Ich verkaufe seit elf Jahren Bratwurst und Backfisch auf dem Flohmarkt am Tempelhofer Feld, jeden Samstag, egal ob es schüttet oder die Sonne draufknallt. In der Zeit habe ich so ziemlich alles gesehen: Diebe, die mit Kartons voller Nippes abhauen, Liebespaare, die sich am Nachbarstand trennen, einmal sogar eine Geburt hinter dem Bierwagen. Aber was letzten Samstag am Stand von Herrn Brandner passiert ist, das geht mir bis heute nicht aus dem Kopf.
Herrn Brandner kenne ich seit Jahren vom Sehen. Ein hagerer älterer Herr, immer mit derselben Wollmütze, auch im August, weil ihm angeblich am Feld ständig der Wind um die Ohren pfeift. Er steht drei Stände von mir entfernt, direkt neben dem Mann, der gebrauchte Werkzeuge verkauft, und riecht immer nach dem Kaffee aus der Thermoskanne, die er von zu Hause mitbringt. Seit ein paar Monaten sitzt neben ihm im Rollstuhl seine Enkelin, ein schmales Mädchen mit Zahnspange, die er als Lina vorstellt, wenn man fragt. Und man fragt zwangsläufig, weil die beiden verkaufen keine Elektroschrott-Kisten oder alte CDs wie die meisten hier, sondern selbstgenähte Babydecken. Bunte, mit Filzapplikationen, kleine Elefanten und Sterne draufgesteppt. Wunderschön gemacht, muss ich sagen, obwohl der Alte, wie er selbst zugibt, das Nähen erst mit über siebzig gelernt hat.
Ich weiß von der Frau am Kartoffelpuffer-Stand, dass Lina vor etwa einem Jahr einen schweren Autounfall hatte. Eine Freundin hat sie von der Schule abgeholt, ein anderer Wagen ist ins Schleudern gekommen, frontal rein. Seitdem sitzt das Mädchen im Rollstuhl, und die Ärzte an der Charité sollen gesagt haben, es gäbe eine Chance, dass sie wieder laufen lernt — aber nur mit einer intensiven Reha, die die Krankenkasse nicht vollständig übernimmt. Ich hab gehört, es geht um etwas über zwölftausend Euro, die die beiden noch aus eigener Tasche zusammenkriegen müssen. Zwölftausend Euro, wenn man Decken für fünfzehn Euro das Stück verkauft und tagsüber noch Doppelschichten im Netto um die Ecke schiebt — das ist eine Wand, die man mit bloßen Händen abträgt, Stein für Stein.
An dem Samstag war es einer dieser drückend schwülen Berliner Augusttage, an denen die Luft über dem Asphalt flimmert und man den Döner-Grill zwei Reihen weiter schon von Weitem riecht. Ich hatte gerade eine Currywurst über den Tresen gereicht, als ich aus dem Augenwinkel einen Mann bemerkte, der zielstrebig durch die Gänge kam. Kein Bummler, kein Schnäppchenjäger — der wusste genau, wohin er wollte.
Ende vierzig vielleicht, kahlrasiert, eine schwarze Lederweste über einem verwaschenen T-Shirt, an den Armen Tattoos, die sich unter den Ärmeln fortsetzten. Draußen an der Zufahrt stand eine schwere Harley, glänzend schwarz-chrom, mit der er offenbar gekommen war — so eine Maschine vergisst man nicht, wenn sie zwischen den ganzen Lastenfahrrädern der Flohmarkt-Familien parkt. Er kam direkt auf den Stand von Herrn Brandner zu und blieb stehen, ohne ein Wort zu sagen. Nahm eine der Decken in die Hand, drehte sie um, legte sie wieder hin. Sein Blick wanderte dann zu dem alten Mann, und irgendwas in seinem Gesicht kippte — als hätte er lange nach einer bestimmten Türklinke getastet und plötzlich gemerkt, dass es genau diese hier ist.
Herr Brandner, freundlich wie immer, fragte, ob er ihm helfen könne, ob eine bestimmte Farbe gesucht werde. Der Mann antwortete nicht. Er griff in die Innentasche seiner Weste, zog einen dicken, leicht zerknitterten braunen Umschlag heraus und legte ihn auf den Klapptisch, zwischen die Decken.
„Du bist es", sagte er. Seine Stimme war rau, wie von zu vielen Zigaretten oder zu wenig Schlaf.
Ich stand mit meiner Grillzange in der Hand da und hab einfach nicht weiterarbeiten können. Die Frau vom Kartoffelpuffer-Stand neben mir hatte auch aufgehört, Teig in die Pfanne zu geben.
Herr Brandner erstarrte mit der Decke, die er gerade zusammenlegen wollte, noch halb in der Luft. „Ich kenne Sie nicht", sagte er, aber seine Stimme klang schon nicht mehr sicher.
„Doch. Ich hab dich zwanzig Jahre gesucht." Der Mann schob den Umschlag über den Tisch, näher an den Alten heran. „Ich weiß genau, was du damals getan hast. Mit ihr keine Kinder mehr."
Lina, das Mädchen, hatte die Bremse ihres Rollstuhls fest umklammert, so fest, dass die Knöchel weiß wurden. Ich sah, wie ihre Lippen sich bewegten, aber es kam kein Ton raus.
Herr Brandner nahm den Umschlag, mit Fingern, die deutlich zitterten, das konnte man von meinem Stand aus sehen. Er öffnete ihn, zog ein Bündel Papier heraus — Fotos, wie es aussah, und ein zusammengefaltetes Dokument. Er brauchte nur einen Blick hineinzuwerfen, und die Farbe wich aus seinem Gesicht, als hätte jemand einen Stecker gezogen.
„Nein", sagte er, kaum hörbar. „Das kann nicht sein. Bist du das wirklich?"
Und dann — das ist der Moment, den ich nie vergessen werde — verwandelte sich sein Schrecken in etwas anderes. In Wut. Er packte die Papiere so fest, dass sie sich knitterten, stand mit einem Ruck auf, dass sein Klappstuhl nach hinten kippte, und schrie: „WIE KANNST DU ES WAGEN, HIER AUFZUTAUCHEN?"
Ich hatte meine Schicht eigentlich schon zwanzig Minuten vorher beenden wollen, weil meine Ablösung Verspätung hatte und ich noch zum Späti wollte, bevor der zumacht. Aber in dem Moment stand ich einfach nur da mit der Zange in der Hand und konnte nicht weg.
Der Motorradfahrer wich keinen Zentimeter zurück. „Ich hab jedes Recht dazu. Du hast meine Schwester im Stich gelassen, als sie schwanger war. Du bist abgehauen, als es hart wurde, und hast so getan, als hätte es sie nie gegeben. Sie ist gestorben, ohne zu wissen, ob du überhaupt noch lebst."
Herr Brandner setzte sich schwer wieder hin, als hätten ihm die Beine den Dienst versagt. „Ich hab nach ihr gesucht", sagte er, leiser jetzt, brüchig. „Jahrelang. Sie ist verschwunden, ihre Familie wollte mir nicht sagen, wohin. Ich dachte, sie hätte mich nicht mehr gewollt."
„Sie ist zu meinen Eltern nach Rostock gezogen, weil sie sich vor dir versteckt hat", schrie der Mann. „Sie hatte Angst vor dir!"
Und da klärte sich etwas, das mir vorher nicht klar gewesen war: Das hier war nicht der Vater von Lina, wie ich erst dachte. Das hier war eine Geschichte, die weiter zurückreichte, in eine Zeit, bevor Lina überhaupt geboren war — die Geschichte der Frau, die Herr Brandners erste große Liebe gewesen sein musste, lange vor Linas Eltern, lange vor allem, was ich bisher wusste.
Der Mann setzte sich schließlich auf einen umgedrehten Getränkekasten neben dem Stand — die Beine trugen offenbar auch ihn nicht mehr richtig. Er erzählte, stockend, immer wieder unterbrochen, dass seine Schwester Herrn Brandner vor über zwanzig Jahren kennengelernt hatte, dass sie schwanger geworden war, dass sie ihm gesagt hatte, sie fühle sich von seiner Familie bedroht, weil die die Beziehung nicht wollte. Sie sei geflohen, ohne Adresse zu hinterlassen, aus Angst — nicht vor Herrn Brandner selbst, sondern vor dessen Vater, der offenbar mit allen Mitteln verhindern wollte, dass „so eine" in die Familie kommt. Das Kind, das sie zur Welt gebracht hatte, war nicht Lina. Es war ein Sohn — Herr Brandners Sohn — der mit vier Jahren bei einem Wasserunfall im Ostseebad ums Leben gekommen war, Jahre bevor die Schwester selbst an Krebs starb. In den Papieren im Umschlag: die Geburtsurkunde des Jungen, ein Foto von ihm, und der Totenschein.
Herr Brandner hatte die ganzen zwanzig Jahre nicht gewusst, dass er einen Sohn gehabt hatte. Er hatte gedacht, sie sei einfach gegangen, weil sie ihn nicht mehr wollte.
Lina, die die ganze Zeit stumm im Rollstuhl gesessen hatte, streckte plötzlich die Hand aus und legte sie auf den Arm ihres Großvaters. Das war das Erste, was ich sie an diesem Tag tun sah, außer Decken zu falten und Preisschilder anzubringen.
Der Motorradfahrer — er hieß Rico, wie sich später herausstellte, als die Standbesitzerin nebenan mit ihm ins Gespräch kam — saß noch eine ganze Weile da, den leeren Umschlag in den Händen. Er sagte, er habe Herrn Brandner die ganzen Jahre für einen Feigling gehalten, der eine schwangere Frau sitzengelassen hatte. Erst als seine Schwester im Sterben lag, habe sie ihm erzählt, dass sie nie sicher gewesen sei, ob Brandner überhaupt von der Schwangerschaft erfahren hatte — dass die Nachricht vielleicht nie angekommen war. Rico hatte danach zwanzig Jahre gebraucht, um über Melderegister, alte Adressen und drei falsche Fährten den richtigen Mann zu finden. Er war nicht gekommen, um ihn zu verklagen oder Geld zu fordern. Er wollte nur wissen, ob der Mann, den er sein halbes Leben gehasst hatte, überhaupt ahnte, was er angerichtet hatte.
Was dann geschah, hab ich nur aus zweiter Hand, weil meine Ablösung endlich kam und ich zum Späti musste, ehe der um vierzehn Uhr zumacht, wie samstags üblich. Aber die Frau vom Kartoffelpuffer-Stand hat mir am nächsten Samstag erzählt, dass Rico noch zwei Stunden dageblieben ist, dass er sich schließlich zu Lina runtergebeugt und ihr die Hand geschüttelt hat, und dass er, bevor er auf seine Harley stieg, dem alten Mann einen Zettel mit seiner Telefonnummer dagelassen hat.
Was mich am meisten beeindruckt hat, war, was Herr Brandner am Samstag darauf getan hat. Er kam mit einem dünnen grauen Aktenordner zum Stand, den er sonst nie dabeihatte, und legte ihn neben die Nähmaschine, mit der er manchmal vor Ort noch kleine Reparaturen an den Decken macht. Ich hab gefragt, was das sei, weil ich neugierig bin, das gebe ich zu. Er sagte, er habe am Montag einen Termin bei einem Notar in der Bergmannstraße gehabt und eine Erbausschlagungsklausel zugunsten seines Enkelkindes eintragen lassen, weil er, wie er sagte, „nicht mehr warten will, bis ich tot bin, um klarzustellen, wem was gehört". Und dann, fast beiläufig, dass er das kleine Sparbuch, das er seit dreißig Jahren führt und das noch auf den Namen seiner verstorbenen Frau mitlautete, endlich auf Linas Namen umgeschrieben habe — knapp viertausend Euro, die er nie angerührt hatte, weil er dachte, es sei „zu wenig, um etwas zu ändern". Jetzt reichte die Summe zusammen mit dem, was die Decken bisher eingebracht hatten, fast an die Kosten für die ersten sechs Monate der Reha heran.
Er hat mir den Ordner nicht gezeigt, das ist nicht meine Sache. Aber Lina hat, während er das erzählte, auf ihrem Rollstuhl gesessen und mit dem Finger die Naht einer halbfertigen Decke nachgezogen, als würde sie zählen, wie viele Stiche noch fehlen.
Ich hab die beiden seitdem jeden Samstag am Stand gesehen, Wollmütze und alles, auch wenn es inzwischen kühler geworden ist und der Kaffee aus der Thermoskanne dampft, sobald er den Deckel aufschraubt. Vor drei Wochen ist Rico noch einmal vorbeigekommen, diesmal ohne die Lederweste, in einer ganz gewöhnlichen Jacke, und hat eine der Decken gekauft — die mit den kleinen Elefanten. Er hat dafür bezahlt wie jeder andere Kunde auch, keinen Cent mehr, keinen weniger, und ist dann einfach weitergegangen zum Würstchenstand, an dem ich stehe, und hat sich eine Currywurst mit Pommes bestellt, scharf. Wir haben kein Wort über den Samstag im August gewechselt. Er hat nur genickt, als er zahlte, und ich hab genickt zurück, und das war's.
