Der Zettel im Aktendeckel

Ich habe drei Wochen gebraucht, um zu begreifen, dass meine Schwiegermutter mich nicht deshalb hasst, weil ich ihre Tochter geheiratet habe. Sie hasst mich, weil ich derjenige war, der am Ende des Sommers 1994 im Streifenwagen saß, als in Bad Lauchstädt etwas passierte, worüber in unserer Familie bis heute keiner offen redet.

Ich heiße Jürgen Baldauf, war neunundzwanzig, Streifenpolizist im Saalekreis, verheiratet mit Marlene seit zwei Jahren. Ihre Mutter, Editha Rösler, führte damals eine kleine Weberei am Stadtrand, unten am Geiseltalsee, dort, wo die Straße noch aus Kopfsteinpflaster war und im Spätsommer nach Heu und nach dem Fluss roch. Und in dieser Weberei arbeitete eine junge Frau namens Zilli — eine Sintiza aus einer Familie, die seit Generationen in der Gegend Körbe flocht und Pferde behandelte, wenn kein Tierarzt kam.

Was in jener Nacht geschah, kenne ich anders, als es in der Nachbarschaft erzählt wird. Wir waren zu dritt im Wagen — ich, mein Kollege Holger und der Dienstälteste, Wachtmeister Brenner, ein Mann, der schon zu DDR-Zeiten Streife gefahren war und Regeln hatte, die niemand außer ihm kannte. Es gab eine Anzeige wegen angeblich gestohlener Ware aus der Weberei. Editha selbst hatte angerufen. Wir fuhren raus, es war schwül, die Frösche am See waren so laut, dass man das Funkgerät kaum hörte.

Ich sage nicht, dass ich unschuldig war. Ich stand daneben. Ich habe nichts getan, um Brenner zu stoppen, als er die Stimme hob und Zilli an der Schulter packte, weil sie sich weigerte, ihre Tasche zu öffnen — eine Tasche mit getrockneten Kräutern für ihre kranke Großmutter, wie sich später herausstellte, nichts von der Ware. Ich habe weggeschaut. Das ist meine Wahrheit, die ich seit zweiunddreißig Jahren mit mir herumtrage: Ich habe nicht zugeschlagen, aber ich habe zugelassen.

Zilli starb noch in derselben Nacht am Ufer des Sees. Im Bericht stand "Unfall beim Fluchtversuch". Niemand wurde belangt. Editha unterschrieb die Aussage, die man ihr vorlegte, ohne sie zu lesen — das hat sie mir Jahre später selbst gestanden, an einem Weihnachtsabend, als sie schon zu viel Eierlikör getrunken hatte.

Ich erzähle das nicht, um mich reinzuwaschen. Ich erzähle es, weil ich derjenige bin, der seit diesem August jede Nacht denselben Traum hat: Wasser, dunkel und reglos, und darin ein Gesicht, das mich ansieht, ohne Vorwurf, nur wartend.

Marlene und ich zogen 1996 nach Halle, weit weg vom See, weit weg von Editha. Ich verließ den Dienst zwei Jahre später — offiziell wegen einer Rückenverletzung, in Wahrheit, weil ich es nicht ertrug, die Uniform anzuziehen. Wir bekamen eine Tochter, Franziska. Editha kam selten zu Besuch, und wenn sie kam, saß sie am Küchentisch und sagte nichts, bis sie plötzlich, mitten im Satz über irgendetwas Belangloses, zu weinen anfing.

Erst 2019, als sie krank wurde, erzählte sie mir den Rest. Zillis Großmutter, eine alte Frau namens Voika, war noch in derselben Woche zur Weberei gekommen. Sie hatte nichts geschrien, nichts gedroht. Sie hatte nur an der Tür gestanden, Editha in die Augen gesehen und gesagt: "Was du zugelassen hast, wird deinem Haus folgen. Nicht dir. Deinem Haus." Dann war sie gegangen.

Editha lachte darüber jahrelang — bis ihr Mann, mein Schwiegervater, 1997 bei einem Brand in der Weberei starb, den niemand erklären konnte. Bis ihr Sohn, Marlenes Bruder, sich 2003 das Leben nahm, drei Tage nach seinem einunddreißigsten Geburtstag, ohne einen Brief, ohne ein Wort. Bis die Bank die Weberei 2011 zwangsversteigerte, weil Editha, aus einem Grund, den sie nie erklären konnte, aufhörte, die Raten zu zahlen, als hätte sie es aufgegeben, für irgendetwas zu kämpfen.

Ich glaubte nicht an Flüche. Ich glaube noch immer nicht recht daran. Aber ich weiß, was ich in Edithas Gesicht sah, als sie mir das erzählte: die Gewissheit einer Frau, die ihr ganzes Leben lang auf eine Rechnung gewartet hat, von der sie wusste, dass sie kommt.

Sie starb im März 2022. Auf der Beerdigung, in Merseburg, an einem kalten Tag mit nassem Schnee, der auf den Grabsteinen liegen blieb, kam eine Frau, die niemand von uns kannte. Mittvierzig, dunkles Haar unter einem grauen Kopftuch. Sie stellte sich als Rosana vor, Voikas Enkelin, Zillis Nichte. Sie sagte nur: "Ich wollte sehen, ob es zu Ende ist." Dann drehte sie sich um und ging zwischen den Gräbern davon, bevor Marlene sie überhaupt etwas fragen konnte.

Nach der Beerdigung, beim Ausräumen von Edithas Wohnung in Merseburg, fanden Marlene und ich eine Blechdose unter dem Kleiderschrank. Darin: ein altes Foto der Weberei, ein Zeitungsausschnitt von 1994 — eine kurze Notiz, drei Sätze, "tödlicher Unfall am Geiseltalsee" — und ein Umschlag mit meinem Namen darauf, in Edithas Handschrift.

Im Umschlag lag kein Brief. Nur eine Kontonummer und ein Zettel: "Das Grundstück am See gehört rechtmäßig der Familie Bănică. Ich habe es nie zurückgegeben. Tu es." Es stellte sich heraus, dass Editha vor Jahren, still und ohne mit jemandem zu sprechen, das Ufergrundstück gekauft hatte, auf dem einst die Weberei stand — dasselbe Stück Land, auf dem Zillis Familie vor der Vertreibung Wagen und Pferde untergestellt hatte, bevor die Gemeinde es ihnen 1962 aberkannt hatte. Sie hatte es all die Jahre gehalten, ohne ein Wort zu Marlene, ohne ein Wort zu mir.

Ich fuhr eine Woche später allein zum See. Fand über das Katasteramt die Adresse von Rosana, in einer Plattenbausiedlung am Rand von Merseburg. Sie öffnete mir misstrauisch, ließ mich aber schließlich in die Küche, wo ein Kanarienvogel in einem Käfig saß und ein Radio leise irgendeinen Schlager spielte.

Ich legte den Grundbuchauszug auf den Tisch, dazu die Vollmacht, die ich beim Notar in Halle hatte aufsetzen lassen, und den Umschlag mit Edithas Zettel. "Das Grundstück gehört Ihnen", sagte ich. "Ich habe es diese Woche überschreiben lassen. Fünftausendzweihundert Quadratmeter, Uferzone, Bewertung neunundsiebzigtausend Euro. Und das hier" — ich schob ihr das alte Zeitungsblatt zu — "ist alles, was jemals über Zilli geschrieben wurde. Ich dachte, Sie sollten es haben, damit es nicht in einer Blechdose verstaubt."

Rosana nahm die Papiere nicht sofort. Sie stand auf, holte zwei Gläser, füllte sie mit Wasser aus dem Hahn und stellte eins vor mich hin. "Meine Großmutter hat nie von Rache gesprochen", sagte sie. "Nur davon, dass Dinge zurückkommen müssen, wo sie hingehören." Sie trank einen Schluck, sah mich über den Rand des Glases an. "Zweiunddreißig Jahre. Das ist eine lange Zeit, um zuzusehen."

"Ja", sagte ich. Mehr hatte ich nicht zu sagen.

Sie unterschrieb die Übernahmeerklärung noch am selben Nachmittag am Küchentisch, während der Kanarienvogel gegen das Gitter pickte und draußen ein Müllwagen rückwärts über den Hof rangierte. Sie fragte nicht nach Verzeihung, ich bot sie nicht an. Als ich ging, stand sie in der Tür und sagte nur: "Sagen Sie Ihrer Frau, das Konto ist jetzt zu, das alte." Ich wusste nicht, welches Konto sie meinte, und fragte auch nicht mehr.

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