Ich fahre seit einundzwanzig Jahren die Linie 12 durch Leipzig, und man glaubt gar nicht, was man von einem Busfahrersitz aus alles mitbekommt. Die Haltestelle am Clara-Zetkin-Park kenne ich wie meine Westentasche – dienstags riecht es dort immer nach den Backwaren vom kleinen Türken-Bäcker gegenüber, und samstags steht garantiert irgendein Rentner mit seinem Dackel an der Ampel und wartet, obwohl gar kein Auto kommt.
An jenem Donnerstag im Juni hatte ich Pause und saß mit meinem Kaffee auf der Bank neben dem Spielplatz, weil meine Frau mir gesagt hatte, ich solle endlich mal an die frische Luft, statt in der Kantine zu hocken. Von dort aus sah ich einen Jungen, vielleicht zehn, elf Jahre alt, der sich hinter einer alten Kastanie versteckte. Er trug diese knallgelbe Regenjacke, die man in dem Alter noch tragen muss, auch wenn kein Tropfen vom Himmel fällt.
Er beobachtete ein Mädchen auf der Bank gegenüber. Vielleicht zwölf, dünne Zöpfe, die Schultern hochgezogen, als könnte sie sich damit kleiner machen. Sie weinte, aber nicht laut – so ein Weinen, bei dem man merkt, dass jemand schon lange geübt hat, es leise zu tun. Ihre Finger zupften an der Kordel der Jacke, wieder und wieder, bis der Stoff ganz ausgefranst aussah.
Der Junge kramte in seinem Ranzen. Erst kam ein Nutella-Brot raus, dann ein Apfel, eine Packung Kekse – und dann, ganz zuunterst, ein Briefumschlag. Er ging zu ihr rüber, ohne ein Wort, und drückte ihn ihr einfach in die Hand.
Ich saß zu weit weg, um alles zu hören, aber die Bank stand so, dass der Wind die Worte manchmal zu mir trug. Sie sagte irgendwas von einer Behandlung, dass sie nicht wisse, wie sie das bezahlen solle. Er antwortete etwas mit "brauchst es mehr als ich" – die genaue Formulierung habe ich nicht mitbekommen, dafür war ich zu weit weg und meine Pause war fast rum. Sie umarmte ihn so fest, dass er fast das Gleichgewicht verlor, und er stand da mit hochrotem Kopf, als wäre ihm die ganze Sache jetzt doch etwas peinlich.
Ich bin dann weitergefahren, meine Schicht ging bis halb sieben, und ich hätte die Sache wahrscheinlich vergessen, wenn nicht zwei Tage später etwas passiert wäre, das ich zufällig auch mitbekam – ich wohne nämlich zwei Straßen weiter von der Familie, mit der alles zu tun hatte, und meine Frau kennt die Mutter vom Elternabend.
Der Vater, ein Mann namens Torsten, arbeitet in der Autowerkstatt am Rand vom Viertel, und er hatte an diesem Abend zufällig in der Jacke seines Sohnes nach dem Hausschlüssel gesucht. Stattdessen fand er einen leeren Umschlag, auf dem in krakeliger Kinderschrift stand: "Für Valeries Behandlung." Und er fand die Kontoauszüge, die er extra ausgedruckt hatte, weil er schon seit Wochen gemerkt hatte, dass vom Sparkonto seines Sohnes – dreihundertzwanzig Euro, die der Junge zwei Jahre lang für ein Fahrrad zusammengetragen hatte, jeden Fünf-Euro-Schein einzeln in eine alte Kaffeedose gesteckt – nach und nach Geld verschwand.
Meine Frau erzählte mir, wie es weiterging, weil die Mutter ihr das später beim Elternabend erzählt hat, mit Tränen in den Augen, mitten in der Diskussion über die Klassenfahrt nach Usedom. Torsten hatte seinen Sohn Finn an den Küchentisch gesetzt, den leeren Umschlag vor sich, und ihn zur Rede gestellt, wo das ganze Geld hin sei, das er heimlich aus dem Zimmer geholt hatte. Der Junge hatte nur auf die Tischplatte gestarrt und gesagt, Valerie sei krank, ihre Mutter könne die Chemotherapie ihrer Tochter nicht bezahlen, das habe er im Hausflur mitgehört, weil die beiden Familien sich die Etage teilen.
Torsten, so hat es die Mutter erzählt, hat kein Wort mehr gesagt. Er hat den Umschlag zur Seite gelegt, seinen Sohn genommen und festgehalten, bis der Junge selbst fragte, warum der Vater nicht schimpfe.
Was danach kam, weiß ich nur, weil das Haus, in dem Valerie wohnt, direkt an meiner Busroute liegt, und ich die Mutter dort öfter an der Haltestelle sehe. Sie heißt Katja, arbeitet an der Supermarktkasse im Edeka gegenüber, alleinerziehend, und ihre Tochter hatte tatsächlich eine Leukämie-Diagnose bekommen, die Behandlung lief über die Uniklinik, aber die Zusatzkosten – Fahrten, ein spezielles Präparat, das die Kasse nur teilweise übernahm – waren mehr, als sie stemmen konnte.
Torsten ist nicht zu ihr gegangen, um das Geld zurückzuholen. Das habe ich erst später verstanden, warum. Er hat stattdessen am nächsten Wochenende in der Werkstatt eine Spendensammelaktion organisiert, mit einem Pappschild an der Eingangstür, auf dem stand: "Hilfe für Valerie – jeder Cent zählt." Die Kollegen haben mitgemacht, ein paar Stammkunden auch. Ich habe selbst zwanzig Euro reingelegt, als ich mein Auto dort zur Inspektion brachte, wobei ich zugeben muss, ich hatte es eigentlich eilig und wollte nur schnell den Schlüssel abgeben.
Am Ende kamen fast zweitausendachthundert Euro zusammen. Katja hat das Geld auf ein eigens eingerichtetes Konto überwiesen bekommen, mit einem Kontoauszug, den sie meiner Frau später sogar gezeigt hat, so überwältigt war sie. Finn hat seine dreihundertzwanzig Euro nie zurückbekommen, und soweit ich weiß, hat er auch nie danach gefragt.
Ich sehe die beiden Familien inzwischen manchmal zusammen am Wochenende auf dem Spielplatz, Finn und Valerie nebeneinander auf der Schaukel, während Torsten und Katja am Rand stehen und reden. Letzten Winter, als ich Katja wieder an der Kasse traf, hat sie mir erzählt, dass Valerie inzwischen in Remission ist und im Herbst wieder ganz normal in die Schule geht. Und erst da, fast beiläufig, hat sie erwähnt, dass es gar nicht Finn war, der als Erster von der Krankheit erfahren hatte – ihre eigene Tochter hatte es ihm im Treppenhaus erzählt, weil sie dachte, ein Kind würde es besser verstehen als die Erwachsenen im Haus, die alle nur betreten schwiegen, wenn sie den Namen der Krankheit hörten.
