Ich mochte den Regen eigentlich. Wenn ich mit den Kindern in unserem kleinen Garten in Hamburg-Blankenese stand und die Tropfen auf den alten Rhododendronbüschen trommelten, roch die Luft nach Erde und irgendwie nach Meer, obwohl die Elbe ein ganzes Stück weg war. Aber an diesem Morgen war der Regen mein Feind.
Ich hörte Herrn von Brahm schon im Flur, bevor er die Terrassentür aufriss. Seine Schritte auf dem Eichenparkett – immer dieses harte, metronomgleiche Klackern, selbst an einem Samstagmorgen um halb acht. Die Tür flog auf, und da stand er, noch im Morgenmantel aus dunkelblauer Seide, das Haar perfekt, kein Fitzelchen Bartstoppel außerhalb der Linie. Und in seinen Augen diese Mischung aus Ekel und endgültigem Urteil, die ich in drei Jahren nie losgeworden bin.
»Frau Meier.« Nicht ›Guten Morgen‹, nicht ›Was ist hier los?‹. Nur mein Name, wie ein Schlussstrich.
Ich hielt Lotte auf der Hüfte. Matsch klebte an ihren Gummistiefeln und an meinem alten Friesennerz. Jonas und Paul standen hinter mir, patschnass, und auf dem frisch geharkten Kiesweg vor uns prangte das Objekt des Anstoßes: eine gigantische, perfekt runde Matschpfütze, gespeist von der verstopften Dachrinne über dem Geräteschuppen. Die Jungs hatten gerade eine ganze Flotte aus Walnussschalen hineingesetzt.
»Wir backen einen Schlammkuchen für Papa«, erklärte Jonas, der mit seinen sieben Jahren immer noch glaubte, Logik könne die Wogen glätten. »Einen ganz großen. Mit Steinen als Schokolade.«
Herr von Brahm sah nicht seinen Sohn an. Er sah mich an. Und die Pfütze. Und dann wieder mich. »Ich zahle Ihnen ein Spitzengehalt, damit meine Kinder Französisch lernen und den richtigen Umgang mit dem Fünf-Gang-Menü üben. Nicht, damit sie im Dreck suhlen wie… wie Straßenköter. Sie sind entlassen. Sofort. Packen Sie Ihre Sachen.«
Mir wurde kalt, aber nicht wegen des Wetters. Ich setzte Lotte ab, ihre kleine Hand krallte sich sofort in meine Regenjacke.
»Herr von Brahm, es geht nicht um Dreck«, sagte ich, so ruhig ich konnte. Mein Herz hämmerte. »Jedes Kind hat ein Recht darauf, sich dreckig zu machen. Das ist Entwicklungspsychologie, das ist…«
Er schnitt mir das Wort ab, indem er die Hand hob, eine einzige präzise Bewegung. »Entwicklungspsychologie. Ich hatte als Kind auch manchmal Dreck an den Händen, und wissen Sie, was ich daraus gelernt habe? Dass es nichts bringt. Nichts. Disziplin bringt etwas. Perfektion. Das ist die Sittlersche Erblast, und die gebe ich weiter. Nicht Ihre Bauernregeln aus irgendeinem Dorf in der Uckermark. Sie haben eine Stunde. Mein Anwalt setzt das Schreiben auf, und ich werde dafür sorgen, dass Sie in Hamburg nie wieder eine Stelle in einem anständigen Haus finden werden, sollten Sie es wagen, schlecht über diese Familie zu reden. Gehen Sie mir aus den Augen.«
Er drehte sich um, eine perfekte Kehrtwende auf seinen italienischen Lederslippern, und verschwand im Haus. Das Klackern der Schritte entfernte sich.
Jonas fing an zu weinen. Paul, der mit sechs der Pragmatiker der Bande war, knetete stumm einen Klumpen nassen Lehms zwischen den Fingern. Lotte sagte nur: »Papa ist wieder traurig.«
Ich hätte gehen sollen. Einfach die Gummistiefel ausziehen, meinen kleinen Koffer aus dem Dachzimmer holen und zur S-Bahn-Station Blankenese runterlaufen. Der Spätsommerregen war warm, fast freundlich. Aber da war dieser Karton.
Vor zwei Wochen hatten die Kinder oben unterm Dach Laternen fürs Martinsfest gesucht. Paul hatte zwischen alten Staffeleien den Karton entdeckt, flach, ohne Klebeband, nur eingesteckter Deckel. Jonas hatte ihn aufgezogen. Lotte hatte als Erste reingegriffen und ein Foto rausgezogen.
Die Jungs brachten mir den Karton runter in die Küche. Lose Bilder, gewellt von alter Feuchtigkeit, kein Album. Darauf ein Junge mit sehr ernsten Augen und einer kleinen, gezackten Sichel am Hals. Herr von Brahm.
Auf den Fotos war der Junge schlammbedeckt. Hockte in einer Pfütze, formte eine Matschburg, auf einem anderen Bild zusammen mit einem Mann – seinem Vater, sagten die Kinder. Lotte nannte ihn ›der lachende Opa‹. Der Mann auf dem Foto lachte breit und zahnlückig, und der kleine Junge lachte auch. Die beiden sahen aus wie zwei Bäcker in einer Katastrophenkonditorei.
Damals hatte ich den Karton zurück ins Atelier getragen, ganz nach oben ins Regal, hinter die Aquarellblöcke. Es fühlte sich wie ein Einbruch an. Die Kinder haben nie gefragt, warum ihr Vater nie von diesem Opa spricht. Sie haben einfach das Bild aufgehängt – mit Magneten an der Kühlschranktür, zwischen Einkaufszettel und Stundenplan. Hing noch heute da.
Im Atelier, das im umgebauten alten Geräteschuppen untergebracht war – ein Geschenk für seine verstorbene Frau, eine freie Künstlerin, und der Grund, warum ich meinen Job so geliebt hatte, trotz allem – holte ich die Kinder an den großen Maltisch. Meine Hände zitterten, als ich ihnen das dicke Aquarellpapier hinschob. Die Entscheidung war gefallen. Wenn ich schon gehen muss, dann wenigstens mit einem lauten Knall.
»Malt mir ein Bild«, sagte ich. »Einen Ort, an dem euer Papa glücklich sein könnte. So richtig glücklich. Aber er muss selbst drauf sein. Nicht im Anzug. Als Kind vielleicht. So, wie er war, bevor er vergessen hat, wie man lacht.«
Jonas griff sofort zu den Buntstiften. Paul malte mit Wasserfarben, die Zunge zwischen den Zähnen. Lotte kleckste mit Fingerfarben und erklärte dabei sehr ernst einer imaginären Maus ihren Bildaufbau.
Eine halbe Stunde später nahm ich das Bild von Jonas. Es zeigte eine wilde Landschaft hinter einem großen Haus – unserem Haus – mit einem riesigen, schiefen Baum, drei Strichmännchen-Kindern und einer Figur, die halb in einem braunen Fleck aus wildgemaltem Matsch stand. Die Figur trug eine Art blauen Overall, aus dem dünne, nackte Arme ragten. Und am Hals, ganz genau platziert, prangte mit dunkelbraunem Buntstift ein winziger, schiefer Halbmond.
»Jonas«, sagte ich, und meine Stimme war plötzlich ganz dünn. »Das da am Hals – woher weißt du das?«
Jonas schaute nicht mal auf. »Sieht man doch, wenn er schwimmt. Ist immer da. Wie deine Sommersprossen. Deswegen ist er das auf dem Bild. Im Matsch. Weil man da glücklich ist. Hast du doch gesagt.«
Da ging die Tür auf. Herr von Brahm stand im Rahmen. Ich hatte mein Handy in der Hand und wollte gerade ein Foto von den Bildern machen, für mich, als Erinnerung an diesen letzten, verrückten Tag. Er nahm mir das Bild von Jonas fast aus der Hand. Sah es an. Alle Farbe wich aus seinem Gesicht, und er presste die Lippen zu einem dünnen, blutleeren Strich zusammen.
»Wer hat Ihnen gesagt, dass Sie das mit den Kindern spielen dürfen?« Seine Stimme klang nicht laut. Sie klang, als ob eine sehr tiefe Wunde plötzlich aufriss.
»Ich wollte ihnen keinen Dreck beibringen, Herr von Brahm. Ich wollte ihnen zeigen, dass Erinnerungen nichts sind, wofür man sich schämen muss. Auch der Schlamm nicht. Auch der Kummer nicht. Ihr Sohn hat den Karton gefunden, vor zwei Wochen. Ich hab ihn ins Atelier gestellt, ins Regal. Paul hat mir erzählt, der Opa auf dem Bild sei gestorben, als Sie so alt waren wie er jetzt, ein Traktorunfall draußen auf dem Gut in Mecklenburg. Er hat’s von den Kindern Ihrer Cousine, auf dem letzten Geburtstag. Mehr weiß ich nicht. Sollte ich’s wohl auch nicht. Aber Ihre Kinder wissen es jetzt. Und sie malen.«
Ein Muskel an seinem Kiefer zuckte. Er sagte nichts. Er nahm nur das Bild, drehte sich um und ging, quer über den nassen Rasen. Weg von der Garage, weg vom Auto. Er ging auf den Geräteschuppen zu, an dem ich nur deshalb die verstopfte Rinne entdeckt hatte, weil das Fallrohr bei jedem stärkeren Schauer ein Geräusch machte wie eine verrostete Posaune.
Wir hörten ihn. Erst das Knarzen der alten Holztür. Dann eine lange Stille. Und dann ein ersticktes, animalisches Schluchzen. Der Mann, der nie eine Krawatte falsch gebunden hatte, stand in einer Abstellkammer, die nach Mottenkugeln und altem Holz roch, umringt von den Geistern seiner eigenen Kindheit, und weinte.
Als er herauskam, sah er anders aus. Als hätte jemand eine eiserne Stütze aus seinem Rückgrat gezogen. In der einen Hand ein kleines, angerostetes Blechschächtelchen – ich sah später, dass alte Traktor-Matchboxautos drin waren, eins davon die exakte Kopie des Modells, das Jonas sich seit Monaten wünschte. In der anderen Hand ein Paar winzige, steinhart gewordene rote Gummistiefel. Er stellte sie neben der Tür ab, als wären sie aus Glas. Dann zog er seine handgenähten Budapester aus, streifte die Socken von den Füßen und krempelte die Hosenbeine seiner Maßhose hoch, so weit es der Stoff zuließ.
Er sah mich an. Seine Augen waren rot, und sein Atem ging flach.
»Ich…«, begann er, brach ab. Suchte nach Worten, fand keine.
Dann machte er den ersten Schritt. Barfuß. In die große, braune Pfütze. Der Matsch quoll zwischen seinen Zehen hervor. Er blieb einfach stehen, eine volle Minute, die Füße im Schlamm, den Blick auf den gemalten kleinen Jungen im blauen Overall in seiner Hand gerichtet.
Paul rannte los. Mit einem Jauchzer, der jedes Herrentier im Wildgehege Klövensteen aufgescheucht hätte, sprang er von hinten in die Pfütze. Eine Welle aus braunem Wasser klatschte gegen die Knie seines Vaters, der Mann taumelte, fing sich und starrte auf die Sauerei auf dem teuren englischen Stoff.
Und dann lachte er. Ein kurzes, bellendes Bellen zuerst, als hätte er vergessen, wie es geht. Dann ein tiefes, glucksendes, unkontrollierbares Lachen, das aus dem Bauch zu kommen schien. Lotte paddelte auf allen vieren durch den Morast wie ein kleiner Seehund. Jonas warf eine Handvoll Schlamm gegen das weiße Gartentor und traf es mit einem satten Klatscher.
Ich stand abseits, die Arme um mich selbst geschlungen. Koffer stand schon neben dem Rhododendron. Für mich war der Zug abgefahren. Ich hatte nur die Tür aufgeschlossen. Den Rest mussten sie selbst tun.
Nach einer Weile kam er zu mir. Sein Hemd klebte ihm am Körper, das Haar war eine einzige, braune Katastrophe. Er war kaum wiederzuerkennen.
»Bitte«, sagte er, und es war eine echte Bitte. Keine Anweisung. »Gehen Sie nicht. Ich habe mich geirrt. In allem. Die Kinder brauchen Sie doch. Sie sind…« Er stockte. »…die Einzige, die uns sehen kann. Wir brauchen Schlammkuchen. Und Sie. Als Übersetzerin für den Matsch. Bitte.«
Ich sah zu den drei verdreckten, überglücklichen Kindern, die mitten in der größten Pfütze Hamburgs saßen und ihren Vater mit kleinen, nassen Lehmbatzen bewarfen. Er zuckte bei jedem Treffer zusammen, aber sein Lachen wurde tiefer.
»Eine Bedingung«, sagte ich und nahm das Bild von Jonas vom Boden auf, legte es auf die Terrassenbank und strich das zerknitterte Papier mit der flachen Hand glatt. »Das kommt an die Wand. In Ihrem Arbeitszimmer. Da, wo sonst die ganze strenge Kunst hängt. Als Vertrag. Zwischen Ihnen und dem Jungen, der Sie mal waren. Wenn Sie den Mut dafür haben, dann – ja. Dann mach ich morgen früh um neun wieder auf. Mit Gummistiefeln und einer neuen Schaufel.«
Er sah das Bild an. Eine Sekunde blitzte die alte, angelernte Angst in seinen Augen auf. Dann atmete er aus. Die Angst erlosch.
»Abgemacht«, sagte er und streckte mir seine schlammige Hand entgegen. Ich schlug ein. Der Matsch war kalt und körnig zwischen unseren Fingern.
Paul kam angerannt, barfuß, ein braunes Monstrum mit Grübchen. »Papa? Können wir jetzt den Schlammkuchen essen?«
Herr von Brahm wischte sich mit dem schmutzigen Handrücken übers Gesicht. Der Dreck blieb als Streifen auf seiner Wange. »Nein, Paul. Aber wir können neue backen. Ich zeig euch, wie man früher welche gemacht hat. Mit Blättern als Teller. Und Steinen als Schokolade. Genau wie Jonas gesagt hat. Komm.«
Er nahm Pauls Hand – die schlammige in der schlammigen – und ging mit ihm zur Pfütze zurück. Jonas drückte mir Lotte in den Arm und lief hinterher. Ich blieb stehen, meinen kleinen Koffer neben mir, und sah zu, wie der Mann im ruinierten Morgenmantel sich niederhockte und mit bloßen Händen eine neue Matschburg zu bauen begann. Lotte zappelte an meiner Hüfte, wollte runter.
»Kakao?«, fragte sie.
Ich dachte kurz nach. »Heißer Kakao gegen kalten Matsch«, sagte ich. »Wenn wir ganz viel Sahne drauftun, ist es noch besser. Was meinst du?«
Sie nickte heftig, die nassen Zöpfe schlugen gegen meine Schulter. Ich setzte sie ab und ging in die Küche, setzte Milch auf, holte den Kakao aus dem Schrank. Durchs Fenster sah ich die vier draußen, drei kleine Gestalten und eine große, alle über eine Schlammburg gebeugt. Herr von Brahm formte Türme. Lotte steckte winzige Stöckchen als Fahnen drauf.
Ich stellte vier Becher auf ein Tablett, einen für mich ließ ich gleich dort. Meinen Koffer trug ich vom Garten rein, vorbei an der Kühlschranktür, wo das Foto vom lachenden Opa immer noch hing, ein bisschen schief, mit einem Magneten in Form einer Kuh. Morgen früh würde ich ihn fragen, ob er für dieses Foto vielleicht auch endlich einen Rahmen haben wollte.
