieg einen Moment, dann antwortete sie, ohne mit der Wimper zu zucken: „Zehn. Ich spreche zehn Sprachen fließend.“ Der Richter lachte trocken. „Zehn! Na, dann beweisen Sie mal.“

Und da, genau in dieser Sekunde, begann sie. Auf Englisch: *I am innocent and I can prove it.* Auf Türkisch: „Ben masumum ve bunu kanıtlayabilirim.“ Auf Arabisch klang derselbe Satz wie eine Klinge, die sauber durch Papier geht. Dann Mandarin, dabei tippte sie mit dem Finger auf die Luft, als würde sie Schriftzeichen zeichnen. Russisch, hart und schnell. Japanisch, mit einer Verbeugung des Kopfes, kaum merklich. Ich zählte mit, weil ich es protokollieren musste: sechs Sprachen, sechs verschiedene Sätze, und ich hatte die Stifthand schon zittern, bevor ich begriff, dass ich sie ruhig halten wollte. Der Dolmetscher, ein alter Hase, der drei Reihen hinter mir saß, murmelte ein anerkennendes „Verdammt!“.

Das Lachen war wie weggeblasen. Meinhardt ließ den Stuhl nach vorne knallen. „Also gut, Frau Yılmaz. Dann erklären Sie uns, wie dieser Vertrag auf Mandarin plötzlich um eine Viertelmillion teurer wurde.“ Sie trat an den Tisch, zog den Reißverschluss ihrer Aktentasche auf und holte einen Schnellhefter heraus. Darin die Kopien der Originaldokumente, die sie angefertigt hatte, bevor ihr Chef, ein gewisser Herr Körber, sie „aus Versehen“ geschreddert hatte. Die chinesischen Schriftzeichen zeigten deutlich, wo mit einem feinen Strich aus einer 2 eine 3 gemacht worden war – eine von mehreren solchen Änderungen, wie sich später zeigen sollte. Sie hatte nicht nur die Sprachen im Kopf, sondern auch ein fotografisches Gedächtnis für Zahlen.

Es dauerte keine halbe Stunde, bis der externe Gutachter aus Hamburg, per Video zugeschaltet, bestätigte: Die Manipulation lag im Original. Leyla hatte nichts falsch übersetzt. Sie hatte den Betrug nur auffliegen lassen. Und der Gutachter fügte etwas hinzu, das den Saal noch stiller machte, als er ohnehin schon war: Der geprüfte Vertrag sei nicht der einzige gewesen. In den letzten drei Jahren habe es mindestens acht ähnliche Verträge mit derselben Handschrift gegeben. Die 250.000 Euro waren nur die Spitze.

Körber, der bis dahin mit verschränkten Armen und gelangweilter Miene auf der Besucherbank gesessen hatte, war plötzlich käseweiß. Ich sah, wie seine Finger sich in den Stoff seiner Hose gruben, als wollte er sich daran festhalten. Zwei Beamte, die diskret am Eingang gewartet hatten, führten ihn ab. Nicht widerstandslos, er schrie noch etwas von „Rufmord“, aber Meinhardt schlug nur mit der flachen Hand auf den Tisch und rief: „Raus!“. Ich hörte auf zu schreiben. Zum ersten Mal in drei Jahren als Protokollführerin ließ ich den Stift einfach liegen, weil meine Hand mir nicht gehorchte.

Leyla blieb einfach stehen. Sie schien jetzt größer, obwohl sie keine Schuhe mit Absatz trug. Dann zog sie ein zweites, bereits gestempeltes Dokument aus der Tasche – die Zivilklage, die ihr Anwalt vorbereitet hatte. Schadensersatz: 147.000 Euro. „Für die entgangenen Aufträge und den Ruf, den man mir beinahe genommen hätte“, sagte sie. Sie legte es neben die Akte des Richters, als würde sie eine Getränkebestellung aufgeben. Meinhardt registrierte es nur, dann vertagte er die Sache für die Urteilsverkündung auf den nächsten Morgen. Leyla verließ den Saal, ohne jemanden anzusehen. Nur kurz blieb sie bei der Tür stehen, strich sich den Knoten aus den Haaren und ging.

Sechs Monate später kündigte ich meine Stelle als Protokollführerin. Die neuen Kanzleien im Erdgeschoss waren günstig, und ich richtete mich als freie juristische Assistentin ein. Beim Ausmisten der alten Unterlagen stieß ich auf ein an mich adressiertes Kuvert – ohne Briefmarke, persönlich abgegeben, laut Stempel vom Empfang. Es war von Leyla Yılmaz. Sie schrieb, dass Körber in zweiter Instanz endgültig verurteilt worden sei und seine Haftstrafe absitze. Der wahre Schaden habe sich am Ende auf fast sieben Millionen Euro summiert, über Jahre hinweg zusammengetragen aus Dutzenden Verträgen. Ihre eigene Zivilklage habe sie gewonnen: Die 147.000 Euro seien ihr in voller Höhe zugesprochen worden, ausgezahlt aus der Insolvenzmasse der Firma. Und dann stand da noch etwas, das mich meinen Kaffee kalt werden ließ: „Seine Tochter, die Jura studieren wollte, hat jetzt ein Stipendium. Ich habe es anonym eingerichtet, über einen kleinen Verein in Altona. Nicht für ihn. Für das Mädchen.“

Ich faltete den Brief zusammen und steckte ihn in die Schublade, in der ich mein erstes Honorar aufbewahrt hatte. Draußen fiel der erste Schnee des Jahres, dick und lautlos auf die Fensterbank. Ich schob die Schublade zu und blieb einen Moment mit der Hand auf dem Holz stehen, spürte die Kälte des Griffs, bevor ich das Licht ausmachte und ging.

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Uniad
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